Messie Syndrom: Symptom oder Erkrankung?

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Das Messie Syndrom ist klinisch eine eindrucksvolle Entität. Wer einmal Fotos der Wohnung eines Betroffenen gesehen hat, hat keinen Zweifel mehr daran, dass es sich hier um eine ernstzunehmende psychische Störung handelt, die nach aller Möglichkeit therapiert werden sollte.

Die Frage, die sich jedem, der damit erstmalig zu tun hat, aufdrängt, ist, ob das Messe Syndrom eine eigene Krankheit repräsentiert oder als ein Symptom / Syndrom bei unterschiedlichen anderen psychiatrischen Erkrankungen auftreten kann. In der ICD-10 wird das Messe Syndrom nicht als unabhängige Erkrankung aufgeführt. Die Krankheit findet in der wissenschaftlichen Literatur aber zunehmend einen festen Platz, im englischen als compulsive hoarding, im Deutschen als Desorganisiertheits-Sndrom bezeichnet. Da die Betroffenen nicht sehr häufig selbst den Psychiater aufsuchen, weder ambulant noch stationär, ist es gar nicht so leicht, sich einen Eindruck davon zu verschaffen, welche Erkrankungen häufiger gleichzeitig mit dem Messe-Syndrom auftreten. Sicher ist, dass es einige Erkrankungen gibt, die beim Messie Syndrom deutlich gehäuft auftreten. Meiner Wahrnehmung nach tritt es gehäuft auf bei:

  • Schizophrenen Residuen: Oft ist hier die Grenze dessen, was als eigenständiges Messe-Syndrom wahrgenommen wird und was der Minus-Symptomatik des schizophrenen Residuums zugeschrieben wird, uneindeutig. Es gibt auch Fälle von ausgeprägter Schizoider Persönlichkeitsstörung oder Schizotypie, die recht ausgeprägte Messe-Symptomatiken zeigen.
  • Minderbegabung in Verbindung mit Sehschwäche, Minderbegabung in Verbindung mit körperlicher Schwäche oder Rollstuhlpflichtigkeit: Hier entsteht der Eindruck, die Betroffenen seien einfach nicht (mehr) in der Lage, den Herausforderungen, Ordnung zu halten, gerecht zu werden und hätten es dann irgendwann aufgegeben.
  • Demenz: Nicht selten aber zumeist durch Unterbringung in ein Heim zu lösen.
  • Chronifizierte Depressionen: Nicht häufig, aber möglich.
  • Zwangserkrankungen: Habe ich selbst bislang noch nie wirklich überzeugend gesehen, wird aber immer wieder diskutiert.

Liegt eine der oben genannten Diagnosen vor, ist es natürlich wichtig, diese so gut es geht zu behandeln.

Darüber hinaus gibt es aber auch eine Gruppe von Patienten, die keine weitere deutlich ausgeprägte psychiatrische Diagnose aufweisen. Normalintelligente, nicht psychosekranke, nicht depressive, nicht zwanghafte, nicht blinde Patienten, die eben nur ein Messe-Syndrom haben. Auch hier ist eine Therapie indiziert, es wird eine spezifische Verhaltenstherapie im Sinne eines Haushaltsorganisationstrainings favorisiert. Es ist nicht unüblich, einen Versuch mit SSRI zu unternehmen.

Webressourcen finden sich beim Wikipediaeintrag.

Wie funktioniert eigentlich Lippenlesen?

Lips

Wie funktioniert eigentlich Lippenlesen? Und wie gut geht das? Gehörlose Menschen lernen das Lippenlesen, wie andere Menschen Buchstaben lesen lernen. Sie kennen das “Mundbild”  der verschiedenen Phoneme. Das “Mundbild” setzt sich zusammen aus der Stellung der Lippen, des unteren Mundbereichs, sowie des sichtbaren Teils der Zunge. Im Englischen wird das visuell sichtbare Mundbild in Angleichung an den Begriff Phonem als Visem bezeichnet. Mundbilder können oft nicht die vollständige Ausformung eines Wortes komplett wiedergeben, sondern nur Teile davon und zwar speziell die Teile des Wortes, die beim Sprechen zu besonders deutlichen und typischen Mundstellungen führen. Töne, die vor allem im Kehlkopf oder durch Variation der Zungenstellung produziert werden, lassen sich am Mundbild weniger gut oder gar nicht differenzieren. So sieht zum Beispiel das Mundbild von “Mama” und “Papa” gleich aus, daher bedarf es sehr viel mehr des Verständnisses des Zusammenhanges als in der Schriftsprache. In der Schriftsprache gibt es zwar einige gleiche Bilder für unterschiedliche Bedeutungen, etwa bei den Begriffen “Bank” für Sparkasse und “Bank” für Sitzgelegenheit, diese Homonyme sind aber nur selten irgendwie zu verwechseln.

Lippenleser berichten, dass es erforderlich ist, zu wissen, in welcher Sprache man spricht, da man nur im richtigen Kontext die Phoneme richtig erkennt und richtig zuordnet. Auch sei es wichtig, den Sprecher möglichst direkt anzusehen und ordentliche Lichtverhältnisse zu haben. Und schließlich sind ein guter Wortschatz und Übung hilfreich.

Manche Hörbehinderte haben auch noch “freies Hörvermögen”, oder hören durch ein Cochlea Implantat etwas mehr, und können diese akustischen Informationen mit den optischen Informationen kombinieren.

Es ist erwiesen, dass bereits Säuglinge Lippenlesen können. Experimentell kann dies dadurch gezeigt werden, dass Babys Videos ohne Ton in ihrer Muttersprache deutlich länger anschauen als Videos ohne Ton von Sprechern einer fremden Sprache.

Ein wirklich interessanter blog, von dem ich die obenstehenden Informaionen habe, ist dieser hier.

Benzodiazepin Umrechnungstabelle

Benzodiazepin Umrechnungstabelle

Wirkstoff Halbwertszeit in Stunden 10mg Diazepam entsprechen
Alprazolam 6-12 0,5
Bromazepam 10-20 5-6
Chlordiazepoxide 5-30 25
Clobazam 12-60 20
Clonazepam 18-50 0,5
Clorazepate 36-200 15
Diazepam 20-100 10
Estazolam 10-24 1-2
Flunitrazepam 18-26 1
Flurazepam 40-250 15-30
Halazepam 30-100 20
Ketazolam 2 15-30
Loprazolam 6-12 1-2
Lorazepam 10-20 1
Lormetazepam 10-12 1-2
Medazepam 36-200 10
Nitrazepam 15-38 10
Nordazepam 36-200 10
Oxazepam 4-15 20
Prazepam 36-200 10-20
Quazepam 25-100 20
Temazepam 8-22 20
Triazolam 2 0,5
Benzodiazepinähnliche Wirkstoffe
Wirkstoff Halbwertszeit (in Stunden) 10mg Diazepam entsprechen
Zaleplon 2 20
Zolpidem 2 20
Zopiclone 5-6 15

Ich selbst komme bei meinen Behandlungen mit zwei Benzodiazepinen aus. Lorazepam (Tavor) und Diazepam. OK, manchmal verschreibe ich auch schon mal ein Benzodiazepin ähnliches Schlafmittel (Zolpidem oder Zopiclon). Das wars. Mehr brauche ich nicht.

Es ist sinnvoll, sich auf einige wenige Medikamente zu konzentrieren, und die dann auch wirklich zu kennen. Es macht keinen Sinn, mit einer Vielzahl von Benzodiazepinen zu jonglieren, die sich nicht wirklich unterscheiden. Daher ist es zu Beginn einer Behandlung manchmal sinnvoll, ein Benzodiazepin, das jemand anderes verschrieben hat, umzustellen auf eines, mit dem man immer arbeitet. Insbesondere in den Entgiftungsbehandlungen hat es sich bewährt, von den 20 verschiedenen Sorten, mit denen unterschiedliche Patienten kommen, auf eine Sorte umzusteigen, in der Regel Diazepam, und das in der Regel in Tropfenform, so kann man auch im niedrigen Dosisbereich gut in kleinen Schritten reduzieren, bevor man ganz absetzt.

Die Benzodiazepine unterscheiden sich in der Wirkstärke pro Milligram und in der Halbwertszeit. Die Halbwertszeit von Lorazepam beträgt etwa 10 Stunden, die klinische Wirkung hält in der Regel etwa 6 Stunden an. Diazepam hat eine wesentlich längere Halbwertszeit von 24-48 Stunden, einige aktive Metabolite haben eine Halbwertszeit von bis zu 100 Stunden, weshalb es nach mehrtägiger Gabe oft kumuliert.

Wenn nun jemand kommt und ein ungewöhnliches Benzodiazepin mitbringt, kann man sehr gut die unten stehende Tabelle konsultieren: (http://www.adfd.org/wissen/Hilfen_zum_Absetzen_von_Benzodiazepinen). Es ist leicht, hiermit jede Dosis in Diazepam umzurechnen, so dass man dann so die Äquivalenzdosis bestimmen und umstellen kann.

Beispiel: Ein Patient nimmt pro Tag 4 mg Lorazepam. 10 mg Diazepam entsprechen laut Tabelle 1 mg Lorazepam. Also entsprechen 4 mg Lorazepam 40 mg Diazepam. Das ist dann die Ausgangsdosis. Und von der kann man dann langsam reduzieren.

Beim Reduzieren muss man beachten: Wenn Benzos über lange Zeit eingenommen worden sind, ist es sinnvoll, langsam zu reduzieren. Alles andere geht mit einer großen Gefahr eines Rückfalls einher. Nach 5 Jahren Abhängigkeit kann eine Reduktion über 3 Monate angemessen sein. Klassische stationäre Behandlungen sind natürlich kürzer, man muss aber wissen, dass eine Reduktion über 3 Wochen vielleicht am Anfang unter stationären Bedingungen noch mitgemacht wird, aber nach einigen weiteren Wochen, meist dann nach der Entlassung, kann es schwierig werden.

Rezeptorbindungsprofile der Neuroleptika: Die Persönlichkeit der wichtigsten Neuroleptika auf einen Blick

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Dieses hübsche Bild zeigt uns die Rezeptorbindungsprofile einiger Neuroleptika. Das Rezeptorbindungsprofil eines Neuroleptikums ist so etwas wie sein Persönlichkeitsprofil. Es sagt aus, wie stark es an welchem Rezeptor bindet, welche Affinität es zu diesem Rezeptortyp hat. Daraus kann man etwas über die Wirkung des Medikamentes ableiten, und ebenso kann man vieles über die Nebenwirkungen des Medikamentes sagen. Schauen wir uns das mal im hier folgenden zweiten Bild am Beispiel des Profils von Haloperidol (Haldol) an.

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Der untere rechte Kreis zeigt die Affinität dieses Moleküles zu unterschiedlichen Rezeptoren im direkten Vergleich an. Läßt man ein Haldol Molekül an allen aufgeführten Rezeptoren vorbei, dann wählt es am liebsten einen Sigma Rezeptor. Diese Präferenz wird durch die große pinkfarbene Fläche angezeigt. Der Sigma Rezeptor scheint aber für die antipsychotische Wirkung keine große Bedeutung zu haben. Am zweitliebsten hat es den hellgrau dargestellten Bereich, die D2 Rezeptoren. Hohe Affinität zum D2 Rezeptor geht ganz sicher mit einer schnellen und starken antipsychotischen Wirkung einher, bei hoher Dosis aber auch mit extrapyramidalmotorischen Nebenwirkungen (EPMS). Es folgt die Präferenz für alpha-2 Rezeptoren, was mit vegetativen Nebenwirkungen einher geht. Dann folgt die Präferenz für 5-HT 2A Rezeptoren. Diese geht mit einer antipsychotischen Wirkung einher, aber weniger mit EPMS. Histamin Rezeptoren (H1) läßt Haloperidol links liegen, was erklärt, warum es wenig müde macht.

Um das Profil eines Neuroleptikums zu lesen, reichen fürs erste folgende Daumenregeln:

  • D2 Rezeptor: Typische Neuroleptika sind D2 Antagonisten, z.B. Haldol: Sichere antipsychotische Wirkung, aber bei hohen Dosierungen EPMS
  • 5-HT 2A Rezeptoren: Atypische Neuroleptika sind 5-HT 2A Antagonisten: Gute Antipsychotische Wirkung, wenig EPMS
  • D4 Rezeptor: Clozapin hat eine außergewöhnlich hohe Affinität zum (sehr seltenen) D4 Rezeptor; möglicherweise wirkt dies antipsychotisch, ohne viel EPMS zu verursachen.
  • H1 (Histamin): Müdigkeit
  • Alpha-1=Alpha-Adrenerge Rezeptoren der Untergruppe 1: Vegetative Nebenwirkungen wie Orthostase, Schwindel, etc.

OK, das ist jetzt extrem vereinfacht, aber schon mal ein Anfang. Im Falle des Aripiprazols muss man wissen, dass die Affinität zum D2 Rezeptor nicht nur antogonistische, sondern auch partiell agonistische Wirkungen hat, weswegen es deutlich weniger EPMS macht, als das Schaubild vermuten lassen könnte.

Gut, schauen wir mal, ob wir mit diesem Wissen etwas erkennen können. Bitte schau Dir jetzt das Bild noch mal genau an (auf das Bild clicken, um es zu vergrößern). Ich stelle Dir ein paar Fragen:

  1. Nimm Dir Risperidon. Macht es EPMS?
    Antwort: Schon ein bisschen, denn es blockiert den D2 Rezeptor. In hohen Dosierungen also schon.
  2. Olanzapin: EPMS?
    Antwort: Wenig, aber möglich ist es schon, denn auch Olanzapin blockiert nicht unwesentlich den D2 Rezeptor. Und das passt auch zur klinischen Beobachtung, dass Olanzapin schnell und sicher antipsychotisch wirkt, aber ab 30 mg pro Tag oft EPMS machen kann. Bei manchen Patienten aber auch schon deutlich niedrigeren Dosierungen.
  3. Olanzapin: Müdigkeit?
    Antwort: Klar, deutliche H1 Komponente.
  4. Quetiapin: Macht es EPMS?
    Antwort: Nein, fast keine D2 Blockade.
  5. Quetiapin: Macht es müde, macht es vegetative Nebenwirkungen?
    Antwort: Ja, H1 und Alpha-1 Blockade sind ausgeprägt.
  6. Quetiapin: Antipsychotische Wirkstärke relativ zur Sedierung:
    Antwort: Vergleiche 5-HT 2A plus D2 Blockade relativ zu H1 und alpha 1 Blockade.
  7. Ziprasidon: EPMS?
    Antwort: In höherer Dosierung ja, D2 Blockade.
  8. Ziprasidon: Müdigkeit?
    Antwort: Nein, praktisch keine H1 Komponente.

Du siehst, die Vermutungen, die man aufgrund der Daumenregeln oben anstellt, wenn man das Rezeptorbindungsprofil anschaut, passen oft ganz gut zum klinischen Eindruck. Die Persönlichkeit des Medikamentes, seine Vorzüge und Nachteile, bilden sich in dieser Grafik gut ab.

Es ist sinnvoll, sich eine Grafik mit den Rezeptorbindungsprofilen der Neuroleptika, die man oft verschreibt, immer wieder anzugucken. Man lernt die Medikamente so besser kennen.

In späteren Blog-Einträgen möchte ich gerne genauer auf einzelne Medikamente eingehen und auch zu den einzelnen Rezeptoren mehr sagen. Dieser Eintrag soll aber erst einmal einen Überblick geben und erklären, wie man das Rezeptorprofil, dargestellt als Kuchendiagramm, grundsätzlich liest.


Die ganze Geschichte von Ben Breedlove

Ich hatte ja gestern auf dieses Video verlinkt: Ich kannte gar nicht die ganze Vorgeschichte. Es zeigt Ben Breedlove, einen jungen Mann, der an einer hypertrophen Kardiomyopathie litt. Er hat in den USA eine sehr große Bekanntheit gehabt, seine offene, lebensfreudige Art zeigt sich auch in seinen Youtube-Videos. Seine Kardiologin berichtet ebenfalls in einem Youtube Video hier über seine Krankheit. Ich habe jetzt erfahren, dass er im Alter von 18 Jahren letztes Jahr am Weihnachtstag verstorben ist. Seine Geschichte ist sehr bewegend.

 

Das Video, das ihn zu seinem letzten Video wohl inspirierte, ist nicht minder sehenswert: http://www.youtube.com/watch?v=kSBX28D9GaA

 

P.S.: Liebe Nori, hab ganz herzlichen Dank für alle diese Informationen und ganz liebe Grüße nach New York,

Dein jan

Check out this video

Mein Freund Sebastian, niedergelassener Psychotherapeut in Düsseldorf (www.psychotherapiepraxis-duesseldorf.de), hat mir den link auf dieses wirklich sehenswerte Video geschickt.

http://www.youtube.com/user/TotalRandomness512#p/a/u/0/a4LSEXsvRAI

Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, ein Blick in sein Leben, in seine Krankheit, und wie ich finde, auch in seine spezielle Art der Krankheitsverarbeitung.

Psychopharmakologie ist an Symptomen orientiert, nicht an Diagnosen

Foto: knipsbüx. copyright: creative commons

Eine Grundsozialisation in der Medizin sagt, dass man zuerst eine Diagnose stellen muss, und sich daraus dann eine Therapie ableitet. Hat man eine präzise Diagnose, ergibt sich daraus eine ebenso klare Therapie. Also: Harnwegsinfekt mit Erreger XY, Therapie mit Antibiotikum Z. Klappt meistens auch gut.

In der Psychopharmakologie ist das nicht ganz so einfach. Zwar ist es zu Beginn der Überlegung notwendig, sich Klarheit über die Diagnose zu verschaffen. Aber das reicht bei weitem nicht aus. Die Diagnose ‘Psychose’ zum Beispiel gibt vor, dass ein Neuroleptikum bei der Medikation vertreten sein sollte. Mehr sagt sie uns aber nicht.

Sehr viel hilfreicher ist hier der psychopathologische Befund. Wenn ich feststelle, dass ein Patient sehr ausgeprägt befehlende akustische Halluzinationen wahrnimmt, große Angst hat und psychomotorisch sehr unruhig und getrieben ist, dann werde ich ihm ein schnell wirksames hochpotentes Neuroleptikum in einer ausreichend hohen Dosis gegen die Halluzinationen verabreichen sowie ein sicher wirksames ausreichend dosiertes Benzodiazepin gegen Angst und Unruhe. Die Höhe der Dosis richtet sich im ersten Schritt nach der Schwere der Symptomatik. Und im folgenden werde ich Dosis und Wahl der Präparate an der Wirkung orientieren. Stellt sich nach der erwarteten Zeit eine ausreichende Wirkung ein, ist die Dosis angemessen. Reicht die Wirkung nicht, muss die Dosis gegebenenfalls gesteigert werden. Ist zu viel Wirkung festzustellen, zum Beispiel eine zu hohe Sedierung bei Benzodiazepingabe, ist die Dosis zu reduzieren.

Praktisch alle Psychopharmakaklassen sind bei mehr als nur einer Diagnose anwendbar. So werden Neuroleptika, oder klarer benannt ‘Antipsychotika’, eben nicht nur bei Psychosen verordnet, sondern auch bei der wahnhaften Depression. Antidepressiva werden nicht nur bei Depressionen verordnet, sondern auch bei Angststörungen und Zwangserkrankungen. Sedierende Medikamente und Anxiolytika können bei praktisch allen psychiatrischen Erkrankungen eingesetzt werden. 

Die Psychopharmakotherapie orientiert sich also primär an Symptomen, nicht primär an Diagnosen. 

Es ist wichtig, sich das klar zu machen, denn einige Symptome verandern sich sehr schnell, und dann soll auch die psychopharmakologische Behandlung schnell angepaßt werden. Ein Patient, der keine Angst und keine Unruhe mehr hat, braucht auch keine Benzodiazepine mehr. Natürlich darf man nach längerer Gabe von Benzodiazepinen die Dosis nicht abrupt absetzen. Aber er braucht sie eben genauso wenig, wie ein Patient, der keine Schmerzen mehr hat, Schmerzmittel braucht: Er braucht sie nicht mehr.

Vom psychopathologischen Befund zur Diagnose


Die Erstellung eines präzisen, vollständigen psychopathologischen Befundes ist unverzichtbar und von allerhöchster Bedeutung für eine zutreffende Diagnose in der Psychiatrie. Alle anderen Untersuchungsinstrumente sind im Vergleich zum psychopathologischen Befund weit nachgeordnet.Wenn ich einen Patienten zum ersten mal sehe und kennenlernen möchte, beginne ich fast nie damit, ihn nach Beschwerden zu fragen, oder ihn zu fragen, was ihn zu mir führt. Stattdessen frage ich ihn zunächst einmal: “Wie alt sind Sie? Sind Sie verheiratet? Haben Sie Kinder? Wohnen Sie alleine oder mit jemandem zusammen? Was machen Sie beruflich? Was haben Sie früher beruflich gemacht?” Ich versuche, solange mit ihr/ihm zu sprechen, bis ich ein Bild davon habe, wie er als gesunde Person ist. Wenn Zeit ist, kann man in dieser Phase small-talk über den Beruf, die Kinder machen und auch mal einen Scherz machen. Diese Zeit ist wichtig und wertvoll, weil sie die Beziehung zwischen Arzt und Patient als eine Beziehung zwischen zwei gesunden, sich wertschätzenden Menschen konstelliert. Diese Gesprächsphase überspringe ich nur, wenn ein sehr akutes Krankheitsbild vorliegt (Vigilanzminderung, starke Schmerzen, ein offenbares akutes körperliches Problem).

Dann kann ich im zweiten Schritt fragen: “Seit wann haben Sie mit dieser psychischen Erkrankung zu kämpfen? Wie hat sich das entwickelt? Welche Beschwerden hatten Sie beim ersten Mal, als das auftrat? Welche Beschwerden haben Sie jetzt?”

Und im nun folgenden Teil der Exploration ist es wichtig, ein vollständiges Bild von allen Komponenten des psychischen Befundes zu erarbeiten. In den ersten Jahren ist es hilfreich, ein Din A4 Blatt unter der Schreibtischunterlage zu haben, auf dem ein vollständiger psychopathologischer Befund mit den wesentlichen Ausprägungsmerkmalen aufgeschrieben ist, so dass man sich beim Diktat daran orientiert. Nach einigen Malen vergißt man dann nichts mehr und kennt alle Begriffe, die hier vorkommen können.

Das Wissen darum, sich im anschließenden Protokoll festlegen zu müssen, führt das Gespräch in die richtige Richtung. So ist es dann bei einem desorientierten Patienten nicht mehr ausreichend, festzustellen, dass er total desorientiert ist, sondern ich muss mich zwingen, alle Dimensionen der Orientierung einzeln zu prüfen. Von besonderer Bedeutung sind diejenigen Symptome, an denen sich später eine diagnostische Unterscheidung festmacht. Einen Patient mit einer schweren Depression werde ich daher immer fragen, ob er das Gefühl hat, sich verschuldet, versündigt zu haben oder das Gefühl zu haben, zu verarmen, um später entscheiden zu können, ob es sich um eine wahnhafte oder eine nichtwahnhafte Depression handelt, was einen riesigen therapeutischen Unterschied macht. Auch bei Patienten mit einer Psychose hat es sich sehr bewährt, so weit es die Situation zuläßt, alle möglichen Plus- und Minus Symptome abzufragen, da man so weit mehr erfährt, als über den spontanen Bericht. Auch die explizite Frage nach Suizidalität gehört zu jeder Exploration, die zur Feststellung eines vollständigen psychopathologischen Befundes führen soll.

In dieser Phase des Gespräches soll man für sich selbst alle kritischen Fragen entscheiden, frei von Vorannahmen: Handelt es sich hier um Halluzinationen oder Pseudohalluzinationen? Wie depressiv ist der Affekt tatsächlich? Ist der formale Gedankengang noch normal oder schon beschleunigt, etc. Der psychopathologische Befund ist mit gewissen Einschränkungen eine objektive Untersuchungsmethode, wie von Juristen immer gefragt wird. Es ist ein reliabler und valider Ausgangspunkt für weitere Schritte.

Hat man über den psychopathologischen Befund Klarheit, ist es kein weiter Weg mehr, zur zutreffenden Diagnose und im nächsten Schritt zur passenden Therapie zu kommen, die sich ja ihrerseits nicht nur an der Diagnose orientiert, sondern sehr stark ebenfalls am psychopathologischen Befund, vor allem an der Ausprägung (Schwere, Bedrohlichkeit) der einzelnen Auffälligkeiten.

Bei Verlaufsuntersuchungen kann es ausreichen, nur Teile des psychischen Befundes neu zu erfragen, bei denen man prüfen will, ob sich etwas geändert hat. Es ist aber auch in diesem Fall notwendig, sich über die anderen Teil, die man nicht abfragt, Gedanken zu machen, und sich selbst klar zu machen, dass man von der Annahme ausgeht, dass sichnnichts verändert hat. Von Zeit zu Zeit sollte man daher immer mal wieder einen vollständigen Befund erheben.

Literatursuche mit google scholar

Wenn Du Dich zu einem bestimmten Medizinischen Thema informieren willst, suchst Du vermutlich erst mal im Netz, was Du so findest. Angenommen, Du willst einen Vortrag zu einem bestimmten Thema vorbereiten, suchst Du zuerst einmal Übersichtsarbeiten, dann Bilder und passende Artikel. Es gibt nun verschiedene portale, die hier hilfreich sind:
  • www.google.de.  Muss ich nichts zu sagen.
  • Google Bilder. Auch klar
  • Pubmed. Sucht nach Artikeln.
  • Die Cochrane Library. Zeigt Metaanalysen.
  • Ich möchte nun Dein Augenmerk auf google scholar richten. Wenn Du eine wissenschaftliche Quelle suchst. Ist google scholar richtig und der normalen Seite von google weit überlegen. Es sucht nach wissenschaftlichen Artikeln, wie man sie auch über pubmed finden würde, es sucht nach Lehrbuchtexten, es kann sehr selektiv nach Autor, Jahr und journal befragt werden und es verweist auf verwandte Artikel. Oft findet man kostenfreie pdf’s, die man sich gleich laden kann. Bitte probier doch mal im hier stehenden google scholar Feld aus, ein thema einzutragen, mit dem Du Dich auskennst, und sieh, welche Ergebnisse das liefert. Hättest Du das so schnell über google und pubmed gefunden?

http://scholar.google.de/

  • Cover Art     

    Papers

    mekentosj.com

    Kategorie: Produktivität

    Aktualisiert: 19.01.2012

     235 Bewertungen

    Und wer sich auf seinem iOS Gerät oder seinem Mac eine Literaturdatenbank zurecht legen will, die alle Artikel perfekt verwaltet, und aus der man direkt eine google scholar oder pubmed Suche machen kann, und dann die gefundenen Artikel auch gleich perfekt katalogisiert importieren will, frei durchsuchbar und verwaltbar, der guckt sich ‘papers’ an. Das funktioniert perfekt. Meine Empfehlun

Zum Unterschied von Depression und Bipolarer Erkrankung

Bild: Four-Women-at-Trouville, Eugen Boudin, Copyright: creative commons

Häufigkeit Depression

Depressionen sind im psychiatrischen Alltag sehr sehr häufig. Das ist auch kein Wunder, denn sie sind in der Bevölkerung sehr häufig. Weißt Du, wie hoch die Lebenszeitprävalenz für Depressionen bei Frauen ist? Wie hoch? Bitte stell Dir jetzt mal sehr plastisch vier junge hübsche Frauen vor. Alle vier in strahlend weißer Kleidung. Eine davon soll nun einen schwarzen Schal anziehen, als Zeichen dafür, dass sie mindestens einmal in ihrem Leben für eine vorübergehende Zeit eine klinisch manifeste Depression entwickeln wird. Präg Dir dieses vorgestellte Bild ein, dann wirst Du nie mehr die Lebenszeitprävalenz der Depression vergessen. Wie viele Männer mußt Du Dir vorstellen, um die Lebenszeitprävalenz der Depression für Männer zu verbildlichen? Eine Zahl, die sich alle Merken können ist, dass Frauen doppelt so häufig wie Männer an Depressionen erkranken. Stell Dir also nicht vier, sondern 8 junge Männer vor, von denen nun einer einen schwarzen Schal umzieht. Das ist Ausdruck der Tatsache, das einer von acht Männern irgendwann in seinem Leben eine depressive Episode erleidet. Diese Lebenszeitprävalenz ist natürlich viel höher als die Punktprävalenz, die angibt, wie viele Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt gerade erkrankt sind. Wenn Du die vier Frauen und acht Männer an einem bestimmten Tag besuchst und untersuchst, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die eine Frau oder der eine Mann, die/der den Schal in der Schublade hat, ihn gerade trägt, natürlich viel niedriger.

Häufigkeit Bipolare Erkrankung

Wieviele Menschen mußt Du Dir vorstellen, um die Lebenszeitprävalenz der bipolaren Erkrankung zu verbildlichen? Rate mal! Die Antwort ist: Du brauchst einhundert Menschen. Und von denen hat einer einen schwarzen Schal. Da Männer und Frauen gleich häufig betroffen sind, kannst Du Dir eine gemischte Gruppe aus 100 weiß gekleideten jungen Frauen und Männern vorstellen. Einer mit Schal. Das ist also viel viel seltener als die Depression.

Obwohl sich die bipolare Erkrankung auf der Symptomebene mit der Depression überschneidet, ist sie eine andere Erkrankung. Natürlich, auch ein Patient, der an einer Depression leidet, hat weit überwiegend depressive Tage, während er krank ist, und die unterscheiden sich klinisch nicht im geringsten von den depressiven Tagen, die sein Zimmernachbar hat, der eine normale Depression hat. Wenn Du an einem beliebigen Tag in diesem Zweierzimmer Visite machst, und beide sind depressiv, kannst Du nicht sagen, wer hier eine Depression hat und wer eine bipolare Erkrankung. Das kannst Du nur, wenn einer der beiden gerade manisch ist (dann ist es offensichtlich) oder wenn Du die beiden explizit nach manischen Phasen in der Vorgeschichte befragst! Das wird nämlich viel zu oft vergessen.

Es ist aber wichtig, die beiden Krankheiten zu unterscheiden. Die bipolare Krankheit hat eine starke genetische Komponente. Wenn Dein eineiiger Zwilling bipolar ist, hast Du eine Wahrscheinlichkeit von 60%, ebenfalls bipolar zu sein. Wenn Dein zweieiiger Zwilling bipolar ist, beträgt Deine Wahrscheinlichkeit nur 12%. Zusammen mit den komplizierten Auswertungen der Zwillingsstudien ergibt sich aus diesem riesigen Unterschied der Hinweis auf eine sehr große genetische Komponente. Diese gibt es bei Depressionen sehr viel weniger, am ehesten noch bei den Patienten, die schon sehr früh krank werden. Aber sie unterscheidet sich stark und ist insgesamt viel weniger als bei der bipolaren Erkrankung.

Therapie Bipolare Erkrankung

Und das Wesentliche ist: Eine bipolare Erkrankung muß anders behandelt werden als eine Depression. Bei bipolaren Erkrankungen helfen Phasenprophylaktika, allen voran das Lithium. Weniger gut als Lithium hilft Valproat, noch mal weniger gut Carbamazepin, und noch mal weniger gut alle anderen modernen Antiepileptika. Aber sie helfen und dürfen nicht ausgelassen werden. Natürlich kann man zusätzlich ein Antidepressivum geben, wenn gerade eine depressive Phase vorliegt. Aber das ist nicht das Wesen der Behandlung, das liegt im gesunden Intervall beim Phasenprophylaktikum!

Therapie Depression

Depressionen hingegen brauchen Antidepressiva, auch im gesunden Intervall zum Schutz vor einer Wiedererkrankung. Phasenprophylaktika brauchen nur einige wenige (und Antipsychotika meiner Meinung nach keine depressiven Patienten…)

Also: Die Therapie unterscheidet sich ganz grundlegend und daher ist es unverzeihlich, die beiden Krankheitsbilder nicht sauber zu unterscheiden. Und dafür muß man fragen! Und zwar nicht: “Waren Sie mal manisch?” sondern: “Waren Sie mal manisch? Wann? Wielange? Wie war damals der Schlaf? Haben Sie viel Geld ausgegeben? Wofür? Konnten Sie sich das leisten? Haben Sie schnell gesprochen? Ist das Ihrer Familie aufgefallen? Waren Sie gereizt? Ungeduldig? Angespannt? Und noch mal: Wie lang ging dieser Zustand?” Dann kannst Du eine manische Phase diagnostizieren.

P.S.: Die englische Sprache kennt für eines der depressiven Symptome, das trotz völliger Erschöpfung durchhalten wollen und sich fassadär, aber gequält durch die Gegend schleppen, einen schönen Begriff: ‘the walking wounded’, also der herumgehende Verwundete. Sehr plastisch, und wenn man einen Patienten vor Augen hat, der das hat, dann paßt der Begriff wie die Faust aufs Auge…