Sterbende Mythen Teil 7924: “Eine Depot Medikation erhöht die Compliance!”

Bild: Flickr/ skippyjon/ Creative Commons 2.0

Wenn ein psychiatrischer Patient, der eine neuroleptische Medikation braucht, diese immer wieder nach einer gewissen (zu kurzen) Zeit entgegen ärztlichen Rat absetzt, rufen Angehörige und semiprofessionelle Helfer in unermüdlicher Gleichförmigkeit: “Sie müssen ihn auf ein Depot einstellen. Dann ist sichergestellt, dass er es auch nimmt.” Stimmt. Und zwar genau einmal, und dann wirkt es genau zwei (bis max. vier) Wochen. Und dann kann er es wieder nehmen, oder eben nicht. Einwurf Semiprofessionalität: “Jaaaah, aber dann kriegen Sie und wir und alle Welt das wenigstens mit! Ha!”

Stimmt auch. Und dann? Dann wissen alle, dass er seine Neurolepsie nicht mehr nimmt. Hätte man ihn auch fragen können. Aber gut, so weiß man es, weil er nicht in die Praxis kommt. Und nun? Es gibt praktisch kaum eine Möglichkeit, jemanden dazu zu zwingen, sich ein Depot spritzen zu lassen. Man kann einen Betreuungsbeschluß beantragen, in dem steht, dass die Nichtabholung des Depots zu einer Unterbringung im Krankenhaus führen soll, und dass dort dann das Depot gegeben werden soll. Habe ich schon einige Male gemacht. Und hatte dann alle zwei Wochen die Situation, mit Hilfe der Betreuungsstelle, der Feuerwehr und Zwang die Einweisung ins Krankenhaus zu organisieren. Ohne sehr triftigen Grund macht man das nicht all zu lange…

Wenn ein Patient eine Neurolepsie nicht nehmen möchte, und es keine gesetzliche Grundlage gibt, ihn zu zwingen, wie am ehesten eine Bewährungsauflage, dann kann er auch eine Depotmedikation jederzeit absetzen. OK, man sieht es frühzeitig.

Depots haben große Vorteile, wenn jemand zwar alle zwei oder vier Wochen einen Arzt aufsucht, aber zwischenzeitlich eine Tabletteneinnahme nicht hinbekäme, etwa weil er obdachlos ist, und das Depot bevorzugt, oder weil er die Medikation zwar will, aber die Tabletteneinnahmeihm zu lästig oder kompliziert ist oder er sie wirklich häufiger mal vergißt, er die Neurolepsie also will, aber unzuverläßig oder unregelmäßig einnimmt. Dann hilft das Depot. Aber nicht, wenn jemand keine Neurolepsie will. Das das Depot dann die Compliance erhöht, ist ein Mythos. Gut verträgliche Tabletten gehen dann sogar mit einer höheren Compliance einher als ein weniger gut verträgliches Depot. Das ist die Erfahrung.

 

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7 Gedanken zu “Sterbende Mythen Teil 7924: “Eine Depot Medikation erhöht die Compliance!”

  1. Lieber Jan,

    mit großer Wonne verfolge ich deine Artikel “to go”, deine Themen sind klasse, man kann seine Kenntnisse auffrischen oder sein eigenes Tun reflektieren. Depots sind ein Segen, mit Paliperidon habe ich zu 90% ganz gute Erfahrungen, 1x monatlich, da liegt die Messlatte für die Konkurrenz schon recht hoch. Vielleicht kommt ja irgendwann das transdermale Psychopharmakon das machts dem Pat. vielleicht noch leichter es zu nehmen.
    Bitte weiter so, vielleicht kommt noch etwas spannendes zu Interaktionen, nur so als Anregung.

    LG, Fatih

  2. Ein sehr schöner erfrischender Blog,
    Ich lese hier gerne mit, habe aber eine Verständnisfrage was ist im obrigen Post “Semiprofessionelle Helfer?” Pflegekräfte ? Mitarbeiter von Beratungsstellen ?
    Vielen Dank für die Antwort im voraus und weiter so.

  3. Pingback: Welches Neuroleptikum gebe ich wem? « Psychiatrie to go

  4. “Es gibt praktisch kaum eine Möglichkeit, jemanden dazu zu zwingen, sich ein Depot spritzen zu lassen. Man kann einen Betreuungsbeschluß beantragen, in dem steht, dass die Nichtabholung des Depots zu einer Unterbringung im Krankenhaus führen soll, und dass dort dann das Depot gegeben werden soll. Habe ich schon einige Male gemacht. Und hatte dann alle zwei Wochen die Situation, mit Hilfe der Betreuungsstelle, der Feuerwehr und Zwang die Einweisung ins Krankenhaus zu organisieren. Ohne sehr triftigen Grund macht man das nicht all zu lange…”

    Genau so interpretieren Psychiater das Betreuungsrecht.

    So sind schon ein klasse Kumpel. Alle Hochachtung vor Ihren Gesetzen.

  5. Das jemand der mal eine Psychose hatte, eine Zeitlang Neuroleptika nehmen muss ist im Übrigen ein Märchen, dass durch nichts bewiesen ist, sieht man von der Absetzspsychose einmal ab.
    Die Verabreichung von Depotneuroleptika wird von Betroffenen meist als besonders perfide angesehen, weil das langsame Absetzen, um einer Absetzspsychosen zu entgehen dadurch unmöglich gemacht wird.
    Das Verabreichen von Depotneuroleptika, missachtet dadurch in besonderem Maße, das unveräusserliche Recht auf körperliche Unversertheit, das man in Psychiaterkreisen Menschen die, dieser Zunft in die Hände fallen, offensichtlich abspricht.
    Es ist auch gut so, dass die Gericht dabei mittlerweile nicht mehr mitspielen.
    Siehe z.B.:

    http://www.lareda.hessenrecht.hessen.de/jportal/portal/t/s1/page/bslaredaprod.psml?&doc.id=KORE206622012%3Ajuris-r01&showdoccase=1&doc.part=L

  6. “Man kann einen Betreuungsbeschluß beantragen, in dem steht, dass die Nichtabholung des Depots zu einer Unterbringung im Krankenhaus führen soll, und dass dort dann das Depot gegeben werden soll.”

    Die Anregung der Betreuung (Ärzte meinen, sie könnten eine Betreuung beantragen) setzt ein Amtsermittlungsverfahren in Gang und am Ende wird “von Amts wegen” (nicht auf Antrag) ein Betreuer mit verschiedenen Aufgaben bestellt.

    Der Betreuer geht in Haftung, wenn er der ärztlichen Empfehlung folgt und etwas schief geht. Der Arzt ist fein raus bei halbwegs ordentlicher Arbeit.

    “Nichtabholung des Depots” ist noch nie ein Unterbringungsgrund gewesen. Seit Richtern klar ist, dass ihr Rechtsschutz in diesen Fällen nicht greift (“Recht der Freiheit zur Krankheit”), lassen sie sich nicht mehr instrumentalisieren.

  7. “Es gibt praktisch kaum eine Möglichkeit, jemanden dazu zu zwingen, sich ein Depot spritzen zu lassen. Man kann einen Betreuungsbeschluß beantragen, in dem steht, dass die Nichtabholung des Depots zu einer Unterbringung im Krankenhaus führen soll, und dass dort dann das Depot gegeben werden soll. Habe ich schon einige Male gemacht. Und hatte dann alle zwei Wochen die Situation, mit Hilfe der Betreuungsstelle, der Feuerwehr und Zwang die Einweisung ins Krankenhaus zu organisieren. Ohne sehr triftigen Grund macht man das nicht all zu lange…”

    tröstlich, dass es Leute hinkriegen, sich das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit zu erkämpfen. Allen Gerichtsbeschlüssen zum Trotz

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