Werden die Kinder wirklich immer kranker?

Ein Artikel in der März Ausgabe der Clinical Pediatrics zeigt, dass die Rate an ADHS Diagnosen und ADHS Medikationen in den letzten 20 Jahren in Amerika buchstäblich in den Himmel geschossen ist. Die hier gezeigte Grafik zeigt an, bei wie vielen von je 1000 Arztkonsultationen von 5-18 jährigen Jungen bzw. Mädchen die Diagnose ADHS gestellt wurde und wie oft dies spezifisch, entweder mit dem Amphetamin Ritalin oder dem Simulanz Atomoxetin nehandelt wurde.

Im Jahr 1991 wurde die Diagnose noch bei 40 von 1000 Jungen in diesem Alter, die zum Arzt gebracht wurden, gestellt, mediziert wurden 25 von 1000 Jungs. Im Jahr 2008 wurde die Diagnose bei 140 von 1000 Jungen gestellt, 105 von 1000 wurden behandelt.

Das kann jetzt natürlich bis zu zwei Gründe haben: Entweder ADHS wurde früher zu selten diagnostiziert (stimmt vielleicht) oder / und ADHS wird heute mit Abstand zu häufig diagnostiziert.

Also mich muss man dazu nicht fragen. Ich kann mir zwar zum einen vorstellen, dass es früher zu selten diagnostiziert wurde, aber ich bin absolut sicher, dass es gegenwärtig mit weitem Abstand zu häufig diagnostiziert wird. Hat man früher oft noch gesagt: “Jungs sind in dem Alter halt hibbelig” ist heute die Erwartungshaltung der Eltern an den Arzt: “Der Junge schreibt nur noch vieren, Sie wissen doch selbst, dass er die Kriterien eines ADHS erfüllt, verschreiben Sie ihm Ritalin”. Und das in Amerika noch weitaus stärker als in Deutschland, die oben genannte Studie bezieht sich auf die amerikanische Verschreibungspraxis.

Die Kriterien für ADHS sind aber eben auch recht unspezifisch, und mit etwas Willfährigkeit erfüllen die viele.

In der Erwachsenenpsychiatrie begegnen mir auch viele Menschen, die sagen, sie hätten zwar in der Kindheit kein ADHS diagnostiziert bekommen, aber sie seien auch leicht ablenkbar. Amphetamine hätten immer eine schöne Wirkung auf sie gehabt, dass müsse doch als Selbstmedikation verstanden werden, ich möge doch nun bitte Ritalin verschreiben. Ich lehne das regelmäßig ab. Mein Angebot, mal einen Versuch mit Atomoxetin zu machen, hat aus dieser Gruppe noch keiner angenommen bzw. länger als eine Woche mitgemacht.

Ich habe aber auch zwei PatientInnen gehabt, die schon als Kind glaubhaft die Diagnose ADHS wirklich hatten und im jungen Erwachsenenalter von mir Ritalin weiter verordnet bekommen haben.

Es gibt ADHS natürlich schon, aber seltener als von den Patienten und ihren Eltern vermutet.

Sclar DA, Robison LM, Bowen KA, Schmidt JM, Castillo LV, and Oganov AM (2012). Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Among Children and Adolescents in the United States: Trend in Diagnosis and Use of Pharmacotherapy by Gender.Clinical pediatrics PMID: 22399571

About these ads

2 Gedanken zu „Werden die Kinder wirklich immer kranker?

  1. OP-Tisch-Pilotin

    Toller Beitrag! Diese Haltung sollten mal mehr Ärzte annehmen. :) Ich habe in dem Spektrum selber (schlechte) Erfahrungen machen müssen. Eigentlich nur, weil leicht minderbemittelte Kinderärzte, bzw. Kliniklehrer das Lernverhalten bei fulminant chronisch kranken Patienten (bzw. mir ;) ) nicht ausreichend beurteilen können, da sie ihre stinknormalen Infekt und Diabeteskinder, die sie auf der Station betreuen kennen. So kam’s, dass ich vor zwei Jahren (dazu muss man sagen, dass mein körperlicher und durch die bevorstehende OP auch seelischer Zustand zu dem Zeitpunkt weit unter meiner normalen Leistungsfähigkeit lag, außerdem bekomme ich Schmerzmittel der WHO III) ne Std. Buchstaben anstreichen und UFO’s zählen musste. Nach ein paar Wochen gab’s dann ein Ritalinrezept. (Keinn Witz!) Dabei wurden die anderen Faktoren nicht berücksichtigt. Allerdings war das auch der Schlaumeier, anscheinend der “Haus und Hofpsychiater” der Kinderklinik, der mich mit hochgradigen Entzündungen im Bauch und ‘ner Pankreatitis nach einem “Gespräch”, das nicht einmal 5 Minuten dauerte als “essgestört” bezeichnete… Naja… Idioten gibt’s immer. Das Medikament habe ich nie genommen und meine Mutter hat den Kontakt zu der Kinderklinik sofort abgebrochen… Jetzt bin ich glückliche Patientin von einem tollen, neuen Kindergastroenterologen und sogar schon von Erwachsenenchirurgen, die ebenfalls klasse sind :) Von denen wurde mir kein Psychiater an den Hals gehetzt.(bitte nicht böse nehmen!!)

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s