Wirkung und Nebenwirkungen von Venlafaxin in Abhängigkeit von der Dosis

Venlafaxin, zum Beispiel Trevilor, ist ein sehr gut wirksames Antidepressivum. Es wird eingesetzt zur Therapie der Depression, der Angststörungen und manchmal zur Behandlung von Zwangserkrankungen. Typische Dosierungen im ambulanten Bereich sind etwa 37,5-150 mg pro Tag, im statIonären Bereich etwa 75-225 mg, vereinzelt werden auch bis zu 300 mg pro Tag gegeben.

Venlafaxin hat eine gute und verlässliche Wirkung, wobei meiner Erfahrung nach ein guter Kompromiss aus Wirksamkeit und Nebenwirkungen bei einer Dosierung von etwa 150 mg pro Tag liegt. Nach Beginn der Behandlung verspürt der Patient typischerweise in den ersten zwei Wochen wenig Nebenwirkungen und kaum Wirkung. Nach zwei Wochen tritt häufig eine allgemeine Unruhe, Rastlosigkeit und Angetriebenheit ein, die in der Regel als unangenehm wahrgenommen wird. Der Vorteil dieser Rastlosigkeit ist, dass Patienten, die dies erleben, meiner Erfahrung nach praktisch immer auch die antidepressive Wirkung zwei Wochen später erleben. Die Nebenwirkung “Unruhe” ist also ein verläßlicher Vorbote der antidepressiven Wirkung.

Meiner Erfahrung nach bringen höhere Dosierungen sehr wohl eine etwas höhere Wirkung. Allerdings zahlt der Patient einen zunehmend hohen Preis in Form einer dauerhaft anhaltenden, unangenehmen Unruhe und Getriebenheit. Diese ist bei 225 mg pro Tag oft den ganzen Tag über spürbar und fühle sich so an, als ob man 8 Tassen Kaffee am Tag getrunken hätte. Bei 300 mg am Tag kann die Unruhe unerträglich werden.

Natürlich reagiert jeder Mensch unterschiedlich auf eine bestimmte Dosis. Manche Patienten vertragen 300 mg pro Tag völlig frei von Nebenwirkungen, andere haben unter 150 mg schon ausgeprägte Unruhe. Wer zusätzlich zur Depression noch eine körperliche Erkrankung hat, die ihn schwächt, verträgt oft nur recht niedrige Dosierungen.

Das Dosis-Wirkungs und Dosis-Nebenwirkungs-Verhältnis ist nicht bei allen Antidepressiva gleich. Citalopram und Escitalopram verursachen auch in höheren Dosierungen deutlich weniger Getriebenheit und Unruhe als Venlafaxin. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Venlafaxin in höheren Dosen nicht nur als Serotonin-Wiederaufnahmehemmer wirkt, sondern zusätzlich als Noradrenalin-Aufnahmehemmer wirkt, was eben unruhig macht. In den sehr hohen Dosierungen von 300 mg Venlafaxin pro Tag kann auch noch eine Dopamin-agonistische Wirkung dazu kommen, was im Einzelfall psychotische Symptome auslösen kann.

Aufgrund dieser Dosis-Wirkungs- und Dosis-Nebenwirkungskurve ist es aus meiner Sicht oft sinnvoll, lieber etwas länger bei einer gut verträglichen Dosis zu bleiben, als nach wenigen Wochen, wenn ungeduldig festgestellt wird, dass noch nicht genügend Besserung zu verzeichnen ist, auf eine unverträglich hohe Dosis zu erhöhen. Ich habe die Erfahrung gemacht, das sowohl Ärzte als auch Patienten die Wirkung von Antidepressiva eher überschätzen und die Nebenwirkungen der Medikamente eher unterschätzen.

Welche Erfahrungen habt ihr mit dem Verhältnis aus Wirkung und Nebenwirkungen bei unterschiedlichen Dosierungen von Venlafaxin gemacht. Ab welcher Dosis habt ihr eine unangenehme Unruhe beobachtet oder selbst erlebt? Schreibt eure Erfahrungen gerne in die Kommentare!

 

Die Choreografie des psychiatrischen Gespräches

Wir Psychiater definieren uns traditionell stark über das gesprochene Wort. Was wir im Dialog, im Psychotherapiegespräch, im Visitengespräch besprechen, welche Worte wir sagen, welche Worte wir hören, das macht den Kern der Interaktion aus; hierin liegt das Wesen unserer Beziehungsgestaltung, unserer Wirksamkeit und unserer Therapie.

Auch wichtig sind natürlich die konkreten Handlungen, die wir durchführen. In der Psychotherapie können wir zum Beispiel den Patienten auffordern, zuhause eine bestimmte Verhaltensübung durchzuführen. Aktiver zeigen wir uns in der Visite im Rahmen einer stationären Therapie. Hier ordnen wir Untersuchungen wie Blutentnahmen an, verordnen Medikamente, besprechen, an welchen Therapiegruppen ein Patient teilnimmt und vereinbaren die Rahmenbedingungen der Behandlung, wie etwa die Behandlungsdauer oder die Ausgangsregelungen am Wochenende.

Bei allen menschlichen Kontakten, und natürlich auch bei allen psychotherapeutischen oder psychiatrischen Gesprächen, spielt dabei ein Faktor eine ungemein große Rolle, ohne dass dieser Faktor je viel besprochen oder reflektiert wird. Ich kenne nicht einmal einen treffenden Fachbegriff dafür. In Ermangelung eines besseren Wortes nenne ich diesen Faktor die Choreografie des Kontaktes.

Da ich selbst überwiegend im stationären Setting arbeite, gestalte und beobachte ich am häufigsten Aufnahmegespräche und Visitengespräche. In beiden Fällen sind typischerweise mehrere Mitarbeiter des Krankenhauses und ein Patient, manchmal ein bis zwei Angehörige dabei.

Ton aus!

Vielleicht liegt es daran, dass ich öfters gehörlose Patienten behandele. Vielleicht liegt es daran, dass ich manchmal einen Film im Fernsehen 20 Minuten lang ohne Ton sehe und mich wundere, dass ich praktisch keinen Zweifel daran habe, alle wesentlichen Handlungsstränge verstanden zu haben. Wir denken so oft, in den Worten der Dialoge liegt so viel Information. Macht mal den Versuch, beim Fernsehen den Ton auszuschalten. Es geht etwas verloren. Aber es bleibt sehr viel vorhanden. Die Beziehung der Akteure untereinander und die wesentlichen Handlungsstränge vermitteln sich vollständig aus der Choreografie der Beteiligten. Und so überlege ich mir manchmal, wie ein Gespräch wirken würde, wenn man den Ton ausschaltete. (Was natürlich anders ist als die Kommunikation mit einem gehörlosen Patienten. Da schreibe ich ja Worte auf ein Blatt oder er liest Worte von meinen Lippen ab. Ich meine wirklich das Gespräch mit einem Menschen ohne das Gespräch).

Das Aufnahmegespräch

Der angespannte Patient

  • Der mit Abstand wichtigste Faktor beim Aufnahmegespräch ist die Anzahl der gleichzeitig anwesenden Mitarbeiter. Hier gibt es ja eine weite Spanne. Viele Aufnahmegespräche werden mit einem Patienten und einem Mitarbeiter geführt. Aber ich habe auch schon Gespräche geführt mit einem Patienten, vier Polizisten, zwei Rettungsassistenten, vier Krankenpflegern, zwei Assistenzärzten und mir als dreizehntem Mitarbeiter. Ich sage nicht, das das schlecht ist. Wenn es erforderlich ist, um sichere Behandlungsbedingungen zu schaffen, ist es richtig. Aber es prägt ein wenig die Gesprächsatmosphäre…
  • Der aufnehmende Arzt kann im Gespräch stehen oder sitzen. Wenn der Arzt steht, signalisiert er, dass er eine unmittelbare Handlungsbereitschaft für erforderlich hält, und dies deutet auf Gefahr hin. Wenn der Situation eine Gefährdung innewohnt, ist es angemessen, mit mehreren Mitarbeitern zusammen das Gespräch zu führen und zu stehen.
  • Wenn Patient und Arzt im Aufnahmegespräch stehen, und typischerweise noch einige andere Mitarbeiter im gleichen Raum sind, ist es meiner Erfahrung nach sehr hilfreich, wenn der Arzt ruhig auf einer Stelle stehen bleibt. Angespannte und agitierte Patienten laufen oft unruhig im Zimmer auf und ab. Es hilft aber in der Regel, wenn der Arzt nicht immer hinterherläuft, sondern wie angewurzelt stehen bleibt. Die einzige Ausnahme von dieser Regel ist, dass es Situationen gibt, in denen ein Sicherheitsabstand von einer Armeslänge einzuhalten ist. Unterschreitet der Patient diesen und besteht die Gefahr eines Übergriffes, muss der Arzt zurückweichen.
  • Manchmal ist es möglich, dass alle anderen Mitarbeiter stehen, der gesprächsführende Mitarbeiter aber sitzt.

Der nicht angespannte Patient

  • Geht von einem Patienten im Aufnahmegespräch keine akute Gefahr aus, und das ist ja die Regel, dann signalisiert ein stehender Arzt, dass er nur eine erste Sichtung vornimmt und das eigentliche Aufnahmegespräch noch folgt, ganz egal, wie lange er mit dem Patienten spricht. Ein fünf-minütiges Gespräch im Sitzen wird viel eher als richtiges Aufnahmegespräch erlebt als ein zehn-minütiges Gespräch, bei dem der Patient auf seinem Bett sitzt und der Arzt davor steht.
  • Die Verteilung der Mitarbeiter im Raum: Sitzen Arzt, Krankenschwester, Sozialarbeiter und Patient gemeinsam an einem Tisch, oder ist der Arzt dem Patienten gegenüber und die anderen sitzen auf Untersuchungsliegen, hinter Schreibtischen vor Computern oder stehen an der Gardine? Dies wirkt sich natürlich auf den Eindruck aus, den der Patient von der inneren Mechanik des Behandlungsteams hat.

Das Visitengespräch

Die Visite im Patientenzimmer

In der Somatik gehen die Ärzte immer von Bett zu Bett. In der Psychiatrie wird das manchmal auf geschlossenen Stationen so gemacht, auf offenen Stationen ist es seltener. Dabei sieht man durch einen Besuch im Zimmer einiges vom aktuellen Verhalten und Leben des Patienten, das man bei einer Visite im Visitenzimmer oder Arztzimmer verpasst. Man hat auch das Ende des Gespräches besser in der Hand. Und die Patienten müssen nicht vor einem Zimmer sitzen und teils recht lange warten. Aber natürlich bricht man auch mehr in die Privatsphäre der Patienten ein.

Die Visite im Visitenzimmer

Ist der Regelfall. Hier gibt es verschiedene Sitzordnungen, die unterschiedliche Signale geben.

  • Der gesprächsführende Arzt sitzt vor einem aufgeklappten Laptop, dahinter der Patient. Ist häufig und manchmal sehr praktisch. Ich mache das auch manchmal. Dieses Vorgehen ist unschlagbar effizient, wenn ich gleichzeitig sprechen und dokumentieren will, zum Beispiel, wenn ich eine Anamnese erhebe. In solchen Fällen wird es von den Patienten auch nicht als störend erlebt. Es ist klar, dass ich mir dadurch den Gesprächteil „1998 haben Sie in Gütersloh eine Ausbildung zum Feingerätemechaniker mit Diplom abgeschlossen“ so nicht merken muss und nachher nichts verwechsele. Aber es ist auch klar, dass ich das Gespräch führe, um diese Dokumentation zu erstellen. Der Patient ist dann der Informant. Beim normalen Visitengespräch wirkt der aufgeklappte Laptopdeckel eher wie das Schutzschild eines Ritters. Und ich frage mich manchmal, was der Patient wohl denkt, was wir da immer so schreiben. Ich meine, wir könnten unsere Facebook-Seite offen haben! Für die Visite ist es meiner Meinung nach zu bevorzugen, man hat den Laptop im 90-Grad-Winkel neben sich, zum Beispiel auf einem Beistelltisch. Oder man schiebt ihn zur Seite, wenn man ihn nicht braucht. Bei jedem Patientenwechsel kann man ihn dann ja wieder zu sich ziehen, um zu dokumentieren. Wenn der Laptop seitlich von einem steht, kann man zur Not einen Blutwert nachgucken, und der Patient sieht, dass auf dem Bildschirm nichts Geheimes steht, sondern eben diese Blutwerte. Man kann sie ihm so auch gleich am Bildschirm zeigen.
  • Der gesprächsführende Arzt kann dem Patienten direkt gegenüber sitzen. Etwas konfrontativ.
  • Der gesprächsführende Arzt kann dem Patienten diagonal gegenüber sitzen, so dass zum Beispiel ein anderer Mitarbeiter dem Patienten direkt gegenüber sitz, ein weiterer Mitarbeiter vielleicht neben dem Patienten sitzt. Das ist recht entspannt.
  • Wenn es keinen Tisch gibt, setzt man sich praktisch nie direkt gegenüber, sondern immer leicht angewinkelt zueinander. Das ist praktisch immer angenehmer.

Achtsamkeitsübung Nummer 482

Es gibt beim menschlichen Kontakt allgemein und beim therapeutischen Kontakt speziell kaum je eine richtige oder eine falsche Choreografie. Aber die Choreografie vermittelt sehr viel über die Beziehung der Akteure. Ich möchte euch anregen, euch beim nächsten Kontakt mal vorzustellen, der Ton wäre aus. Vermittelt die Situation die Beziehung so, wie ihr sie gestalten wollt?

Welche Erfahrungen habt ihr mit Aufnahmegesprächen und Visiten gemacht? Wie hat das Setting auf euch gewirkt? Schreibt eure Wahrnehmungen in die Kommentare!

Forget what you know about disability

Das ist mal ein Umgang mit „disability*“. Die lettische Künstlerin Viktoria Modesta, die sich nach langer Krankheit ein Bein hat amputieren lassen, möchte den klassich mitleidigen und entwertenden Blick auf Behinderungen umstoßen. Und das gelingt ihr auch. Schaut das Video!

Die Zeit berichtet hier etwas über die Hintergrundgeschichte.

Bildband 50 Shrinks

Wolltest Du schon immer mal sehen, in welchen Praxisräumen der berühmten Otto Kernberg arbeitet? Der deutsche Psychoanalytiker Sebastian Zimmermann, der selbst seit 15 Jahren in New York praktiziert hat 50 New Yorker Psychoanalytiker in ihrem Behandlungsraum fotografiert. Der entstandene Bildband “50 Shrinks” ist leider nicht auf Amazon.de zu bekommen, aber auf Amazon.com hier.

Der Spiegel-Artikel hierzu zeigt schon mal 12 Bilder. Sehr hübsch.

Danke für den Hinweis, Andrea!

Digital Detox

Ein neuer Hashtag bahnt sich seinen Weg durch die Netzwelt: #Digital Detox. Und der liegt voll im Trend. Er beschreibt das Bedürfnis, mal ganz frei von Internet, Email, Telefon, Twitter, Facebook und allem Digitalen sein zu wollen. Und er suggeriert, dass all diese Techniken im Übermaß genossen toxisch seien und man sich daher erst mal unter schweren Entzugserscheinungen detoxizieren müsse, um wieder normal zu werden.

Vielleicht bin ich als bekennender Digital-Junkie auch verblendet, aber ich finde diese Sicht nicht richtig. Zuerst einmal ist es ja nicht das Medium, das potentiell schlecht ist, sondern meine Nutzung. Das ist wie mit dem Fernsehen. Oder dem Bahnfahren. Fernsehen an sich ist weder gut noch böse. Aber ich kann fernsehen sinnvoll oder schädlich nutzen. Und das Bahnfahren bei hohen Geschwindigkeiten schadet dem Menschen, anders als früher vermutet, an und für sich auch nicht.

Das Internet und seine Kommunikationstechniken werden deshalb so gerne genutzt, weil der Mensch seinem Wesen nach sehr sehr gerne kommuniziert. Er ist dafür geschaffen, ständig mit Mitgliedern seiner Gruppe, mit seinen engsten Angehörigen und mit ferner stehenden an gleichen Dingen interessierten Menschen zu kommunizieren. Wenn man alle Stecker zieht, redet der Mensch mit seinen Nachbarn, seinen Freunden und seinen Haustieren. Der Mensch kommuniziert halt gerne.

Und das Internet erleichtert die Kommunikation sehr. Ich kann das aber nicht toxisch finden. Es ist ja auch nicht toxisch, dass der Mensch isst und trinkt. Ein Übermaß könnte komisch sein, aber ich bin nicht sicher, wann das erreicht wäre. 

Es ist sicherlich sinnvoll, seine Freunde oftmals auch offline zu treffen, mit ihnen was zu kochen, zu essen und gemeinsam was zu erleben. Aber wenn meine Freunde alle weit weg wohnen, warum sollte ich dann nicht per Facetime, Facebook, Email oder Twitter in Verbindung bleiben?

Ich glaube, dass es übertrieben ist, zu sagen, man müsse sich öfters mal digital detoxizieren.

Aber:

Neulich habe ich eine Schiffsreise gemacht. Und auf hoher See hat man nun mal kein Netz. Sozusagen ein digitaler Zwangsentzug. Ich kann nicht anders, ich muss sagen: Das fand ich schon sehr erholsam. Es fiel mir viel leichter, mich auf ein Buch zu konzentrieren und mich auf die Dinge zu fokussieren, die ich gerade mache. Allein die Tatsache, dass ich ein funktionierendes Smartphone in der Tasche habe, hat offenbar schon etwas Ablenkendes.

Mein Fazit

Achtsamkeit ist auch im Umgang mit Digitalen Medien hilfreich. Ich teile ja auch sonst meine Aufmerksamkeit bewusst Dingen zu und gehe bewusst damit um, womit ich mich beschäftige. Das ist bei digitalen Medien nicht anders. Aber giftig sind sie deshalb nicht.

Wie denkt ihr über Digital Detox? Sinnvoll? Notwendig? Sollte man vom Arbeitgeber dazu gezwungen werden? Oder sollte man einfach mehr Schiffsreisen unternehmen? Schreibt eure Ansich in den Kommentar!

Online-Fragebögen zur Positiven Psychologie der Uni Zürich

Online-Fragebögen, die einem direkt eine Auswertung bringen, machen mir immer Spaß. Bedauerlicherweise sind sie nicht ganz leicht zu finden, kosten Geld oder sind irgendwie fragwürdig.

Sehr erfreulich finde ich daher, dass die Fachrichtung Persönlichkeitspsychologie der Universität Zürich nun im Rahmen eines Forschungsvorhabens unter der Adresse www.charakterstaerken.org eine ganze Reihe von Online-Fragebögen zur Verfügung stellt, die sich ausgerechnet mit der besonders schönen Positiven Psychologie beschäftigen. Das Ausfüllen hilft der Forschung, und man bekommt die Ergebnisse direkt angezeigt.

Es stehen eine Reihe von Fragebögen zur Verfügung, die sich überwiegend um Charakterstärken, Humor und positive Persönlichkeitseigenschaften drehen:

Die Fragen werden dann durch clicken beantwortet:

Und man erhält sofort eine differenzierte Auswertung:

Also wenn man so unterhaltsam etwas für das Fortschreiten der Erforschung der positiven Psychologie tun kann, dann los!

http://www.charakterstaerken.org

Der Mann, der sich in die Zebrafrau verliebte

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Kennen sie Oliver Sacks? Vielleicht einen seiner berühmtesten Titel: “Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte”? Oliver Sacks ist Neurologe und beschreibt in kasuistischer Form einzelne eindrucksvolle neurologische Krankheitsbilder, die er im Verlaufe seiner Tätigkeit erlebt hat. Sie geben uns einen tiefen Eindruck in die Komplexität des Gehirns, aber auch in die kontraintuitiven Wege, die sich manche Krankheiten so wählen. Und das ist sehr lehrreich.

Kennen sie solche Falldarstellungen auch aus dem Bereich der Psychiatrie? Noch nicht? Ich kannte bislang auch noch nichts vergleichbares. Auftritt des neuen Buches von Peter Teuschel: Der Mann, der sich in die Zebrafrau verliebte!

In diesem Buch beschreibt Peter Teuschel acht Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen, die er im Laufe seiner Behandlungen kennen gelernt hat. Mir gefiel besonders gut die Geschichte von Alois, einem mit seiner Frau einsam in einem Waldhaus lebenden alten Bayern, der aus später aufklärbaren Gründen für wahr erkennt, dass er “von den Bambergern in den Frillensee g´schmissn werden soll”. Auf die Frage “Warum? antwortet Alois: ”Ja mei. Rache halt". Seine Frau weiß schon länger von der Sache…

Die Sache hat eine psychiatrische Erklärung. Und eine teils psychiatrische, teils rein menschliche Behandlung…

Die Beschreibung der Patienten ist ausnehmend respektvoll und liebevoll geschrieben. Die Geschichten sind zum einen lehrreich, zum anderen auch einfach faszinierend und unterhaltsam. Ich habe sie sehr gerne gelesen. Ein prima Weihnachtssgeschenk, dann aber eher als broschiertes Papierbuch als die kindle-Version

Einige Mitbringsel vom DGPPN-Kongress in Berlin

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Ich kehre gerade vom DGPPN Kongress 2014 zurück. Der Kongress fand jetzt erstmalig nicht im ICC, sondern im neu gebauten CityCube statt, was eine wesentliche Verbesserung darstellt, da das ICC einfach zu klein war. Der Kongress ist in den letzten Jahren immer weiter gewachsen und aktuell kommen wohl so etwa 9.000–10.000 Teilnehmer, da hat man im ICC schon oft auf dem Boden sitzen müssen; im CityCube habe ich nur selten auf dem Boden gesessen…
Ich kann jetzt hier nicht alles Interessante zusammen fassen, was ich gelernt und erfahren habe, aber ich zähle mal ungeordnet einige neue Impulse auf, die ich bemerkenswert fand:

  • Am Interessantesten sind ja oft die Gespräche am Rand. So habe ich mich mit einem Kollegen aus Holland unterhalten, der berichtete, dass dort die Entgiftung von GHB mit einer Kombination aus medizinischem GHB, Benzodiazepinen und Neuroleptika durchgeführt wird. In Deutschland wird medizinisches GHB manchmal für bestimmte Narkosen, vor allem bei Kaiserschnitten und anderen i.v.-Kurznarkosen bei kleinen chirurgischen Eingriffen verwendet. Für die Entzugsbehandlung ist es aber nicht erlaubt. Daher stellt sich eine GHB-Entzugsbehandlung bei uns oft als sehr schweres psychotisches, oft delirant anmutendes Krankheitsbild dar. Medizinisches GHB als Behandlungsoption wäre auch hier sehr willkommen…
  • In der Psychopharmakologie hat sich viel verändert, seit der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) vor der Festlegung eines Preises für ein neues Medikament den “Zusatznutzen gegenüber einer Zweckmäßigen Vergleichstherapie” beurteilt. Es ist ja so: Wenn eine Pharmafirma eine neue Substanz erforscht und entwickelt, dann muss sie zunächst die Zulassung in Deutschland und zumeist in Europa beantragen. In Deutschland geht das beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Dies wägt Nutzen und Risiko eines neuen Medikamentes ab. Stehen Nutzen und Risiko in einem guten Verhältnis, lässt das BfArM das Medikament in Deutschland zu. Es steht dann auch erst mal 10 Jahre unter Patentschutz. Früher hieß das, dass das Pharmaunternehmen jetzt 10 Jahre lang einen sehr hohen Preis nehmen konnte, und viel Geld in dieser Zeit verdient hat. Heute ist das nicht mehr automatisch so. Heute prüft der GBA, ob das Mittel einen deutlichen Zusatznutzen gegenüber der meist sehr preiswerten Standardtherapie hat. Nur dann akzeptiert der GBA einen höheren Preis als den für die Standardtherapie. Und nur dann müssen die Kassen den höheren Preis zahlen. Ist das Medikament zwar neu, zugelassen, patentiert, aber laut GBA ohne großen Zusatznutzen gegenüber den bisherigen Medikamenten, wird der GBA einen Preis festlegen, wie bei den bisherigen Medikamenten. Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass die Gemeinschaft der Versicherten nicht für Pseudo-Neuerungen überteuerte Preise zahlen muss. Es hat aber den Nachteil, dass es in Deutschland sehr viel schwieriger geworden ist, eine Bereicherung des therapeutischen Arsenals herauszubringen. Nicht jeder Patient profitiert gleichermaßen von der Standardtherapie. Manche brauchen einfach ein anderes Präparat, aber das zu erforschen ist für die Pharmaunternehmer aus wirtschaftlicher Sicht sehr viel riskanter geworden.
  • Die Psychotherapieforschung ist erfreulich lebendig und aktiv.
  • In der Suchttherapie gibt es einige interessante Ansätze, die zur Grundlage haben, dass Sucht eine jahrelange Krankheit ist. Also nicht: Zwei Wochen Entzug, dann nichts mehr, sondern: Entzug, dann monatelange Begleitung und bei Krisen rasche Intervention.
  • Und es gab noch zahllose weitere interessante Ideen, die ich hier nicht alle aufzählen kann…

Ich fand den Kongress mal wieder sehr lehrreich und lohnend. Allerdings komme ich wie jedes Jahr zur Erkenntnis, dass es Ende November sehr kalt ist in Berlin. Ich schlage daher vor, dass der Kongress in Zukunft im September in Barcelona abgehalten wird. Der Rest des Konzeptes kann so bleiben…

Schreib Deine Ziele auf!

In diesem post erkläre ich, nach welcher Methode ich mir meine Ziele aufschreibe und wie ich an diesem Dokument kontinuierlich weiter arbeite.

¿ Warum soll ich mir meine Ziele denn aufschreiben, ich weiß doch, was ich will ?

Schon. Es macht trotzdem einen riesigen Unterschied, wenn Du Deine Ziele aufschreibst. In meinen Augen ist das so ähnlich wie mit den To-Do-Listen: Wenn Du Dir aufschreibst: “Montag den Schornsteinfeger anrufen”, dann ist es alleine durch das Aufschreiben schon viel wahrscheinlicher, dass Du auch tatsächlich am Montag den Schornsteinfeger anrufst. Und zwar, weil Du mit Dir selbst eine Vereinbarungen getroffen hast, das zu tun. Natürlich auch, weil Dein Blick in die To-Do-Liste dich am Montag genau daran erinnert.
Ziele sind viel wichtiger als Aufgaben. Du solltest ihnen daher mindestens genau so viel Aufmerksamkeit schenken.

¿ Ich schreibe schon Tagebuch. Das reicht doch, oder ?

Es gibt sehr unterschiedliche Arten, ein Tagebuch zu führen:

  • Problemtagebücher: Wer nur sporadisch Tagebuch führt, greift eher dann zum Tagebuch, wenn etwas schlecht läuft, er sich grämt oder mit etwas unzufrieden ist. Dagegen ist nichts einzuwenden; man darf nur nicht den Fehler machen, seine einge Jahre alten Einträge zu lesen, und zu denken: “Mann, war ich damals unglücklich!”. Die glücklichen Momente stehen einfach in den Problemtagebüchern nicht drin.
  • Chroniken: Wer mehr Zeit mit seinem Tagebuch verbringt, trägt auch die positiven Dinge ein, macht Fotos, beschreibt auch weniger wichtig erscheinende Begebenheiten. Hierin kann man auch später lesen, ohne in ungerechtfertigtes Selbstmitleid ausbrechen zu müssen…
  • Projekttagebücher: Schreiben manche für berufliche Projekte.
  • Glückstagebücher: Werden von “Sorge Dich nicht – Lebe!” Ratgebern empfohlen und sind sicher sinnvoll. Habe ich aber in der freien Wildbahn noch nie gesichtet…

Die eigenen Ziele sind bei allen oben erwähnten Tagebüchern jetzt eher nicht so explizit Thema. Dabei wären sie es Wert, beschrieben zu werden, oder?

¿ Schön. Und worum soll´s da gehen? Was schreibst Du da so auf ?

Ich selbst habe meine Ziele in 9 Teilbereiche unterteilt, die heißen so ähnlich wie:

  • Ein guter Vater sein
  • Eine lebendige Partnerschaft führen
  • In meinem Beruf gut sein
  • Gesund bleiben
  • Eine gute Lebensqualität haben
  • In Hobbx xyz besser werden
  • Finanzen
  • Networking
  • Erreichte Ziele

¿ Und was schreibst Du dann zu den einzelnen Zielen ?

Zu jedem Ziel schreibe ich zunächst einmal in einigen kurzen Absätzen, was mir an diesem Ziel wichtig ist und warum das so ist. Ich versuche, mir klarzumachen, was ich in dem jeweiligen Lebensbereich erreichen möchte.

¿ Und dann? Bleibt das Dokument dann für den Rest Deines Lebens gleich?

Ich lege für jedes Quartal einen neuen Abschnitt an. Ich schreibe mir auf, was ich in diesem Quartal versucht habe und was ich erreicht habe. Und ich schreibe mir auf, was ganz konkret ich mir für jeden Bereich für das nächste Quartal vorgenommen habe. Im folgenden Quartal kann ich dann sehen, was ich von meinen Plänen umsetzten konnte. Und dann mache ich mir neue Pläne…

¿ Jedes Quartal ???

Ja, ich versuche, mich ungefähr alle drei Monate einen halben Tag lang in Ruhe an dieses Dokument zu setzen. Das mache ich unabhängig von meinem Tagebuch

¿ Wie sieht das bei Dir technisch aus? Ein altes, in Leder gebundenes Buch mit crèmefarbigen handgeschöpften Leinenpapierseiten und einem soliden Schloss daran ?

Nö. Ich bin nicht so der Papiertyp… Ich nehme ein OmniOutliner Dokument. Da kann man einzelne Abschnitte, wie die Lebensberieche oder die Quartale einklappen und sich immer auf nur einen Bereich konzentrieren. Das sähe ungefähr so aus:

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Fazit

Ich selbst habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, mir Ziele explizit aufzuschreiben. Ich habe auch sehr gute Erfahrungen damit gemacht, mir explizit aufzuschreiben, was ich als nächstes machen möchte, um diese Ziele zu erreichen. Und ich finde es immer wieder sehr interessant, zu lesen, was ich wann tatsächlich an Neuem erreicht habe.
Es gibt eine Reihe von Studien, die zeigen, dass man Ziele, die man sich aufschreibt, eher erreicht.
Wenn du bislang noch nie aufgeschrieben hat, welche Ziele du hast, und wie du sie erreichen willst, kannst du es ja einfach mal ausprobieren. Der Gedanke daran wirkt komischer, als es praktisch ist!
Und wenn du selbst zu denen gehörst, die in irgend einer Form ihre Ziele aufschreiben, würde es mich freuen, von dir zu hören, wie du das machst! Schreib deine Erfahrungen in die Kommentare!

Oxytocin könnte ein wirklich innovativer Therapieansatz bei Phobien, Posttraumatischen Belastungsstörungen und Flashbacks sein

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Wirklich innovative Therapieideen sind rar. Eine Forschungsgruppe der Uni-Bonn könnte aber etwas wirklich Neues gefunden haben.

Oxytocin, ein Hormon und Neurotransmitter zugleich, ist schon lange als das sogenannte “Kuschelhormon” berühmt. Es wird bei allen Arten angenehmen Hautkontaktes ausgeschüttet. Größere Ausschüttungen finden sich insbesondere beim Orgasmus und beim Stillen. Oxytocin löst bei Frauen Kontraktionen des Uterus aus. Es wird bei der Geburt ausgeschüttet und wird auch als wehenauslösendes Medikament gegeben.

Darüber hinaus entfaltet Oxytocin sowohl bei Männern als auch bei Frauen ausgeprägte psychische Wirkungen. Es beruhigt und steht im Ruf, die Partnerbindung und die Elter-Kind-Bindung stark zu festigen.

Wie das Ärzteblatt hier berichtet, hat eine Forschergruppe der Uni Bonn um Rene Hurlemann in der hoch angesehenen Zeitschrift Biological Psychiatry Ergebnisse veröffentlicht, die zeigen, dass Oxytocin eine Eigenschaft hat, die für die Therapie einiger psychiatrischer Erkrankungen sehr interessant wäre: Es erleichtert die Extinktion von angstauslösenden Schlüsselreizen. Was bedeutet das?

Nehmt folgendes Fallbeispiel:

Christoph V. hatte vor zwei Jahren einen schweren Verkehrsunfall, bei dem er längere Zeit im Wrack seines Wagens eingeklemmt war, bevor die Feuerwehr ihn befreien konnte. Im Moment des Crashs ging die Hupe des Wagens an und dröhnte die ganze Zeit, während Christoph V. eingeklemmt war, auf voller Lautstärke weiter. Von den körperlichen Folgen des Unfalls hat er sich inzwischen vollständig erholt. Aber jedes Mal, wenn er auf dem Bürgersteig geht und ein Auto hupen hört, durchfährt ihn eine schreckliche Wiedererinnerung von Schmerzen, Angst und Panik, von der er sich nur schwer wieder frei machen kann. Er geht kaum noch durch die Straßen, aus Angst vor ganz normalen Hupen.

Christophs Angstsystem ist eigentlich ganz gesund. Es hat einen Reiz mit einer Bewertung verknüpft, nämlich das Hupen mit dem schrecklichen Unfall. Wäre es nicht ein Hupen gewesen, sondern das Fauchen eines Tigers und wäre es kein Unfall gewesen, sondern der Biss des selben Tigers, würden wir sagen: Super, die Konditionierung “Fauchen des Tigers-Angst vor Biss-Flucht” ist genau richtig.

Leider hilft die Angst vor dem Geräusch von Autohupen überhaupt nicht, schadet aber sehr. Der übliche therapeutische Zugang wäre in diesem Fall eine systematische Desensibilisierung. Man würde Christoph V. nach einer ausführlichen Erklärungs- und Vorbereitungsphase immer wieder das Geräusch einer Hupe vorspielen. Am Anfang würde es bei ihm natürlich die beschriebene starke Angst auslösen. Mit zunehmenden Wiederholungen, bei denen auf das Geräusch der Hupe ja jeweils kein unangenehmes oder gefährliches oder schmerzhaftes Ereignis folgte, würde Christophs Reaktion auf das Geräusch der Hupe immer weiter abnehmen. Das ist Extinktion. Die Verknüpfungs des nicht hilfreichen Schlüsselreizes mit der Angstreaktion wird abgeschwächt, bis sie im Idealfall irgendwann erlischt.

Die Forscher haben nun heraus gefunden, dass die Gabe von Oxytocin per Nasenspray vor der Desensibilisierungsbehandlung dazu führt, dass zwar zu Beginn eine verstärkte Reaktion auf den Schlüsselreiz entsteht (oops), danach aber die Extinktion schneller erfolgt.

Wenn das klappt und die zu Beginn auftretende Verstärkung der Reaktion auf den Schlüsselreiz nicht zu ausgeprägt wäre, könnte das eine wertvolle Ergänzung in der Therapie von Posttraumatischen Belastungsstörungen, Flashbacks und Phobien sein.

Das Abstract der Veröffentlichung findet ihr hier.