Sind Schimpansen eigentlich dissozial?

Foto: ‚Mißtrauen‘, copyright: creative commons


Willkommen bei der live-Berichterstattung vom 12. Warnemünder Forensikkurs. Wer nicht selber dabei sein kann, erfährt hier, was er verpaßt. Die Fortbildung findet seit 12 Jahren im immer gleichen Rahmen statt. Vormittags referieren Prof. Kröber und geladene Referenten aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu einem Themenschwerpunkt. Nachmittags stellen die Teilnehmer eigene Gutachten vor, die diskutiert werden. Sehr lehrreich, sehr interessant.

Den Auftakt gab Prof. Kröber mit einer Ausführung zur Frage, warum beim Menschen Dissozialität eben nicht die Regel ist. Vielmehr neigt der Mensch erfreulicherweise schon früh und auf breiter Front zu Kooperation, Verträglichkeit in Gruppen und fröhlicher Kommunikation. Vergleichende Studien zwischen Menschen und anderen Primaten zeigen, dass sich schon sehr früh Unterschiede entwickeln. Tomasello, ein weltweit hoch anerkannter Forscher am Max-Planck-Institut für evolutionäre Antropologie in Leipzig hat unter anderem den angenehmen Job, Kinder und junge Affen dabei zu beobachten, wie sie soziales Verhalten erlernen und zu welchen Formen der Kooperation sie fähig sind. (Tomasello M (2009) Why we cooperate. MIT Press, Cambridge MA London). Er fand heraus, dass Menschen schon früh mehr leisten als alle anderen nahestehenden Säugetiere. Gemeinsam ist uns Säugern, dass Mütter die Kinder stillen, Eltern die Kinder vor Gefahren warnen und schützen. Hochentwickelte Arten können auch etwas kooperieren, etwa, wenn es darum geht, gemeinsam Nahrung zu ergattern. Lernen am Modell geht auch. Aber dann geht es bei den anderen Arten nicht weiter. Selbst die freundlichen Schimpansen achten eigentlich im Wesentlichen auf ihren eigenen Vorteil. Wenn es hoch kommt, gibt eine Schimpansenmutter mal etwas Nahrung an ihr Kind ab, aber nicht gerade den leckersten Teil.

Was machen Menschen zusätzlich mit ihren Kindern? Durch die Sprache können Menschen mehr, und sie tun es auch. Sie erklären ihren Kindern die Welt. Immer und immer wieder. Sie erklären Dinge, Zusammenhänge, Bedeutungen. Und sie erklären das Verhalten anderer Menschen. Dadurch laden sie die Welt mit Bedeutung auf. Sie vermitteln Kulturtechniken, die in der Lage sind, Wissen, Erfahrungen, Techniken, die Herstellung und den Gebrauch von Artefakten zu tradieren. Menschen bringen sich gegenseitig bei zu lesen, zu sprechen, Bücher zu drucken und facebook zu benutzen. Voraussetzung hierfür ist natürlich die Sprache.

Gehen kleine Kinder anders mit anderen Menschen um als Schimpansen? Ja. Kinder pflegen schon ab einem Alter von einem Jahr als Normalfall die Kooperation, sie verhalten sich in einem starken Maße prosozial. Kinder können anderen Kindern Dinge zeigen, die für sie selbst uninteressant sind, aber für das andere Kind spannend sind. Sie teilen Ressourcen; wenn sie satt sind sogar Nahrung und Süßigkeiten. Sie können anderen etwas geben, auch wenn sie erst viel später dafür etwas bekommen, und sogar, wenn das unsicher ist. Sie wissen offenbar um die langfristigen Vorteile der Kooperation, des Mutualismus (= die Wechselseitigkeit sozialer Aktionen).

Menschen gehen also nicht nur Seite an Seite mit ihren Kindern durch die Welt, säugen und beschützen sie, sondern erklären ihnen die Welt, insbesondere auch die Art, wie Menschen miteinander umgehen. Und die Kinder gehen dann im Regelfall sozial miteinander um, sie teilen und tauschen Sachen, Wissen und Informationen. Es liegt nahe, anzunehmen, dass das vermittelte Wissen, wie Menschen funktionieren, ein begünstigender Faktor einer sicherlich auch schon angelegten Verhaltensweise des Menschen ist, sich sozial zu verhalten. Das Ergebnis ist eine Spezies, die Kooperation zum Regelfall gemacht hat. Die Mitglieder dieser Spezies zeigen weit überwiegend eine ‚Prosoziale Persönlichkeit‘.

Von diesen Beobachtungen ausgehend kann man die Frage stellen, was schief gelaufen sein muss, damit ein Mensch eine Dissoziale Persönlichkeitsstörung entwickelt hat. Genetische Befunde spielen sicher eine Rolle, aber es gibt auch Entwicklungseinflüsse. Die Etablierung moralischer Werte läuft dabei in gewissen Stufen ab. Schon im 4. Lebensjahr kennen Kinder die wichtigsten Regeln im sozialen Umgang, können sie aber nicht immer einhalten. Die Kinder lernen durch Beobachtung und am eigenen Leibe, dass Kooperation meist weiter führt als Egozentrik, Rücksichtslosigkeit und Regelbrüchigkeit.

Dissozialität kann dann interpretiert werden als ein Zustand, der der Entwicklung von Moral, Empathie und Wissen um den Nutzen der Kooperation vorausgeht. Praktisch ein entwicklungspsychologisches Stehenbleiben auf den sozialen Strategien der anderen Säugetiere. Oder als eine bewußte Entscheidung für einen kurzfristigen Vorteil in (möglicherweise irrtümlicher) Abwägung gegen die damit verbundenen Nachteile.

Nachzulesen ist das alles im Artikel ‚Prosoziale Persönlichkeit. Warum ist kooperatives, normorientiertes Verhalten der Normalfall?‘ Kröber HL, Nervenarzt 2011. 82:37-42.

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