Wie viele Jahre Psychotherapieausbildung brauche ich, bevor ich das erste Mal einem Patienten helfen kann?

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Foto: Jesse Draper via Flickr, creative commons licence

Wieviel Jahre Schule, Studium, Ausbildung, Weiterbildung, Fortbildung und wieviel Euro Psychotherapieausbildungskosten braucht es eigentlich, bevor man einem Menschen erstmalig psychotherapeutisch helfen kann? Die Frage ist absolut berechtigt, weil es ja die ständig wiederholte und durch ewige Wiederholung wahrscheinlich einfach wahr gewordene Aussage gibt, dass ein Mensch erst seit 200 Jahren seine Lebenserwartung erhöht, indem er zum Arzt geht. Davor sei es so gewesen, dass er sie reduziert oder unverändert gelassen habe.

Exkurs: Da jede Form von Selbsttest in diesem blog sehr gerne angeklickt wird: Hier kannst Du nach Beantwortung von 15 sehr einfachen Fragen („Rauchst Du?“, etc.) herausfinden, wie alt Du wirst und wieviel Jahre die Antwort auf jede einzelne Frage dabei gekostet oder gebracht hat. Die Frage nach der Anzahl der Arztbesuche wird nicht gestellt…

Und so könnte es ja sein, dass Psychotherapeuten erst mal eine sehr lange Zeit brauchen, in denen ihre Interventionen mehr schaden als nutzen, weil sie vielleicht nicht erfahren genug sind, zu nutzen. Könnte ja sein. Tatsächlich kann man das nicht beantworten, weil Psychotherapeuten eine sehr lange und gründliche Ausbildung durchlaufen, bevor sie selbst Patienten behandeln. Und dann bekommen sie erst mal recht viel Supervision.

Es gibt zahlreiche Studien zu Therapeuten-Variablen, darunter auch Alter und Erfahrung. Die Ergebnisse sind gelinde gesagt heterogen. Homogen kommt heraus, dass Alter schon mal gar keinen Einfluß auf die Ergebnisqualität hat. Es gibt Studien, in denen die Vertrautheit mit bestimmten Psychotherapietechniken einen positiven Einfluß auf das Ergebnis hatte. Aber ganz überwiegend kommt heraus, dass Therapeuten eine hohe Varianz in die Ergebnisse bringen, also unterschiedliche Therapeuten unterschiedlich gute Ergebnisse bringen, dass aber Alter und Erfahrung nicht die Punkte sind, an denen das Ergebnis im wesentlichen hängt.

Will sagen: Sehr junge und wenig erfahrene Psychotherapeuten helfen in der Regel genau so gut wie ältere und erfahrenere Psychotherapeuten. Das ist wahrscheinlich bei Chirurgen nicht so. Da führt mehr Erfahrung mutmaßlich zu einem besseren Ergebnis (OK, in den letzten 2 Jahren vor der Pensionierung vielleicht nicht mehr…) Bei Psychotherapeuten ist das nicht so.

Woran kann das liegen?

  • An der exzellenten Ausbildung? Wahrscheinlich schon, denn sie verhindert grobe Fehler und vermittelt Kenntnisse über wirksame Interventionen. Aber das erklärt es nicht ganz.
  • An mangelhaften Studien zu dieser Frage? Sicher auch, aber das erklärt es auch nicht ganz.

Ich persönlich glaube ganz unwissenschaftlich an folgendes:

Wenn Du ernsthaft bemüht bist, Deinen Psychotherapiepatienten zu verstehen, zu verstehen, was in seinem/ihrem Leben nicht richtig läuft, welche Probleme er/sie hat und Du dich aufrichtig bemühst, mit ihm/ihr zusammen bessere Wege zu finden, dann bist Du ein guter und wirksamer Psychotherapeut.

Dieses aufrichtige Bemühen um eine gemeinsame Besserung spüren die Patienten sehr genau, es vermittelt sich auch in der Supervision dem Supervisor und es ist sicher ein wirksames Agens an sich. Kombiniert mit wirksamen Interventionen stehen die Erfolgsaussichten mehr als gut. Junge PsychotherapeutInnen helfen, wenn sie sich aufrichtig bemühen, in der Regel sehr sehr gut, nicht weniger gut als sehr dienstalte PsychotherapeutInnen. Das heißt selbstverständlich nicht, dass man nicht immer weiter lernen soll, seine Erfahrungen aktiv zur eigenen Weiterentwicklung nutzen soll, Fortbildungen belegen soll und so weiter. Das ist ja klar.

Ich persönlich glaube, dass PsychotherapeutInnen, die sich aufrichtig bemühen, mit ihren Patienten echte Fortschritte zu erarbeiten, dieses sehr oft bereits in der ersten Psychotherapiestunde ihres Berufslebens erreichen.

Lassen Sie sich also nicht einschüchtern von jahrelangen Spezialausbildungen. Diese sind unzweifelhaft gut und hilfreich, und man verbessert und erweitert seine Fähigkeiten dadurch selbstverständlich. Aber irgendwie kann man auch vorher schon sehr sehr gut helfen.

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2 Gedanken zu “Wie viele Jahre Psychotherapieausbildung brauche ich, bevor ich das erste Mal einem Patienten helfen kann?

  1. meiner erfahrung nach können diejenigen am besten helfen, die ihre patienten als menschen sehen – und nicht als fälle oder diagnosen. wer nach dem motto vorgeht: „sie haben diese diagnose, also hilft ihnen ausschließlich exakt diese therapieform“ kommt nicht weit…
    aber wer sich bemüht zu verstehen, warum der patient genau so und nicht anders ist, wer sich mit der lebensgeschichte auseinandersetzt, wer versucht die gefühle und gedanken nachzuvollziehen, wer den sinn von (scheinbar) unlogischem, schwierigem verhalten begreift… und dann flexible, individuelle wege sucht – der kann viel bewirken.

    nichts ist fataler als schubladendenken. diagnose x – therapie y. und das soll dann bei jedem „fall“ funktionieren. tut’s verständlicherweise nicht… man muss den patienten schon verstanden haben, bevor man helfen kann, und dazu muss man den menschen sehen – nicht nur den fall, nicht nur die diagnose.

  2. @silberträumerin, besser hätte ich es nicht ausdrücken

    „Wenn Du ernsthaft bemüht bist, Deinen Psychotherapiepatienten zu verstehen, zu verstehen, was in seinem/ihrem Leben nicht richtig läuft, welche Probleme er/sie hat und Du dich aufrichtig bemühst, mit ihm/ihr zusammen bessere Wege zu finden, dann bist Du ein guter und wirksamer Psychotherapeut.“

    Wenn Du ernsthaft bemüht bist, Deinen Psychotherapiepatienten zu verstehen,:

    zu verstehen, was in seinem/ihrem Leben nicht richtig läuft, welche Probleme er/sie hat
    und Du dich aufrichtig bemühst, mit ihm/ihr zusammen bessere Wege zu finden
    und bereit bist, auch andere und neue als Deine Dir bekannten Interventionspfade zu suchen
    und zu bestreiten,
    uneingeschränkt emphatisch und authentisch bleibst, so schwer es Dir auch fallen mag,
    egal, wie alt Du bist, wie lange Deine Ausbildung gedauert hat und gekostet hat, wie viele Supervision Du benötigt hast und unabhängig vom Ausgang der Therapie

    bist Du immer dann ein unbestreitbar guter und wirksamer Psychotherapeut, wenn Dein Patient die Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit Deiner Bemühungen spüren kann und sie Dir dies in seiner ihm eigenen Art spiegelt.

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