Fehlattribuierungen in der Psychiatrie

Die Wissenschaftstheorie ist eine Theorie der Unterscheidung von richtig attribuierten Kausalitäten und falsch attribuierten Kausalitäten (attribuieren bedeutet zuweisen, in diesem Falle eine Ursächlichkeit zuweisen). Der Mensch hat ein primäres Bedürfnis nach Kausalität, am liebsten Monokausalität. Dem gibt er immer wieder nur zu gerne nach. Es gibt in den letzten Jahren mehr Amokläufe als früher? Woran kann das nur liegen? Das muss an den Ego-Shootern liegen, die die Amokschützen gespielt haben. Klingt plausibel und wird als Erklärung immer wieder gerne herangezogen. Und wenn man dann Fallstudien oder Studien anfertigt, kommt man zur Erkenntnis, dass Amokläufer tatsächlich öfter Ego-Shooter spielen als der Durchschnitt der Bevölkerung, und also weitaus häufiger eine gepflegte Partie Counter Strike hinlegen als Rentner, Kleinkinder oder katholische Bibliothekarinnen. Wahrscheinlich sogar häufiger, als gleichalte männliche Nicht Amokläufer. Aber es kann eben sehr gut sein, dass potentielle Amok-Läufer gerne Ego Shooter spielen, ohne dass dieses den Amok Lauf verursacht.
Die Psychiatrie ist ein Bereich, der sehr anfällig für Fehlattributionen ist. Grund dafür ist, dass psychische Probleme oft sehr viele Ursachen haben, die sich nicht problemlos identifizieren lassen. Und das einfache Erklärungen immer gerne angenommen werden.
Das Bild oben zeigt einen dicken Bauch, auf dem tätowiert ist: „Made by Seroquel“. Unter Seroquel gibt es manchmal eine deutliche Gewichtszunahme, allerdings seltener als unter bestimmten anderen Neuroleptika. Nun kann es sehr gut sein, dass dieser Patient zu der Gruppe gehört, die ohne Seroquel kein Gewichtsproblem hatten und mit Seroquel deutlich zugenommen haben. Es kann aber auch sein, dass die Gewichtszunahme mehrere Gründe hat. Manchmal tritt eine Gewichtszunahme auch in Folge der Psychose mit möglicherweise sehr abweichenden Verhaltensweisen auf (weniger Sport bei stationärer Behandlung, Weniger Aktivität bei krankheitsbedingtem Antriebsmangel, andere Ernährung…). Man weiß es nicht. Es kann gut sein, dass Seroquel hier einen Einfluß hatte. Aber häufig ist eine Erklärung alleine nicht wirklich vollständig.
Typische monokausale Fehlattribuierungen in der Psychiatrie können sein:

  • Das Antidepressivum macht mich müde (kann sein, aber die Depression macht auch antriebslos)
  • Mein Kind hört nicht, es hat ADHS (kann sein, kann aber auch andere Gründe haben)
  • Mir geht es schlecht, das muss an einem Kindheitstrauma liegen (kann sein, kann aber auch mehr oder andere Gründe haben)
  • Ich nehme ein Antidepressivum, jetzt muss meine Depression besser werden (stimmt den Studien nach, aber es wäre sinnvoll, auch noch anderes zu tun, um der Depression zu entkommen)
  • Depressionen sind die Folge von Streß (Streß kann ein Auslöser einer depressiven Episode sein, als einzige Ursache ist es in aller Regel nicht verantwortlich zu machen)
  • Ängste oder Phobien sind Folge unangenehmer Konditionierungen (gibt es sicher, erklärt aber meistens nicht alles….)

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p>Was sind Deine Lieblingsfehlattribuierungen? Achte heute einmal einen Tag lang aufmerksam auf monokausale Fehlattribuierungen! Schreib sie in die Kommentare!

 

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7 Gedanken zu “Fehlattribuierungen in der Psychiatrie

  1. Die häufigste Fehlattribuierung in der neurologischen Praxis ist für mich eindeutig: „Das kommt sicher vom Nacken“. Egal ob Kopfschmerz, Schwindel oder Karpaltunnelsyndrom, die Patienten waren meist schon beim Orthopäden, welcher natürlich auch einen „Verschleiß der HWS“ (überflüssiges MRT der HWS inklusive) festgestellt hat. Wie sagte Prof. Diener sehr zutreffend bei der letzten DGN: „Es gibt tatsächlich auch Beschwerden, die nicht von der HWS kommen“.

  2. „Ich bin wieder gesund, die Behandlung hat geholfen“

    Tja, ein unbehandelter Schnupfen dauert 2 Wochen, und ein behandelter 14 Tage.

  3. „Er hat jetzt endlich das richtige Psychopharmakon gefunden, das ihm hilft, er ist wieder gesund“

    Vergleich:

    Wenn man nach 4 Wochen Grippe beim fünften Kräutertee angekommen ist und dann gesund wird, hat man dann endlich den richtigen Kräutertee gefunden, der einen gesund gemacht hat,
    das war der passende Kräutertee, der hat es jetzt gebracht // Vorsicht Ironie

    Aber in der Psychiatrie heißt es in solchen Fällen dann immer, er hat jetzt das Medikament gefunden, das ihm hilft.

    Leider sind es in der Psychiatrie oft nicht wenige Wochen, sondern typischerweise jahrelange Probleme.

    Aber wenn sich jemand endlich wieder erholt hat, heißt es, er habe endlich das Medikament gefunden, das ihm hilft.

    • Ich bin übrigens bezüglich meines Falles der Meinung, dass ich mich ohne die umfangreiche Behandlung schneller erholt hätte. Psychiatrie war für mich keine Hilfe, sondern lediglich ein zusätzliches Problem.
      (Vermutlich wird das von Vertretern der Psychiatrie zur Fehlattributierung erklärt, ich bin mir aber darüber ziemlich sicher.)

      Für zukünftige Krankheitsepisoden habe ich vor:

      Erstens und am wichtigsten: Keinen Fuß in eine Psycho-Klinik setzen. Ich halte stationären Aufenthalt in Psycho-Kliniken für schädlich und chronifizierend, die Aufenthalte haben mir keinerlei Vorteil gebracht, sondern im Gegenteil.
      Es wäre zu jedem Zeitpunkt die richtige Entscheidung gewesen, die Klinik zu verlassen. Klinikaufenthalt war schädlich während des Aufenthalts und für die Prognose. Die Klinikaufenthalte haben mich vor nichts bewahrt und sie waren nicht hilfreich und haben mich nicht weitergebracht, und zusätzlich waren sie eine schlechte Erfahrung.

      Zweitens: Neuroleptika nur kurzfristig und nur in niedriger Dosierung. „Einstellen“ auf neuroleptische Medikation kommt mir nicht mehr in die Tüte, völlig unabhängig von der Diagnose.

      Drittens: andere Psychopharmaka, z.B. Schlafmittel oder Valproat oder Antidepressiva nur in NIEDRIGER Dosierung bzw. Benzos als Bedarfsmedikament in SELTENER Anwendungshäufigkeit.

      Viertens: Dauermedikamenten gegenüber bin ich überhaupt sehr kritisch geworden.
      Ich hätte zwei Mal oder drei Mal für ein paar Wochen bzw. Monate Medikamente nehmen sollen und es ansonsten bleiben lassen und keine Psychopharmaka nehmen.

      Ich war 8 Jahre lang keinen Tag ohne Tabletten (Psychopharmaka). Das war ein Fehler.

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