Erstrangsymptome nach Kurt Schneider

Klinische Psychopathologie von Kurt Schneider, copyright Hans-Peter Haak, via wikimedia

Es gibt Krankheitssymptome, die haben eine sehr hohe Hinweiskraft für eine bestimmte Diagnose. Wenn ich zum Beispiel linksthorakale Schmerzen mit Vernichtungsgefühl habe, dann liegt die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass ich einen Herzinfarkt habe. Muss nicht sein, kann auch eine gebrochene Rippe oben links oder eine Lungenembolie sein. Aber es ist ein starker Hinweis auf einen Herzinfarkt.

Auch in der Diagnostik der Schizophrenie gibt es Symptome, die einen sehr starken Hinweis darauf geben, dass es sich tatsächlich um eine Schizophrenie handelt. Kurt Schneider hat diese Symptome 1938 erstmalig beschrieben und „Symptome ersten Ranges“ genannt.

Liegt mindestens ein Symptom ersten Ranges eindeutig vor, und besteht keine andere Krankheit, die dies erklärbar macht (wie ein Delir oder die Einnahme von Drogen oder ähnliches), sind Symptome ersten Ranges ein starker Hinweis darauf, dass eine Schizophrenie vorliegt.

Andere Symptome, die ebenfalls bei einer Schizophrenie auftreten können, aber eine geringere Spezifität haben, also öfters auch bei anderen Erkrankungen auftreten, nannte er „Symptome zweiten Ranges„.

Symptome ersten Ranges (Erstrangsymptome)

  • Dialogisierende Stimmen, kommentierende Stimmen, Gedankenlautwerden
  • Leibliche Beeinflussungserlebnisse
  • Gedankeneingebung, Gedankenentzug, Gedankenausbreitung, Willensbeeinflussung
  • Wahnwahrnehmung (realen Wahrnehmungen wird eine wahnhafte Bedeutung beigemessen)
  • sowie alles von anderen Gemachte oder Beeinflusste auf dem Gebiet des Fühlens, Strebens und des Wollens

Symptome zweiten Ranges (Zweitrangsymptome)

  • Sonstige akustische Halluzinationen
  • Zönästhesien im engeren Sinne
  • Optische Halluzinationen, Geruchshalluzinationen, Geschmackshalluzinationen
  • Einfache Eigenbeziehung, Wahneinfall

Beispiele für Erstrangsymptome

Dialogisierende Stimmen:

„Der Mann, den ich höre, sagt, er sei Gott, die Frau, die ich höre, antwortet, das stimme nicht, der Mann sei doch der Teufel, der Mann wirft der Frau dann vor, sie sei ungläubig…“

Kommentierende Stimmen:

„Die Stimme sagt: Jetzt hebt er das Wasserglas hoch, er scheint durstig zu sein.“

Leibliche Beeinflussungserlebnisse:

„Ich habe das Gefühl, jemand bewegt meine Arme wie die einer Marionette hoch und runter.“

Gedankeneingebung:

„Ein Teil meiner Gedanken ist nicht von mir. Jemand strahlt mir die per Radiosender in den Kopf, und ich denke dann diese von außen eingegebenen Gedanken.“

Gedankenentzug:

„Wenn ich etwas denke, verschwindet der Gedanke oft mitten im Satz, mitten im Gedanken. Ich bin sicher, dass jemand mir die Gedanken aus der Ferne löscht, vielleicht per Internet.“

Gedankenausbreitung:

„Wenn ich etwas denke, dann strahlt der Gedanke nach außen aus. Jemand anderes bekommt das dann mit, manchmal kann ich mit meinen Gedanken ganze Menschenmengen beeinflussen.“

Willensbeeinflussung:

„Die steuern meinen Willen. Ich wollte mich gar nicht ins Auto setzen, aber die haben das gemacht. So habe ich mich also ins Auto gesetzt.

Wahnwahrnehmung:

„Ich habe gerade gesehen, dass Sie ihren Kugelschreiber in die linke Brusttasche gesteckt haben. Damit haben sie den Anderen hier im Raum mein Todesurteil übermittelt.“

Das Gefühl des Gemachten:

„Ich weiß, dass ich nur ein Computerprogramm in einer Matrix bin. Ich spüre zwar die Wärme des Raumes, den Druck der Sitzfläche des Stuhles, auch spüre ich Hunger und Durst. Diese Gefühle sind aber alle nur programmiert, von mir kommen die nicht.“

Es ist außerordentlich hilfreich, die Unterscheidung von Symptomen ersten und zweiten Ranges zu kennen, denn ihre diagnostische Bedeutung hat sich bestätigt; sie spiegelt sich auch in der aktuellen ICD-10 in der Diagnostik der Schizophrenie wieder.

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8 Gedanken zu “Erstrangsymptome nach Kurt Schneider

  1. Ich habe ja immer noch den Eindruck, dass es sich mit Kurt Schneider und manchen anderen „alten“ Werken besser diagnostizieren lässt als mit der ICD 10.

  2. Es gibt bei Schneiderschen Symptomen aber auch Überschneidungen mit der dissoziativen Identitätsstörung. Normalerweise merkt man den Unterschied, wenn jemand eine intakte Realitätsprüfung hat ist er ziemlich sicher nicht schizophren. Leider scheinen dissoziative Störungen bei vielen Therapeuten unbeliebt oder unbekannt zu sein, so dass diese meistens gar nicht als Differentialdiagnose in Betracht gezogen werden.

  3. Dieser Kurt Schneider hat willkürllich irgendwelche Symptome genommen und hat sie als „Schizophrenie“ bezeichnet.
    Genaus könnte man irgendwelche andere Nehmen und sie als „Bauchweh“ bezeichnen.
    Das ist doch vollkommen daneben. So kann man doch nicht arbeiten.

  4. Gedankenlautwerden:

    “Wenn ich etwas denke, dann können andere im Raum das hören, meine Gedanken werden so laut, dass jeder die hört.”

    Diese Definition stimmt nicht mit den allgemein psychiatrischen Definitionen für Gedankenlautwerden überein, das Beschriebene gehört in die Kategorie „Gedankenausbreitung“

    Unter Gedankenlautwerden versteht man das Gefühl die eigenen Gedanken zu hören „Meine Gedanken sprechen mit mir, ich kann sie hören“. Gedankenlautwerden ist aber wie beschriebeb eines der Erstrangsymptome nach Kurt Schneider

    Leibliche Beeinflussungserlebnisse gehören wiederum zu dem Gefühl des von außen Gemachte auf der Körperebene und índ von den Zoenästhesien abzugrenzen, die als Körperhalluzinationen bestehen aber nicht die Qualität des „von außen Gemachten“ haben.

  5. Lieber Jan, ich weiß, der Eintrag ist schon etwas älter. Ich bin gerade dabei mich für die PP Prüfung vorzubereiten und für mich war das sehr hilfreich, um zu verstehen, was Herr Schneider mit den 1. Rang Symptomen meint. Ich frage mich aber nach wie vor: Was ist ein Wahneinfall?
    LG,
    Anne

  6. Hallo Psychiatri to go,

    ich habe mal ein Frage zu Psychosen/Schizophrenie. Vielleicht können sie mir einen Rat geben.

    Meine Frage ist, wie verhält es sich mit der geichzeitigen Einnahme von anderen Medikamenten bei diesen Erkankungen? Darf man sich, gesetz dem Fall, man wäre schizophren, Antidepressiva, etwas gegen Ängste oder etwas zum Schlafen verschreiben lassen? Ich nehme an, Medikamente, wo die Erkrankungen nicht explizit im Beipackzettel unter Kontraindikationen genannt werden, darf man einnehmen?

    Was ist mit Johanneskraut und anderen Naturheilmitteln?

  7. Pingback: Von weißen Mäusen und vagabundierenden Nashörnern – Warum optische Halluzinationen gegen eine Schizophrenie sprechen | Psychiatrie to go

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