Pharmama zum neuen DSM

DSM-5

Vor die Therapie haben die Götter die Diagnose gestellt

Pharmama hat mir mit diesem Artikel ganz aus der Seele geschrieben. Das neue DSM-5 ist zu Recht nicht unumstritten.

Es gibt auch jetzt schon – völlig unabhängig vom Diagnosesystem – eine große Neigung, die ganz normale Lebensbewältigung gleich als Depression zu behandeln, jede Sorge zur Angststörung zu machen und jede Gefühlsregung außer der satten Zufriedenheit gleich zur Impulskontrollstörung zu machen; – und natürlich sofort nach einer Tablette dagegen zu schreien. Das neue DSM steht hier in der Gefahr, durch in Teilbereichen recht niedrige Diagnoseanforderungen eine Pseudoobjektivität für Diagnoseliebhaber zu liefern.

Es liegt in der Verantwortung der diagnostizierenden Ärzte, eben nicht jedes Wehwehchen überzudiagnostizieren, sondern nur die Beschwerden zu Krankheiten zu erklären, die das auch wirklich sind. Und wir wissen: Das wird nicht jeder in gleicher Weise tun, obwohl genau das die Grundidee eines einheitlichen Diagnosekriterienkataloges ist: Die Willkür abschaffen und einheitliche Kriterien zu formulieren. Diese sollten auch meiner Meinung nach dann natürlich hoch genug gehängt werden, um behandelbare Krankheiten auf der einen Seite zu trennen von Befindlichkeitsstörungen und Verhaltensvarianten auf der anderen Seite.

Die Verantwortung, eine Diagnose nur dann zu stellen, wenn das Gesamtbild der Beschwerden und des Leidens dies rechtfertigt und wenn die Diagnose eine Hilfe zur Therapie darstellt, bleibt bei jedem Diagnosesystem bei den einzelnen Ärzten und Psychologen.

Mögen sie weise damit umgehen…

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7 Gedanken zu “Pharmama zum neuen DSM

  1. Ich finde eine liberale Diagnosestellung ja eher unproblematisch. Die Stigmatisierung einer Diagnose scheint mir das zentralere Problem zu sein. Warum nicht jemanden, der zwei Wochen über einen Verlust trauert mit einer Diagnose versehen, die ihm erlaubt eine therapeutische Intervention in Anspruch zu nehmen, so er/sie das möchte? Problematisch wird es doch (fast) nur dadurch, dass man dieser Person mit Vorbehalten gegenüber tritt, weil sie sich behandeln lässt, ihr eine besondere Schwäche zuschreibt, Vermutung über ihre vermeintliche zukünftige Leistungsfähigkeit anstellt etc.
    Sicher muss es eine Grenze nach unten geben, da ein öffentliches Gesundheitssystem nicht jede beliebige Störung des Befindens mit Therapie versorgen kann, aber dennoch kann ich die oftmals vorgebrachten Zweifel an der aktuellen Entwicklung nicht nachvollziehen.

  2. @spyri: Das eigentliche „Stigma einer Diagnose“, jeder Diagnose, ist das aus der Krankheit resultierende Leiden. Ein Zustand, den Menschen von jeher lieber vermeiden möchten. Genauso wie das Attribut „tot“. Vermutlich aus Gründen, die nicht nur mit „Vorbehalten“ zu tun haben. Auf andere Bereiche der Medizin übertragen erinnert „liberale Diagnosestellung“ an die Unsitte mancher Kollegen, zur Sicherheit mal eine Fraktur zu diagnostizieren und dem Pat. über Wochen einen Gips zu bescheren. Weder hier wie dort gibt es akzeptable Gründe, Menschen krank zu machen, die eigentlich gesund sind.
    Interessant ist, wie Allen Frances, einer der „Väter“ des DSM, die aktuelle Version sieht. Das Buch dazu kann man nur empfehlen.

    • @Sie schreiben, das „eigentliche jeder Diagnose“ sei das Leiden. Das Eigentliche einer Diagnose ist doch Ursachenforschung. Krankheit geht doch nicht immer mit Leiden einher (Krebs im Anfangsstadium). Und nicht jedes Leiden ist Krankheit (Geldmangel, dass aus dem Kind nichts geworden ist, im falschen Körper geboren zu sein usw).

      Mit der Diagnostik betreibt man eine Eingrenzung all dessen, was als Ursache in Frage kommt und was sicher auszuschließen ist. „Krankheit“ ist eine Frage des Krankheitsbegriffs.

      Mich interessiert als Person eine Diagnose nur in Hinblick auf die Feststellung, ob ich etwas unternehmen muss oder ob ich nichts tun kann oder nichts tun muss.

      Den Arzt interessiert die Diagnose hinsichtlich seiner Rechtfertigung des ärztlichen Rats und sicher auch hinsichtlich einer „Kundenbindung“.

      Den Juristen interessiert die Diagnose für sich genommen überhaupt nicht, sondern nur im Zusammenhang mit den Voraussetzungen einer Gesetzesanwendung und hinsichtlich von Rechtsfolgen.

      Die Gesellschaft verbindet mit Diagnosen Leistungsschwäche des Betroffenen und Gefährlichkeit für das Gemeinwohl.

    • Hm, dem kann ich mich irgendwie gar nicht anschließen. Das Vergeben einer Diagnose ist eine Kategorisierung einer davon gänzlich unbeeindruckten Realität. Der Patient in Ihrem Beispiel hat eine Fraktur oder eben nicht, eine Diagnose wird daran ob gestellt oder eben nicht nix ändern. Worüber sich zu reden lohnte wäre sicher, ob der je nach dem verordnete Gips nicht eventuell auch mehr Schaden als Nutzen anrichten könnte, wenn gar keine Fraktur vorliegt. Wie man das dann jedoch auf oben genanntes Beispiel mit einer Trauerreaktion übertragen möchte ist dann schon wieder ne ganz andere Nummer.

  3. Kurz vor Neuerscheinen des DSM-5 (also der 5. Ausgabe des psychiatrischen Diagnose-Märchenbuches der Amerikanischen Psychiatervereinigung) ist “die Bombe” geplatzt:
    Der Direktor des National Institut für Mental Health (NIHM), Thomas Insel, hat am 29.4. in einer NIMH-Veröffentlichung endlich eingestanden, das aller psychiatrischer Diagnonsens bisher keine Validität hatte. Seine Formulierung ist: “lack of validity” aller psychiatrischen Diagnosen. Sie waren also immer Märchen, oder wie man im Englischen sagt: Junk Science.

    Weiterlesen:
    http://www.zwangspsychiatrie.de/2013/05/eine-scheinwissenschaft-am-ende-die-bankrotterklarung-psychiatrischer-legitimitat/

    zum Originalartikel

    http://www.nimh.nih.gov/about/director/2013/transforming-diagnosis.shtml

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