Die Stimmen in meinem Kopf

www.ted.com ist immer wieder ein wirklich interessanter Platz, um neue Gedanken kennen zu lernen. Ich empfehle es statt des werbezertrümmerten passiven Glotze guckens.

In diesem Video spricht eine Psychologin, die an einer paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie erkrankt ist, über ihre Krankheitsverarbeitung. Für sie sind die Stimmen in ihrem Kopf eine gesunde Reaktion auf krankmachende Ereignisse. Sie ist Mitglied der Vereinigung Intervoice, die Stimmenhören nicht unbedingt als ein Symptom sehen, sondern die es normal finden.

Ich selbst habe immer noch ein ganz anderes Verständnis von Stimmen hören: für mich sind sie sehr wohl ein Krankheitssymptom, und ich versuche, den Menschen zu helfen, dieses Symptom loszuwerden. Ich gehe davon aus, dass der Inhalt der halluzinierten Stimmen in aller Regel keinen hilfreichen Hinweis auf unbewusste Prozesse gibt.

Das 15-minütige Video ist dennoch sehr interessant und sehenswert. Zum einen zeigt es deutlich, dass die Bewertung von Symptomen fundamental unterschiedlich sein kann. Zum zweiten ist es wichtig, zu wissen, dass es diese Vereinigung in den meisten Ländern gibt. Immer mal wieder erzählt mir ein Patient davon, so dass es gut ist, davon schon einmal gehört zu haben. Und schließlich zeigt es einmal mehr, dass es für den betroffenen Patienten nicht immer hilfreich ist, wenn ihm ein Weltbild aufgedrängt wird, dass er nicht teilt. Statt dessen betont Eleanore Longden den Wert von Respekt, Ermutigung und Hoffnung geben.

Die Gefahr der Bewegung Intervoice ist, dass ein gut behandelbares Symptom einer bisweilen tückischen Krankheit ganz falsch als sinnstiftendes gesundes Erleben eingeordnet wird, und damit eine mögliche Behandlung verhindert wird.

Stimmenhören ist in meinen Augen ein Symptom einer Krankheit, die oft noch viele weitere Symptome verursacht, die den Erkrankten in seiner Integrität erheblich angreifen und auch auf Dauer schädigen können. Diese Krankheit wirksam zu behandeln ist ein wichtiges Ziel, und sehr oft ist diese Behandlung in kurzer Zeit erfolgreich. Diejenigen, für die die Stimmen aus dem Kopf nach einer kurzen Behandlung verschwunden sind, vermissen sie auch nicht. Es gibt sicherlich einen kleinen Anteil von Patienten, die eine chronische Halluzinose haben, und neben dem Stimmenhören keine oder nur wenig Störungen der übrigen Wahrnehmungsfähigkeiten oder kognitiven Leistungen haben, und bei denen die medikamentöse Therapie nicht sehr wirksam ist. Ich kann nachvollziehen, dass diese Patienten eine akzeptierende Einstellung zu den Stimmen bevorzugen. Bei der weit überwiegenden Mehrzahl der Patienten ist dies aber aus meiner Sicht die falsche Einstellung, weil es die wirksame Behandlung verhindert.

Vielen Dank an Stefan für den link.

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19 Gedanken zu “Die Stimmen in meinem Kopf

  1. Und bei uns ? Ich erlebe das Stimmen hören nicht als Krankheitssymptom .
    Das ist es auch nicht .
    Siehst du das bei einer dissoziativen identitätsstörung auch so ?

  2. Ich mag Deinen Blog sehr ! Immer wenn per Mail ein neuer Beitrag ins Postfach flattert, freue ich mich schon darauf diesen (sobald Zeit bleibt) zu lesen.
    Danke für die tollen Anregungen 🙂 Liebe Grüße,Jessi

  3. Hallo,
    also erst einmal möchte ich sagen, dass ich Ihren Blog seit einiger Zeit mit großem Interesse verfolge und ihn sehr gerne lese.
    Als Betroffene bin ich Ihnen auch sehr dankbar, dass Sie solche Aspekte wie diesen hier thematisieren und ich teile Ihre Meinung dazu voll und ganz. Ich finde es sogar äußerst gefährlich, wenn manche Menschen Stimmenhören bagatellisieren, indem sie es als „normal“ ansehen und nicht erkennen können oder wollen, dass dies ein pathologisches Symptom einer sehr ernst zu nehmenden, komplexen Erkrankung ist, die für die Patienten meist mit einem hohen Leidensdruck verbunden ist.
    Mich erschreckt zudem, dass hier sogar eine Psychologin diese Auffassung vertritt, von der man ja annehmen müsste, dass sie allein aufgrund Ihrer Ausbildung Kenntnisse in Psychopathologie haben sollte.
    Viele Grüße
    Christina N.

    • laut dem Netzwerk Stimmenhören hören 3 % der Bevölkerung immer wieder Stimmen und weitere 2 % mindestens einmal in ihrem Leben, meistens zu einem besonderen Anlass. (tagelang allein auf hoher See, Scheidung, Trauerfall, etc.)
      http://www.stimmenhoeren.de/stimme.htm


      Eine epidemiologische Studie bei 15000 Menschen in Baltimore ergab, dass zehn bis fünfzehn Prozent der Befragten über längere Zeit Stimmen gehört hatten, und nur ein Drittel klagte über negative Auswirkungen (Y. Tien).

      1991 ergab eine andere Untersuchung, dass das Stimmenhören in vielen Fällen nicht die Kriterien für eine psychiatrische Diagnose erfüllte (Eaton). Rommes jüngste Studie brachte das bedeutsame Ergebnis, dass bei Patienten der Psychiatrie und Nichtpatienten beide Gruppen etwa gleich viele negative und positive Stimmen hören. Der Unterschied liegt vor allem darin, wie die beiden Gruppen auf die Stimmen reagieren: Die Nichtpatienten fürchten sich nicht und regen sich lange nicht so über sie auf wie die Patienten.

      Halluzinationen müssen kein Problem darstellen.

      Problematisch sind sie meiner Meinung nach nur, wenn derjenige darauf reinfällt, die Halluzinationen also Teil des Realitätsverlusts sind.
      Und/oder wenn die Halluzinationen quälend sind und sehr oft vorkommen.

      Ich habe selber Halluzinationen, schön-interessante, neutrale und quälende. (visuelle und Berührungs-Halluzinationen)
      Neuroleptika sind für mich aber schlimmer.

  4. ich wüsste auch gern die antwort auf feenjas frage ganz oben.
    meine idee ist, dass man sicher einen unterschied findet zwischen „Stimmen“ und „stimmen“. feenja scheint mir mehr als eine zu sein – darum glaube ich, dass ihre stimmen nicht „diese“ stimmen sind. oder irre ich mich?

    sind die „stimmen“ die ein mensch „hört“, der dissoziiert und mehr als einen ausgeprägten persönlichkeitsanteil hat, denen gleich zu setzten, die man im wahn hört?

    ich fände das beunruhigend.

    • Erfahrungstechnisch reagieren Psychiater darauf nicht , da sie absolut keinerlei Erfahrung oder Emoathie haben für traumatisierte Menschen . Damit meine ich nicht diesen Blogger denn ich kenne ihn nicht . Aber ich warte auch auf eine Antwort 😉 uns würden Massen an neuroleptika verabreicht – die logischerweise keinen Effekt hatten weil es eben nicht mit Wahn gleichzusetzen ist . Ich verstehe nicht warum die Psychiatrie im Bereich Trauma so dermaßen hinterher hinkt .

      • hm….ja das ist eine gute frage. hinterherhinken… ich glaube, das es ein thema ist, das keiner so recht haben will. auch therapeuten sind menschen und fast alle menschen möchten diese themen wegdrängen. ich habe noch keinen getroffen oder versucht einen therapieplatz zu bekommen, der nicht selber auch ein problem hatte mit der größe und härte des themas. es gibt aber auch andere, da bin ich mir sicher. meine gesundheit ist mir aber mittlerweile zu wichtig, um sie ständig derart zu gefährden.es wurde druch therapie bei mir mehr schaden angerichtet als nötig.

        ich glaube, das für die emphatie und das verstehen keine ausbildung nötig ist. man kann sich verständlich machen, wenn das gegenüber es wirklich wissen und verstehen will.

        menschen, die so traumatisiert sind, das sie mehr als eine stimme ihr eigen nennen sind vielleicht unheimlich. oder es ist, die tatsache, dass der grund für so eine „Gesunde Reaktion“ der seele eben keine lapalie ist. ich habe immer mehr den eindruck, das die welt uns einfach ingorieren möchte damit sie heil ist.

      • ich höre zwar keine Stimmen, habe aber aus anderen Gründen Erfahrung mit Neuroleptika. Und ich musste feststellen, dass unter Neuroleptika (auch unter atypischen) meine akustische Vorstellungskraft sehr eingeschränkt war.
        Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Effekt gegen Stimmenhören hilft.

  5. http://pflasterritzenflora.ppsk.de/kommando-halluzination/

    http://pflasterritzenflora.ppsk.de/schizophrenie-oder-besendung/
    Hier schreibt der Psychologe Hans Ulrich Gresch über den Neurologen Oliver Sacks:

    Der britische Neurologe Oliver Sacks ist einem größeren Publikum durch Bestseller wie “Zeit des Erwachens” und “Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte” bekannt geworden. In seinem neuesten Buch beschäftigt er sich mit Halluzinationen (5). In diesem Werk meint er, dass Menschen mit der Diagnose “Schizophrenie” zwar gelegentlich Stimmen hörten, dass aber die meisten Stimmenhörer diese Diagnose nicht hätten. Rund 10 Prozent der Bevölkerung hörten Stimmen, aber die wenigsten aus diesem Kreis hätten eine psychiatrische Diagnose gleich welcher Art.

    Wer also nicht das Risiko eingehen möchte, sich in einer psychiatrischen Praxis das F20-Virus einzufangen und womöglich ein Leben lang darunter zu leiden, sollte im Falle des Stimmenhörens zuvor das neue Buch von Oliver Sacks konsultieren.

    (5) Sacks, O. (2012). Hallucinations. New York, N. Y.: Knopf

    • Hallo Anna 🙂

      „Wer also nicht das Risiko eingehen möchte, sich in einer psychiatrischen Praxis das F20-Virus einzufangen und womöglich ein Leben lang darunter zu leiden“ (super Formulierung!), sollte sich bewusst machen, dass das Weltbild unserer schulmedizinisch – grobstofflich orientierten Psychiater in vielen Fällen ein recht eingeschränktes ist. Zu gerne werden Zustände erweiterten Bewusstseins pathologisiert von denen, die keinen Zugang dazu haben, und es bedarf eines gesunden (!) Selbstbewusstseins, sich davon nicht allzu sehr beeindrucken zu lassen.
      So ist das Stimmenhören an sich nichts Schlechtes (siehe Channelings), solange der Mensch es nicht zu etwas Schlechtem macht.

      Viele Grüße, Anja

    • Wir sollten Psychiater als Dienstleister sehen, wie jede andere Ärztegruppe auch. Wir können sie konsultieren, wenn wir glauben, psychiatrisch-/medikamentöse Hilfe zu benötigen, doch keinesfalls sollten wir den Fehler begehen, ihnen die Deutungshoheit darüber zu überlassen, wer wir sind.

  6. „Die Gefahr der Bewegung Intervoice ist, dass ein gut behandelbares Symptom einer bisweilen tückischen Krankheit ganz falsch als sinnstiftendes gesundes Erleben eingeordnet wird, und damit eine mögliche Behandlung verhindert wird.“

    Wenn für jemand sein Stimmenhören für ihn kein Problem ist, dann ist es doch OK.

    Wenn andere Phänomene für ihn ein Problem sind (z.B. Depressionen, Konzentrationsschwierigkeiten, Angst vor anderen Menschen, Erschöpfung und Antriebslosigkeit, etc.), dann kann das der Anlass für Behandlung sein.

    • aus dem Buch

      Nils Greve, Margret Osterfeld, Barbara Diekmann: Umgang mit Psychopharmaka

      .

      Zitat

      „Zielsymptome

      Wenn Sie z.B. auch ohne Medikation recht gut mit Ihren Stimmen zurechtkommen, aber unter einer krankheitsbedingten Antriebsschwäche heftig leiden, dann sollte diese zum ersten Zielsymptom erklärt erden. Daraus folgt, dass antriebsmindernde Medikamente tunlichst zu vermeiden sind. In Ihren Aufzeichnungen bewerten Sie in diesem Fall den Antrieb, aber auch die Stimmen ein- oder mehrmals am Tag mit Punkten oder Noten. Beim nächsten Arztbesuch können Sie so gemeinsam mit dem Arzt die Wirksamkeit oder Nichtwirksamkeit sowie unerwünschte Wirkungen konkret überprüfen. Vertrauen Sie dabei Ihrer eigenen Wahrnehmung! Wenn Ihr Arzt z.B. sagt, die Antriebsschwäche oder auch die depressiven Symptome unter Neuroleptika, die Sie als Folge der Medikation erleben, seien Krankheitssymptome, fragen Sie ihn, woran er das erkennt. Nach unserer Erfahrung kann hier nur ein Reduktionsversuch den Nachweis bringen. Wird das beklagte Symptom dann schlimmer, ist es wahrscheinlich der Grundkrankheit zuzuordnen. Bei Besserung durch Reduktion ist eine Medikamentenwirkung anzunehmen.
      Aber auch ohne Nebenwirkungen macht es wenig Sinn, ein Medikament langfristig einzunehmen, wenn das oder die Zielsymptome nicht wesentlich positiv beeinflusst werden können. Dies lässt sich allerdings oft erst nach mehreren Wochen oder Monaten hinreichend beurteilen und Ihre Aufzeichnungen sind dabei hilfreich.“

      .

      Dem kann ich zustimmen.

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