Stimmen im Kopf, ein Mensch stirbt…. und die Ärztin ist schuld

Danke Medizynicus, für diesen interessanten link und den post.

Ich selbst denke, dass das Urteil richtig ist. Es ist milde, und das ist angemessen, da die Ärztin ohne böse Absicht gehandelt hat.
Aber es macht auch deutlich, dass sie in dieser Situation nicht die erforderliche Sorgfalt hat walten lassen. Alleine zu fragen, ob ein Patient freiwillig in Behandlung ist, reicht für die Entscheidung, ob er wieder gehen darf, eben gerade nicht aus. Sie hätte sich ein genaueres Bild machen müssen. Daher war es aus meiner Sicht richtig, sie zu verurteilen.
Die Konsequenz aus diesem Urteil für uns Psychiater darf nun aber nicht sein, dass wir restriktiver mit Freiheitsentziehungen umgehen. Die Konsequenz kann nur sein, dass wir uns unserer Verantwortung bewusst machen und entsprechend sorgfältig handeln.
Nicht mehr und nicht weniger.

Medizynicus Arzt Blog

Ein Moment der Unaufmerksamkeit…
…und schon ist ein Mensch tot und eine Ärztin steht mit einem Bein im Knast beziehungsweise ist so gerade mal noch mit einer Geldstrafe davon gekommen.
Was ist passiert?
Es ist der frühe Morgen nach dem Nachtdienst in einer psychiatrischen Klinik.
Die Diensthabende Ärztin wird von der Pflegekraft angerufen.
Der Patient M. möchte die Klinik verlassen. Er ist ruhig, er lächelt. Er möchte zu seiner Mutter fahren um Geld und Kleidung zu holen.
Ob es einen Unterbringungsbeschluss – also eine Zwangseinweisung – gebe, fragt die Ärztin.
Die Pflegekraft verneint. Der Patient sei freiwillig hier.
Dann darf er auch wieder gehen, sagt die Ärztin.
Der Patient geht.
Er verlässt die Klinik, fährt zu seiner Mutter und bringt sie um.
Wer ist schuld?
Die Ärztin, sagen die Richter.
Der Patient habe am Vortag mehrfach – gut dokumentiert – vor verschiedenen Zeugen davon gesprochen, Stimmen zu hören, die ihm…

Ursprünglichen Post anzeigen 108 weitere Wörter

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5 Gedanken zu “Stimmen im Kopf, ein Mensch stirbt…. und die Ärztin ist schuld

  1. Pingback: Schön dass es dir wieder besser geht | absolutnormal

  2. Ich teile Ihre Meinung betreffend des Urteiles. Am Tag davor eingeliefert, weil er Gedanken äußerte, die Mutter umbringen zu wollen, am Tag danach entlassen, weil er zur Mutter fahren will… WENN ich einen Pat. entlasse, bin ich der Meinung, sollte die Krankengeschichte wenigstens ANGESEHEN werden.. dann hätte dieser Fehler auch nicht passieren können. Dass psychotische Pat. „ruhig sind und lächeln“, das ist prinzipiell schon ein Zeichen, dass etwas im „Busch“ ist…. dass sich ein innerer Entschluss gefestigt hat.. oder… dass etwas vorgespielt wird, um etwas zu erreichen, was gerade PsychiaterInnen in ihrer Erfahrung wissen müssten.
    Ich halte das Urteil für sehr wichtig, weil es auch zeigt, dass Ärzte im psychiatrischen Bereich einfach eine VERANTWORTUNG HABEN. Dass die Ärztin ich verteidigt: sie wusste nichts von den Mordabsichten, zeigt, dass sie weder den Einweisunggrund noch die Krankengeschichte angesehen hat, bevor sie ihn entließ. Und mEn ist das eine große Schlamperei bei eine Pat., der wegen Fremdgefährdungspotenzial eingeliefert wurde. Die Frage ist: Warum wurde er nicht geschlossen aufgenommen? Wurde bei der Einlieferung schon „geschlampert“? Wenn Fremdgefährdung vorliegt, wird normalerweise geschlossene Unterbringung eingeleitet…
    Viele Fragen.
    Dennoch… zeigen viele Berichte, dass psychiatrische Kliniken sehr lasch in diesem Bereich umgehen.
    http://diepresse.com/home/recht/rechtallgemein/1445028/Psychisch-Kranker-floh_Spital-ist-nicht-am-Tod-schuld?parentid=3647609&act=2&isanonym=null#kommentar3647609

    Auch Gerichtspsychiater:
    http://www.focus.de/panorama/welt/vergewaltiger-flieht-auf-freigang-leiche-von-therapeutin-gefunden_aid_1100020.html

    Das Urteil wird hoffentlich dazu führen, dass sich Ärzte ihrer VERANTWORTUNG MEHR bewusst werden – und deren Folgen.

  3. Mir persönlich widerstrebt es, anhand von Medienberichten so kategorisch zu urteilen.

    Manchmal macht es auch Sinn, etwas Ursachenforschung zu betreiben. Man könnte sich doch auch fragen: Wie ist es möglich, dass Entlassungen eines Patienten, ohne ihn gesehen zu haben, in dieser Klinik toleriert werden? Wie kann es sein, dass eine Pflegekraft sich nicht widersetzt, einen Patienten zu entlassen, ohne dass er von einem Arzt erneut untersucht wurde? Könnte es vielleicht sein, dass solch ein Vorgehen eine gängige Praxis in dieser Klinik ist? Oder könnte es sein, dass die Arbeitsbelastung so hoch ist, dass qualitative Midestanforderungen so oft unerfüllt bleiben,dass es so alltäglich wurde, dass niemand mehr auf die Idee kommt, kritisch zu hinterfragen: was machen wir hier denn eigentlich?

    Es stimmt, dass die Konsequenz aus diesem Urteil für uns Psychiater sein sollte, dass wir uns unserer Verantwortung bewusst machen und entsprechend sorgfältig handeln. Doch es wäre meiner Meinung nach auch sinnvoll etwas weiter zu gehen und kritisch zu hinterfragen, inwieweit unsere tägliche Praxis der Leistungserbringung überhaupt noch mit der ärztlichen Ethik und Sorgfalt vereinbar ist.

  4. Aus beruflichen Zusammenhängen habe ich seit Jahren sowohl mit der Ärztin, als auch der Klinik zu tun. Weder die Schilderung ihrer persönlichen Vorgehensweise im betreffenden Fall, noch der offenbaren Klinikgepflogenheiten haben mich sonderlich verwundert.
    Verantwortung und Sorgfalt sind gute Stichworte..

  5. Was soll ich da nur sagen, liebe Kollegen.
    einfach zu wenig Empathie mit der „schlampigen Kollegin“. Das Mitgefühl hätte der Schlüssel sein können um etwas weiter zu reflektieren, als diese politisch korrekte These zu vertreten.
    Der Arzt, dessen Patient ein Verbrechen begeht, das bei dichter gewebtem Netz der Verantwortungsübernahme hätte verhindert werden können sei strafbar, wenn der Patient ein Verbrechen begeht. Natürlich gîbt es da noch mehr zu sagen, aber daszentrale Problem ist Ihre (und jende der Mehrzahl der Kollegen) unreflektierte Anpassung an ein mittelalterliches Rechtssystem.
    Der Scghlüsselbegriff sollte immer das Motiv sein. Die Kollegin hatte natürlich keines.. sie war nicht eigennützig. Sie wollte kein Verbrechen, sie hat einen FEHLER gemacht. Und der wird mit Kriminalstrafe belegt. Es ist das Problem dieses Rechtssystems, dass Fahrlässigkeit mit der fast gleichen Reaktion belegt wird wie Vorsatz. Nur die Intensität der Beschädigung ist geringer. Manchmal. Alles das hängt wesentlich von den Hassgefühlen der sich mit dem Opfer identifizierenden Zuschauer ab. So wie Eva oben den Ausdruck Schalmperei einsetzt ist das Rachegefühl gemeint.

    Wie kann ein vernünftiger Kollege wie Sie diesen Stuss nachquaken, die Ärztin sei ZU RECHT verurteilt worden? Sanktionen sind das miserabelste Mittel zur Verhaltensmodifikation. Der Einsatz von Strafbeschädigung ist doch emotional begründet. Prüfen Sie Ihre Übertragung!
    Diese Geschichte hier steht für sehr viel, das diskussionswürdig ist. Aber nicht mit der Wut aus dem Gekröse des Volkes. Eines Tages werden Sie merken, dass die Bestraafung von Fehlern von Ärzten und Ingenieuren der falsche Weg ist. Und nein, ich wurde nicht wegen eines Kunstfehlers belangt. Ich bin aber der Meinung, Psychiater sollten die differnziertesten Wahrnehmung zur Schuld und ihrer Verarbeitung haben.

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