Lernen ist wie googeln nur krasser

Früher ging Lernen ja so: Ich kaufe mir ein Lehrbuch und lese es. War ein gutes Konzept. Das System hat so einige Implikationen:

  • Wissen hat einen Wert, für den ich bereit bin, zu bezahlen. Nämlich den Preis des Buches.
  • Wissenserwerb braucht Zeit. Das Lesen eines Lehrbuches braucht nun wirklich viel Zeit, und in dem Moment, in dem ich das Buch kaufe, treffe ich eine implizite Vereinbarung mit mir, mir diese Zeit zu nehmen.
  • Ich nehme mir ein Gebiet vor, nicht nur einen Ausschnitt. Ich kaufe mir kein Buch über die Anatomie der Hand, sondern ein komplettes Anatomiebuch. So lernt man einfach besser. Und nur so versteht man auch die Anatomie der Hand…

Heute geht Lernen ja anders: de.wikipedia.org. Wenn ich etwas wissen will, clicke ich es mir auf wikipedia oder auf google an und schaue mal, was ich so finde. Das Problem ist, dass die wikipedia so verdammt gut ist, dass meine Frage praktisch immer und in immer sehr guter Qualität beantwortet wird. Und dann bin ich fertig. Implikationen:

  • Wissen im Netz ist erst mal kostenlos. Das klappt im Falle der wikipedia dank der unzähligen Ehrenamtlichen Mitgestalter hervorragend. Aber für komplexere Lerninhalte klappt die Kostenlosigkeit natürlich nicht.
  • Ich brauche mir keine Zeit zum Lernen einzuplanen. Ich konsumiere einfach immer nur die Häppchen, auf die ich gerade Appetit habe. Ist angenehm.
  • Ich lerne immer nur einen Ausschnitt, ein Detail. Aber ich überblicke nicht mehr das gesamte Gebiet.

Wenn man aber nun sein ganzes Wissen nur aus zusammengestückelten Häppchen bezieht, besteht die Gefahr, dass man den Überblick verliert. Nichts gegen das Lesen von Blogposts :), einen kontinuierlichen Blick auf seine Twitter-Filterblase oder auf häufige Stippvisiten bei wikipedia.

Aber diese Lernhappen zeigen einem immer nur einzelne Mosaiksteine, nie das Bild.

Sie zeigen einem einzelne Kunstwerke, aber erklären nicht die Kunstgeschichte.

Sie zeigen einem einzelnen Medikamente, aber nie die Pharmakologie.

Sie zeigen einem einzelne Krankheiten, aber nicht die Medizin.

So wunderbar die Wikipedia ist, sie kann nie ein gutes Lehrbuch ersetzen. Sie enthält 1000 mal mehr Wissen als jedes noch so gute Lehrbuch zu einem bestimmten Thema, aber man kann sie halt nicht so lesen. Geführte, gefilterte, umfassende Darstellungen haben weiterhin ihre Berechtigung.

Ich interessiere mich nun schon seit langem für vollständigere Lehrinhalte im Netz, am liebsten als Videos. Der Urvater ist in meinen Augen das wirklich großartige iTunes U, das kostenlos exzellente Videos ausgewählter Vorlesungen von zahllosen Universitäten, darunter gerade auch der internationalen Spitzenuniversitäten zeigt.

Eine meiner Lieblingsvorlesungen ist immer noch der Open Yale Kurs „Psychology“ von Paul Bloom, den ich immer wieder empfehlen möchte. Ein Nachteil von iTunes U ist allerdings, dass die Mehrzahl der Kurse in Englisch sind.

Eine weitere interessante Plattform, die mich immer schon mal interessiert hat, ist Lynda.com. Hier werden hauptsächlich technische Themen in Videos dargestellt, aber auch eine Reihe anderer Gebiete. Man zahlt 25 $ pro Monat und hat dann Zugriff auf alle Videos. Wenn man eine Programmiersprache lernen will, den Umgang mit einer bestimmten Software lernen will oder etwas ähnliches, dann ist man hier wohl richtig. Gegenwärtig gibt es einen Gutscheincode, der einem eine Woche kostenlosen Zugang zu allen Kursen gibt. Einfach auf die Seite Lynda.com/macpowerusers gehen, dann ist eine Woche frei. Auch Lynda.com ist komplett auf Englisch.

Ich selbst habe in den letzten Monaten mehrfach die iPad-Ausgaben von screencastsonline.com gekauft (pro Ausgabe 5 €), die wirklich gute Lehrvideos zu Apple-Software und Technikthemen haben. Kann ich auch sehr empfehlen.

Und nun wurde ich angeschrieben, mir doch mal Lecturio.de anzuschauen. Mir wurde auf meinen Wunsch hin der Kurs Strafrecht zum Testen freigeschaltet, und ich habe mir einige Vorlesungen angesehen.

Lecturio.de hat einen Schwerpunkt auf Wirtschaft, Software Jura, Medizin; darüber hinaus gibt es aber auch andere Gebiete. Alle Vorträge sind auf Deutsch. Der Strafrechtskurs, von dem ich einige Stunden gesehen habe, ist wirklich sehr gut. Hier wird ein Repetitorium gezeigt, in dem Schritt für Schritt über 160 Stunden Videomaterial das gesamte Strafrecht dargestellt wird. Zielgruppe sind eindeutig Jurastudenten, die sich auf das erste Staatsexamen vorbereiten. Es gibt gleichartig ausführliche Kurse auch in der Medizin, und den kurzen kostenlosen Vorschauen nach sind die ebenfalls von sehr guter Qualität.

Das Preismodell von lecturio.de ist anders, hier zahlt man immer für ein Jahr lang eine Leihgebühr für einen Kurs oder ein Paket. Die Jahresgebühr kann man auch in monatlichen Raten zahlen. Und man kauft nicht eine „Flatrate“ für alle Kurse, sondern immer einzelne Kurse, und die für ein Jahr. Es gibt auch Pakete, wie zum Beispiel das Paket „Medizin Flatrate“ für 1000 € einmalig oder zu Raten von 12*100 € im Monat. Der enthält zum Beispiel 258 Vorträge mit einer Laufzeit von 217 Stunden zu Themen wie „Formale Genetik“, „Redox-Gleichgewichte“ oder „Anatomie: Gehirnentwicklung, Gliederung des Gehirns“… Wer sich auf Lecturio anmeldet bekommt jedenfalls einen Gutschein für einen Vortrag umsonst, praktisch zum Kennenlernen.

Ich glaube, wenn ich mich noch mal auf das dritte Staatsexamen vorbereiten müsste, fände ich so eine Vorlesungssammlung komplett auf Deutsch echt hilfreich. Ich habe zur Vorbereitung auf das dritte Staatsexamen sechs Monate lang jeden Tag in der Uni-Bibliothek gesessen und Fragen aus der Fragensammlung beantwortet. Wenn ich was nicht wußte, hab ich es nachgelesen. Ich glaube nicht, dass man die Zeit hat, noch mal alle Vorlesungen zu sehen. Aber am späten Nachmittag eine Vorlesung zu einem Thema, bei dem man ganz besonders wenige Punkte gemacht hat, anzusehen, das wäre schon cool gewesen…

Ich glaube, dass Wissen einen hohen Wert hat. Daher ist es auch angemessen, Zeit und Geld in den Erwerb von Wissen zu investieren. Je knapper die Zeit ist, desto wertvoller werden gut aufbereitete multimediale, leicht zugängliche Lehrformen.

Welche Erfahrungen hast Du mit bezahlten Online-Kursen? Nutzt Du welche? Hast Du schon mal für einen bezahlt? Würdest Du es wieder tun? Schreib Deine Empfehlungen in die Kommentare!

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Ein Gedanke zu “Lernen ist wie googeln nur krasser

  1. Ich eigne mir auch stets neues Fachwissen an, aber ich ziehe die Fachbücher vor, weil ich das immer wieder nachlesen und neu darüber nachdenken kann. Ich hab so meine Phasen, zuerst Psychologie, dann Literaturwissenschaft, später Pimärliteratur der Hochliteratur, Lerntechniken, Zeitmanagement, IT, einschlägige Fachbücher zu meinen Diagnosen (Zwanghafte Persönlichkeit, Zwänge) und den damit verbundenen Themenbereichen (Arbeitsstörung, Aufschieberitis). Auch Jura interessiert mich sehr, hab einige Gesetzesbücher und Kommentare. Weiter Fremdsprachen, Astronomie. Es wird sicher noch mehr dazukommen, doch muss ich mich wirklich auch bremsen, weil ich eindeutig zu viel Geld von meinem wenigen Geld dafür verwende und dann kaum durchkomme. Wissen kann auch eine Sucht sein, wie ich übrigens auch viel google. Jo, Denken ist wie Googlen. Da gäbe es ja noch die Fachbücher zum Schnelllesen, das soll noch krasser gehen als das Denken selbst! Dicke Wälzer sollen in 5 Minuten durch“gesehen“ im Kopf wie reinkopiert werden. Interessantes Gebiet, aber ich übe noch!

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