Plan like a pilot

von Richard Huber (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

So, zurück aus den Osterferien…

Ich habe schon lange darüber nachgedacht, wie ich den folgenden Gedanken für den blog richtig formuliere.

Es geht um die Frage, ob man eine psychiatrische Therapie oder eine Psychotherapie einfach mal so starten soll, sich an der aktuellen Lage orientieren soll und mal schauen soll, was so kommt, oder ob man sich eines oder mehrere Ziele vornehmen soll und dann die Therapie an der Erreichung dieser Ziele ausrichtet.

Und dann habe ich in dem schon mal empfohlenen Podcast „Beyond the to-do-list“ in dieser Folge den Gedanken gehört, dass Piloten anders planen als die meisten von uns. Darin erzählt Interviewgast Hugh Culver, der ein Unternehmen für Abenteuerreisen in Alaska betreibt, dass er einmal einen seiner Piloten gefragt hat, wie ihm der Job in Alaska gefalle. Er habe erwartet, dass der Pilot so etwas antworte wie: „Immer so schöne Sonnenuntergänge hier, aber sehr kalt“ oder etwas in der Art. Statt dessen habe ihm der Pilot geantwortet: „Um ehrlich zu sein, ich bin 50% der Zeit vom Kurs ab.“ Im folgenden Gespräch sei Culver erst so richtig klar geworden, dass Piloten ihre Handlungen immer 100-prozentig am Ziel ausrichten: Dem Flughafen, auf dem sie landen werden. Piloten fliegen nicht zum Sightseeing (und selbst wenn sie das tun, fliegen sie von einem vorher festgelegten Ziel zum nächsten). Piloten fliegen einfach zu einem bestimmten Flughafen. Der Weg dorthin kann aufgrund von unerwarteten Wetterfronten, technischen Problemen und allerlei Widrigkeiten immer mal wieder einer Änderung bedürfen. Aber das Ziel bleibt gleich und dient nach jeder Veränderung wieder zur neuen Ausrichtung.

Bei manchen psychiatrischen Therapien und Psychotherapien habe ich das Gefühl, der Therapeut lässt sich ganz gerne einfach so dahintreiben, wie in einem Heißluftballon. Er fragt zu Beginn jeder Stunde einfach den Patienten, wie es ihm geht, und reagiert dann darauf. So kann man viele Monate verbringen, ohne auch nur ein einziges Ziel zu formulieren, darauf zu zu steuern oder gar, es zu erreichen. Aber es ist auch irgendwie entspannender, chilliger, so vorzugehen. Leider entspricht das nicht dem vorgesehenen Zweck einer von der Kasse bezahlten Therapie.

Bei Psychotherapien hat man die Zeit und wenn der Patient aufmerksam ist auch die Notwendigkeit, darüber zu sprechen, ob man sich bestimmte, benennbare Ziele vornimmt. Das ist ein wesentlicher Teil der Therapie: Klarheit darüber entwickeln, was man eigentlich will. Und dann im zweiten Schritt darüber nachdenken, wie man da hin kommt. Und dann bestimmte zielführende Instrumente anwenden, um da hin zu kommen. Einfach mal „Biografiearbeit“, „Arbeit mit dem inneren Kind“, „emphatische Gefühlsvalidierung nach Rogers“ oder etwas anderes zu machen, nur, weil der Therapeut das immer macht, und irgendwie dabei schon was ganz Wichtiges rauskommen wird, bedeutet eben, sich in den Heißluft-Ballon zu setzen. Klar, das kann auch schön sein, und da kann man auch mal an einem schönen Ort landen. Aber es ist schon etwas anderes, als wenn man zu einem bestimmten Ziel fliegt.

In der stationären psychiatrischen Therapie gibt es diese Gefahr auch. Man nimmt den Patienten einfach mal „zur Krisenintervention“ auf, mit dem Therapieziel der „Stabilisierung“. Dann geht´s ab in den Heißluftballon. Ergo, Sport, Depressionsgruppe, wird schon irgendwie helfen. Guten Flug.

Als Pilot kennt man sehr präzise seinen Zielflughafen. Sonst stirbt man nämlich möglicherweise. Und für die Therapie ist es meiner Meinung nach eben auch erforderlich, sich von Anfang an klar zu machen: Wo will der Patient eigentlich hin? Und dann kann man auswählen, was dafür erforderlich ist. Gespräche mit der Familie, Arbeitstherapie, um zu sehen, ob der aktuelle Arbeitsplatz wieder möglich ist, Betreutes Wohnen erwägen, was auch immer dient, das Ziel zu erreichen.

Also: Fragt Euch bei den nächsten Therapien mal, ob ihr Ballon fahrt oder fliegt. Fliegen hat nämlich eine Richtung. Den Zielflughafen, auf dem ihr landen wollt.

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16 Gedanken zu “Plan like a pilot

  1. Wie wahr, wie wahr…
    Ich bin schon mit einigen Heißluftballonpiloten da hin geflogen, wo sie hinwollten. Und hab mich gewundert, wo ich gelandet bin – meist bei neuen Problemen, also wieder rauf in die Luftfahrt. Mein Gott, was muss ich gestört sein, wenn sich nach jedem Flug ein neuer Abgrund auftut.
    Wie treffend die Beschreibung des Arztes oder Therapeuten, der mal fragt, wie es geht und dann lossegelt – so wie er es ins einer Ausbildungsschule halt gelernt hat.
    Wo ich hin wollte, hat mich kaum einer gefragt. Am schlimmsten ist das in der Psychiatrie, denn wenn die Medis erst mal drin sind, kann man als Patient nicht mehr so sehr viel an der Richtung ändern. Und dass es Ergo und Sport – und eben die Chemie – schon irgendwie richten werden, tja, diese Einstellung hab ich auch erlebt. Was wenn sie es nicht richten? Bleibt noch EKT? Nein danke!
    Das Schlimme ist, dass man, wenn es einem schlecht geht, in jeden Fesselballon steigt und gar nicht in der Lage ist, eine Zielvorgabe, außer „ich will dass es mir besser geht“ zu formulieren. Da müsste dann der Therapeut darauf drängen.
    Ja ja, müsste, sollte usw.
    Es liegt sehr viel im Argen im Psychogeschäft…
    Es ist gut zu wissen, dass es auch Piloten in diesem Metier gibt.
    Danke für den Artikel.

  2. Ja und Nein.
    Für die Klinik gebe ich dir Recht, schon allein wegen der begrenzten Zeit. Bei ambulanten Therapien ist das so eine Sache. Da kommt oft was ganz anderes raus als ursprünglich angesteuert. Und oft ist das auch gut so. Wenn ich nur dran denke, wie viele Patienten mit Therapiezielen kommen, die exakt ihrer neurotischen Fehlhaltung entsprechen und schlicht „mehr desselben“ bedeuten würden. Also noch mehr Leistung, noch besser funktionieren und so fort.
    Oft sind es ja gerade die bisherigen Ziele und Ausrichtungen, die hinterfragt werden müssen.
    Nach meiner Erfahrung geht es gar nicht so sehr darum, chillig im Ballon zu treiben als vielmehr den Mut zu haben, mit unbekanntem Ziel aufzubrechen. Wie im Mythos von der Nachtmeerfahrt. Nach einiger Zeit erkennt man dann schon, was Gestade sein könnten, auf die es sich lohnt zuzusteuern. Aber eben erst nach einiger Zeit.
    Oder um es mit Konstantin Wecker zu sagen:
    „Hab die Schnauze voll von Zielen, will mich erst mal suchen gehn.“

    Herzliche Grüße

    Peter

  3. ich kann mich aus persönlicher erfahrung ganz und gar dem vorredner anschliessen. ich bin in meiner ambulanten therapie so mutig geworden, mich auf eine ziellosigkeit einzulassen und finde es ganz und gar nicht chillig. eher beängstigend die kontrolle aufzugeben. und die dinge die auftauchen haben es in sich. die ziele die ich vorher hatte, habe ich schmerzhaft loslassen müssen, da ich erkannte, dass sie unrealistisch waren. es gibt neue. aber die sind sehr unkonkret und beinhalten eher so etwas wie, dass „jetzt“ annehmen wie es ist. und ich erlebe damit auch, dass sich alles darum herum zu fügen beginnt. von alleine zu mir kommt.

  4. Ich wurde in der ambulanten Therapie am Anfang nach meinem Ziel gefragt und später wurde es auch immer nochmal angesprochen, bzw. ein Resume gezogen.

    Ich denke es gibt da verschiedene Ursachen und Motivationen für Zielsetzungen, einmal wenn man ein recht klares Problem hat, damit die Widrigkeiten und das was man erreichen will vollkommen klar ist und somit auch die Ballonfahrt in ruhigeren Gefilden stattfindet.

    Dann gibt es Ziele die man im Kopf hat, die aber nur erreicht werden können wenn man durch den Sturm fährt, unbekannte Gefilde durchfliegt und sehr oft landet.
    Das ist ein Problem, für die Umsetzung der Ziele.
    Besonders wenn es durchaus offensichtliche Probleme und Ziele gibt, aber andererseits so viel in einem schlummert, was erst heraus muss bevor man direkten Kurs aufnehmen kann.
    Ich habe es bis heute nicht geschafft meine Ziele zu erreichen, das liegt wohl daran das es wahnsinnig viel gibt über das ich nicht wirklich reden kann und der Ballon sehr oft auch dort landen muss wo es nicht vorgesehen war, da plötzlich etwas zum Thema wird was Anfangs überhaupt nicht auf dem Plan stand, aber trotzdem sehr wichtig ist, wichtiger als das ursprüngliche Ziel konsequent zu verfolgen.
    Ich denke bei sehr umfangreichen, verdrängten und komplizierten Lebenschroniken ist es gar nicht machbar das ein Ziel definiert und erreicht wird, das dann auch von Bestand ist, da immer neue Erkenntnisse hinzukommen und es oft sinnvoller ist das Erreichen von Etappen ins Auge zu fassen, die Ziele in bestimmten Abstände neu zu definieren, als ein unabänderliches Gesamtziel.
    Manchmal hat man am Ende einer Therapie nichts erreicht, wenn man die Anfangsziele betrachtet und dennoch andere Dinge erreicht die vorher nicht zur Debatte standen und von denen der Therapeut auch nicht immer etwas mitbekommt. Es ist das eigene Denken und die Herangehensweise an bestimmte Altlasten, was sich verändert und oftmals kommt das erst sehr lange Zeit nach einer Therapie zum Tragen.

    Ich glaube wenn viel im Verborgenen liegt und auch in der Therapie erst mal nicht deutlich artikuliert werden kann, ist eher der Weg das Ziel, die Annäherung an bestimmte Themen, auch wenn man sie nicht so aufarbeiten kann wie es von den Krankenkassen vorgegeben ist.
    Es hilft aber trotzdem weiter, eine Therapie zu machen und dadurch ein paar Schritte voran zu kommen, auch wenn das nicht ein ideales Ergebnis bringt, so lernt man dadurch doch viel. Es bewirkt einiges im eigenen Denken was einem selber, trotz des nicht Erreichens des Ziels, sehr viel weiter hilft und worauf auch spätere Therapien aufbauen können.
    So kann man also nicht davon sprechen das die Therapie versagt hat, weil die Ziele nicht konsequent erreicht wurden, sondern eher das sie etwas bewirken kann obwohl man Ziele nicht erreicht und dies auch zu weiteren Therapieformen führen kann, die einen dann noch etwas näher an ein (neues?) Ziel bringen können.

    Es ist doch nicht das Schlechteste, wenn man zum gelobten Land aufbricht und anstatt dies zu erreichen erst mal an einem Ort landet der zwar nicht alle Probleme auflöst, aber zumindest das ein oder andere etwas leichter macht.
    Ist der große Pluspunkt einer ambulanten Therapie nicht der das sie sich sehr flexibel gestalten kann und auf Veränderungen eingeht, anstatt weiter starr auf den ursprünglichen, vielleicht schon überholten, Zielpunkt hin zusteuern?

    In der Klinik wurde ich noch nie nach einem Ziel gefragt, ich wurde noch nicht einmal in die Ziele einer Therapie mit eingebunden. Medikamentös kam es mir eher vor wie: friss oder stirb“.
    Wenn ich das Medikament anzweifelte oder NW beklagte wurde das als nicht möglich abgetan und es gab auch keinen Willen etwas darauf einzugehen, dort wurde einfach das Ziel und der Plan der Klinik durchgesetzt. Am Ende bliebt nur Klappe halten und schlucken, oder selber entlassen.
    Da ist mir eine Psychotherapie, die zwar nicht zum Ziel kommt weil der Therapeut auch auf Neues eingeht aber trotzdem einige Hindernisse bewältigt werden, wesentlich lieber, als ein stationärer Aufenthalt der nur dazu dient das in den Patienten hineinzubringen was erfahrungsgemäß hilft, ganz gleich wie sich der Patient dabei fühlt.
    Nach dem Motto: Das hat schon so oft funktioniert, der muss das so machen und nicht anders.“.

  5. Hat dies auf meinwegmitborderline rebloggt und kommentierte:
    Habe den Artikel gelesen und fand ihn sehr interessant. Er regt zum Nachdenken an.
    Manchmal oder sogar oft habe ich das Gefühl, das ich in einer Ballonfahrt “sitze” – mir scheint alles so unüberschaubar. Es fühlt sich beängstigend an. Inzwischen versuche ich “umzusteigen”. Ich will in kein Langstreckenflugzeug. Das Ziel kenne ich nicht. Nein ich will in ein “Segelflieger” – kleine überschaubare Ziele. Sei es ein Konflikt mit meiner Tochter bearbeiten, mit meinem Mann oder auf Arbeit. Das hilft mir mich zu stabilisieren. Alles andere ist zu hoch gegriffen und macht Angst!

      • Feynman hat den Begriff der Cargo-Kult-Wissenschaft erfunden. Die Backstory sind Bewohner der Samoainseln, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs »Landebahnen« gebaut haben, um Flugzeuge der Amerikaner anzulocken (von deren Ladungen oft etwas für die Bewohner abgefallen ist).

        Sie haben gewissermaßen alles richtig gemacht (korrekte Beobachtung, dass Landebahnen etwas mit Flugzeugen zu tun haben, prinzipiell richtige Methodik), aber sie haben etwas ganz wesentliches übersehen, denn die Flugzeuge sind einfach nicht gelandet.

        Cargo-Kult-Psychotherapie verwendet also die Insignien moderner Psychotherapie (professionelles Verhältnis, Gesprächstechnik, diverse Methoden), aber sie vergisst, wozu sie eigentlich da ist: Menschen bei meist recht konkreten Problemen zu helfen.

  6. ich kenne mich zwar mit Psychotherapie überhaupt nicht aus, aber die Umschreibung des Piloten finde ich toll. Mein Nickname entstand eigentlich ganz anders, aber die Umschreibung zeigt, wie sehr mein Nickname doch zu mir und meinem Hauptthema des Blogs passt. 🙂

  7. Keine falsche Intention, die der Artikel verfolgt. Natürlich sollte man sich immer fragen, wo denn der Weg hinführen soll. Und was der Therapeut dazu beitragen kann. Und oft genug finde ich die Ratschläge meines Therapeuten für ganz konkrete Ziele (wie kriege ich die Arbeitsstelle, die ich mir wünsche; wie gehe ich mit kritischen Situationen um) durchaus nicht so fürchterlich hilfreich.

    Aber – vielleicht kommt es darauf an? – er hilft mir, erst mal etwas über die Ziele rauszukriegen. Sind es denn wirklich meine Ziele? Lebe ich mein eigenes Leben? Tu ich denn tatsächlich das, was ich möchte?

    Insofern halte ich es für richtig, Therapie in mancher Hinsicht auch mal „offen“ zu gestalten. „Fliegen lernen“ (Von der HP des Therapeuten geklaut). Passt ja hier auch 😉

    In anderen Fällen mag es absolut richtig sein, ganz klare Ziele zu formulieren, wie Stabilsierung des Patienten, Verhinderung von „Katastrophen“ usw.

    Um beim Vergleich zu bleiben: Piloten müssen auch erst mal zu lernen, wie man fliegt.

    Und ist das nicht der Problem aller Wie-auch-immmer-Therapiebedürftigen:
    Zu lernen, wie man (richtig) lebt?

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