Psychogene Polydipsie und Zönästhesien?

Bild: Alf van Beem (Eigenes Werk) [CC0], via Wikimedia Commons

Der junge Patient Hr. A. leidet schon seit vielen Jahren unter einer Psychose mit verschiedenen Wahninhalten. Er ist mit Risperdal-Consta seit einigen Monaten recht stabil eingestellt. Doch in den letzten Wochen hat sich sein Verhalten dramatisch verändert. Er berichtete, dass er das Gefühl habe, sein Körper „brenne innerlich“, er trank daher in den letzten Wochen immer mehr Limonade, aß Wassereiß in großer Menge, um „den Brand zu lindern“. Er fühlte sich zunehmend schlecht und kraftlos. Schließlich wurde er in ein Krankenhaus eingeliefert.

Wie lautete die Diagnose? Psychogene Polydipsie und Zönästhesien?

Natürlich nicht. Der bei Aufnahme gemessene Blutzucker betrug 612 mg/dl. Der Patient stand kurz vor dem hyperglykämischen Koma. Eine Einstellung auf Insulin brachte zügige Besserung. Er hatte schlicht und ergreifend die Erstmanifestation eines Diabetes mellitus erlitten.

Zur Erinnerung: Beim Diabetes kann der Zucker nicht mehr richtig aus dem Blut in die Zellen aufgenommen werden. Sobald der Blutzucker auf über 180 mg/dl steigt, wird die Glucose mit dem Urin ausgeschieden, und zwar mit viel Flüssigkeit. Das typische Symptom des Diabetes ist daher, dass die Patienten bis zu 10 Litern Wasser oder noch typischer Limonade trinken. Das ist keine Polydipsie, das ist einfach Pathophysiologie.

Unklar ist, ob das Neuroleptikum Risperidon an der Verursachung des Diabetes beteiligt gewesen sein kann. Von Olanzapin ist so ein Zusammenhang bekannt, von Risperidon nicht.

Advertisements

3 Gedanken zu “Psychogene Polydipsie und Zönästhesien?

  1. Super, dass in diesem Fall der Patient ernst genommen wurde. Wenn er Pech gehabt hätte, hätte man ihm das Neuroleptikum erhöht und mit „Alles psychisch!“ wieder nach Hause geschickt. Ich verschweige meine psychische Erkrankung für gewöhnlich, ich möchte gerne ohne Vorurteil untersucht werden.
    Hat das Risperidon zu Gewichtszunahme geführt, kann es zumindest indirekt am Diabetes beteiligt sein.

  2. Natürlich sind Hyperglykämien und Diabetes-Erstmanifestationen auch unter anderen Antipsychotika, insbesondere (!) Risperidon bekannt, auch unabhängig von einer Gewichtszunahme. Ein Blick in den Benkert/Hippius hätte gereicht.
    So wie sich hier die “kleinen“ Fehler häufen, frage ich mich langsam, ist der Blogautor wirklich Psychiater?

    • Richtig, in der Fachinfo von Risperidon wird als seltene Nebenwirkung auf die Entwicklung eines Diabetes hingewiesen. Danke für den Hinweis.
      Welche anderen „Kleinen Fehler“ sind Ihnen in meinem Blog aufgefallen? Ich würde sie gerne korrigieren…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s