Hat das Händeschütteln im Krankenhaus eine Zukunft?

Seit einigen Tagen will ich einen post schreiben, der da sagen will:

Dieses Händeschütteln bei den Visiten im Krankenhaus hat keine Zukunft. Da überträgt man nur unnötig Krankenhauskeime. Händeschütteln und dann die Hände desinfizieren ist auch etwas anstrengend. Es reicht doch ein netter Gruß ohne das Händeschütteln.

Tatsächlich werden ziemlich viele Krankheitserreger im Krankenhaus eben gerade über nicht gründlich desinfizierte Hände übertragen. Es ist zwar im normalen Leben in Europa üblich und höflich, sich zur Begrüßung die Hände zu schütteln, aber das ist ja kein Grund, das im Krankenhaus auch zu machen. Wenn man dadurch wirklich Infektionen verhindern kann, sollte man es konsequent abschaffen. Ich selbst mache es so:

  • Wenn ich erkältet bin, schüttel ich niemandem die Hände.
  • Wenn ich nicht erkältet bin, gebe ich bei der Visite jedem Patienten die Hand und desinfiziere sie mir nach jedem Patienten. Und denke mir immer wieder: In zehn Jahren macht das im Krankenhaus keiner mehr.

Heute allerdings habe ich einem Patienten, von dem ich nicht dachte, dass er eine Infektion hat, und der selbst auch keine Beschwerden klagte, die Hand geschüttelt. Und siehe da: Ich hatte den Eindruck, er hätte eine leicht erhöhte Temperatur. Das wäre mir entgangen, wenn ich mich lediglich auf japanische Art höflich vor ihm verbeugt hätte. Hat das Händeschütteln im Krankenhaus also doch eine Zukunft? Wie denkt ihr darüber? Sollte man sich bei der Visite die Hand geben? Oder würdet ihr lieber darauf verzichten, unter der Vorstellung, dass man so die Verbreitung von Krankheiten eindämmen kann. Schreibt eure Gedanken in die Kommentare!

Die Choreografie des psychiatrischen Gespräches

Wir Psychiater definieren uns traditionell stark über das gesprochene Wort. Was wir im Dialog, im Psychotherapiegespräch, im Visitengespräch besprechen, welche Worte wir sagen, welche Worte wir hören, das macht den Kern der Interaktion aus; hierin liegt das Wesen unserer Beziehungsgestaltung, unserer Wirksamkeit und unserer Therapie.

Auch wichtig sind natürlich die konkreten Handlungen, die wir durchführen. In der Psychotherapie können wir zum Beispiel den Patienten auffordern, zuhause eine bestimmte Verhaltensübung durchzuführen. Aktiver zeigen wir uns in der Visite im Rahmen einer stationären Therapie. Hier ordnen wir Untersuchungen wie Blutentnahmen an, verordnen Medikamente, besprechen, an welchen Therapiegruppen ein Patient teilnimmt und vereinbaren die Rahmenbedingungen der Behandlung, wie etwa die Behandlungsdauer oder die Ausgangsregelungen am Wochenende.

Bei allen menschlichen Kontakten, und natürlich auch bei allen psychotherapeutischen oder psychiatrischen Gesprächen, spielt dabei ein Faktor eine ungemein große Rolle, ohne dass dieser Faktor je viel besprochen oder reflektiert wird. Ich kenne nicht einmal einen treffenden Fachbegriff dafür. In Ermangelung eines besseren Wortes nenne ich diesen Faktor die Choreografie des Kontaktes.

Da ich selbst überwiegend im stationären Setting arbeite, gestalte und beobachte ich am häufigsten Aufnahmegespräche und Visitengespräche. In beiden Fällen sind typischerweise mehrere Mitarbeiter des Krankenhauses und ein Patient, manchmal ein bis zwei Angehörige dabei.

Ton aus!

Vielleicht liegt es daran, dass ich öfters gehörlose Patienten behandele. Vielleicht liegt es daran, dass ich manchmal einen Film im Fernsehen 20 Minuten lang ohne Ton sehe und mich wundere, dass ich praktisch keinen Zweifel daran habe, alle wesentlichen Handlungsstränge verstanden zu haben. Wir denken so oft, in den Worten der Dialoge liegt so viel Information. Macht mal den Versuch, beim Fernsehen den Ton auszuschalten. Es geht etwas verloren. Aber es bleibt sehr viel vorhanden. Die Beziehung der Akteure untereinander und die wesentlichen Handlungsstränge vermitteln sich vollständig aus der Choreografie der Beteiligten. Und so überlege ich mir manchmal, wie ein Gespräch wirken würde, wenn man den Ton ausschaltete. (Was natürlich anders ist als die Kommunikation mit einem gehörlosen Patienten. Da schreibe ich ja Worte auf ein Blatt oder er liest Worte von meinen Lippen ab. Ich meine wirklich das Gespräch mit einem Menschen ohne das Gespräch).

Das Aufnahmegespräch

Der angespannte Patient

  • Der mit Abstand wichtigste Faktor beim Aufnahmegespräch ist die Anzahl der gleichzeitig anwesenden Mitarbeiter. Hier gibt es ja eine weite Spanne. Viele Aufnahmegespräche werden mit einem Patienten und einem Mitarbeiter geführt. Aber ich habe auch schon Gespräche geführt mit einem Patienten, vier Polizisten, zwei Rettungsassistenten, vier Krankenpflegern, zwei Assistenzärzten und mir als dreizehntem Mitarbeiter. Ich sage nicht, das das schlecht ist. Wenn es erforderlich ist, um sichere Behandlungsbedingungen zu schaffen, ist es richtig. Aber es prägt ein wenig die Gesprächsatmosphäre…
  • Der aufnehmende Arzt kann im Gespräch stehen oder sitzen. Wenn der Arzt steht, signalisiert er, dass er eine unmittelbare Handlungsbereitschaft für erforderlich hält, und dies deutet auf Gefahr hin. Wenn der Situation eine Gefährdung innewohnt, ist es angemessen, mit mehreren Mitarbeitern zusammen das Gespräch zu führen und zu stehen.
  • Wenn Patient und Arzt im Aufnahmegespräch stehen, und typischerweise noch einige andere Mitarbeiter im gleichen Raum sind, ist es meiner Erfahrung nach sehr hilfreich, wenn der Arzt ruhig auf einer Stelle stehen bleibt. Angespannte und agitierte Patienten laufen oft unruhig im Zimmer auf und ab. Es hilft aber in der Regel, wenn der Arzt nicht immer hinterherläuft, sondern wie angewurzelt stehen bleibt. Die einzige Ausnahme von dieser Regel ist, dass es Situationen gibt, in denen ein Sicherheitsabstand von einer Armeslänge einzuhalten ist. Unterschreitet der Patient diesen und besteht die Gefahr eines Übergriffes, muss der Arzt zurückweichen.
  • Manchmal ist es möglich, dass alle anderen Mitarbeiter stehen, der gesprächsführende Mitarbeiter aber sitzt.

Der nicht angespannte Patient

  • Geht von einem Patienten im Aufnahmegespräch keine akute Gefahr aus, und das ist ja die Regel, dann signalisiert ein stehender Arzt, dass er nur eine erste Sichtung vornimmt und das eigentliche Aufnahmegespräch noch folgt, ganz egal, wie lange er mit dem Patienten spricht. Ein fünf-minütiges Gespräch im Sitzen wird viel eher als richtiges Aufnahmegespräch erlebt als ein zehn-minütiges Gespräch, bei dem der Patient auf seinem Bett sitzt und der Arzt davor steht.
  • Die Verteilung der Mitarbeiter im Raum: Sitzen Arzt, Krankenschwester, Sozialarbeiter und Patient gemeinsam an einem Tisch, oder ist der Arzt dem Patienten gegenüber und die anderen sitzen auf Untersuchungsliegen, hinter Schreibtischen vor Computern oder stehen an der Gardine? Dies wirkt sich natürlich auf den Eindruck aus, den der Patient von der inneren Mechanik des Behandlungsteams hat.

Das Visitengespräch

Die Visite im Patientenzimmer

In der Somatik gehen die Ärzte immer von Bett zu Bett. In der Psychiatrie wird das manchmal auf geschlossenen Stationen so gemacht, auf offenen Stationen ist es seltener. Dabei sieht man durch einen Besuch im Zimmer einiges vom aktuellen Verhalten und Leben des Patienten, das man bei einer Visite im Visitenzimmer oder Arztzimmer verpasst. Man hat auch das Ende des Gespräches besser in der Hand. Und die Patienten müssen nicht vor einem Zimmer sitzen und teils recht lange warten. Aber natürlich bricht man auch mehr in die Privatsphäre der Patienten ein.

Die Visite im Visitenzimmer

Ist der Regelfall. Hier gibt es verschiedene Sitzordnungen, die unterschiedliche Signale geben.

  • Der gesprächsführende Arzt sitzt vor einem aufgeklappten Laptop, dahinter der Patient. Ist häufig und manchmal sehr praktisch. Ich mache das auch manchmal. Dieses Vorgehen ist unschlagbar effizient, wenn ich gleichzeitig sprechen und dokumentieren will, zum Beispiel, wenn ich eine Anamnese erhebe. In solchen Fällen wird es von den Patienten auch nicht als störend erlebt. Es ist klar, dass ich mir dadurch den Gesprächteil „1998 haben Sie in Gütersloh eine Ausbildung zum Feingerätemechaniker mit Diplom abgeschlossen“ so nicht merken muss und nachher nichts verwechsele. Aber es ist auch klar, dass ich das Gespräch führe, um diese Dokumentation zu erstellen. Der Patient ist dann der Informant. Beim normalen Visitengespräch wirkt der aufgeklappte Laptopdeckel eher wie das Schutzschild eines Ritters. Und ich frage mich manchmal, was der Patient wohl denkt, was wir da immer so schreiben. Ich meine, wir könnten unsere Facebook-Seite offen haben! Für die Visite ist es meiner Meinung nach zu bevorzugen, man hat den Laptop im 90-Grad-Winkel neben sich, zum Beispiel auf einem Beistelltisch. Oder man schiebt ihn zur Seite, wenn man ihn nicht braucht. Bei jedem Patientenwechsel kann man ihn dann ja wieder zu sich ziehen, um zu dokumentieren. Wenn der Laptop seitlich von einem steht, kann man zur Not einen Blutwert nachgucken, und der Patient sieht, dass auf dem Bildschirm nichts Geheimes steht, sondern eben diese Blutwerte. Man kann sie ihm so auch gleich am Bildschirm zeigen.
  • Der gesprächsführende Arzt kann dem Patienten direkt gegenüber sitzen. Etwas konfrontativ.
  • Der gesprächsführende Arzt kann dem Patienten diagonal gegenüber sitzen, so dass zum Beispiel ein anderer Mitarbeiter dem Patienten direkt gegenüber sitz, ein weiterer Mitarbeiter vielleicht neben dem Patienten sitzt. Das ist recht entspannt.
  • Wenn es keinen Tisch gibt, setzt man sich praktisch nie direkt gegenüber, sondern immer leicht angewinkelt zueinander. Das ist praktisch immer angenehmer.

Achtsamkeitsübung Nummer 482

Es gibt beim menschlichen Kontakt allgemein und beim therapeutischen Kontakt speziell kaum je eine richtige oder eine falsche Choreografie. Aber die Choreografie vermittelt sehr viel über die Beziehung der Akteure. Ich möchte euch anregen, euch beim nächsten Kontakt mal vorzustellen, der Ton wäre aus. Vermittelt die Situation die Beziehung so, wie ihr sie gestalten wollt?

Welche Erfahrungen habt ihr mit Aufnahmegesprächen und Visiten gemacht? Wie hat das Setting auf euch gewirkt? Schreibt eure Wahrnehmungen in die Kommentare!