Suizidalität und Antidepressiva oder Wie man das Kind mit dem Bade ausschütten kann…

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Prof. Gründer hat in seinem wie immer extrem lesenswerten mind-and-brain-blog in diesem post einen Artikel verlinkt, den er im Nervenarzt geschrieben hat und den man dort direkt als PDF im Volltext kostenlos laden kann. Der Artikel beschreibt in sehr differenzierter und nachvollziehbarer Weise, wie die Diskussion über eine Zunahme suizidaler Gedanken sich in den letzten 15 Jahren entwickelt hat und was aktuell der evidenzbasierte Stand der Dinge ist.

Klinisch gilt es als typisch, dass Patienten in den ersten Wochen einer antidepressiven Medikation unter einer Zunahme von Unruhe und Getriebenheit leiden können. Diese Getriebenheit trifft auf eine Zeit, in der die depressiven Symptome wie reduzierte Lebensfreude, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung noch voll ausgeprägt sein können. In dieser Zeit ist daher ganz besonders genau zu prüfen, ob suizidale Gedanken zunehmen und eine konkrete Gefährdung entsteht.

Die diesbezüglichen Studien haben eine besonders hohe Gefahr für Jugendliche gefunden; über die Jahre hinweg gab es unterschiedliche Warnungen für unterschiedliche Altersgruppen.

Viele Kritiker der Psychopharmakotherapie haben diese Diskussion dann zum Ausgangspunkt genommen, die SSRI für die Behandlung von Depressionen ganz zu verteufeln. Das ist zwar irgendwie verständlich, damit schüttet man aber das Kind mit dem Bade aus.

Meine persönliche Einschätzung:

Ich persönlich habe keinen Zweifel daran, dass durch die Behandlung schwerer Depressionen mit einem SSRI die der Krankheit innewohnende Gefahr eines vollendeten Suizids wesentlich reduziert werden kann. Diese Reduktion ist meiner Einschätzung nach wesentlich größer als die Gefahr, die durch die Verstärkung suizidaler Gedanken durch die Medikation ausgehen könnte. Eine engmaschige Einschätzung der Suizidalität ist daher mit und ohne Psychopharmakotherapie äußerst wichtig.

Wer sich nicht auf die persönlichen Einschätzungen Einzelner verlassen möchte, findet im von Prof. Gründer verlinkten Artikel eine sehr genaue Darstellung der aktuellen Evidenz, deren Lektüre ich jedem an diesem Thema Interessierten sehr ans Herz legen möchte.

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4 Gedanken zu “Suizidalität und Antidepressiva oder Wie man das Kind mit dem Bade ausschütten kann…

  1. Oder gäbe es die Möglichkeit, zum Beispiel mit Valproat anzufangen, und erst nach 3 Wochen dann mit Antidepressiva?

    Oder die ersten 10 Tage erstmal angstlösende und beim Schlaf helfende Antidepressiva (z.B. Amitriptylin, Opipramol) und dann erst mit SSRI/SNRI anfangen?

    Während, das dauert ja noch länger, bis man die volle Wirkungsentfaltung hat, wenn man erstmal wartet, bevor man noch SSRI dazu verschreibt.

  2. Der Sänger Del Shannon, welcher sich 1990, kurz nach der ersten Einnahme von Prozac (also Fuoxetin) umbrachte, ist eines der wenigen prominenten Opfer.
    Bemerkenswert ist, dass Shannon zeitlebens immer wieder depressive Phasen erlebte und erst nach der Gabe von Prozac der Suizid folge.

  3. Gibt es eigentlich auch Studien und Erkenntnisse zum Thema Neuroleptika & Suizidalität ? Da hört man wenig von.

    Hier was von 1977 „Bedenklich stimmten damals beispielsweise die Ergebnisse einer Studie von Peter Müller (Göttingen), nach der mehr Patienten wegen Suizidversuchen als wegen den Wiederauftretens von Psychosesymptomen“
    hier zitiert: http://www.finzen.ch/Finzen/Veroffentlichungen_im_Netz_files/Der_Zeitgeist_ist_nicht_doppelblind.pdf

    Damals waren hohe Dosierungen von Neuroleptika üblich, häufig von Typischen. Heute sind niedrigere Dosierungen üblich, aber das Problem der durch Neuroleptika stark verminderten Lebensqualität besteht weiterhin. Und der Suizidalität. (Pharmakogene Anhedonie und das für Neuroleptika typische hohle leere Gefühl der Sinnlosigkeit könnten da beitragen? Oder Akathisie?)

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