Die Visitentücher

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Wenn ich auf eine Station komme, um dort Visite zu machen, ist das Zimmer meist gut vorbereitet. Der Tisch steht an der richtigen Stelle, umrundet von der genau passenden Zahl an Stühlen, und der Tisch ist leer geräumt.

Fast leer.

Denn irgendwie findet sich immer wieder so eine scheinbar unausrottbare Tücher-Box auf dem Visiten-Tisch, zum Beispiel hier diese „Labor- und Hygiene-Tücher“. Offenbar denken die Vorbereitenden, dass man mit so einer Box auf dem Tisch gut gerüstet ist, wenn einem Patienten mal die Tränen kommen.

Ich selbst räume diese Tücher-Box immer als erstes an eine nahe gelegene, aber unauffällige Stelle weg. Die Visite soll doch positiv sein, Fragen beantworten und den Blick nach vorne frei machen. Natürlich darf jeder Patient in der Visite auch weinen, und mich stört das nicht, mich befremdet das nicht, mich irritiert das nicht, mich ärgert das nicht und ich finde das völlig in Ordnung. Aber ich strebe es ja nicht an.

Und wenn ich die unausrottbaren „Visitentücher“ dann doch mal brauche, habe ich sie schnell griffbereit…

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8 Gedanken zu “Die Visitentücher

  1. Wenn das das einzige Problem einer bundesdeutschen Psychiatrie wäre, wäre die Welt in Ordnung!
    Psychiatrie hat noch keinem geholfen, außer dem Psychiater und der Pharmaindustrie.

  2. Also ich finde es schon gut, dass diese in der Tat unverwüstlichen Boxen in Griffnähe herumstehen. Ich habe leider jüngst die Erfahrung machen müssen, dass es auch Psychiater gibt, die vollkommen unvorbereitet in eine solche Situation hineingehen. Und ich empfand es als sehr belastend, dass der Person, die im Rahmen einer Gruppentherapie zu weinen begann, nicht direkt ein Taschentuch gereicht werden konnte.

    @NaVi: Tut mir leid, dass du scheinbar schlechte Erfahrungen gemacht hast!

    • Manchmal tut es gut erst einmal weinen zu können und zu dürfen. Dann ist es gut wenn Tränen fließen, auch wenn es für Außenstehenden schwer auszuhalten ist.
      Ein Taschentuch ist ja nicht nur Signal für Trost und Beistand (den man auch anders ausdrücken kann) sondern auch für „weinen beenden“.

  3. Ich finde eine Box an dieser Stelle ziemlich befremdlich, wenn sie aus dem Fokus geräumt wird und einfach abseits steht ist das besser.

  4. Bei mir steht sie auch nicht auf dem Schreibtisch, sie erzeugt eine schlechte Stimmung und hat ein wenig Aufforderungscharakter. Wenn Tränen kommen, ist sie immer griffbereit.

  5. oder ein Buch von Peter Teuschel bei Schattauer, ganz zufällig aufm Tisch liegengelassen…;-)

  6. ach so, so eine Box hat mein ambulanter Psychiater auch immer auf seinem Tisch rumstehen. Habe ich nur mal gebraucht, um was aufzuwischen.

    Da stehen immer Medikamenten-Namen drauf auf den Boxen, ich müsste mal darauf achten, welche das sind. Das letzte Mal was Trevilor (Venlafaxin), glaube ich. Es war aber auch schon mal Olanzapin dabei.

    Was mich im Zimmer meines Arztes aber mehr stört, sind die ständigen Werbegeschenke, Kugelschreiber, Kalender, eben diese Tücherboxen, Maus-Pad, was weiß ich noch.

    Ich halte ihn nicht für ein Pharmareferenten-Opfer, bestimmt nicht.

    Aber ich kriege da irgendwie einen Placebo-Effekt, wenn ich was aus eigener Erfahrung kenne,
    und manche Psychopharmaka können echt scheußliche Drogen sein….. (NL, brrrrr)

    (Vielleicht sollte er Tetrazepam-Werbung haben, wenn ich komme, da würde ich mich schon relaxt fühlen…..

    Oder die Wohlfühl-Euphorie bei Targin, auch nicht verkehrt…….

    aber Venlafaxin ist auch schon nicht verkehrt, anregend……. Trevilor-Werbung war da schon nicht verkehrt

    aber bitte noch einen Kaffee und einen Kakao in echt, Placebo ist nicht alles 😀

    )

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