Slow parenting

Eigentlich leide ich nicht unter dem Zwang, jedes neue amerikanische buzz-word gleich auf meinem blog posten zu müssen. Aber da unser Wortschatz bekanntlich die Grenzen unseres Denkens bestimmt, mache ich für slow parenting gerne mal eine Ausnahme.

Das Problem ist ja mehr als bekannt: Die 8-jährige Valentina hat Terminstreß, weil zwischen dem Geigenunterricht donnerstags nachmittags und der Turnstunde donnerstags abends nur 45 Minuten Pause sind, und da muss sie von Junkersdorf nach Lindenthal gefahren werden und noch zu abend essen. Der 7-jährige Finn-Kevin kann sich noch nicht selber anziehen, aber da er sonst zu spät zur Schule kommt, sucht der Papa die Kleidung aus, hilft beim Anziehen und macht den Reisverschluss der Jacke zu. Den Klettverschluss der Schuhe kann Finn-Kevin selber schließen, eine Schleife binden nicht. Braucht er auch nicht, die Schuhe habe ja diesen Klettverschluss. Und blinken beim Gehen.

Auftritt slow parenting. Du entscheidest Dich, dass sich Finn-Kevin alleine anzieht. OK, das dauert beim ersten mal 30 Minuten, und du bist die ganze Zeit damit beschäftigt, ihm zu helfen. Valentina wird vielleicht donnerstags abends immer noch im Jeep sitzend ein Sandwich vom Bäcker essen. Aber am Samstag kochst Du mit den Kindern zusammen. Ihr überlegt, was ihr essen wollt, geht gemeinsam auf den Markt, schält das Gemüse, kocht es und esst es gemeinsam. Dauert den ganzen Samstag vormittag. Und ist endlich wieder einmal das, was früher quality-time hieß. Nur mit einem neuen Erlebnis: Leben lernen. Und dann irgendwann leben können. Selbständig den eigenen Haushalt führen können. Gesund und lecker kochen können. Einen tropfenden Wasserhahn selbst reparieren können. Also ich finde, das sind ganz gute Ergebnisse für eine Kindererziehung. Und dabei Zeit haben. Also ich bin dabei.

Und wenn meine Kinder für irgend etwas mal wieder ewig brauchen, denke ich mir in letzter Zeit manchmal einfach: Kein Streß; die letzten 10 Minuten Buntstifte spitzen war einfach slow parenting, und da bin ich dabei!

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2 Gedanken zu “Slow parenting

  1. Ich finde es schade, das es dazu einen Begriff braucht. Für mich ist das ’normale‘ Erziehung. Genau wie das Kind auch mal Kind sein lassen.

    Wenn der Dickkopf dann auch meint das seine Lieblingsjacke ihm warm genug ist, heimlich den Pullover in den Rucksack packen und nicht weiter Diskutieren sondern ihn diese Erfahrung selber machen lassen und dann, wenn dann geäußert wird das es zu kalt ist den Pullover geben ohne eine Szene daraus zu machen.

    Wenn man sich lieber ein deutsches Wort dafür sucht, so passt für mich die „ganzheitliche Erziehung“. Das Wort kommt aus der Anthroposophie und ist nicht ganz unumstritten, trifft für mich aber die Kernaussage das man Menschen dazu in die Lage versetzt eigenständig und zufrieden durch die Welt zu gehen und zu leben.

    Aber schön das auch es jetzt auch einen Begriff für die ‚verkopften‘ studierten gibt. Dann gibt es bestimmt auch bald wieder Fachliteratur die empfiehlt auf den Bauch zu hören und gesunden Menschenverstand walten zu lassen …

  2. Slow parenting mache ich täglich. Außerdem noch healthy cooking, clean washing , thorougly cleaning, fast driving und nose picking 😉

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