Rechtsgrundlagen in der Psychiatrie in NRW

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7 Gedanken zu “Rechtsgrundlagen in der Psychiatrie in NRW

  1. http://www.uni-bielefeld.de/ikg/jkg/1-2003/albrecht.pdf

    auf S. 108 „Die Forschung belegt, dass es sich tatsächlich um ein Vorurteil handelt. So zeigten z. B. Steadman u. a. (1998), dass es keine signifikante Differenz in der Gewaltprävalenz zwischen entlassenen psychisch Kranken und der „Normalbevölkerung“ in den Wohngebieten gibt, in die die Patienten entlassen wurden, wenn man die Variable „Substanzmissbrauch“ kontrolliert. Die Mehrheit der Gewalthandlungen beider Teilgruppen richtete sich zudem gegen Familienmitglieder und Freunde und fand zu Hause statt. Die gezeigte Gewalt trifft in der Regel also nahestehende Personen, nicht „die Allgemeinheit“ (so auch Nedopil 1999, 123). Es besteht daher eigentlich kein Grund, der Gewalt durch psychisch Kranke insgesamt besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Dabei ist natürlich zu beachten, dass die Prognose der Gewalt von psychisch kranken Gewalttätern ein spezielles, aber besonders brisantes Problem darstellt. Die Gesetzgeber und die Öffentlichkeit sehen offensichtlich nur diese Teilgruppe. Daher seien im folgenden einige neuere Studien zur Gewaltprognose bei dieser Population vorgestellt. Die Prognose der Gewalt und der „Gefährlichkeit“ von psychisch kranken Rechtsbrechern stellt ein besonderes Problem dar (vgl. u. a. Black/Spinks 1985), das in der Vergangenheit – häufig verfassungswidrig – zu Lasten der psychisch Kranken durch eine ungerechtfertigt restriktive Beschränkung der Freiheit dieses Personenkreises gelöst worden ist (s. o.). Die Schwierigkeiten liegen zum einen darin, dass wegen der Affinität psychisch Kranker zum klinischen Milieu der Rückgriff auf klinische Prognosen nahe liegt, obwohl sie statistischen Prognosen unterlegen sind (vgl. u. a. Gottfredson 1987).“

    Weiter unten im Text geht es um Personen, die bereits eine Gewaltstraftat begangen haben

    „Da sich die verwendeten Prognosevariablen für die als mental krank definierte Population in gleicher Weise bewährten wie bei den nicht als psychisch krank Klassifizierten, wurden die Gruppen zusammengefasst.“

    Wundert mich nicht, dass da kein Unterschied besteht. Was soll es, zwischen „psychisch Kranken“ und „psychisch Gesunden“ zu unterscheiden? Sondergesetze sind also schon rein empirisch nicht gerechtfertigt angesichts solcher Ergebnisse.

    Übrigens hatten die Prognosevariablen bei beiden Gruppen eher bescheidene Korrelationen als Grundlage, r ≤ 0,34

    • Es ist ein alter Menschheitstraum, das Verhalten von Menschen vorhersagen zu können. Und da hängt sich die Gesellschaft an die Vorstellung, es gäbe speziell dafür ausgebildete und berufserfahrene Personen, deren Vorhersagen da wesentlich besser wären als die von anderen Leuten.

      aus der gleichen Quelle wie obendrüber, auf Seite 99

      „Die Forschung verweist auf die gravierenden Fehler klinischer Gewaltprognosen, insbesondere auf den hohen Anteil „falsch Positiver“, also solcher Probanden, denen zu Unrecht Gefährlichkeit attestiert wird. Die Prozentwerte an „falsch positiv Prognostizierten“ liegen im Ausnahmefall zwischen 54 und 61%, in der Regel jedoch deutlich über 80%, bei falsch negativen Werten in derselben Größenordnung (vgl. Monahan 1981; Lab 1988, 101). Man verdächtigt also sehr viele Probanden zu Unrecht, potentieller Gewalttäter zu sein, gleichzeitig gelingt es sehr schlecht, die tatsächlichen Gewalttäter zu identifizieren.“

      auf Seite 121

      „Erschreckend sind die Befunde, dass die Variablen, die für das tatsächliche Auftreten späterer Gewalt kausal sind, nicht diejenigen sind, die für die Risikoeinschätzung durch die Prognostiker relevant sind (zwischen der Risikoprognose und der tatsächlichen Rückfallgewalt bestehen praktisch keine relevanten Beziehungen) und dass die Prognosen der Kliniker insgesamt nicht besser waren als die der Nicht-Kliniker; eher im Gegenteil. Insgesamt war die Prognose offensichtlich ein einziger Reinfall, obwohl die Rückfallrate (Basisrate) so hoch war, dass es eigentlich zu besseren Prognosen hätte kommen können. Es zeigte sich aber auch nur eine sehr schwache Beziehung zwischen vermeintlichen aktuarialen und klinischen Risikofaktoren auf der einen und tatsächlichen Schäden durch Rückfall auf der anderen Seite, wodurch Autoren, die die großen Probleme der Prognose von Gewalt hervorgehoben hatten, bestätigt werden.“

      .

      Und hier geht es um die Vorhersage gefährlichen Verhaltens in der Allgemeinpsychiatrie http://apy.sagepub.com/content/18/5/398

      Aber Psychiater und verwandte Berufe sind ja Experten, da setzen Juristen leider nichts entgegen, wenn der Klinikpsychiater Freiheitsentzug will, dann segnet der_die Richter_in das ab. Die Ärzte sind ja Experten.

  2. Und zum Thema Psychopharmaka gibt es zu bedenken:

    Mit dem Argument, die Wahrscheinlichkeit von Gewalttaten würde sinken,
    könnte man auch als psychisch gesund diagnostizierte Schläger zwangsweise auf Neuroleptika setzen. Bei denen würde nämlich dann die Wahrscheinlichkeit für solche Taten auch sinken, wenn sie psychisch und physisch von dem Zeug lahm sind.

    Das wäre aber Körperstrafe und grausame, entwürdigende und erniedrigende Behandlung und Strafe.
    Genau das ist es bei „psychisch Kranken“ auch, aber durch das Konstrukt einer angeblichen „Krankenbehandlung“ wird das verschleiert.

    Übrigens stimmt auch die Behauptung nicht, die Neuroleptika hätten Enthospitalisierung ermöglicht.
    Das stimmt so nicht, es gab schon vor der Neuroleptika-Ära Enthospitalisiserungstendenzen in diversen Ländern, die auch mit der Lobotomie nichts zu tun hatten.
    Ein großer Teil der Enthospitalisierung ist in der Bundesrepublik sowieso erst in den 70er und 80er Jahren gelaufen. Da waren major und minor tranquilizers längst erfunden und wurden auch angewendet.
    Weiterhin gab und gibt es auch Placebo-kontrollierte Studien, wo Patienten per Zufallslos einer Placebo-Gruppe zugeteilt werden oder einer Psychopharmaka-Gruppe. Diejenigen ohne Psychopharmaka waren dann im Durchschnitt tatsächlich länger in der Klinik, aber auch sie wurden entlassen.

    zum Beispiel hier eine Studie von 1967 mit 254 Probanden. Da wurden ein Jahr nach der Entlassung diverse Daten erhoben, unter anderem ob die Probanden zwischenzeitlich nochmal in einer psychiatrischen Klinik waren. http://www.madinamerica.com/wp-content/uploads/2010/04/Schooler3.pdf

    auf Seite 991 „Patients who received placebo treatment in the drug study were LESS likely to be rehospitalized than those who received any of the three active phenothiazines (thioridazine[Mellaril], fluphenazine[Prolixin], chlorpromazine [Thorazine])“

    auf Seite 994: „Phenothiazines and/or psychotherapy after discharge decrease the likelihood of rehospitalisation and so did placebo treatment during the course of this drug study.“

    Das weist doch stark auf Absetzeffekte hin.

    Die Placebogruppe war tatsächlich im Durchschnitt 6 Wochen länger in der Klinik (ab da beginnt dann das Jahr zu laufen), aber auch sie wurden entlassen.

    • Hier noch ein beeindruckendes Einzelbeispiel, wie allein der Reformwille und nicht medikamentöse Neuerungen oder Umstellung auf andere Medikamente etc. die Enthospitalisierung ermöglicht haben.

      In diesem Artikel geht es darum, dass es immer noch geschlossene Wohnheime gibt wo psychisch Kranke inhaftiert sind. Die Zahl der Insassen ist mittlerweile wieder am Steigen. Es gibt Rehospitalisierungstendenzen mittlerweile, sowohl bezüglich offener als auch geschlossener Wohnheime. Die meisten Insassen konsumieren Neuroleptika. http://www.tagesspiegel.de/berlin/psychisch-kranke-in-berlin-unter-ausschluss/7900466.html

      Unter dem Artikel steht ein sehr interessanter Kommentar drunter. Da beschreibt eine Angehörige, wie ihr Vater aus einem geschlossenen Wohnheim rauskam.

      .

      Wunder

      Ich habe das damals live erlebt. Mein Vater war aufgrund jahrzehntelangem Alkoholismus so schwer gestört, dass er in die KBoN kam. Geschlossene Abteilung Neheimer Straße.

      Auskunft an mich als Tochter: Heilung nicht möglich, Gehirnzellen unwiederbringlich zerstört, bitte nicht besuchen, er bekommt jedesmal einen Anfall, wenn er sie sieht und ist dann tagelang nicht zu beruhigen.

      Ich habe mich trotzdem regelmäßig nach ihm erkundigt. Nach Jahren die überraschende Mitteilung (erst auf Nachfrage): Nee der lebt hier nicht mehr, der wohnt jetzt in einem betreuten Wohnprojekt.

      Ich habe sofort zu ihm Kontakt aufgenommen und erlebte ein Wunder: er führte seinen kleinen Haushalt völlig selbständig und ging alleine einkaufen, Gespräche waren mit Rücksicht auf die schnell abnehmende Konzentration und Vermeidung bestimmter Themen (Auslösung von Angst/Aggression) möglich.

      Es folgten 3 schöne und wertvolle Jahre, in denen ich ihn regelmäßig mit meinen damals noch kleinen Kindern besuchen konnte. Die Beiden (damals 3 + 5)haben die Einschränkungen ihres Opas, den sie bis dahin nicht kannten,
      gefühlsmäßig erfasst und sich darauf eingestellt. Mein Sohn „mußte“ mit ihm immer Baywatch schauen und durfte dabei nicht dazwischen reden – er erinnert sich noch heute mit Liebe daran.

      Heiligabend haben wir Opa immer zu uns geholt. War eine sehr kurze Feier, weil er nicht so lange durchhielt. Aber das Abholen und Zurückbringen zu Fuß war immer ein Erlebnis.

      Rosalia

      .

      Da haben nicht Medikamente den Mann rausgeholt, sondern der Reformwille.

  3. Und ist die längerfristige (zwangsweise durchgesetzte) Neuroleptisierung überhaupt so besonders gewaltpräventiv?

    Hier ist ein Artikel über die in anderen Ländern mögliche ambulante Zwangsbehandlung. Da wurden für Studien Betroffene per Zufall einem ambulanten Zwangsbeschluss ausgesetzt oder es wurde darauf verzichtet.
    Eine große Schwäche der Studien ist allerdings, dass da keine Leute mit einbezogen wurden, die in der Vergangenheit bereits gewalttätig aufgefallen waren. Aber trotzdem, bezüglich des künftigen Verhaltens:

    “ Results also showed people allocated compulsory community treatment were no more likely to commit a violent act than those in standard care (2 RCTs, n = 416, RR 0.82 CI 0.56 to 1.21). In terms of numbers needed to treat, it would take 238 OPC orders to prevent one arrest.“

    Und auch sonst scheint es nicht so besonders nützlich für die Prognose zu sein, so einem Beschluss ausgesetzt zu werden.

    „In terms of numbers needed to treat (NNT), it would take 85 OPC orders to prevent one readmission, 27 to prevent one episode of homelessness and 238 to prevent one arrest.“

    wegen so geringer Vorteile schränkt man die Grundrechte von Leuten dermaßen ein??

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