Die Verzweiflung des Therapeuten ist keine Indikation für ein Neuroleptikum

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Damit wir uns nicht falsch verstehen: Psychotische Zustände aller Art sind natürlich eine klare Indikation für ein Neuroleptikum, und ich bin froh und dankbar, dass es zur Behandlung von Psychosen, von wahnhaften Depressionen, Delirien und anderen Erkrankungen mit psychotischen Symptomen Neuroleptika gibt und ich verschreibe Neuroleptika in dieser Indikation natürlich.
Und es gibt auch Indikationen jenseits eindeutig psychotischer Symptome für den Einsatz von Neuroleptika. So haben sie ihre Existenzberechtigung in der Therapie von ganz bestimmten Impulskontrollstörungen. Und ja, sie können bei Gedankengrübeln im Rahmen schwerer Depressionen eine auflockernde Wirkung haben.
Aber so wirksam sie bei psychotischen Erkrankungen sind; Wundermittel sind die Neuroleptika nun unzweifelhaft auch nicht. Es gibt viele Situationen, in denen man sich ein wirkstarkes Medikament wünscht, aber keines zur Verfügung hat. Dann hilft aber auch der Griff zum Neuroleptikum nichts.

Typische Beispiele sind:

  • Borderline-PatientInnen ohne psychotische Symptome erhalten oft ein mittelpotentes Neuroleptikum. Dies sediert und wird daher von den PatientInnen selbst nicht selten als angenehm empfunden. Für die über die Sedierung hinausgehende neuroleptische Komponente gibt es aber keine Indikation und meiner Einschätzung nach bewirkt sie auch keine Abnahme von Anspannung, Dissoziation, selbstverletzendem Verhalten oder anderen Borderline-typischen Symptomen. So schön das auch wäre.
  • Neuroleptika bewirken auch keine Stabilisierung der Stimmung über den Verlauf eines Tages. Das können nicht einmal die irreführend als „Stimmungsstabiliserer“ benannten Phasenprophylaktika. Und Neuroleptika schon gar nicht.
  • Ich weiß, dass Quetiapin Zulassungen als Phasenprophylaktikum und zur Augmentation (Unterstützung, Verstärkung) in der Behandlung von Depressionen hat. Ich halte die Studienlage, die zu diesen Zulassungen geführt hat, für nicht gerade überwältigend. Jeder sollte sich selbst ein gut informiertes Bild darüber machen, für wie wirkstark er Quetiapin in diesen Indikationen hält. Ich halte es hier nicht für sehr wirkstark. Dasselbe gilt für die Zulassung von Aripiprazol in der Indikation als Phasenprophylaktikum.
  • Und noch weniger helfen Neuroleptika bei gewünschten Verhaltensänderungen aus dem Bereich der Pädagogik. Das Behandlungsziel, jemand möge sich in irgend einer Form sozial adäquater verhalten oder sei irgendwie „nicht mehr führbar“ oder „nicht mehr haltbar“ ist immer dann, wenn diese Verhaltensänderung nicht psychotisch bedingt ist, keine Indikation für ein Neuroleptikum.

Neuroleptika bremsen die dopaminerge Neurotransmission. Dopamin aber ist unerläßlich für Antrieb, Motivation und Freude. Daher darf ein Eingriff in diesen Transmitterhaushalt nur erfolgen, wenn eben dieser Transmitterhaushalt krankheitsbedingt überaktiv ist. Und sonst nicht. Egal, wie verzweifelt der Behandler ist.

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9 Gedanken zu “Die Verzweiflung des Therapeuten ist keine Indikation für ein Neuroleptikum

  1. Hallo PTG Team,

    wie steht es dann mit der Nutzung als Schlafmedikament im niedrig dosiertem
    Bereich?

    Lieben Dank und herzliche Grüße

    PH

  2. Das finde ich gut das Sie das ansprechen.
    Ich nehme seit 10 Jahren ein Neuroleptikum (Sulpirid). Ich habe weder eine Psychose noch Schizophrenie gehabt. Ich hatte damals Schwierigkeiten in meiner Ausbildung und war teilweise ziemlich depressiv. Ich ging damals zu einem Psychater, er verschrieb mir gleich in der ersten Sitzung 100mg Sulpirid, welches laut ihm sehr gut gegen Depressionen helfen sollte. Hätte ich damals gegoogelt, hätte ich es warscheinlich nie genommen. Es schlug relativ schnell an und machte lockerer und entspannter nur leider kam auch mit der Zeit das ich viel weniger unternahm und irgendwie keine Freude mehr am leben hatte. Ich habe bis jetzt gefühlt hunderte Male versucht dieses Zeug abzusetzen. Leider fiel ich jedes Mal in ein sehr tiefes Loch mit ganz schlimmen Gedanken. So dass ich es meist keine zwei Wochen ausgehalten habe. Ich nehme nach wie vor dieselbe Dosis. Ich habe dieses ganz miese Gefühl die letzten 10 Jahre beruflich wie privat nicht weiter gekommen zu sein und wünsche mir oft ich hätte niemals diese Pillen genommen. Ich hoffe ich schaffe es irgendwann ohne dieses Zeug.

  3. Und was sagen Sie zur Indikation psychomotorische Erregungszustände (ohne psychotische Symptomatik) und fremdaggressives Verhalten? Da werden ja auch typischerweise Neuroleptika appliziert….

  4. Bestimmte Neuroleptika werden in den USA auch bei der Behandlung von Autismus genutzt (Risperidon, Aripiprazol). Dafür gibt es dort eine Zulassung.
    Zumindest gegen massive Reizüberflutung im Rahmen von Autismus-Spektrum-Störungen kann in Ausnahmefällen Aripiprazol hilfreich sein. Zumindest dann, wenn die Reizüberflutung so stark ausgeprägt ist, dass zum Beispiel kein Einkaufen etc. mehr möglich ist.
    Mir hat es -zeitweise- sehr geholfen. Wann auch immer es möglich ist, meide ich allerdings Neuroleptika.

      • Leider hilft das Aripiprazol in dieser Indikation nur täglich eingenommen und nicht als Bedarfsmedikation.

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