Mein letztes Gruppen-Psychotherapie-Seminar oder „Eine Geisterbahnfahrt durch die Klischees der Psychotherapie“

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Bild: Historischer Jahrmarkt Pützchen. © Axel Kirch / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Learning by doing klappt in der Psychotherapie meistens ganz gut. Wenn ich eine Psychotherapiemethode lernen will, ist es in aller Regel das Beste, mal ein Seminar zu belegen, in dem diese Technik angewendet wird. Insofern ist es eigentlich ganz gut, hin und wieder auf ein Seminar zu gehen, um was zu lernen. Allerdings gibt es im großen Wald der Psycho-Seminare ein mehr als buntes Angebot, und nicht alle sind gut. Ich hatte vor ein paar Wochen Pech. Ich habe mich in ein Coaching-Seminar eingebuchtet, über das ich von Freunden nur das Beste gehört hatte. Total intensiv sei das, bringe echt viel, sei super inspirierend. Ich also mal gebucht.

Auftakt

In der ersten Stunde wußte ich zunächst nicht, ob ich in einer amerikanischen Erleuchtungs-Show vom örtlichen Fernsehprediger oder in einer Psycho-Sache gelandet war. Im Raum fanden sich zwei „Trainer“, ungefähr vier vom „Management“, gut acht „Assistenten“, ungefähr zehn „Gäste“ und die schätzungsweise 100 zahlenden Teilnehmer.

Der Einzug der Trainer erfolgte unter frenetischem Beifall der zehn „Gäste“, die die Sache schon mal gemacht hatten und jetzt dabei waren, ohne sich beteiligen zu dürfen, die aber bestimmte choreografische Aufgaben zu erfüllen hatten; insbesondere hatten sie Jubel und Begeisterung zu verströmen. Ich hab wie alle anderen mal verhalten mitgeklatscht, hätte mich aber auch nicht beschwert, wenn ich zuerst gesehen hätte, was denn hier zu beklatschen ist.

Einheizen

In den folgenden Stunden am Freitag zwischen 17:00 und 23:50 wurde uns erklärt, dass wir alle eine schlimme Erfahrung in der Kindheit gemacht hätten, aus der wir uns ein falsches Selbstbild mit Vorwürfen gegen uns und andere gemacht hätten. Der erste Teilnehmer erzählte seine Geschichte. Die „Trainer“ fragten mit „Ja/Nein“-Fragen einige Minuten nach, dann war klar, was bei diesem Teilnehmer falsch lief. Der Abend endete mit einer halbstündigen Diskussion, ob man seine Wasserflaschen mit an seinen Platz nehmen dürfe. Die Trainer luden uns ein, dies nicht zu tun. Großer Protest bei einigen Teilnehmern. Wurde von den Trainern analysiert: „Kennst Du das, dass Du so voll in den Widerstand gehst? Ja, und wer zahlt den Preis? Du!

Wir sollten über Nacht schon mal überlegen, was uns in der Kindheit aus der Bahn gebracht hatte, würden wir noch brauchen.

Samstag morgen

Am nächsten Tag durften einzelne aufstehen, bekamen ein Mikro, erzählten ihre Geschichte und die Trainer teilten sie in kurzen Gesprächen auf Teufel-komm-raus in eine von sieben Kategorien ein: „Ich bin nicht liebenswert„, „Ich kann nichts„, „Ich bin anders als die anderen„, so Sachen.

Man merkte schon, dass unter den Teilnehmern Persönlichkeitsstrukturen in allen Varianten, Farben und Ausprägungen vertreten waren. Auch merkte man, dass nicht alle gleich stabil waren.

Nach der Mittagspause würden wir dann die falschen Vorwürfe von uns werfen und dann stünde einem „Leben in Fülle, Liebe und Ekstase“ nichts mehr im Wege. Also für Ekstase am Samstag Nachmittag bin ich eigentlich immer zu haben.

Zum Mittagessen gab es schon mal Salat in Fülle, ich wußte bislang gar nicht, was man aus Kürbis alles machen kann.

Der Nachmittag…

Danach wurden wir „eingeladen„, eine Meditation zu machen. Es fing ganz normal an mit Zimmerspringbrunnenmusik, atmen, in die Zehen reinfühlen, ich war ganz entspannt. Und dann, ohne weitere Vorwarnung, wechselte die Musik auf eine finstere Orgelmusik in Moll und wir sollten uns vorstellen, wir seien wieder Kind und sollten mal die Kellertreppe hinuntergehen. Was war noch mal diese schlimme Kindheitserinnerung, die uns so tief getroffen hatte, dass unser ganzes Leben sich daraus schlecht entwickelt hatte? Die ersten Teilnehmer fingen an zu weinen. „Bitte jetzt ganz bildhaft vorstellen!“ Eine Teilnehmerin schrie an dieser Stelle über eine Minute lang so laut, dass drei Assistenten sie rausbringen mussten. Die anderen sollten aber ganz entspannt weitermachen. Ach ja, jetzt sollte man das alles hinter sich im Keller lassen und befreit rauskommen. Füße kreisen, aufwachen. Das war dann auch der Moment, in dem ich aufgestanden bin, mein Namensschild abgegeben habe und das Seminar endgültig verlassen habe.

Was in dieser Gruppen-Chause unter anderem ganz falsch gelaufen ist

  • Erfreulicherweise funktionieren nicht alle Menschen nach dem gleichen Schema. Es gibt unzweifelhaft Menschen, auf die das Schema: „Traumatische Kindheitserinnerung – dysfunktionales Selbstbild – dysfunktionale Beziehungen heute – reduzierte Lebensfreude“ zutrifft. Und die können möglicherweise nach angemessener Vorbereitung die dysfunktionalen Fehlannahmen über Bord werfen und dann wieder glücklicher werden. Aber das gilt halt nicht für jeden.
  • Erlebnis-aktivierende Übungen, wie meinem Gegenüber 5 Minuten unverwandt in die Augen zu gucken (gleich zum Warmwerden am ersten Tag), schwierige Konflikte zu erzählen (erster und zweiter Tag), kann man machen, muss aber wissen, dass das für manche auch zu viel sein kann. Daher muss man es dosieren. Das geht aber nicht, wenn man mit 100 Leuten zu tun hat, die man kaum kennt.
  • Unvorbereitet in einer auch mir harmlos erscheinenden Meditation dann plötzlich das große „Jetzt konfrontiere Dich mit dem Schlimmsten, was dir je passiert ist, wirf dann alles über Bord und sei erlöst“ durchziehen zu wollen, liegt auf der Grenze zwischen fahrlässig und bösartig. Kein Wunder, dass das einige völlig überfordert hat, und den anderen wahrscheinlich kaum geholfen hat.
  • Ach und der ganze Rest…

Meine Beurteilung

Insgesamt habe ich mich wie auf einer Geisterbahn der Psychotherapie gefühlt. 100 Leute (die jeweils 600 € gezahlt hatten, macht also schon mal 60.000 €), wurden in eine Gondel gesetzt und an klassischen Therapieelementen vorbeigefahren, ob das jetzt auch nur im geringsten passte oder nicht. Die wirkstärksten Elemente wurden besonders falsch und alle ohne angemessene Vorbereitung oder passendes Ziel eingesetzt. Hauptsache „intensiv„. Fahrtrichtung: Einmal durchs dunkle Tal, alles von sich werfen, dann für immer frei und Ekstase.

Dieses Gruppen-Seminar war eine Geisterbahn-Fahrt. Es gibt auch gute Seminare; dies war schlecht. Aber wenn Du meine Meinung hören willst: Buch im Zweifel kein Großgruppen-Seminar. Es ist zu wahrscheinlich, dass das eine Geisterbahnfahrt wird. Buch dir lieber mit dem gleichen Geld sechs Stunden Einzel-Coaching. Dann fährst du praktisch mit dem Taxi, ganz individuell, von da, wo du stehst, dahin, wo du hinwillst.

Ich hatte von Samstag Abend bis Sonntag dann ja frei. So bin ich einfach in die Hotel-Sauna gegangen. Das war mit Sicherheit wesentlich besser und gesünder für meine Psyche…

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7 Gedanken zu “Mein letztes Gruppen-Psychotherapie-Seminar oder „Eine Geisterbahnfahrt durch die Klischees der Psychotherapie“

  1. Um Himmels willen, was für ein Horror! Zwischendurch dachte ich, du hast einen Postillon-Artikel geteilt. „Zwischen fahrlässig und bösartig“ trifft es wohl noch am besten. Psycho-Overkill. Jetzt hast du noch den unschätzbaren Vorteil, „vom Fach“ zu sein, aber was machen die Leute, die sich da wirklich was erwarten? Bin echt geschockt. o_O

  2. Großartig geschildert. Diese selbsternannten Befreier und Erlöser sind wirklich mit größter
    Vorsicht auszuwählen.

  3. Unfassbar!!!

    Zu welcher Sekten gehörten die – Psyientologie? Gab es am Ende auch Wartelisten für Traumatherapien?

    Echt kein Wunder, dass man als Patient immer wieder auf solche Wunderheiler trifft und noch mehr traumatisiert wird. So oft kann man gar nicht in der Keller absteigen.

    Eine Minute schreien in der Psychiatrie, na da würde ich nicht nur mit 3 Mitarbeitern „rausgeführt“. 😉

    Zum Glück gibt es auch viele Gute, die Ihr Handwerk verstehen.

  4. Ich würde mich fragen, was ich für Freunde habe, wenn ich mich nach deren Empfehlung bei einer solchen Veranstaltung wiederfände.
    Ein bisschen Neid kann ich mir aber auch nicht verkneifen. In so kurzer Zeit so viel Geld verdienen – nicht schlecht, wirklich.

  5. ein trauerspiel… und noch dazu passiert es, dass menschen NACH solchen seminaren an SICH zweifeln, weil sich keine besserung eingestellt hat… oder sie keine „fortschritte“ gemacht haben…
    solcherart schindluder gibt es leider wirklich häufig…. ich war mal bei einem unterbewusstseinstraining für frauen, das den frauenselbstwert hätte stärken sollen ua. es waren ca. 8 frauen dabei, auf der volkhochschule, während die vortragende anfängt mit dem esoterischen weltbild: alles, was einem zustößt, liegt in der verantwortung von einem selbst. als ich fragte, wie sie das meint, und wo die verantwortung liegt, wenn ein 15 j. mädchen in einem park vergewaltigt wird, meinte sie, dann hat diese eben solche schwingungen ausgestrahlt, dass sie das angezogen hat. solcherart schwachsinn folgte weiter, sodass ich eine beschwerde an die volkshochschule schrieb, und den sektenbeauftragten von graz einschaltete.. erst DARAUFhin führte sich etwas bei der volkshochschule, sie prüften genau, und die referentin wurde lebenslang gesperrt, da sie bei einer sektenhaften gemeinschaft seit jahren involviert war.

    das traurige ist: von all den anwesenden war ich die EINZIGE, die die „weisheiten“ dieser referentin offen vor allen hinterfragt habe, meinem entsetzen ausdruck verlieh über das „gepredigte“ etc.. aber all die (tlw. depressiven) frauen fragten nichts dazu, nahmen die referentin noch „in schutz“…
    was in ganz schlimmer weise zeigt, wie abhängig tlw. frauen von „autoritäten“ sind – bzw. wie wenig in solchen vortragskreisen sich getraut wird, den vortragenden in frage zu stellen…
    die frauen mit gewalttätigen erlebnissen fühlten sich dahingehend nachher noch schuldiger…

    danke für ihren beitrag – möge jeder, der sich in – egal welche – hände begibt, den mut haben, auch fragen zu stellen und zuhinterfragen – und nötigenfalls einfach zu gehen!!!

    danke für ihren beitrag!

  6. Danke für diesen abschreckenden Erlebnisbericht!

    Traumatherapie ist nichts für die große Bühne.

    Wenn ich eine Geisterbahnfahrt buche, dann weiß ich in etwa, dass mich, und welcher Horror mich in etwa erwartet. Und auch, dass ich mir das freiwillig antue. Ausserdem ist dieser Horror günstiger zu haben.

    Es hat schon seinen Grund, warum viele seriöse Seminare u.a. ihre Teilnehmerzahl limitieren auf unter 20 Teilnehmer.

    Ich frag mich allerdings, wer jedoch bei 600 EUR Seminarpreis immer noch die „Katze im Sack“ zu kaufen bereit ist? Das wäre dann ja wohl eher die Kategorie „fahrlässig“ seitens der Teilnehmer.

    Gute Qualität in der Traumatherapie als „Massenware“ verkaufen zu wollen und „Massen“ angedeihen zu wollen, gehört für ich da eher in die Kategorie „Gehirnwäsche“, d.h. das (unfreiwillig) „bösartige“ ist fast schon vorprogrammiert.

    Zumal für mich auch das geschilderte, auf gezielte Stimmungserzeugung und -intensivierung abzielende „Beiwerk“ von Anfang an nichts Gutes verheißt.

    Schlussfolgerung für mich und zur präventiven Abschreckung vor solcher Abzocke: Es lohnt sich die Wahlmöglichkeiten vorher(!) zu eruieren. Anstatt aufgrund Überforderung in einen Schreikrampf zu geraten und dann raus getragen werden zu müssen, oder vorher freiwillig abzubrechen, nämlich vorher ein Mindestmaß an Transparenz abzufragen von den Veranstaltern. Bei einem solchen, in der Regeln kostenfreien Erstgespräch, erhöht sich allemal die Wahrscheinlichkeit, Scharlatane zu erkennen.

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