Aufklärungsbogen Antidepressiva in normaler Sprache


Das Landesnetzwerk Selbsthilfe seelische Gesundheit Rheinland Pfalz hat in Zusammenarbeit mit Ärzt:innen verschiedener psychiatrischer Kliniken einen Aufklärungsbogen für Antidepressiva erstellt, der die relevanten Fragen ausnahmsweise mal in verständlicher Sprache beantwortet. Mit 20 Seiten ist er nicht kurz, aber verständlich. Ihr findet den Bogen hier.

4 Gedanken zu “Aufklärungsbogen Antidepressiva in normaler Sprache

  1. Kompliment! Sehr gut gelungen. Spricht vor allem die Absetzbeschwerden vieler Nutzer an. So werden AD hoffentlich nicht mehr leichtsinnig verschrieben. DANKE

  2. Finde die Broschüre auch gut, wobei sie manchen vielleicht zu viel Angst machen könnte. Es gibt ja immer Leute, denen geraten wird nicht die Beipackzettel zu lesen bzw. die sie von sich aus nicht lesen, weil sie sonst Angst bekommen. Ich lese sowas immer total gern. Ich bin gern auf alles vorbereitet und gern gut informiert.

    Mir gefällt nicht, dass dort zu homöopathischen Mitteln geraten wird. In Klammern steht Johanniskraut, was gar kein homöopathisches MIttel ist. Wenn dort homöopathische Mittel als Therapie vorkommen, könnten die auch aufführen: jeden Tag 20 Mal auf dem rechten Bein zu hüpfen und sich dabei auf den Bauch zu klopfen. Das kostet weniger Geld und wirkt genausogut, wenn man dran glaubt.

  3. „Während die beruhigende oder antriebssteigernde Wirkung rasch eintreten kann, lässt die stimmungsaufhellende bei regelmäßiger Einnahme meist ein bis zwei Wochen auf sich warten.“

    Gibt es irgendeinen Beleg für diese Behauptung?

    Ich höre das mittlerweile so oft von Kollegen, die selber auf Nachfrage nicht wissen, woher das kommt, und teilweise von Patienten, denen so etwas von Kollegen erzählt wurde, habe aber nie irgendeinen Nachweis dafür finden können, dass Antriebssteigerung und Stimmungsaufhellung zeitinkongruent auftreten und aus eigener Anschauung kann ich es auch nicht bestätigen. In der Literatur sind immer nur Gesamtscores der HDRS, des BDI oder, ganz selten, der MADRS zu finden, hin und wieder zeitliche Verläufe, aber praktisch nie eine Aufschlüsselung nach Symptomdomänen.

  4. Ich hatte jetzt die Zeit, die Broschüre einmal komplett durchzulesen. Meine Kritikpunkte:

    „Oft kann eine Depression erfolgreich mit Psychotherapie behandelt werden.“

    Die Outcomes von Psychotherapien sind praktisch immer durch inaktive Kontrollgruppen inflationiert. Testet man gegen ein pharmakotherapeutisches Placebo, schrumpfen die Effektstärke auf 0,25 (tendenziell, aber nicht signifikant noch schlechter als Pharmakotherapie) und die absolute Risikoreduktion/Responserate der Psychotherapien auf 14% (= 1/NNT = 1/7,14) zusammen. Unter „oft“ würde ich etwas anderes verstehen: https://www.cambridge.org/core/journals/psychological-medicine/article/comparison-of-psychotherapies-for-adult-depression-to-pill-placebo-control-groups-a-metaanalysis/A446D5F6307B178C77ACACACEB24E0C7

    Diese Werte sind möglicherweise immer noch zu hoch gegriffen, da es sich um dreiarmige Studien mit Placebo-Pharmakotherapie, aber ohne Placebo/Schein-Psychotherapie handelt. Das Placebo (und das pharmakotherapeutische Verum) ist also mit einer Unsicherheit behaftet, wohingegen die Probanden im Psychotherapie-Arm in jedem Fall wissen, dass sie das „Verum“ bekommen. Dadurch fehlt nach wie vor eine echte Verblindung fehlt, was die Outcomes verzerrt: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0924933815001315

    „Generell soll Patienten mit einer depressiven Störung und ohne Kontraindikation für körperliche Belastungen ein strukturiertes und supervidiertes körperliches Training empfohlen werden.“

    Eine relativ frische Meta-Analyse behauptet, die vermeintlich antidepressive Wirkung von Sport sei bloß das Ergebnis verzerrter und methodisch mangelhafter Studien und findet weder Effekte von Sport auf Depressionssymptome, noch auf die Lebensqualität in methodisch höherqualitativen Studien: https://bmjopen.bmj.com/content/7/9/e014820

    „Antidepressiva können besonders bei längerer Einnahme eine körperliche Abhängigkeit erzeugen. Diese zeigt sich durch Entzugssymptome beim Reduzieren oder Absetzen.“

    Eine kleine Haarspalterei: Der Begriff „Entzug“ ist üblicherweise für Suchterkrankungen reserviert. SRIs verursachen aber im Gegensatz zu den meisten Drogen, Opioid-Analgetika und Stimulanzien – und Tianeptin, laut einiger Kasuistiken – kein Craving/Substanzverlangen mit selbstständiger Dosiserhöhung bei freier Zugänglichkeit.

    Ich habe es zwar mysteriöserweise noch nie selber bei Patienten erlebt, was damit zusammenhängen dürfte, dass ich einerseits kein großer Befürworter von SRIs bin und andererseits über die Dauer von mindestens einem Monat ausschleiche, aber den Berichten zufolge sollte eher die Abhängigkeit von vasokonstriktiven Nasentropfen oder -sprays ein passender Vergleich sein. Daher wäre „Absetzsyndrom“ die korrekte Bezeichnung.

    „Allgemeine Hinweise zur Lebensführung, die auch in der Absetzphase wichtig sind:“

    In dieser Liste sind nur Allgemeinplätze und völlig unspezifische Coping-Hilfen aufgeführt, die man unterschiedslos jedem, ob gesund oder (psychisch) krank empfehlen könnte. Es fehlen jegliche Hinweise, dass irgendeine dieser Empfehlungen entweder die depressive oder die Absetzsymptomatik lindert.

    „Naturheilkundliche oder homöopathische Mittel (z. B. Johanniskraut, Passionsblume), Aromatherapie, Akupunktur“

    Mit Ausnahme medizinischer Darreichungsformen des Johanniskrautextrakts fehlt hier komplett der Wirksamkeitsnachweis. Und selbst dort ist die Wirksamkeit zweifelhaft, weil anscheinend nur Studien deutscher Autoren in der Lage ist, eine (schwache) Überlegenheit gegenüber Placebo festzustellen: https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD000448.pub3/full

    Homöopathische Präparate können allein schon aus ADME-Gründen keine Wirkung haben: Selbst wenn der vermeintliche Wirkstoff tatsächlich eine biologische Aktivität aufweisen sollte, sind die Dosierungen um Größenordnungen zu gering, um den gastrointestinalen, geschweige denn den hepatischen, First-Pass-Effekt zu überstehen.

    „Kreative Therapien und Ergotherapie (Tanz-, Musik-, Kunst- oder Beschäftigungstherapie), spezielle Ernährungsmaßnahmen“

    Die vermeintlichen Wirksamkeitsbelege glänzen hier entweder durch gänzliche Abwesenheit oder sind von derart unterirdischer Qualität, dass es ein offenes Geheimnis ist, dass die standardmäßige Anwendung im voll- und teilstationären Bereich eigentlich nicht der Behandlung, sondern lediglich dem Zeitvertreib und der Prävention von Hospitalismus dient.

    Mein Fazit: Dem Absetzsyndrom wird meines Erachtens zu viel Raum eingeräumt und verschwiegen, dass es sich nach aktuellem Kenntnisstand um ein auf SRIs beschränktes Phänomen handelt.

    Andererseits wird der Elephant im Raum, nämlich die durch Antidepressiva zu erwartende Besserung, komplett umschifft. Hier könnte man Response- oder Remissionsraten von Placebo und Antidepressivum gegenüber stellen und auf diesem Wege intuitiv leicht verständliche Outcome-Parameter, wie die NNT als Kehrwert der ARR herleiten und erklären.

    Oder: Die zu erwartende, prozentuale Symptomreduktion als Verhältnis der Effektstärken des Antidepressivums und der Depression selber darstellen, um Patienten zu verdeutlichen, welche erwünschten Effekte des Medikaments sie realistischerweise erwarten können.

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