Fakultativ geschlossene Stationen

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Ich war heute als psychiatrischer Sachverständiger im Rahmen der PsychKG-Besuchskommission unterwegs. Wir haben das Bertha-Krankenhaus in Duisburg besucht. Das Bertha-Krankenhaus an diesem Standort hat vier Stationen: Eine Tagesklinik, eine offene Station für unter 50-jährige, eine offene Station für über 50-jährige und eine fakultativ geschlossene Station. Früher waren zwei der vier Stationen geschlossen, jetzt ist es nur noch eine, und die ist nur an manchen Tagen im Jahr geschlossen, an anderen Tagen im Jahr ist sie offen.

Nun gibt es unter den Psychiatern eine ziemlich leidenschaftlich geführte Debatte, ob man überhaupt geschlossene Stationen braucht, und wie man fakultativ geschlossenen Stationen organisieren kann. Die vier hauptsächlich vertretenen Varianten sind:

  1. Immer zu: “Eine richtige sektorversorgende psychiatrische Klinik braucht auch mindestens eine durchgehend geschlossene Station. Bestimmte Gefährdungsaspekte, die in psychiatrischen Kliniken nun einmal behandelt werden, lassen sich einfach nicht anders kontrollieren. Beispiele hierfür sind demente Patienten mit Weglauftendenzen (ja, ich weiß, das heißt heutzutage Hinlauftendenzen), oder fremdaggressive Patienten, beispielsweise bei einer akuten Psychose, die per PsychKG untergebracht sind, und ohne geschlossene Türe einfach fortlaufen würden.”
  2. Fakultativ geschlossen, mit Personal an der Türe, wenn sie offen ist: “Wir schreiben uns auf die Fahne, die geschlossene Station geöffnet zu haben; damit aber keiner abhaut, setzen wir eine Pflegekraft vor die offene Türe, die die Patienten, die ohne Ausgangsregelung gehen wollen, zurückhält.”
  3. Fakultativ geschlossen, ohne Personal an der Türe: “Wir prüfen täglich, ob wir die Türe tagsüber auflassen können. Wenn wir das können, dann setzen wir keine Pflegekraft vor die Türe. Die Türe dennoch irgendwie im Blick zu haben, schadet aber nichts.“ 
  4. Immer offen: “Wir brauchen nie eine geschlossene Tür.”

Die Klinik, die ich heute besucht habe, praktiziert Variante 3, und das ganz unaufgeregt. Es gebe Tage und Wochen, da müsse die Türe verschlossen sein, weil ein oder mehrere Patienten der Station dies erforderlich machten. Aber es gebe auch Tage und Wochen, in denen die sonst geschlossene Station eine offene Flurtüre haben könne, und dann werde das auch so gemacht und trage sehr zur Entspannung der Atmosphäre der Station bei. Man prüfe es halt jeden Morgen und entscheide dann entsprechend. Heute war die Flurtüre geschlossen, und das Schild oben hing aus. An anderen Tagen sei sie einfach offen.

Ich selbst glaube, dass gerade kleine Abteilungen und Krankenhäuser öfters die Möglichkeiten haben, alle Stationen offen zu führen. Große psychiatrische Kliniken haben einfach aus statistischen Gründen sehr viel öfter Patienten in Krisen mit akuten Gefährdungen, die nicht anders beherrscht werden können, und damit auch öfter Tage, an denen die Station geschlossen sein muss; und dann wäre es irgendwann Augenwischerei, wenn man die Station fakultativ geschlossen nennt, aber praktisch das ganze Jahr geschlossen führt. 

Wenn man aber nun eine sonst geschützte Station zeitweise offen führt, ist eine besonders intensive Beziehungsarbeit, Motivationsarbeit und Haltung erforderlich. Und diese Haltung ist sehr patientenorientiert, wertschätzend und angenehm. 

Das Team des Bertha-Krankenhauses ist wirklich engagiert und geht sehr bewußt und achtsam mit Zwangsmaßnahmen um, was die Häufigkeit der Notwendigkeit der Anwendung von Zwangsmaßnahmen sehr gering hält. Das hat mich heute sehr positiv beeindruckt.

Wie haltet ihr es mit der Flurtüre? Welche Variante habt ihr und warum? Schreibt eure Erfahrungen in die Kommentare!

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