PSSD: Können von SSRI verursachte sexuelle Funktionsstörungen nach dem Absetzen bestehen bleiben?

Man hört in letzter Zeit zunehmend von möglichen sexuellen Funktionsstörungen, die von SSRI verursacht werden und die auch lange Zeit nach dem Absetzen der SSRI noch bestehen bleiben. Diese nennt man PSSD (Post-SSRI Sexual Dysfunction).

Sexuelle Funktionsstörungen, insbesondere ein verzögerter Orgasmus, sind während der Einnahme von SSRI nicht selten und diese Nebenwirkung ist auch gut bekannt. Die Frage ist nun, ob diese Nebenwirkung auch nach dem Absetzen des Medikamentes fortbestehen kann.

Was könnte die neurobiochemische Ursache der PSSD sein?

Es gibt schon lange Hinweise darauf, dass SSRI die Empfindlichkeit des Penis und der Klitoris für sexuelle Reize reduzieren können. Dies könnte möglicherweise eine Erklärung für die nicht selten berichtete Nebenwirkung eines verzögerten Orgasmus unter SSRI sein. In der Behandlung des Vorzeitigen Samenergusses wird tatsächlich das SSRI Dapoxetin erfolgreich eingesetzt. Es gibt Hinweise darauf, dass einige Patienten auch nach Absetzen der Antidepressiva über längere Zeit sexuelle Funktionsstörungen erleben, insbesondere scheint es Patienten zu geben, die eine nach dem Absetzen des Medikamentes länger bestehende reduzierte sexuelle Erregbarkeit, reduzierte Empfindlichkeit des Penis / der Klitoris oder eine gestörte Orgasmusfähigkeit berichten.

Besteht diese Symptomatik nach Absetzen der SSRI über längere Zeit fort, heißt das PSSD (Post-SSRI Sexual Dysfunction).

Es ist noch unklar, wie häufig PSSD tatsächlich ist, aber in der öffentlichen Diskussion ist das Thema bereits angekommen und auch die Absetzerscheinungen wurden in der Fachwelt zuerst unterschätzt. Es ist also sinnvoll, diese mögliche Nebenwirkung aufmerksam im Auge zu behalten. Habt Ihr selbst oder über eure Patienten konkrete Erfahrungen mit PSSD? Schreibt darüber gerne in den Kommentaren!

4 Gedanken zu “PSSD: Können von SSRI verursachte sexuelle Funktionsstörungen nach dem Absetzen bestehen bleiben?

  1. Iuz 5. September 2019 / 20:39

    Kommt auf den SSRI an:

    Citalopram sowie escitalopram killt Libido und verzögert den Orgasmus. Kaum noch Energie und Lust. Erektion schwierig zu bekommen
    Fluoxetin machte mich eher dauergeil, aber wenig intensiver Orgasmus
    Sertralin sehr intensiver Orgasmus und keinerlei Probleme
    Paroxetin macht den Orgasmus fast unmöglich

  2. Iuz 5. September 2019 / 20:54

    Ich sehe eigentlich nur Escitalopram als SSRI an.

    Alles andere ist ja ein SSRI mit diversen anderen Rezeptorwirkungen , was auch die Unterschiede erklärt.

    Selbst Citalopram wirkt ja noch auf Histamin.

    • Jochen 6. September 2019 / 05:57

      Streng genommen gibt es eigentlich gar keine selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, sondern nur Serotonin-Natrium-Wiederaufnahmehemmer, weil das Zielprotein kein reiner Serotonin-, sondern ein Serotonin-Na(+)-Cotransporter ist. Gleiches gilt übrigens auch für den Noradrenalin- und den Dopamin-Transporter.

  3. Jochen 6. September 2019 / 05:55

    Berichte über die Persistenz von Sexualstörungen über das Behandlungsende hinaus sind in jedem Fall besorgniserregend. Wie auch beim Abhängigkeitssyndrom zeigt sich hier, dass Einzelfallberichte von persönlich Betroffenen aus englischsprachigen Patientenforen teilweise mit 10-15 Jahren Verspätung in die Forschung und Literatur vordringen.

    Sollten sich diese Berichte weiter häufen, spräche das dafür, dass eine über 5-HT1a/b-Rezeptoren vermittelte Vasokonstriktion zumindest nicht der einzige Mechanismus hinter der erektilen Dysfunktion ist. Ein sehr ähnliches Syndrom ist bei Finasterid literaturbekannt, was den Verdacht auf eine Beteiligung von Steroiden nährt.

    Es ist ja bekannt, dass Gynäkomastien und Galactorrhoe als mögliche Nebenwirkungen der Einnahme von SRI auftreten können und zwar als Folge einer Hyperprolaktinämie, bedingt durch die serotonerge Hemmung dopaminerger Neuronen im Tuberoinfundibulär-System. Ein prinzipiell denkbarer Mechanismus wäre dann: Serotonin ↑ -> Dopamin ↓ -> Prolaktin ↑ -> Luteinisierendes und Follikel-stimulierendes Hormon ↓ -> Estrogen, Testosteron ↓ -> hypogonadotroper Hypogonadismus

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