PC095 Psychotherapie in akuten Krisen mit Prof. Dr. Peer Abilgaard ist online!

In dieser Episode widmen wir uns der Frage, welche Haltung und welche Interventionen in akuten Krisen hilfreich sind. Wir besprechen, wie die Rahmenbedingungen der stationären Behandlung hier hilfreich sein können. Dabei gibt uns Prof. Abilgaard viele Einblicke in seine besondere Art, Patienten wahrzunehmen und ihnen therapeutisch zu begegnen.

Prof. Abilgaard ist Chefarzt des Bertha-Krankenhauses in Duisburg.

Sein Buch “Stabilisierende Psychotherapie in akuten Krisen: PITT für die psychotherapeutische Grundversorgung (Leben lernen)” findet ihr hier.

Das Buch “Die Psychotherapie-Debatte: Was Psychotherapie wirksam macht” von Bruce E. Wampold findet ihr hier.

Die aktuelle Folge findest Du hier.

Ein Gedanke zu “PC095 Psychotherapie in akuten Krisen mit Prof. Dr. Peer Abilgaard ist online!

  1. Jochen 22. September 2019 / 09:18

    Ein interessantes Thema!

    Das Wampold-Buch ist insgesamt sehr empfehlenswert und nach meiner Meinung zusammen mit Lamberts „Handbook of Psychotherapy and Behavior Change“ die beste, faktengeleitete Übersicht zum Thema Psychotherapie. Wer wenig Zeit hat, sollte allerdings lieber Wampolds Paper durchstöbern, wo es inhaltlich dasselbe, nur sehr viel pointierter gibt. (Besonders interessant: „Expanding the lens of evidence-based practice in psychotherapy: A common factors perspective“ zum Thema spezifische Wirkfaktoren)

    Außerdem sehr empfehlenswert: „Psychotherapy Relationships That Work: Evidence-Based Therapist Responsiveness“. Dort wird im ersten Kapitel auch für Statistik-Allergiker sehr anschaulich erklärt, wie Effektstärken zu interpretieren sind und wie man ausgehend davon und von Wahrscheinlichkeitsverteilungen zu Perzentilen und Responseraten gelangt. „The Heart and Soul of Change: Delivering What Works in Therapy“ ist zwar nicht schlecht, kann man sich meines Erachtens aber sparen, wenn man die beiden anderen gelesen hat.

    Die therapeutische Beziehung ist eine der wenigen Variablen, für die die Forschung reproduzibel positive Zusammenhänge mit dem Behandlungserfolg findet, wobei der Zielkonsens (die Einigkeit zwischen Patient und Therapeut darüber, wie ein wünschenswertes Behandlungsergebnis aussehen sollte) und die Empathie die wichtigsten Komponenten zu sein scheinen.

    Leider weiß man nicht viel über die Richtung dieses Zusammenhangs, weil die therapeutische Beziehung in Studien tendenziell eher post hoc gegen Therapieende gemessen wird, was Wampold und Imel auch explizit im Buch erwähnen (Kapitel 7, „methodological issues“ im englischen Original).

    Es wird dann der sogenannte „Halo“-Effekt als Alternativhypothese diskutiert: Es wäre auch denkbar und plausibel, dass zunächst (beziehungsunabhängig) eine Besserung stattfindet, die der Patient als Verdienst des Therapeuten betrachtet und eine entsprechend „hohe Meinung“ von diesem entwickelt. Gleichzeitig ermöglicht die Genesung des Patienten es dem Therapeuten, sich selbstwertdienlich als kompetenten Experten wahrzunehmen, weswegen er wiederum den Patienten als angenehm und die therapeutische Beziehung als gut bewertet. Kurzum: Es könnte auch der Behandlungserfolg sein, der die therapeutische Beziehung beeinflusst, und nicht umgekehrt. Die Kausalität bleibt also unklar.

    Ein weiteres, im Podcast kurz angesprochenes Kuriosum der Forschung ist das Erfahrungsparadoxon der Psychotherapie: Mit wachsender Berufserfahrung scheinen Psychotherapeuten nicht besser, sondern im Gegenteil sogar tendenziell geringfügig schlechter zu werden (auch dazu ein sehr lesenswertes Wampold-Paper: „Do Psychotherapists Improve With Time and Experience? A Longitudinal Analysis of Outcomes in a Clinical Setting“).

    Die Effektstärke ist mit d = 0,012 pro Jahr zwar winzigst, frisst aber, wenn man bedenkt, dass die Effektstärke von Psychotherapien gegen pharmakotherapeutische Placebos auch nur sehr magere d = 0,25 („Comparison of psychotherapies for adult depression to pill placebo control groups: a meta-analysis“) beträgt, binnen zwei Jahrzehnten Berufserfahrung (0,25 / (0,012 / Jahr) = 20,83 Jahre) den gesamten Behandlungseffekt auf.

    Die Ursachen sind meines Wissens noch völlig unklar. Als Hypothese wird vor allem Empathieerschöpfung diskutiert. Die Abnahme der Verfahrenstreue (die Tendenz erfahrener Psychotherapeuten, stärker von manualisierten/standardisierten Techniken/Verfahren abzuweichen) als mögliche Ursache gilt hingegen als widerlegt, weil die „Allegiance“ zum Therapieverfahren praktisch keinen Anteil der Outcome-Varianz erklären kann.

    Dazu passt auch das Ergebnis der COBRA-Studie im Lancet („Cost and Outcome of Behavioural Activation versus Cognitive Behavioural Therapy for Depression (COBRA): a randomised, controlled, non-inferiority trial“): Bloße Verhaltensaktivierung durch PiAs und Sozialarbeiter („junior mental health workers“) ist nicht signifikant schlechter als das Gesamtprogramm der KVT durch approbierte Psychotherapeuten. Nicht nur scheint die kognitive Umstrukturierung gar kein wirksames Verfahren zu sein, was wiederum die sowohl die Psychodynamiker, als auch die reinen Behavioristen freuen dürfte und Wampolds „common factors“ Modell unterstützt, sondern auch die psychotherapeutische Ausbildung führt wider Erwarten offenbar nicht zu besseren Behandlungsergebnissen.

    Zum Thema existenzielle Krisen und Bedrohungen: Dort sollte man klar unterscheiden zwischen der externen oder assistierten Abstellung nicht-plastischer, ätiologischer Faktoren wie (drohender) Armut oder Obdachlosigkeit und psychotherapeutischen Verfahren im engeren Sinne. Jemanden bei der Ausfüllung von Anträgen oder der Wohnungssuche zu unterstützen ist keine Psychotherapie.

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