Schlafmittel

Auch in diesem Beitrag teile ich den Entwurf eines Kapitels, das nach eurem Feedback und weiteren redaktionellen Schleifen irgendwann vielleicht Ende nächsten Jahres in die dann geplante nächste Auflage meines Buches kommen soll. Also: Änderungsvorschläge, Korrekturen und andere Anmerkungen bitte gerne in die Kommentare!

Ich habe auch ein Video zu diesem Thema gedreht, das findet ihr hier.

Schlafstörungen sind weitverbreitet, und die Vorstellung, ein Schlafmittel könne hier gut Abhilfe schaffen, ist bei Patienten und Behandlern gleichermaßen beliebt. Aber so einfach ist es aus mehreren Gründen nicht:

  • Es ist wichtig, die Ursache der Schlafstörung möglichst genau zu klären und spezifisch zu behandeln.
  • Viele Schlafmittel stellen nicht den gesunden Schlaf mit allen seinen Schlafphasen wieder her, der eigentlich notwendig ist, um erholsam zu sein.
  • Die meisten Schlafmittel wirken nur eine kurze Zeit und verlieren bereits nach wenigen Wochen an Wirkung.
  • Viele der beliebten Schlafmittel machen abhängig und unterhalten nach einiger Zeit selbst die Schlafstörung, jedenfalls, wenn man versucht, sie abzusetzen.

Dennoch gibt es Situationen, in denen ein Schlafmittel sinnvoll sein kann. Es gibt sehr unterschiedliche Schlafmittel. Gemeinsam ist ihnen, dass es sedierende Substanzen sind, die in der Absicht gegeben werden, den Schlaf zu verbessern. In diesem Kapitel stelle ich zunächst einen aus meiner Sicht sinnvollen Eskalationsplan dar und anschließend in dieser Reihenfolge die Pharmaka mit ihren jeweiligen Eigenschaften.

7.1 Eskalationsplan Schlafstörungen

Die Leitlinie Schlafstörungen1 empfiehlt im ersten Schritt kognitive Verhaltenstherapie. Und das ist natürlich auch richtig so. Wenn das nicht reicht, stehen eine Reihe von Medikamenten zur Auswahl, die sich sehr stark in ihrer Wirksamkeit, aber auch in Bezug auf ihre Nebenwirkungen unterscheiden.

Es ist in aller Regel nicht sinnvoll, bei einfachen Schlafstörungen gleich ein Schlafmittel mit Abhängigkeitspotential zu geben. Ein gestuftes Vorgehen ist hier sinnvoll, und oft reichen Maßnahmen der guten Schlafhygiene und ein pflanzliches Schlafmittel, um einen ausreichend guten Effekt zu erzielen. Viele Patienten, gerade ältere, darf man auch darüber aufklären, was an Schlaf realistisch ist. Für einen 80-Jährigen können sechs Stunden Schlaf mit zwei längeren Unterbrechungen in der Nacht völlig normal sein. Wenn der Patient sich am nächsten Morgen im Wesentlichen ausgeschlafen fühlt, ist die subjektiv wahrgenommene Schlafqualität allein kein guter Indikator für eine immer weitere Steigerung der Medikation. Andererseits kann es bei einem manischen Patienten, der nur zwei Stunden in der Nacht schläft, sinnvoll sein, gleich zu Beginn ein hoch dosiertes Benzodiazepin, ein niederpotentes Neuroleptikum, ein Phasenprophylaktikum und ein hochpotentes Neuroleptikum zu kombinieren. An welcher Stelle in so einem Eskalationsplan Melatonin, Antihistaminika, Antidepressiva und niederpotente Neuroleptika stehen, wird sehr unterschiedlich bewertet. Manche Ärzte setzen diese Substanzen gar nicht ein, andere verwenden zumindest einzelne Substanzen aus diesen Gruppen gerne und erfolgreich. Ich habe aus jeder Gruppe zumindest eine Substanz beispielhaft dargestellt, damit Sie sich einen besseren Eindruck von den Vor- und Nachteilen der verschiedenen Optionen machen können.

Ich persönlich orientiere mich an diesem Eskalationsplan:

  1. Gute Schlafhygiene
  2. Pflanzliche Schlafmittel
  3. Melatonin-Agonisten
  4. Antihistaminika
  5. Antidepressiva
  6. Niederpotente Neuroleptika
  7. Z-Substanzen
  8. Benzodiazepine

7.2 Gute Schlafhygiene

Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Patienten, die über Schlafstörungen klagen, angeben, dass sie fünf Tassen Kaffee am Tag trinken, die letzte davon nach dem Abendessen. Auf Nachfrage wird dann oft berichtet, dass Kaffee bei ihnen den Schlaf nicht störe. Ich lasse solche Einschätzungen nicht gelten und fordere alle Patienten mit Schlafstörungen auf, nicht mehr als zwei Tassen Kaffee am Tag zu trinken und die letzte nicht nach 15:00. Auch andere koffeinhaltige Getränke frage ich ab.

Als Nächstes klappere ich die Schlafhygiene ab: Kühles, ruhiges, aufgeräumtes Zimmer; gleichbleibende Zeit, abends zur Ruhe zu kommen, im Bett nur Schlafen und Sex, die Klassiker.

Und wirklich wichtig ist natürlich die Diagnostik zugrunde liegender Erkrankungen, die die Schlafstörung verursachen können. Insbesondere bei adipösen Patienten ist die Schlafapnoe häufig. Schilddrüsenüberfunktionen können den Schlaf stören, wie auch eine Reihe anderer internistischer Erkrankungen. Ich vermittele gerne in ein Schlaflabor, und nicht selten findet sich eine Schlafapnoe oder ein Restless-Legs-Syndrom, die ursächlich behandelt werden können und müssen.

7.3 Pflanzliche Schlafmittel

Rezeptfreie Schlafmittel gibt es reichlich, oft basierend auf Baldrian-, Hopfen- oder Lavendelextrakten. Die Einnahme eines pflanzlichen Schlafmittels kann zum einen Teil eines Schlafrituals sein und zum zweiten einen erwünschten Placebo-Effekt haben. Vermitteln diese Substanzen aber auch einen pharmakologischen Effekt? Wirken sie an bestimmten Rezeptoren sedierend? Zumindest für Baldrian gibt es Hinweise darauf, dass die darin enthaltenen Sesquiterpene einen aktivierenden Effekt auf die GABA-Rezeptoren haben, und das könnte gut ihre sedierende Wirkung erklären23.

Ich selbst verwende aus der Gruppe der pflanzlichen Schlafmittel nur Baldrian in einer Dosis von mehr als 500 mg pro Kapsel. Dies halte ich für milde wirksam und setze es sowohl gegen Schlafstörungen als auch vereinzelt gegen Unruhezustände tagsüber ein. Baldrian macht nicht abhängig und stört die Schlafphasen nicht. Es kann ohne großen Wirkverlust auch längerfristig eingesetzt werden, dann nach Möglichkeit eher bei Bedarf als regelmäßig.

Mindestens ein Drittel meiner Patienten mit Schlafstörungen kommen mit einer Kombination aus guter Schlafhygiene und Baldrianextrakt 1–2 Kapseln zu je 650 mg zur Nacht gut zurecht und benötigen kein nebenwirkungsreicheres Schlafmittel.

7.4 Melatonin

Das Hormon Melatonin ist ein wichtiger Baustein in der Steuerung des Schlaf-Wach-Rhythmus. Es wird in der Nacht vermehrt produziert und hat sein Blutspiegelmaximum etwa gegen 3:00 morgens. Tageslicht bremst die Produktion, es gibt auch Abhängigkeiten vom Alter des Patienten und von der Jahreszeit.

Schon länger wird es bei jet-lag und bei durch Schichtarbeit bedingten Schlafstörungen eingesetzt. Seit einigen Jahren wird es vermehrt gegen die normale Schlafstörung eingesetzt.

In einer großen Meta-Analyse aus dem Jahr 20174 zeigt sich ein signifikanter Effekt auf Einschlaf- und Durchschlafstörungen. Allerdings sind die Ausmaße der Verbesserungen klein, im Mittel sei die Einschlafzeit um 5–10 Minuten verkürzt.

Melatonin ist in einer Dosis von 2 mg zugelassen zur Behandlung von Patienten ab dem 55 Lebensjahr, die an einer primären Insomnie leiden. In dieser Dosis ist es verschreibungspflichtig. Man verordnet 2 mg eine Stunde vor dem Schlafengehen über 13 Wochen.

In niedrigeren Dosierungen wird Melatonin ist in Deutschland rezeptfrei vertrieben, es wird dann als Nahrungsergänzungsmittel klassifiziert. Ob sich diese rechtliche Einordnung halten lässt, ist noch unklar. Der Nutzen in dieser Dosierung ist ebenso umstritten.

Eine Ausnahme von der sonst eher geringen Wirksamkeit besteht bei vollständig blinden Menschen, hier ist Melatonin offenbar sehr hilfreich in der Bekämpfung von Schlafstörungen. Einsatz findet hier ein Melatonin-Rezetor-Agonist Tasimelteon als Orphan Drug.

Das primär als Antidepressivum eingesetzte Agomelatin (s. Kapitel 3.6.8) ist ebenfalls ein Melatoninrezeptoragonist und ist dafür bekannt, besonders gut gegen Schlafstörungen zu wirken.

7.5 Antihistaminika

Antihistaminika finden aufgrund ihrer sedierenden Wirkung schon seit Jahrzehnten als Schlafmittel Verwendung. Sie sind teilweise rezeptfrei und werden so als Schlafmittel vertrieben. Die sedierende Wirkung ist oft recht zuverlässig und hält über eine längere Behandlungsdauer an. Ein häufig verschriebene Wirkstoff von mehreren ist das Doxylamin.

7.5.1 Doxylamin

  • ist ein Antihistaminikum mit zusätzlichen anticholinergen Eigenschaften.
  • ist ein häufig zu findender Wirkstoff rezeptfreier Schlafmittel.
  • macht nicht abhängig.
  • kann mit anderen Sedativa, insbesondere aber mit MAO-Hemmern, problematische Wechselwirkungen verursachen.

Doxylamin wird in niedrigen Dosierungen oft gut vertragen. Es ist jedoch zu bedenken, dass es aufgrund seiner anticholinergen Wirkung gerade bei älteren Patienten zu Stürzen und Verwirrtheitszuständen führen kann. Auch kann ein morgendlicher Überhang mit fortbestehender Gangstörung auftreten.

Pharmakologie

Doxylamin ist ein H1-Rezeptor-Antagonist. Durch Hemmung der Entzündungsmediator-Funktion des Histamins wirkt Doxylamin als Antiallergikum. Im Zentralnervensystem wirkt Doxylamin darüber hinaus sedierend und antiemetisch. Es hat auch ausgeprägte anticholinerge Wirkungen.

Klinischer Einsatz

Doxylamin wird wie viele Antihistaminika sowohl als Schlafmittel als auch als Antiallergikum eingesetzt. Ferner wird Doxylamin gegen Schwangerschaftsübelkeit verabreicht, da es keine Hinweise auf eine teratogene Wirkung gibt.

Dosierung

  • zur Nacht: 25–50 mg

Nebenwirkungen

Doxylamin kann zusammen mit anderen Sedativa einen überadditiven Effekt haben. Die Kombination mit MAO-Hemmern ist kontraindiziert. Es kann zu anticholinergen Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit oder Akkommodationsstörungen kommen.

Mein persönliches Fazit

In der ambulanten Verschreibungspraxis und im stationären Alltag wird auf die Klage „Schlafstörung“ oft reflexartig eine Z-Substanz oder ein Benzodiazepin verordnet. Dabei ist ein Therapieversuch mit einer nicht abhängigkeitserzeugenden Substanz in vielen Fällen erfolgreich. Doxylamin wirkt meist verlässlich sedierend und kann über eine etwas längere Zeit eingesetzt werden.

7.6 Antidepressiva

Auch viele ältere Antidepressiva haben anticholinerge und antihistaminerge Nebenwirkungen. Daher kann man auch diese als Schlafmittel einsetzen. Die verwendeten Dosierungen sind dabei so niedrig, dass eine relevante antidepressive Wirkung nicht entsteht. Ein Beispiel von mehreren ist Trimipramin.

7.6.1 Trimipramin

  • wirkt – vermittelt über anticholinerge und antihistaminerge Wirkungen mehrere Stunden stark sedierend.
  • wirkt über eine Blockade der 5-HT2 -Rezeptoren schlafanstoßend.
  • verursacht keine REM-Schlaf-Störungen.
  • verursacht keine Abhängigkeit und behält auch bei längerer Gabe seine Wirkung.
  • wird daher überwiegend als Schlafmittel eingesetzt.
  • wirkt nur schwach antidepressiv, da es anders als andere trizyklische Antidepressiva fast keine Serotonin- oder Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmung bewirkt.

Trimipramin ist ein altes Antidepressivum, das aktuell fast nur noch aufgrund seiner sedierenden Eigenschaft als Schlafmittel zum Einsatz kommt. In dieser Indikation hat es eine recht verlässliche Wirkung und kann auch über eine etwas längere Zeit gegeben werden.

Pharmakologie

Trimipramin hat eine ausgeprägte anticholinerge und antihistaminerge Wirkkomponente, was die stark sedierende Wirkung erklärt. Es blockiert den 5-HT2 -Rezeptor, was eine schlafinduzierende Wirkung haben soll.

Anders als andere trizyklische Antidepressiva verursacht Trimipramin praktisch keine Serotonin- oder Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmung. Aufgrund dieses ungewöhnlichen Rezeptorprofils wird es als „atypisches Antidepressivum“ bezeichnet.

Klinischer Einsatz

Trimipramin ist zugelassen zur Behandlung von Depressionen mit den Leitsymptomen Schlafstörung, Angststörung und innere Unruhe. Die hohen Dosierungen, die zur Behandlung von Depressionen nötig wären (100–400 mg/Tag), werden aber zumeist aufgrund von Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit und Müdigkeit nicht vertragen.

Trimipramin spielt deshalb eher in der Therapie der Schlafstörungen eine Rolle. Der 5-HT2 -Rezeptor-Blockade wird eine schlafanstoßende Wirkung zugeschrieben, die anticholinerge und antihistaminerge Komponente verursacht eine mehrere Stunden anhaltende Sedierung. Daher wirkt Trimipramin schon in verträglicheren Dosierungen zwischen 25 und 75 mg gegen Einschlaf- und Durchschlafstörungen. Es macht nicht abhängig und verändert nicht den REM-Schlaf, sodass es auch langfristig verordnet werden kann.

Auch bei chronischen Schmerzstörungen wird Trimipramin erfolgreich eingesetzt.

Dosierung

  • als Schlafmittel: 25–75 mg/Tag zur Nacht
  • als Antidepressivum: 100–300 mg/Tag (zugelassen bis 400 mg) mit abendlichem Schwerpunkt
  • bei chronischen Schmerzen: 50–150/Tag mg zur Nacht
  • Dosisänderungen bei Eindosierung und Abdosierung in 25- bis 50-mg-Schritten vornehmen

Nebenwirkungen

Trimipramin ist relativ nebenwirkungsreich. Es verursacht anticholinerge und antihistaminerge Nebenwirkungen wie Sedierung, Mundtrockenheit, Hypotonie, Akkommodationsstörungen, Miktionsstörungen, Gewichtszunahme und manchmal Blutbildveränderungen. Abruptes Absetzen kann cholinerge Nebenwirkungen bis hin zum Delir verursachen, daher sollten das Absetzen und die Eindosierung jeweils in kleinen Schritten von 25 bis 50 mg/Tag erfolgen.

Mein persönliches Fazit

Als Antidepressivum ist Trimipramin aufgrund seiner kaum vorhandenen Serotonin-Wiederaufnahmehemmung nicht gut geeignet. Es hat seinen Platz in der Behandlung von Schlafstörungen, da es nicht abhängig macht, den REM-Schlaf nicht stört und über lange Zeit eine gute Wirkung behält. Allerdings kann es insbesondere bei höheren Dosierungen schnell eine Vielzahl von Nebenwirkungen verursachen, die engmaschig überprüft werden müssen.

7.7 Niederpotente Neuroleptika

Und auch niedrigpotente Neuroleptika haben oft sedierende Nebenwirkungen. Daher kann man auch diese Substanzgruppe gegen Schlafstörungen einsetzen. Gerade hier muss man aber bedenken, dass die Hauptwirkung eine Blockade des Dopaminstoffwechsels ist, die mit vielen Nebenwirkungen wie EPMS, Antriebsstörungen oder Lustlosigkeit einhergehen können.

Häufig verwendet werden Promethazin, Dipiperon, Melperon und andere. Die Charakterisierung von Promethazin findet sich im Kapitel Sedativa im Abschnitt 4.4.1 Promethazin.

7.8 Die Z-Substanzen

Mit Zopiclon und Zolpidem kamen Anfang der 1990er-Jahre zwei Substanzen auf den Markt, die als „nahezu ideale Schlafmittel“ beworben wurden. Es wurde behauptet, dass sie in niedriger Dosis die Schlafarchitektur nicht stören (Benzodiazepine verändern die Schlafphasen und den REM-Schlaf), dass sie nicht abhängig machen und dass sie gut verträglich sind.

Pharmakologisch sind die „Z-Substanzen“ Modulatoren am gleichen GABA-Rezeptor, an dem auch die Benzodiazepine wirken. Inzwischen herrscht weitgehender Konsens, dass Wirkungen, Nebenwirkungen und Abhängigkeitspotenzial der Z-Substanzen im Wesentlichen denen der Benzodiazepine entsprechen, wenngleich milder ausgeprägt.

7.8.1 Zopiclon

  • ist ebenso wie Zolpidem ein Modulator am GABA-Rezeptor.
  • hat mit 4–6 Stunden eine längere Halbwertszeit.
  • wird in der Regel mit 7,5 mg zur Nacht dosiert.
  • kann typischerweise einen metallisch-bitteren Geschmack verursachen.

Da Zopiclon eine etwas längere Halbwertszeit als Zolpidem hat, wird es nicht nur bei Einschlaf-, sondern auch bei Durchschlafstörungen gegeben. Es ist das etwas stärkere Medikament.

Pharmakologie

Zopiclon gehört genau wie Zolpidem nicht zu den Benzodiazepinen, wirkt aber am gleichen GABA-Rezeptor und zeigt daher das gleiche Wirkungs- und Nebenwirkungsprofil. Es hat eine Halbwertszeit von 4 bis 6 Stunden, im Alter und bei reduzierter Metabolisierungsgeschwindigkeit auch von 8 Stunden.

Klinischer Einsatz

Zopiclon wird gegen Ein- und Durchschlafstörungen verordnet.

Dosierung

  • Standarddosis zur Nacht: 7,5 mg
  • empfohlener Einnahmezeitpunkt: eine halbe Stunde vor dem gewünschten Einschlafzeitpunkt, da Zopiclon rasch aus dem Dünndarm resorbiert wird

Nebenwirkungen

Typisch für Zopiclon ist ein metallisch-bitterer Geschmack, der in einigen Fällen nach längerer Anwendung abnehmen soll.

Zopiclon zeigt dieselben Nebenwirkungen wie die Benzodiazepine. Dies sind insbesondere die Gefahren der Toleranzentwicklung und der Abhängigkeit. Bereits nach wenigen Wochen kann die Beendigung der Medikation zu Absetzschlaflosigkeit, Angst, Unruhe und Getriebenheit führen.

Mein persönliches Fazit

Zopiclon ist aufgrund seiner längeren Halbwertszeit gut gegen Ein- und Durchschlafstörungen wirksam und wird ebenso wie Zolpidem zumeist gut vertragen. Auch hier sollte man eine Verordnungsdauer von 4 bis 6 Wochen in der Regel nicht überschreiten.

7.8.2 Zolpidem

  • ist ein Modulator am GABA-Rezeptor, an dem auch die Benzodiazepine wirken.
  • hat mit 2–3 Stunden eine eher kurze Halbwertszeit, sodass es gut gegen Einschlafstörungen verwendet werden kann.

Zolpidem gehört zu den in Europa und Nordamerika am häufigsten verordneten Schlafmitteln.

Pharmakologie

Zolpidem wirkt am gleichen inhibierenden GABA-Rezeptor wie die Benzodiazepine, ist jedoch chemisch kein Benzodiazepin. Für die Wirkung und Nebenwirkungen dieser Substanz spielt das aber keine Rolle. In niedriger Dosis wirkt es etwas schwächer am GABA-Rezeptor als ein höher dosiertes Benzodiazepin.

Die Halbwertszeit beträgt 2–3 Stunden, ist also relativ kurz.

Klinischer Einsatz

Zolpidem eignet sich gut für Einschlafstörungen, etwas weniger gut auch für Durchschlafstörungen.

Männer und Frauen unterscheiden sich in Bezug auf ihre Fähigkeit, Zolpidem zu metabolisieren (FDA Safety Information Zolpidem)5. Die FDA empfiehlt daher für Frauen eine Dosis von 5 mg, da bei Frauen mit einer Dosis von 10 mg morgens noch Beeinträchtigungen wie Fahruntüchtigkeit bestehen können.

Dosierung

  • Männer: 10 mg zur Nacht
  • Frauen: 5 mg zur Nacht

Nebenwirkungen

Schlafmittel werden in ihren Nebenwirkungen chronisch unterschätzt. Oft werden sie als vergleichsweise harmlos eingeschätzt. Das stimmt nicht. Obwohl immer wieder angegeben wird, dass das Abhängigkeitspotenzial von Zolpidem niedriger sei als das der Benzodiazepine, gelten hier die gleichen Bedenken: Eine längere Gabe von Zolpidem kann sehr wohl zur Abhängigkeit führen.

Die Substanz sollte daher nur bei einem nachvollziehbaren Grund gegeben werden und in der Regel nicht länger als 4–6 Wochen verschrieben werden. Dauerverschreibungen sind im Normalfall nicht sinnvoll. Das Absetzen nach längerer Verordnung kann zu Entzugsbeschwerden über längere Zeit führen, etwa zu Schlaflosigkeit, Angstzuständen und Unruhe.

Alle Schlafmittel können morgens noch eine Nachwirkung, einen Overhang, haben und trotz des subjektiven Gefühls völliger Wachheit Beeinträchtigungen verursachen, etwa beim Autofahren.

Mein persönliches Fazit

Zolpidem wird gut vertragen und hilft wirksam gegen Einschlafstörungen. Eine kurzzeitige Verordnung kann in bestimmten Situationen absolut sinnvoll sein. Eine dauerhafte Verschreibung birgt allerdings die Gefahr einer Abhängigkeitsentwicklung in sich und sollte vermieden werden.

7.9 Benzodiazepine

Bei akuten ausgeprägten Schlafstörungen, beispielsweise bei einer Manie oder einer zeitlich begrenzten Ausnahmesituation können Benzodiazepine verlässlich als Schlafmittel eingesetzt werden. Die Toleranzentwicklung beginnt allerdings schon nach wenigen Wochen, sodass eine Behandlung von mehr als 6 Wochen nicht zu empfehlen ist. Die Wirkung lässt dann üblicherweise auch nach. Viele Patienten nehmen ihr Benzodiazepinschlafmittel nur deshalb über viele Jahre lang ein, weil sie bei jedem Absetzversuch Entzugssymptome verspüren und dies fälschlicherweise als Zeichen dafür werten, dass sie das Schlafmittel noch benötigen.

Oft werden Benzodiazepine mit einer Halbwertszeit von ca. 8 Stunden als Benzodiazepin-Schlafmittel eingesetzt, z. B. Oxazepam. Man darf aber nicht vergessen, dass es die gleichen Nebenwirkungen und insbesondere das gleiche Abhängigkeitspotential hat wie jedes andere Benzodiazepin.

7.9.1 Oxazepam

  • erreicht erst ca. 1–3 Stunden nach Einnahme seinen wirksamen Plasmaspiegel
  • hat eine Wirkdauer von ca. 8 Stunden
  • ist ein Metabolit des Diazepams und teilt mit diesem alle Vor- und Nachteile der Benzodiazepine

Pharmakologie

Oxazepam ist ein direkter Metabolit des Diazepams. Er wird eher langsam resorbiert, ein wirksamer Plasmaspiegel wird erst nach 1–3 Stunden erreicht.

Die Halbwertszeit ist interindividuell sehr unterschiedlich und kann zwischen 5 und 15 Stunden liegen.

Der Abbau erfolgt unabhängig von CYP-P450 System, sodass Medikamenteninteraktionen in diesem Bereich keine Rolle spielen.

Klinischer Einsatz

Oxazepam wird überwiegend als Schlafmittel eingesetzt. Auch in Kankenhäusern und Altenheimen ist es recht beliebt.

Dosierung

  • Die übliche Dosis beträgt 10 mg zur Nacht.
  • Ältere und geschwächte Patienten sollten zunächst 5 mg erhalten.
  • Bei unzureichender Wirkung ist eine Dosissteigerung auf 20–30 mg möglich.

Nebenwirkungen

Oxazepam hat die den Benzodiazepinen eigenen Nebenwirkungen. Beim Einsatz als Schlafmittel sind hier insbesondere zu bedenken:

  • bei älteren Patienten kann es eine Gangunsicherheit verursachen und damit Stürze begünstigen
  • morgendlichen Overhang
  • Innerhalb von 4 bis 6 Wochen Entwicklung einer Toleranz, später Abhängigkeit.

Mein persönliches Fazit

Für den kurzfristigen Einsatz zum Beispiel als Prämedikation vor einer OP ist Oxazepam gut geeignet, eine Dauermedikation sollte es aber nicht werden.

Copyright

Dieser Beitrag ist ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag weiterverwenden möchten.

  1. http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/063-003.html (https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/063-003.html)
  2. Ortiz JG, Nieves-Natal J, Chavez P. Effects of Valeriana officinalis extracts on 3H flunitrazepam binding, synaptosomal 3H GABA uptake, and hippocampal 3H GABA release. Neurochemical research. 1999; 24:1373-1378. https://link.springer.com/article/10.1023/A:1022576405534
  3. https://de.wikipedia.org/wiki/Baldriane
  4. Auld F, Maschauer EL, Morrison I, Skene DJ, Riha RL. Evidence for the efficacy of melatonin in the treatment of primary adult sleep disorders. Sleep Med Rev. 2017; 34:10-22. DOI: 10.1016/j.smrv.2016.06.005. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28648359
  5. U.S. Food & Drug Administration. FDA Drug Safety Communication: FDA approves new label changes and dosing for zolpidem products and a recommendation to avoid driving the day after using Ambien CR (14.05.2013). Im Internet: https://wayback.archive-it.org/7993/ 20170406043943/https://www.fda.gov/Drugs/DrugSafety/ucm352085.htm; Stand: 09.02.2020

3 Gedanken zu “Schlafmittel

  1. Patient83 24. März 2022 / 14:24

    Guter Überblick! Ergänzenswert finde ich noch, dass auch Quetiapin(Seroquel) als Schlafmittel in Frage kommen kann isb. wenn niederpotente Neuroleptika wie bspw. Promethatzin in meinem Fall nicht angeschlagen bzw. ausgereicht haben. VG

    • 024680 25. März 2022 / 18:16

      Quetiapin ist dann aber eine ergänzende Medikation oder führt eine Koexistenz mit einem zweiten/ersten (Haupt-) Medikament. Die Klasse ist „Neuroleptikum“, deshalb muss man das eigtl. immer als Kombinationstherapie betrachten.

      Gruß

      (ein Leser)

  2. grmblfx 24. März 2022 / 14:43

    Hi Jan,
    Danke für das Privileg, Dein Buch hier kapitelweise umsonst lesen zu dürfen 🙂

    Ein paar subjektive Kommentare zum Stufenmodell, mein Vorgehen ist etwas anders:
    – Z-Substanzen verordne ich deutlich früher, allerdings nur als Bedarf bzw. sehr kurzfristig, daher würde ich sie eher „neben“ das Stufenmodell stellen, als reine Bedarfsmedikation. Wenn Pat. schwere Schlafstörungen haben und völlig kaputt in die Klinik kommen, gebe ich manchmal direkt bei Aufnahme für eine Woche Zolpidem/Zopiclon, um die Pat. zu entlasten. Auch z.B. während Traumaexposition kann das hilfreich sein, weil REM-suppressiv (und damit auch Alptraum-unterdrückend)
    – Agomelatin verordne ich gar nicht mehr. Die antidepressive Wirkung halte ich für nicht vorhanden und aufgrund der Halbwertszeit von 1-2h sehe ich keinen Unterschied zu Melatonin, dafür erhebliches Nebenwirkungspotential. Meines Wissens gibt es übrigens keine Studie, die gezeigt hat, dass es signifikante Effekt auf den Schlaf hat, die über Placebo hinausgehen.
    – Antihistaminika tauchen bei mir bisher nicht auf, aber das werde ich nochmal überdenken. In der Regel versuche ich als Dauermedikation immer als erstes ein Antidepressivum (in der Reihenfolge Trimipramin, Mirtazapin bis max. 15 mg, Opipramol, Doxepin, selten Trazodon, Amitriptylin bei zusätzlicher Indikation wie Schmerz), vor allem Trimipramin lässt sich in Tropfenform einfach hervorragend dosieren.
    – Neuroleptika sind für mich auch Medikamente, die ich nur kurzfristig oder als Bedarf einsetze, weil mir bei Dauereinnahme das Risiko von EPMS – auch bei schwachen Neuroleptika – zu hoch ist.

    Und wie Du geschrieben hast: Schlafhygiene ist da A und O.
    Psychotherapeutisch sage ich meinen Pat., dass die Behandlung von Schlafstörungen am Tag stattfindet, nämlich sich mit den Themen, die sie nachts nichts zur Ruhe kommen und schlafen lassen, auseinanderzusetzen. In der Regel gibt es ja Auslöser, die Stress machen und verhindern, dass sie der Sympathikus runterfährt und sie in einen parasympathikotonen Zustand kommen.

    Gruß
    Daniel

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