PC049 Die Gefühlssendung: Schuld, Stolz, Angst, Scham, Freude ist online!

Im ersten PsychCast nach der kleinen Sommerpause geht es um verschiedene Gefühle, die wir für Euch einmal gründlich sezieren. Wir philosophieren über zu Unrecht vernachlässigte Gefühle und die wichtigen Funktionen derselben.

Da die Sendung schon eine Weile voraufgezeichnet ist, können wir auf aktuelle Fragen und Rückmeldungen nicht eingehen. Ihr könnt aber noch für die BETTER CALL PsychCast Folge alle Fragen über die Psyche einreichen, die Euch interessieren (die angesprochene Sex-Folge ist bereits erschienen).

Die Fundsache der Woche ist das Buch Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert von Marie Kondo.

Die Folge findet ihr hier.

 

Verpflichtende Patienteninformationskarte für Valproat

Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft hat entschieden, dass Patientinnen, die Valproat erhalten, eine Aufklärungskarte über die damit verbundenen Risiken ausgehändigt werden muss. Valproat ist in erheblichem Maße teratogen. Ich hatte hier darüber ausführlich berichtet. Trotz des Rote-Hand-Briefes und zahlreicher anderer Informationsansätze gibt es immer wieder Patientinnen im gebärfähigen Alter, die Valproat erhalten und nicht angemessen über das teratogene Risiko aufgeklärt worden sind. Anbei poste ich die nun erforderliche Informationskarte, die den Patientinnen ab jetzt bei Verordnung oder Ausgabe vom Arzt oder Apotheker ausgegeben werden soll sowie die dazugehörige offizielle Mitteilung.

Voila_Capture 2017-07-17_08-24-33_AMVoila_Capture 2017-07-17_08-24-54_AM

 

Informationsbrief zu Arzneimitteln, die Valproat und verwandte Substanzen enthalten: Einführung einer Patientenkarte

Das Antiepileptikum Valproat wird angewandt zur Behandlung von Epilepsien sowie manischen Episoden bei bipolaren Störungen. Es besitzt teratogene Wirkungen und kann zu schwerwiegenden Entwicklungsstörungen bei Kindern führen, die im Mutterleib Valproat ausgesetzt waren. Valproat darf daher seit Ende 2014 nur noch dann bei Schwangeren, weiblichen Jugendlichen und Frauen im gebärfähigen Alter angewendet werden, wenn andere Arzneimittel nicht wirksam sind oder nicht vertragen werden.

Neben einem Rote-Hand-Brief wurden damals Informationsmaterialien an die Fachkreise versendet. Dennoch scheint des Risiko der intrauterinen Valproat-Exposition bei Ärzten und Patientinnen nicht hinreichend bekannt zu sein. Auf Initiative des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wird daher das Schulungsmaterial erneut versendet. Ergänzend wird vorübergehend eine Patientenkarte versendet, welche betroffenen Patientinnen ausgehändigt werden soll. Dieser Versand erfolgt, bis alle neu in Verkehr gebrachten Packungen mit einer Patientenkarte versehen sind.

Ärzte und Apotheker werden aufgefordert, bei jeder Verordnung bzw. Abgabe von Valproat jeder Patientin im gebärfähigen Alter die Patientenkarte auszuhändigen und die Inhalte zu erläutern.

Schulungsmaterial und Patientenkarte sind auch auf der Homepage des BfArM sowie der jeweiligen pharmazeutischen Unternehmer verfügbar.

Informationsbrief zur Einführung einer Patientenkarte für Arzneimittel, die Valproat und verwandte Substanzen enthalten

Patientenkarte

Vetokompetenz oder Die Kunst des wirksamen Einspruchs

Als Psychiater hat man ja zum Glück nicht so oft mit Reanimationen zu tun. Na ja, so ein bis zwei pro Jahr hat man aber doch… Normalerweise läuft ja alles ungefähr so, wie man es in den Megacode-Trainings lernt, und als Psychiater muss man eigentlich auch nur die fünf Minuten überbrücken, bis der Notarzt kommt. Aber auch diese fünf Minuten können sehr lang werden.

Vor einigen Jahren kam ich – ich war damals Oberarzt – zu einer Reanimation dazu, die schon von einer anderen Oberärztin begonnen worden war. Zwei Pflegekräfte führten bereits die Herzdruck-Massage durch und die Oberärztin versuchte, den Patienten zu intubieren. Aus welchem Grund auch immer, genau das gelang ihr über einen quälend langen Zeitraum nicht. Der Patient war schon blau im Gesicht, und der Tubus wollte und wollte einfach nicht seinen Weg in die Luftröhre des Patienten finden. Nun sind Psychiater beim Intubieren typischerweise nicht so gut in Übung, weil das schließlich so selten vorkommt. Daher hatten wir neben den normalen Schnorcheln auch sogenannte Larynx-Tuben im Notfall-Koffer. Die sind viel einfacher zu setzen und tun für die Reanimation genau so gute Dienste. Nachdem ich mich eine kurze Zeit bei der Reanimation ein wenig nützlich gemacht hatte, war mir zunehmend klar, dass die Intubation einfach nicht klappte und ein Larynx-Tubus vielleicht rasch die Lösung bringen würde.
Auf meine höfliche Art sagte ich also so etwas wie: „Verzeihung Fr. Dr. X, vielleicht ginge es mit einem Larynx-Tubus besser…“
Woraufhin mir Fr. Dr. X antwortete: „Ich kann viel besser mit dem normalen Tubus intubieren und das mache ich jetzt gerade mal hier fertig!“
Daraufhin schaute ich betreten zu, wie der Patient immer blauer und blauer wurde, aber der Tubus sich einfach nicht legen lassen wollte.
Ich versuchte es noch einmal höflich mit: „Soll ich mal versuchen?“, was Fr. Dr. X mit einem energischen „Ich bin jahrelang Notarzt gefahren, ich kann intubieren.“ beantwortete.
Wusste ich Bescheid. Der Tubus lag immer noch nicht. Zum Glück kam dann der schon zu Beginn herbeigerufene Notarzt, übernahm, legte innerhalb von gefühlten 3 Sekunden den Tubus und die Reanimation gelang letztendlich.
Das war ein Beispiel für eine schlechte Vetokompetenz meinerseits.

Ich habe den Begriff der Vetokompetenz im wirklich sehr guten, gerade neu erschienenen Script „Faktor Mensch“ gelesen und sogleich dankbar in meinen aktiven Wortschatz übernommen.

Vetokompetenz bedeutet, dass es nicht reicht, mit fiepsiger Stimme irgendetwas vor sich hin zu nuscheln, und dann innerlich beruhigt zu sein, dass man es ja gesagt hat. Man muss schon sicherstellen, dass das Gesagte beim Angesprochenen auch ankommt und verarbeitet wird. Mein Freund Stefan hat in unserem PsychCast über die Human Factors zum Thema Kommunikation im Cockpit das gleiche Konzept beschrieben.

Ein ordentlicher Einspruch hat diese Komponenten:

  1. Direktes Ansprechen mit Namen
  2. Beschreiben, was ich als Problem erkannt habe
  3. Einen konkreten Lösungsvorschlag machen
  4. Den Angesprochenen fragen, was er davon hält

Das würde in meinem Beispiel etwa so geklungen haben:

„(1.) Fr. Dr. X, 

(2.) ich sehe, dass die Intubation mit dem normalen Tubus nicht problemlos gelingt, der Patient ist aber schon deutlich zyanotisch.

(3.) Ich schlage vor, dass Sie es mit dem Larynx-Tubus versuchen, den habe ich hier (anreichen des Larynx-Tubus).

(4.) Wollen Sie das einmal versuchen?“

Diese Formulierung führt dazu, dass der Angesprochene gar nicht anders kann, als sich aktiv mit dem Vorschlag auseinanderzusetzen. Und wenn er nicht reagiert, muss man ihn halt so lange weiter zu einer Reaktion auffordern, bis er was dazu sagt. Er muss den Vorschlag natürlich nicht annehmen, aber dann könnte er seine Ablehnung ganz gerne auch kurz begründen. Ein so vorgetragener Einspruch ist viel wirksamer.

Also: Übt euch bei der nächsten Gelegenheit in der Kunst des wirksamen Einspruchs!

Kann man kokain- oder amphetaminabhängige Patienten mit Ritalin substituieren?

Ritalin

Bild: Empty bottle for Ritalin tablets, England, 1954-1970. , CC.

Substitution ist bei Opiatabhängigen unzweifelhaft sinnvoll

Langjährig heroinabhängige Patienten werden schon seit Jahrzehnten mit dem Opioid Methadon substituiert, und es ist völlig unstrittig, dass dies einen wirklich großen Nutzen hat. Prostitution, Beschaffungskriminalität und Infektionskrankheiten durch geteilte infizierte Nadeln gehen drastisch zurück, das Gesundheitsniveau steigt auf allen Achsen deutlich an. Methadon löst im Vergleich zu Heroin deutlich weniger das Gefühl des Rausches oder „High“-seins aus. Das liegt unter anderem daran, dass es aufgrund der oralen Gabe langsamer an die Opiatrezeptoren anflutet und mit 24-36 Stunden eine recht lange Halbwertszeit hat. Das macht die einmal tägliche Gabe im Rahmen der Substitution möglich. 

Ein Nikotinpflaster ist auch eine Substitution…

Hier wird das Nikotin als medizinisches Produkt über eine länger wirksame Applikation gegeben. Das Prinzip ist das gleiche: Entzugsbeschwerden werden vermindert und das Substitut schädigt aufgrund seiner seiner kontrollierten Gabe, seiner langwirksamen Verfügbarkeit und insbesondere aufgrund der Abwesenheit des Tabakrauches weniger als die eigentliche Droge, die gute alte Kippe.

Pharmakologisch gäbe es auch für Amphetaminabhängige ein entsprechendes Substitut

Auch die Amphetamin- oder Kokainabhängigkeit sind schwere Krankheiten, die mit erheblichen Gesundheitsschädigungen verbunden sind. Auch soziale Probleme durch Prostitution und Beschaffungskriminalität treten häufig auf. Daher stellt sich ganz berechtigt die Frage, ob auch bei dieser Sucht ein Substitut zur Verfügung steht, das langjährig Abhängigen, die anders nicht abstinent werden können, hilft. 

Aus pharmakologischer Sicht bietet sich hier Methylphenidat an…

Methylphenidat, besser bekannt unter einem seiner Handelsnamen: Ritalin®, das zur Behandlung des ADHS eingesetzt wird, eignet sich aus pharmakologischer Sicht gut als Substitut:

  • Es ist ein Amphetamin, dass damit die zu substituierende Wirkung komplett abdeckt.
  • Es löst im Vergleich zu anderen Amphetaminen viel weniger ein „High“-Gefühl aus.
  • Es ist als Retard-Präparat erhältlich, so dass eine einmal-tägliche Gabe möglich ist.

Aber in der Praxis spricht viel dagegen:

Die Abhängigkeit von Amphetaminen unterscheidet sich stark von der Abhängigkeit von Opiaten. Ein wesentlicher Punkt ist, dass Opiatabhängige schon wenige Stunden nach der letzten Dosis starke Entzugsbeschwerden bekommen, die den nächsten Schuss subjektiv stark erzwingen. Das Substitut, dass die Entzugsbeschwerden praktisch komplett aufhebt, durchbricht an dieser Stelle den Teufelskreislauf. 

Amphetaminabhängige entwickeln typischerweise keine akuten Entzugsbeschwerden. Sie haben zwar Craiving nach der Wirkung, aber eben keinen Entzug, insbesondere keinen körperlichen. Daher ändert sich durch ein Substitut nicht so viel, weil es den Teufelskreis nicht durch Aufheben der Entzugsbeschwerden durchbricht. Und die gewünschte Wirkung tritt durch Methylphenidat auch nicht im gewünschten Ausmaß ein.

Auch Methylphenidat kann mißbraucht werden und kann als Suchtstoff verwendet werden. Rektale und nach Filterung intravenöse Applikationen bringen den Berichten von Konsumenten nach sehr wohl ein High-Gefühl. Daher müsste eine Substitution genau so wie bei Methadon mit einer täglichen Vergabe beim Arzt und einer Einnahme unter Aufsicht erfolgen. 

International gibt es auch Versuche mit Methylphenidat bei Kokain- oder Amphetaminabhängigen

Ich habe berichtet bekommen, dass genau diese Substitutionsbehandlung in den Niederlanden schon angewendet werde, das sei auch gar nicht so selten. Wie diese Übersichtsarbeit darlegt, gibt es international Erfahrungen und auch einige wenige kontrollierte Studien zur Frage der Methylphenidat-Substitution. Zusammengefasst kann man sagen, dass die Ergebnisse inkonsistent sind und unter dem Strich keinen erkennbaren Nutzen ausweisen. 

Neue Deutsche Leitlinie zu Methamphetamin-bezogenen Störungen

Es gibt seit kurzem eine neue deutsche Leitlinie zu Methamphetamin-bezogenen Störungen, die ihr hier findet. Im Ärzteblatt dieser Woche berichten Fr. Prof. Gouzoulis-Mayfrank et al. hierüber, der Artikel fasst das wichtigste zusammen und ist sehr lesenswert. Er ist kostenlos im Vollzugriff hier zu finden. In dieser Leitlinie geht es speziell um Methamphetamin, also „Meth“ oder „Crystal-Meth“, aber die Einschätzung zur Substitution ist sicher auch auf andere Amphetamine und auch Kokain übertragbar. Dort heißt es: 

Die Experten halten Substitutionsversuche mit Psychostimulanzien, obwohl sie pharmakologisch plausibel sind, für nicht hinreichend belegt, beispielsweise retardiertes D-Amphetamin oder retardiertes Methylphenidat. Die wenigen RCT wiesen erhebliche Mängel auf, die Effekte waren nicht konsistent und bezogen sich meist auf sekundäre Endpunkte. Solche Behandlungsversuche sollen nur im Rahmen hochwertiger klinischer Studien (eher im stationären Setting) erfolgen.

Mein persönliches Fazit

Pharmakologisch klingt es wirklich plausibel. Aus klinischer Sicht ist aber für mich unmittelbar klar, dass eine Substitutionsbehandlung mit Methylphenidat für kokain-, amphetamin- oder methamphetaminabhängige Patienten keine sinnvolle Option ist. Da es bei der Amphetaminabhängigkeit kaum Entzugsbeschwerden gibt, durchbricht das Substitut den Teufelskreis aus Entzugsbeschwerden und erneutem Drogenkonsum nicht. Zugleich ist das Missbrauchspotential hoch.

Es verbleiben psychotherapeutische Maßnahmen und eine sehr intensive Anbindung an das Suchthilfesystem, die beide eine gute und belegte Wirkung haben. Man kann eben nicht immer Feuer mit Feuer bekämpfen….   

Es gibt was zu feiern: Die dritte Auflage von Psychopharmakotherapie griffbereit ist erschienen!

Psychopharmakotherapie griffbereit Dreher Cover

In der Psychopharmakotherapie tut sich jedes Jahr so viel, dass man nur mit einem aktuellen Buch wirklich up-to-date sein kann. Heute ist mein Buch Psychopharmakotherapie griffbereit in der dritten Auflage erschienen. Und die enthält jede Menge Neuerungen, Aktualisierungen und Überarbeitungen. Unter anderem neu sind Kapitel zu:

  • Sertralin
  • Milnacipran
  • Trimipramin
  • Spice
  • Medikamentenwechselwirkungen
  • Psychopharmaka und Schwangerschaft
  • Sinnvollen Kontrolluntersuchungen.

Alle Kapitel sind aktualisiert worden. Das Kapitel zu Vortioxetin (Brintellix®) wurde gestrichen, da es auf dem deutschen Markt nicht mehr verfügbar ist.

Das Buch bleibt seiner ursprünglichen Idee treu, insbesondere Neueinsteigern in die Psychopharmakotherapie einen Überblick und eine gute Orientierung zu geben. Es ist aber auch zum Nachschlagen der häufig verwendeten Medikamente geeignet.

In jedem Kapitel werden zunächst die grundlegenden Therapieprinzipien dargestellt, dann werden ausgewählte Medikamente im einzelnen dargestellt. Bei jedem Medikament erkläre ich etwas zur Pharmakologie, zum klinischen Einsatz, zu unerwünschten Wirkungen, erkläre die Dosierung und die praktische Anwendung. Schließlich gebe ich zu jedem Medikament mein persönliches Fazit, dass dem Leser hilft, sich ein Bild vom beschriebenen Medikament zu machen.

Bei Amazon könnt ihr das Buch hier bestellen, bei Schattauer direkt hier.

(Heute ist die Kindle-Version noch nicht erhältlich; der Button verlinkt auf die Kindle-Version der zweiten Auflage, aber die dritte Auflage wird auch als e-Book kommen….)

PC048 Fehlerkultur in Luftfahrt und Medizin

Eine neue PsychCast-Folge ist online! PC048 Fehlerkultur in Luftfahrt und Medizin

Wir sind alle nur Menschen. Haben eine begrenzte Aufmerksamkeitsspanne, eine ablenkbare Wahrnehmung und neigen in komplexen Situationen dazu, unsere Aufmerksamkeit auf wenige Aspekte einzuengen. In medizinischen Notfällen kann das schnell fatal werden. Was wissen wir eigentlich darüber, wie Fehler in komplexen Situationen entstehen, welche Rolle „human factors“ dabei spielen und was man tun kann, um solche Fehler zu vermeiden?

Wir haben zu Gast im PsychCast meinen guten Freund Stefan. Er ist Polizei-Hubschrauber-Pilot, Fluglehrer und aufgrund dieser täglichen Arbeit per Du mit den üblichen human-factors. In unserem außerordentlich interessanten Gespräch erfahren wir sehr viel über die Einstellung von Piloten zu Fehlern und die in den letzten Jahrzehnten entstandene Fehlerkultur in der Luftfahrt. Der Transfer in die Medizin ergibt sich praktisch von selbst. Hört euch die Folge unbedingt mal an und überlegt, welche guten Praktiken ihr in euren Bereich übernehmen könntet!

Bevor Du diese Episode des PsychCasts hörst, solltest Du unbedingt dieses 15-minütige Video ansehen. Es zeigt, wie eine Routineoperation in der Medizin durch eine Verkettung von Fehlern zum tragischen Tod einer Patientin führt. Wir nehmen dieses Video im PodCast als Ausgangspunkt unserer Besprechung, wie Fehler in der Medizin entstehen und was man dagegen tun kann. Das Video ist allerdings unangenehm, da es ziemlich plastisch in nachgespielter Form zeigt, wie eine Routineoperation in den Tod münden kann.: https://www.youtube.com/watch?v=JzlvgtPIof4

 

Literaturhinweis: Human Error von James Reason

Spielsucht und Hypersexualität unter Aripiprazol

Ich habe meinen ursprünglichen Artikel zu Aripiprazol, den ihr hier finden könnt, etwas aktualisiert. Was habe ich aktualisiert?

Aripiprazol kann – vermutlich aufgrund seiner dopaminagonistischen Wirkkomponente – Impulskontrollstörungen verursachen

In den letzten Jahren wurden immer wieder Impulskontrollstörungen unter Aripiprazol berichtet. Die FDA hat daher hier ein entsprechendes Drug Safety Announcement veröffentlicht. Der Wirkmechanismus dieser Nebenwirkung ist plausibel. Von Dopaminagonisten, wie man sie in der Behandlung des M. Parkinson verwendet, ist bekannt, dass diese Impulskontrollstörungen, insbesondere Spielsucht und Hypersexualität verursachen können. Aripiprazol hat eine partiell dopaminagonistische Wirkkomponente. Daher ist es plausibel, dass Aripiprazol genau diese Nebenwirkungen ebenfalls verursachen kann. Die Patienten und ihre Angehörigen sollen also über diese mögliche unerwünschte Wirkung aufgeklärt werden, die behandelnde Ärzt_in soll während einer Behandlung mit Aripiprazol auf das Auftreten von Impulskontrollstörungen achten und gegebenenfalls die Dosis reduzieren oder das Präparat umstellen.

Aripiprazol hat eine besonders lange Halbwertszeit

Aripiprazol hat mit 72 Stunden eine recht lange Halbwertzeit, der steady-state der Plasmakonzentration des Wirkstoffs wird oft erst nach zwei bis drei Wochen erreicht. Das ist zwar nicht neu, aber Aripiprazol unterscheidet sich hier von den meisten anderen Neuroleptika. Die lange Halbwertszeit führt dazu, dass eine einmal tägliche Gabe mehr als ausreicht. Sie führt auch dazu, dass man die klinische Wirkung oft erst nach zwei bis drei Wochen richtig gut beurteilen kann, weil der Wirkstoff im Plasma dann den steady-state erreicht hat. Das passt zur klinischen Erfahrung, dass man bei Aripiprazol Dosissteigerungen langsamer als bei anderen Neuroleptika durchführen sollte, zum Beispiel 5 mg pro Tag in der ersten Woche, 10 mg pro Tag in der zweiten Woche, und dann in der dritten Woche entscheiden soll, ob man um weitere 5 mg pro Woche steigern soll.

Aripiprazol ist nun auch als Generikum erhältlich

Und zwar schon etwas länger. Das Depot Abilify Maintena® ist immer noch nur vom Originalhersteller Otzuka erhältlich, die Tabletten gibt es aber nun auch von anderen Anbieter.

 

Eine neue PsychCast-Folge ist online! PC047 Grabbag: Wie läuft eine Facharztprüfung, Trump und der ganze Rest…

cropped-PsychCastMock-5-1

In der 47. Folge sprechen die PsychCaster über verschiedene Themen, darunter

  • (01:00min): Internet der Ärztekammer
  • (10:30min): Bericht über die Tätigkeit als Prüfer bei den Facharztprüfungen Psychiatrie und Psychotherapie sowie bei den psychologischen Psychotherapeuten
  • (28:00 min): Das Lesen von Büchern
  • (35:00 min): Gewöhnung an Terror
  • (42:00 min): Trump update
  • (46:30 min): Pharmakotherapie bei Persönlichkeitsstörungen
  • (51:20 min): FUNDSACHE der Woche: Depression-heute / Ansari und sein Buch “Unglück auf Rezept
  • (58:00 min): MedMen 2017

Gefällt Euch diese Folge? Wir bitten Euch sehr um eine Rezension bei iTunes. An dieser Stellen einen herzlichen Dank unseren PsychCast-FREUNDEN!

BETTER CALL PSYCHCAST: Schickst uns alles Psycho-Fragen, die Euch interessieren – wir beantworten sie in der nächsten Folge!

Hier findest Du sie: http://psychcast.de/pc047-wie-laeuft-eine-facharztpruefung/

Doktorspiele: Geständnisse eines Hochstaplers von Gerd Postel

41lZaIHJVVL

Gerd Postel ist ja so eine Art Geisterbahn-Präsident der Psychiatrie-Geschichte. Nicht wirklich schrecklich, aber doch für einen Schrecken gut. Und irgendwie auch ein wenig faszinierend. Ausgebildet ausschließlich als Postbote, hat er in typischer Hochstapler-Manier mehrere Stellen als Arzt bekleidet, wurde auch mindestens einmal zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, bevor er am Höhepunkt seiner Hochstapler-Laufbahn für etwas mehr als ein Jahr Oberarzt in einer psychiatrischen Klinik in Ostdeutschland war. Nachdem der ganze Schwindel aufgeflogen war, hielt er sich noch eine Zeit lang versteckt. Dann folgte seine rechtskräftige Verurteilung und Postel saß zwei Drittel seiner Strafe ab. Danach kam er auf Bewährung frei.

Er hat ein Buch geschrieben, in dessen Vorwort eine Figur namens Gert van Berg die Biografie Postels zusammenfassend darstellt und das Buch letztlich als Innenperspektive eines kranken Straftäters einordnet, die uns helfen kann, zu verstehen, wie Hochstapler denken. Ich konnte mit Google keinen Gert van Berg finden, was uns gleich zu Beginn ermahnt, alles mit eigenem Verstand kritisch zu hinterfragen, was uns so aufgetischt wird. Das ist grundsätzlich schon mal eine sinnvolle Übung.

Das etwas sprunghaft geschriebene Buch vermittelt uns einige Einsichten über die Art Postels, sich und die Psychiatrie zu sehen sowie einige seiner Techniken, mit denen er seinem Hochstaplergewerbe nachging, etwa die besondere Bedeutung des Telefons als bevorzugte Distanzwaffe des Hochstaplers. darüber hinaus fand ich das Buch ganz unterhaltsam zu lesen. Ich will die Straftat und den Vertrauensverlust, der sich für die von Postel behandelten Patienten eingestellt hat, nicht verharmlosen, aber die Rückblicke eines verurteilten Straftäters können manchmal ganz interessant zu lesen sein. Das Buch findet ihr bei Amazon hier.

Drogenscreening und Kreatinin

Münster,_Montgolfiade_2004_--_2004_--_1.jpg

Bild: Münster, Montgolfiade 2004 Dietmar Rabich / Wikimedia Commons / „Münster, Montgolfiade 2004 — 2004 — 1“ / CC BY-SA 4.0.

Wer schon mal mit einer Fachfrau oder einem Fachmann über Drogenscreenings im Urin gefachsimpelt hat, der hat, egal worum es gerade ging, auf jeden Fall schon mal gehört: „Ja, das stimmt im Prinzip, aber natürlich nur je nach Kreatinin!“ Gut. Was hat es denn nun mit dem Kreatinin auf sich?

Wenn man Urin auf Drogen untersucht, dann bestimmt man die Konzentration dieser Drogen oder ihrer Metabolite im Urin. Ab einer bestimmten Schwellen-Konzentration sagt man, der Urin sei positiv auf diese Substanz getestet. Natürlich kann man den Messwert auch ganz genau, z.B. in µg/l angeben. In beiden Fällen fließen zwei Variablen ins Ergebnis ein:

  1. Die Menge der Droge im Urin
  2. Die Menge des Urins.

Ja, genau. Wenn der Proband sehr viel Wasser getrunken hat, und sehr viel Urin produziert hat, dann verdünnt er damit die Konzentration der Droge im abgegebenen Urin. Wenn ich einen Teebeutel in ein Glas Tee halte, dann ist der Tee dunkler als wenn ich den gleichen Teebeutel in einen Eimer Wasser halte. Nehme ich von beidem eine Probe, zeigt die Probe aus dem Glas eine höhere Konzentration des Tees und seiner Bestandteile als die Probe aus dem Eimer.

Wie kann man als Arzt nun einschätzen, wie „verdünnt“ der Urin ist? Mit „verdünnt“ ist hier nicht gemeint, dass nachträglich in das Probengefäß Wasser eingefüllt wurde, sondern in welchem Maß der Proband in den Stunden vor der Urinabgabe viel Wasser getrunken hat, um so einen dünnen Urin zu haben. Und hier kommt das Kreatinin ins Spiel. Über Kreatinin muss man in diesem Zusammenhang folgendes wissen:

  • Kreatinin wird kontinuierlich und in quasi konstanter Menge im Stoffwechsel gebildet und mit dem Urin ausgeschieden.
  • Die Kreatininkonzentration im Urin ist daher ein Maß für den Wassergehalt des Urins.
  • Die „normale“ Kreatininkonzentration im Urin beträgt 1 g / Liter.
  • Urine mit einer Kreatininkonzentration < 0,3 g / Liter können als „verdünnt“ angesehen werden und sollten im Falle eines negativen Ergebnisses nicht akzeptiert werden. Im Falle eines positiven Ergebnisses kann man sie natürlich gerade erst recht verwenden.
  • Der Quotient aus der Konzentration der Droge und der Konzentration des Kreatinins im untersuchten Urin schließt den Einfluss des schwankenden Wassergehaltes des Urins auf die Konzentration der Droge weitgehend aus.

Fazit: Je niedriger der Kreatinin-Wert im untersuchten Urin ist, desto „dünner“ war der Urin. Bei sehr dünnem Urin entdecke ich niedrige Konzentrationen einer Droge nicht mehr so gut.

Eine sehr hilfreiche Erläuterung zu analytischen Problemen und möglichen Lösungen zum Thema Drogenscreenings des Instituts für Toxikologie Berlin findet ihr hier:

http://bagaep.de/wp-content/uploads/2016/02/lampeimmunojva.pdf