Die Wallraff-Psychiatrie-Reportage

Günther Wallraffs Stil des investigativen Journalismus unter Verwendung von Undercover-Journalisten ist nicht unumstritten, und das Format „Team Wallraff“ im Privatfernsehen könnte den Verdacht nahelegen, dass eine reißerische Berichterstattung begünstigt wird.

Ich habe mir die Folge über Psychiatrische Kliniken und Einrichtungen der Jugendhilfe, die gestern gesendet wurde und jetzt online verfügbar ist, angesehen, und ich bin wirklich schockiert.

Ausgewählt wurden mehrere Kliniken, in denen besonders augenfällige Mißstände bekannt seien, und in diesen wurden besonders schockierende Szenen aus dem Zusammenhang genommen und in einer dramatischen Form zusammengeschnitten.

Was man aber in der kurzen Zeit an Mißständen, falschen Haltungen und unangemessenem Verhalten sehen muss, erinnert an die siebziger Jahre, aber nicht daran, wie Psychiatrie der Gegenwart sein soll und in sehr vielen Kliniken auch ist.

Und man sieht Szenen, die klar rechtswidrig sind. So erklärt eine Pflegekraft vor laufender, wenn auch versteckter Kamera, dass sie einem Patienten die Medikation unter die Käsescheibe aufs Brot legt, da er sie nicht freiwillig einnehme. Das ist eine Straftat, nämlich Körperverletzung. Und die Klinik hat eine augenscheinlich unangemessene Reaktion auf diese Szene gezeigt, in der sie sie einfach geleugnet hat.

Die Reportage ist in diesen Teilen wirklich sehr schmerzhaft anzusehen. Erfreulicherweise schließt sie mit einem positiven Beispiel für eine Klinik, die eine moderne, respektvolle und zeitgemäße Haltung zeigt, und dem Hinweis, dass nicht nur diese eine Klinik in der Gegenwart angekommen sein wird.

Ich empfehle jedem, der diesen Blog liest, sich die Zeit zu nehmen, die Reportage anzusehen. Ihr findet sie hier:

https://www.tvnow.de/shows/team-wallraff-reporter-undercover-2384/staffel-6/episode-1-undercover-in-psychiatrien-1504359

Fakultativ geschlossene Stationen

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Ich war heute als psychiatrischer Sachverständiger im Rahmen der PsychKG-Besuchskommission unterwegs. Wir haben das Bertha-Krankenhaus in Duisburg besucht. Das Bertha-Krankenhaus an diesem Standort hat vier Stationen: Eine Tagesklinik, eine offene Station für unter 50-jährige, eine offene Station für über 50-jährige und eine fakultativ geschlossene Station. Früher waren zwei der vier Stationen geschlossen, jetzt ist es nur noch eine, und die ist nur an manchen Tagen im Jahr geschlossen, an anderen Tagen im Jahr ist sie offen.

Nun gibt es unter den Psychiatern eine ziemlich leidenschaftlich geführte Debatte, ob man überhaupt geschlossene Stationen braucht, und wie man fakultativ geschlossenen Stationen organisieren kann. Die vier hauptsächlich vertretenen Varianten sind:

  1. Immer zu: “Eine richtige sektorversorgende psychiatrische Klinik braucht auch mindestens eine durchgehend geschlossene Station. Bestimmte Gefährdungsaspekte, die in psychiatrischen Kliniken nun einmal behandelt werden, lassen sich einfach nicht anders kontrollieren. Beispiele hierfür sind demente Patienten mit Weglauftendenzen (ja, ich weiß, das heißt heutzutage Hinlauftendenzen), oder fremdaggressive Patienten, beispielsweise bei einer akuten Psychose, die per PsychKG untergebracht sind, und ohne geschlossene Türe einfach fortlaufen würden.”
  2. Fakultativ geschlossen, mit Personal an der Türe, wenn sie offen ist: “Wir schreiben uns auf die Fahne, die geschlossene Station geöffnet zu haben; damit aber keiner abhaut, setzen wir eine Pflegekraft vor die offene Türe, die die Patienten, die ohne Ausgangsregelung gehen wollen, zurückhält.”
  3. Fakultativ geschlossen, ohne Personal an der Türe: “Wir prüfen täglich, ob wir die Türe tagsüber auflassen können. Wenn wir das können, dann setzen wir keine Pflegekraft vor die Türe. Die Türe dennoch irgendwie im Blick zu haben, schadet aber nichts.“ 
  4. Immer offen: “Wir brauchen nie eine geschlossene Tür.”

Die Klinik, die ich heute besucht habe, praktiziert Variante 3, und das ganz unaufgeregt. Es gebe Tage und Wochen, da müsse die Türe verschlossen sein, weil ein oder mehrere Patienten der Station dies erforderlich machten. Aber es gebe auch Tage und Wochen, in denen die sonst geschlossene Station eine offene Flurtüre haben könne, und dann werde das auch so gemacht und trage sehr zur Entspannung der Atmosphäre der Station bei. Man prüfe es halt jeden Morgen und entscheide dann entsprechend. Heute war die Flurtüre geschlossen, und das Schild oben hing aus. An anderen Tagen sei sie einfach offen.

Ich selbst glaube, dass gerade kleine Abteilungen und Krankenhäuser öfters die Möglichkeiten haben, alle Stationen offen zu führen. Große psychiatrische Kliniken haben einfach aus statistischen Gründen sehr viel öfter Patienten in Krisen mit akuten Gefährdungen, die nicht anders beherrscht werden können, und damit auch öfter Tage, an denen die Station geschlossen sein muss; und dann wäre es irgendwann Augenwischerei, wenn man die Station fakultativ geschlossen nennt, aber praktisch das ganze Jahr geschlossen führt. 

Wenn man aber nun eine sonst geschützte Station zeitweise offen führt, ist eine besonders intensive Beziehungsarbeit, Motivationsarbeit und Haltung erforderlich. Und diese Haltung ist sehr patientenorientiert, wertschätzend und angenehm. 

Das Team des Bertha-Krankenhauses ist wirklich engagiert und geht sehr bewußt und achtsam mit Zwangsmaßnahmen um, was die Häufigkeit der Notwendigkeit der Anwendung von Zwangsmaßnahmen sehr gering hält. Das hat mich heute sehr positiv beeindruckt.

Wie haltet ihr es mit der Flurtüre? Welche Variante habt ihr und warum? Schreibt eure Erfahrungen in die Kommentare!

Warum nächtlich verwirrte Patienten keine „Schlafgäste“ auf der geschützten Station sein sollten

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Photo by Rye Jessen on Unsplash

Es gibt ja Patienten, die tagsüber noch gut orientiert sind, deshalb auch auf einer offenen Station behandelt werden, die aber nächtliche Verwirrtheitszustände zeigen. In diesen nächtlichen Verwirrtheitszuständen können Hinlauftendenzen und eine Eigengefährdung durch Hilflosigkeit bestehen.

Es gibt nun die Option, diese Patienten nur für die Nächte, als „Schlafgäste“, auf die geschützte Station zu verlegen. Klingt erstmal plausibel. Denn tags kommt der Patient ja auf der offenen Station zurecht, und man möchte ihm vielleicht auch tags nicht die etwas unruhigere Atmosphäre der geschützten Station antun. Außerdem ist der Platz dort knapp. Und der Patient schläft ja nachts ohnehin, oder?

Dagegen spricht, dass zu den in Granit gemeißelten Basics der Delirprophylaxe gehört, dass alles nur erdenklich Mögliche getan wird, dass sich der Patient zuverlässig orientieren kann: Eigene Brille, eigenes Hörgerät, Kalender und Uhr, feste Ansprechpartner, ruhige und stabile Umgebung…

Das genau führt dann aber zu der Überlegung, dass es für die Orientierung nicht gut sein kann, wenn der Patient wie ein Rucksackreisender sein Zelt jede Nacht an einer anderen Stelle aufschlagen soll, als dem Ort, an dem er den Tag verbracht hat. Das kann nur zur Verwirrung beitragen.

Ich denke, dass Patienten, die unter nächtlicher Verwirrtheit leiden, in aller Regel auf einer Station behandelt werden sollten, die nachts für ausreichend Sicherheit sorgen kann. Und zwar ganz, oder gar nicht. Keine Schlafgäste!

(Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel…)

PC082 Breaking News: Update zur Reform der Psychotherapeutenausbildung ist online

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Am vergangenen Mittwoch hat das Kabinett dem Gesetzesentwurf zur Reform der Psychotherapeutenausbildung zugestimmt. Wir hatten in der viel diskutierten Folge PC079 über den damaligen Stand, den Referentenentwurf zu diesem Gesetz, gesprochen. In der nun verabschiedeten Version bleibt es bei einem Direktstudium, auch die gesicherte Finanzierung des PiA Zeit bleibt, es gibt zum Glück aber drei Änderungen, die wesentliche Kritikpunkte am Entwurf aufnehmen.

  • Es wird keinen Modellstudiengang “Psychopharmakologie geben
  • Die Berufsbezeichnung “Psychotherapeut” darf nun auch von anderen Berufsgruppen, die nicht den Direktstudiengang absolviert haben, verwendet werden, Ärzte dürfen dann “Ärztlicher Psychotherapeut” heißen
  • Die somatische Konsiluntersuchung vor Beginn einer Psychotherapie bleibt weiterhin verpflichtend.

Das sind sehr vernünftige und erfreuliche Änderungen des Gesetzesvorhabens. Damit kann man leben…

Schließlich stellen wir ein Missverständnis klar, dass sich auf Twitter breit gemacht hat: Wir vom PsychCast glauben nicht, dass Ärzte die besseren Psychotherapeuten sind und wollten Psychologische Psychotherapeuten niemals irgendwie in ihrer Kompetenz herabwürdigen.

Hört euch unsere 15-minütige Breaking-News Folge unbedingt an! Die Folge findet ihr hier.

MikMe Test

OK, das ist jetzt kein psychiatrischer Beitrag, aber ich habe nach langer Zeit mal wieder ein Video zu YouTube hochgeladen, und zwar einen Testbericht über ein Mikro, das ich mir unlängst angeschafft habe, und zwar das MikMe.MikMe

Das MikMe ist schon ´ne coole Sache, da man es drahtlos mit dem iPhone verbinden kann, und so Audio und auch Video mit gutem Audio aufnehmen kann. Man kann es auch ganz alleine als Mikrofon mit eingebautem Audio-Recorder verwenden und so beispielsweise Interviews aufnehmen. Das MikMe ist für Interviews, YouTube-Videos und audio-field-recording echt gut geeignet.

Mein Video-Review findest Du hier.

De lira ire

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Wusstest Du schon, wo das Wort Delir herkommt? Das Wort Delir kommt aus dem Lateinischen von „De lira ire“. De heißt aus, von; lira bedeutet Gleis, Spur und ire heißt gehen. Übersetzt heißt es also „aus dem Gleis gehen“ oder „aus der Spur geraten“. Schöner kann man es eigentlich nicht beschreiben…

Frohes Karnevalsfest!

Willkommen in der Sektion #foam: Der Abhoeren Podcast

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Ihr habt es vielleicht schon gesehen: Unsere Free Open Medical Education Ressourcen sind zumindest vorübergehend auf diese Seite hier umgezogen; ihr findet sie nun oben im Hauptmenü. Grund dafür ist, dass der zuletzt verwendete Name Markenschutz hat.

Heute habe ich einen Podcast neu aufgenommen: Den Abhoeren Podcast. Zwei Mediziner eines großen Krankenhauses diskutieren Studien, erzählen und interviewen Gäste. Die Stimmung ist absolut geeignet, den Podcast beim Joggen, beim Kochen oder beim Autofahren zu hören, und man lernt auf jeden Fall was. Hört mal rein!

Super Übersichtsarbeit „Delir im Krankenhaus“ im Ärzteblatt

In der aktuellen Auflage des Ärzteblatts findet sich ein ausgezeichneter Übersichtsartikel zum Thema Delir im Krankenhaus, online findet ihr ihn zum kostenlosen PDF-Download hier. Wer im Krankenhaus arbeitet, hat mit absoluter Sicherheit immer mal wieder mit Delirien zu tun, und gerade bezüglich dieses Krankheitsbildes gibt es einen reichlich wuchernden Wald an Halbwissen, Fehlannahmen, nicht evidenzbasiertem Handeln und tatsächlich offenen Fragen. Umso erfreulicher ist, dass die Autoren Zoremba und Coburn hier Licht in den Wildwuchs bringen und beschreiben, was man über Diagnostik und Therapie des Delirs im Krankenhaus wissen sollte. Ich empfehle daher jedem Krankenhausarzt, diesen Artikel im Original zu lesen. Als teaser kann ich zur raschen Lektüre hier allerdings auch mal meine take-away-Punkte aufführen:

  • Das Delir hat bei Intensivpatienten eine Inzidenz von 30-80 %.
  • Der früher oft verwendete Begriff „Durchgangssyndrom ist unpassend, vor allem, weil das Delir mit einer erhöhten Letalität verbunden ist und 25 % der Patienten kognitive Funktionsstörungen behalten.
  • Die Diagnostik vor allem des hypoaktiven Delirs gelingt sicherer mit etablierten Testverfahren, wie dem kostenlos in deutscher Sprache erhältlichen CAMICU für Intensivpatienten oder dem CAM-S für Patienten auf Normalstationen.
  • Die Prävention und Therapie erfolgt überwiegend nichtmedikamentös mittels Reorientierung (eigene Brille, eigenes Hörgerät), adäquater Schmerztherapie, Frühmobilisation, Schlafverbesserung und Vermeidung unnötiger Polypharmazie.
  • Man unterscheidet das hypoaktive Delir, das Delir vom Mischtyp und das hyperaktive Delir. Die Extremform des hypoaktiven Delir heißt katatone Variante, die Extremform des hyperaktiven Delirs heißt exzitatorische Variante. Auf einer Abfolge von extrem ruhig bis extrem agitiert ergeben sich also diese 5 Stufen: Katatone Variante des hypoaktives Delir, hypoaktives Delir, Delir vom Mischtyp, hyperaktives Delir und exzitatorische Variante des hyperaktiven Delirs.
  • In der Therapie des Delirs sollten natürlich delirogene Ursachen behandelt werden, insbesondere Infektionen, Elektrolytstörungen, Substanzentzug, Blutzuckerentgleisungen, Schmerzen und Hypoxien.
  • Zur Kontrolle des hyperaktiven Delirs sollten kurzwirksame Benzodiazepine wie Midazolam und Alpha2-Agonisten wie Clonidin eingesetzt werden.
  • Im Medikamenten- und Substanzentzugsdelir sind langwirksame Benzodiazepine wie Lorazepam indiziert.
  • Selbst im hyperaktiven Delir ohne psychotische Symptomatik sind Antipsychotika wie Haloperidol nicht indiziert.
  • Sowohl bei hypoaktiven Delirien als auch bei hyperaktiven Delirien mit psychotischen Symptomen sind Antipsychotika wie niedrigdosiertes Haloperidol oder Risperidon indiziert. Dabei haben die Atypika natürlich weniger Nebenwirkungen als Haloperidol und gelten als ebenso wirksam.
  • Das Delir ist ein medizinischer Notfall, das ein zügig beginnendes und wirksames multifaktorielles Therapiekonzept erfordert.