Walk tall and strong

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Der DGPPN-Kongress 2017 ist zugleich der World-Psychiatric-Assoziation (WPA)-Weltkongress der Psychiater. Da die letzten WPA-Kongresse jeweils weit weg in Toronto, Tokio oder sonst wo stattfanden, freue ich mich total, den diesjährigen hier quasi vor der Haustüre in Berlin erleben zu dürfen. Die Redner kommen wirklich aus allen Himmelsrichtungen, viele Briten, Amerikaner und eine bunte Mischung aller möglichen Nationen. Und dadurch erlebt man auch neue Sichtweisen.

In dieser Hinsicht hat mich gestern der Vortrag „Melting the ice in the heart of men“ des Grönländers Angaangaq Angakkorsuaq wirklich berührt. Er ist seit 40 Jahren Schamane in seinem Volk der Eskimos und hat erklärt, wie er den Menschen hilft, Orientierung in schwierigen Zeiten zu finden und wieder zu Kräften zu kommen. Sein Mantra „Walk tall and strong“ habe ihm seine Großmutter schon mit auf den Weg gegeben. Er selbst gehe mit dem Wissen durch die Welt, dass er zwei Meter groß sei und so stark wie Arnold Schwarzenegger.

Das klingt zunächst mal etwas zu einfach, aber tatsächlich ist Angakkorsuaq für die UNO tätig gewesen und hat sich politisch gegen die Auswirkungen des Klimawandels und für ein Umdenken der Industrienationen eingesetzt. Bei ihm funktioniert „Walk tall and strong“, und er ist dabei charismatisch, sympathisch und natürlich. Und wenn man mich fragt, was das Wesen der Ressourcenaktivierung als Wirkfaktor aller Psychotherapie-Varianten ist, dann komme ich genau darauf:

Walk tall and strong

 

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PC055 Denkfehler ist erschienen

Im 55. PsychCast unterhalten wir uns über typische Denkfehler, insbesondere im Hinblick auf ihre Auswirkungen im Bereich der Medizin. Dabei kommen auch die Haupt´schen Theoreme 1 und 2 zur Sprache. Sie lauten:

Erstes Haupt´sches Theorem: “Ein Patient kommt immer mit einer vollständigen Bildgebung der Neuraxis ins Krankenhaus, mit Ausnahme der Region, auf die die klinisch neurologische Untersuchung zwingend hinweist.” 

Zweites Haupt´sches Theorem: “Von anderen Abteilungen zugewiesene Patienten haben immer ein Krankheitsbild aus dem Gebiet der zuweisenden Abteilung.”

OK, es gibt Ausnahmen bei beiden Haupt´schen Theoremen, aber sie sind erstaunlich selten.

Und wir verweisen auf das Buch ” Die Kunst des klaren Denkens: 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen” von Rolf Dobelli (Amazon-affiliate-link).

Die Folge findet ihr hier: http://psychcast.de/pc055-denkfehler/

 

PC054 Zwang – Angst – Analität

Im 54. PsychCast haben wir uns vorgenommen, über Zwanghaftigkeit und Zwangserkrankungen zu sprechen. Wir streifen die “normalen” Zwangsphänomene, die jeder kennt, sprechen über krankhafte Zwänge und ihre Therapiemöglichkeiten. Es gibt einen Battle zwischen den verhaltenstherapeutischen und psychodynamischen Konzepten, der mit einem 1:1 bei Pawlow gegen Freud ausgeht – hört selber, wer welchen Treffer macht. Warum ein zwanghaft strukturierter Menschen häufig auch als “analer Charakter” beschrieben wird, erfahrt Ihr am Ende der Folge.

Die Folge findet ihr hier: http://psychcast.de/pc054-zwang-angst-analitaet/

Viel Spaß! Wir danken ganz herzlich dem PsychCast-Freundeskreis. Ihr könnt uns hier regelmäßig unterstützen, wenn Ihr uns gerne zuhört und ein Freund werden möchtet.

Was hilft eigentlich gegen Grübeln?

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„Lektüre bei Kerzenlicht“. Attributed to Petrus van Schendel – Hampel Kunstauktionen, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20775897

Neulich lag ich nachts lange wach und grübelte über ein Problem, für das sich keine Lösung fand. Als ich das erste mal genervt auf die Uhr sah, zeigte sie 01:20. Na gut, dachte ich mir, über diese Sache muss ich halt mal in Ruhe nachdenken, und wenn ich jetzt Zeit dafür habe, dann eben jetzt. Aber bis 02:35 hatte ich eigentlich nichts Neues gedacht, und morgen wäre ja auch noch ein Tag. Also was macht der Psychiater, um Grübeln zu beenden?

Schreib es lieber auf!

Wenn du mich fragst: Das Standardmanöver bei hartnäckigem Grübeln lautet:

1.) Wechsel den Raum. Grübelst Du im Bett, geh nach spätestens einer halben Stunde aus dem Schlafzimmer raus und mach eine Kerze oder eine nicht zu helle Lampe an.

2.) Schreib alles auf. Schreib einen Tagebucheintrag auf deinem Computer, bring die Pros und Contras in eine Excel-Tabelle oder schreib alle deine Gedanken auf ein Blatt Papier. Wichtig ist, dass du alles aufschreibst, was dir durch den Kopf geht. Wirklich alles. Interessant ist, dass sich die Gedanken – auch wenn du schon zwei Stunden an ihnen herumgegrübelt hast – nach einer DIN-A4-Seite doch oft erschöpfen. Das ist eine wichtige Erfahrung. Denk noch mal nach: Gibt es nicht doch noch etwas, was du aufschreiben solltest. Nein? Dann kannst du dein Dokument speichern und den Computer herunterfahren, das Papier zusammenfalten und für morgen auf den Schreibtisch legen oder dein Tagebuch wieder zurück ins Regal stellen.

3.) Noch nicht müde? Fühlst du dich noch nicht müde, bringt es nichts, direkt wieder ins Bett zu gehen. Lies etwas, mach etwas, was ein mittleres Maß an Konzentration braucht und zur Not trinkst du einfach ein Glas Kölsch. Bis du merkst, dass du müde wirst.

3.) Jetzt Kerze auspusten und wieder zurück ins Bett. Wenn du spürst, dass du müde geworden bist, gehst du wieder zurück ins Bett. Du wirst in kürzester Zeit einschlafen.

Hilft dieses Manöver auch bei depressiv Kranken?

Oft kann man Interventionen, die bei Gesunden helfen, auf Kranke übertragen, und sie helfen den Kranken genau so gut. Der Unterschied zwischen einem Depressiven und einem Gesunden ist meiner Meinung nach nicht, dass der Depressive eine ganz andere Reaktionsweise zeigt, sondern vorwiegend, dass er bestimmte Symptome und Verhaltensweisen häufiger und intensiver zeigt. Quantifizieren wir mal das Grübeln: Nehmen wir uns einen ganz normalen Kalendermonat von 30 Tagen. In diesem Monat verbringt ein Gesunder vielleicht insgesamt 3 Stunden mit so einem typischen Grübeln. Im selben Monat verbringt ein Depressiver eher 60 Stunden mit Grübeln; 30 Stunden tagsüber (eine Stunde pro Tag an 30 Tagen) und 30 Stunden nachts (eine Stunde pro Nacht in 30 Nächten).

Ich glaube nun schon, dass die oben beschriebenen Schritte (Den Ort wechseln / Gedanken aufschreiben / sich müde machen / dann erst den alten Ort wieder aufsuchen) auch bei depressiven Patienten helfen, eine Episode des Grübelns zu beenden. Aber da Grübeln bei depressiven Patienten sehr viel häufiger ist, stellt sich natürlich die Frage, ob es einfache andere Interventionen gibt, die ein schnelles Ende des Grübelns bewirken.

Wie geht die Intervention des Gedankenstopps? 

Wenn man psychotherapeutische Lehrbücher konsultiert, dann findet man als eine besonders weit verbreitete Intervention gegen Grübeln den sogenannten „Gedankenstopp“. Die Wikipedia beschreibt diese Intervention hier. Nach einer ausführlichen Aufklärung über die Intervention läuft es so, dass der Patient seine grübelnden Gedanken berichtet, und der Therapeut dann laut „Stopp!“ ruft. Die hierdurch bewirkte  Schreckreaktion entferne den Patienten schon etwas vom grüblerischen Gedanken. Im weiteren Verlauf kann dann auch der Patient selbst beim Auftreten von grüblerischen Gedankenschleifen mit der Faust auf den Tisch hauen und laut „Stopp“ rufen. Es gibt Patienten, denen das gut hilft, aber um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich kenne nicht so viele Depressive, die auf diese Intervention schwören.

Was empfehle ich depressiven Patienten gegen Grübeln?

Ich empfehle tatsächlich im ersten Schritt die Maßnahmen, die auch bei gesunden Patienten gegen Grübeln helfen. Gut, das Glas Kölsch empfehle ich nicht, sondern lieber 25 mg Promethazin, aber das ist in etwa gleich sedierend. Diese Intervention wirkt meiner Erfahrung nach auch bei depressiv Kranken, die oft und hartnäckig grübeln, ganz gut. Die „Gedankenstopp“-Intervention empfehle ich nur selten.

Was empfehlt ihr gegen Grübeln?

Was hilft euch gegen Grübeln? Was empfehlt ihr euren Patienten? Schreibt eure Empfehlungen in die Kommentare!

Podcast-Empfehlungen

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Die gute alte Wochenzeitschrift „Die Zeit“ ist ein verläßlicher Ruhepol im Nachrichtenfeuer, schon, weil sie nur einmal wöchentlich erscheint und daher die selektierten Themen umso fundierter darstellt. Als treuer Fan freue ich mich, dass die Zeit jetzt drei brandneue Podcasts aufgelegt hat. Zum einen adelt sie damit das Medium Podcast, zum anderen freue ich mich über die ausgewählten Inhalte:

Die neuen Podcasts sind im einzelnen:
– „Was jetzt?“ Tägliche Nachrichten und jeweils zwei Themen vertieft. Zum RSS-Feed gehts hier: Was jetzt?
– „Ist das normal?“ Hier geht´s um Sex. Mit den Zeit-Journalisten Alina Schadwinkel, Sven Stockrahm und der Sexualtherapeutin Melanie Büttner. Feed: Ist das normal?
– „Frisch an die Arbeit“ In diesem 14-tägigen Podcast stellen Leonie Seifert und Daniel Erk prominenten Personen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft 25 Fragen über ihr persönliches Verhältnis zu ihrem Job. Feed: Frisch an die Arbeit

Ich habe die bislang erschienen Zeit-PodCasts probegehört und kann sie hiermit offiziell empfehlen. Hört mal rein!

PC053 Gewohnheiten und Identität (oder: deine Frisörin, du und ich) ist online

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Im 53. PsychCast sprechen wir ganz praktisch über Fragen der Identität und der Veränderung des eigenen Selbst durch Gewohnheiten. Jan hat dazu eine spannende These. Wir überlegen, wie schwer es ist, viele Eigenschaften und Rollen unter einen Hut zu bekommen und wie schlimm Identitätsverlust eigentlich für Menschen ist. Identität hängt nämlich eng mit dem Selbstwert zusammen.

In der kommenden Folge soll es dann um Zwangsstörungen gehen – das ist ein Vorschlag unserer Hörerin Nelia. Wir bedanken uns beim PsychCast-Freundeskreis für die Unterstützung mit Geld-Zahlungen und bestätigen, dass es im kommenden Jahr 2018 ein Hörertreffen geben wird.

Über das Buch “Fifty Shrinks” von Sebastian Zimmermann

Ärzteblatt-Artikel über Misophonie

Die aktuelle Folge findest du hier: http://psychcast.de/pc053-gewohnheiten-und-identitaet-oder-deine-frisoerin-du-und-ich/

Quick-Tip: Mundspülung mit Atropin-Augentropfen hilft gegen Speichelfluß

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Die giftigen Beeren der Schwarzen Tollkirsche (Atropa belladonna)Von Kurt Stüber [1] – caliban.mpiz-koeln.mpg.de/mavica/index.html part of http://www.biolib.de, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2745

Vermehrter Speichelfluß ist eine typische Nebenwirkung insbesondere von Clozapin. Unter höheren Dosierungen von Clozapin kann der Speichelfluß so stark erhöht sein, dass die betroffenen Patienten berichten, wenn sie morgens aufwachten sei ihr Kopfkissen naß vom Speichel. Das übliche Vorgehen ist dann die Verordnung eines Anticholinergikums wie Pirenzepin (z.B. Gastrozepin®) in Tablettenform. Das hat aber den Nachteil, dass das Medikament im ganzen Körper wirkt.
Auftritt Atropin Augentropfen: Atropin ist ebenfalls ein Anticholinergikum. Gäbe es es als „Mundspülung“, würde man das so rezeptieren. Gibt es in Deutschland aber als Fertigarznei nur als Augentropfen. Das stört allerdings gar nicht, weil ja genau der Stoff drin ist, den wir brauchen. Man weist den Patienten an, morgens einen Tropfen in etwas Wasser aufgelöst im Mund umzuspülen, und dann wieder auszuspucken, also eben nicht herunterzuschlucken. Das hilft ebenfalls sehr gut gegen erhöhten Speichelfluss und hat keine Nebenwirkungen auf den Rest des Körpers.
Bei der Anordnung in der Kurve muss man natürlich überdeutlich aufschreiben, dass das Präparat zwar Augentropfen heißt, es aber nicht in die Augen gegeben werden darf. Ich denke, dass die Abteilung CIRS weinend zusammenbrechen wird, aber hey: „living on the edge!“

(Vielen Dank an Fr. Prof. Hahn, von der ich diesen Tipp habe).

Leseempfehlung: Was man von hier aus sehen kann

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Ich habe etwas für meine Verhältnisse unerhörtes getan: Ich habe mir – ganz ohne Not – ein Papierbuch gekauft. Ganz old-school, gar nicht hip. Erst hatte ich etwas Bedenken, wie man den Lesefortschritt speichert (es gibt da so ein Textilbändchen, damit geht das) und wie man es synchronisiert (habe ich bis jetzt noch nicht gefunden), aber die Leseerfahrung ist sehr angenehm.

Nun aber zum wirklich wichtigen Punkt: Das Buch ist großartig. Wenn man die langsame Erzählart von Heinrich Steinfest mag, oder die phantasievollen Geschichten von Jose Saramago, dann findet man in der Erzählweise der Köln-Berlinerin Mariana Leky eine moderne und ebenso berührende Inkarnation.

Geht mal in die nächste Bücherei und lest in „Was man von hier aus sehen kann“ rein. Das Buch ist das Gegenteil von hektisch, daher empfehle ich ausnahmsweise die Papiervariante!

Würdest Du ein medizinisches Fachbuch als Hörbuch hören?

Du liest blogs, sonst wärst Du nicht hier. Wahrscheinlich hörst Du auch Podcasts. Hip. Interessanterweise verfolgt die klassische Aus- und Weiterbildung in der Medizin immer noch eine andere Art der Wissensvermittlung: Bücher. Nun haben Bücher viele große Vorteile. Sie halten lange, man kann sie ins Regal stellen, man kann sehr gut etwas nachschlagen. Aber sie haben auch einen wesentlichen Nachteil. Man müsste sie lesen. Und wer hat dazu bitte schön Zeit.

Da stellt sich mir die Frage, ob nicht auch ein medizinisches Fachbuch mal als Hörbuch präsentiert interessant sein könnte. Im Auto beim Pendeln zur Arbeit, beim Joggen, zum Hören habe ich jedenfalls öfter Zeit als zum Lesen. Und das Angebot bei Audible ist ja eher auf Unterhaltung und Business-Titel konzentriert. Daher möchte ich von Euch wissen: Habt ihr schon mal ein medizinisches Fachbuch als Audio-Book gehört? Würdet ihr das mal ausprobieren wollen? Stimmt doch bitte mal bei meiner Umfrage ab!

Die dritte Auflage von Psychopharmakotherapie griffbereit ist nun auch als kindle-Edition verfügbar

Psychopharmakotherapie griffbereit Dreher Cover

Die Print-Variante gibt es ja schon seit einigen Wochen in der dritten Auflage. Nun ist auch die kindle-Edition verfügbar. Für die dritte Auflage habe ich den gesamten Text überarbeitet und an vielen Stellen aktualisiert. Medikamente, die auf dem deutschen Markt keine Rolle mehr spielen, wie Vortioxetin, habe ich aus dem Buch herausgenommen, dafür neue und interessante Substanzen wie Milnacipran neu aufgenommen. Das Kapitel über Medikamentenwechselwirkungen habe ich deutlich erweitert und neue Kapitel über Psychopharmaka in der Schwangerschaft, sinnvolle Kontrolluntersuchungen sowie Abschnitte über Spice, Sertralin und Trimipramin ergänzt. Wer das Buch nicht hat und eine elektronische Variante bevorzugt, der kann sich jetzt die Leseprobe hier laden und ggf. zuschlagen. 

Das Buch ist allerdings nur auf dem kindle fire, einem iPad, iPhone, Mac oder PC lesbar. Aufgrund der farbigen Abbildungen kann man es nicht auf dem normalen ePaper kindle wie dem kindle paperwhite lesen.