Karteikartenlernprogramme

Es heißt ja, Medizinstudenten hätten die geheime Superkraft, alles, aber auch alles auswendig lernen zu können. Gerne wird behauptet, ein strebsamer Medizinstudent lerne für die nächste Prüfung auch ein Telefonbuch auswendig. Natürlich unterscheidet sich das Gehirn eines Medizinstudenten nicht von dem irgend eines anderen Menschen, der wahrscheinlich der Meinung sein wird, er könnte nicht so gut auswendig lernen. Medizinstudenten haben aber folgende heilige Regel verinnerlicht:

Du kannst wirklich alles auswendig lernen, wenn Du es mindestens sieben mal wiederholst.

So einfach ist das. Und daher hat auch praktisch jeder Medizinstudent einen Karteikasten mit sehr vielen zumeist bunten Zetteln drin. Auf der Vorderseite steht eine Frage, auf der Rückseite steht die richtige Antwort. Viele kennen das System vom Vokabellernen, es funktioniert aber auch mit der Frage, welche Medikamente die Protonenpumpe im Magen hemmen.

Das bewährte Lernsystem nach Leitner

Wirklich kraftvoll wird der Zettelkasten, wenn man ihn folgendermaßen benutzt:

  • Zunächst legt man sich hintereinander sieben Fächer an. Alle neuen Karteikarten kommen ins vorderste Fach.
  • Dann geht man Karte für Karte durch. Die Karten, die man sofort kann, kommen ins zweite Fach, die, die man nicht kann, bleiben im ersten Fach.
  • Am nächsten Tag beginnt man mit den Karten im vordersten Fach und verfährt wie zuvor. Danach nimmt man die Karten aus dem zweiten Fach. Die Karten in den hinteren Fächern muss man nicht täglich wiederholen, alle zwei bis drei Tage kann ausreichend sein, je nachdem, wieviel Zeit man hat, bis man alles sehr gut drauf haben muss.
  • Karten, die man wieder richtig hat, legt man zumindest ein Fach weiter nach hinten, wenn man sie sehr gut kann, auch zwei oder drei Fächer weiter nach hinten. Karten, die man gar nicht kann, legt man zurück ins erste Fach, Karten, bei denen man etwas unsicher ist, legt man ein Fach weiter nach vorne.
  • So ergibt es sich, dass man Karten, die man schon drauf hat, jeden Tag ein Fach nach hinten durchreicht, während die Karten, die man nicht drauf hat, in den vorderen Fächern bleiben. Diese Karten wiederholt man entsprechend öfter. Und zwar, bis man sie kann, und sie nach ganz hinten durchgereicht worden sind.
  • Die Karten im siebten und damit letzten Fach kann man guten Gewissens dort liegen lassen und erst kurz vor der tatsächlichen Prüfung noch einmal wiederholen.

Dieses System heißt „Leitner-System“ und wirkt Wunder, wenn man es regelmäßig anwendet.
Ich habe im Studium zum Physikum und zu jeder der drei Staatsexamina mindestens einen Schuhkarton mit kleinen, recycelten Zetteln auf diese Art vollgeschrieben und gelernt. Die Papierform hat einen besonderen Vorteil: Nach bestandenen Staatsexamen kann man alle seine schriftlichen Unterlagen nehmen, auch die Karteikarten, und mit seinen Freunden zusammen feierlich verbrennen. Die Karteikarten funktionieren am Ende ihres Lebens noch sehr gut als Grillanzünder. Das gibt schöne Partys!

Die elektronische Form

Inzwischen gibt es natürlich eine Reihe von Apps, die genau nach diesem System vorgehen. Der Vorteil gegenüber den Karteikarten ist, dass man sie mit seinem Handy immer dabei hat und immer mal wieder hervorziehen kann. So werden die U-Bahn-Fahrt, das Warten an der Kasse und andere Pausen, in denen man sonst nur Instagram gecheckt hätte, unkompliziert zu einer kleinen Lerneinheit.
Ich habe in den letzten Monaten viele verschiedene Karteikarten-Apps getestet, und teile hier jetzt mit, welche ich am Besten finde.
Die Auswahlkriterien waren folgende:

  • Die App muss auf dem Mac verfügbar sein, um dort die Karten zu erstellen, und auf dem iPad und iPhone, um sie damit zu üben.
  • Die App muss nach dem Leitner-System vorgehen, also Karten, die man schon kann, seltener abfragen.

Das schränkt das Feld schon ganz schön ein. Es gibt mehrere gute Apps:

Wokabulary

Mein 10-jähriger Sohn übt seine Englisch-Vokabeln mit Wokabulary. Das erfüllt alle Kriterien, ist wirklich kinderleicht zu bedienen, spricht die englischen Wörter nach jeder Karte selbständig korrekt aus und hat auch die Möglichkeit, dass man die Antwort eintippen muss, was für die Vorbereitung auf schriftliche Tests sehr hilfreich ist. Am iPhone sieht es so aus:

Die Streifen im Kopf unten links an der Karte zeigen, in welchem Fach diese Karte liegt. Mit dem grünen Häkchen oder dem roten X gibt man an, ob man sie richtig hatte. Durch Wiederholung kann man alles lernen!

Studies

Eine lange Zeit habe ich Studies verwendet. Es bietet wirklich sehr viele Möglichkeiten, unter anderem Karten mit mehr als zwei Seiten, Bilder, Multiple-Choice Antworten und einiges mehr. Es ist wahrscheinlich die leistungsfähigste App. Am iPhone sieht der Fragemodus so aus:

Kartenheld

Fast genauso leistungsfähig, aber einfacher in der Anwendung ist Kartenheld. Es sieht am iPhone so aus:

Besonders gut gefällt mir, dass man sich anzeigen lassen kann, wieviele Karten in welchem Fach liegen:

Am Mac kann man die Karten einfach und schön gestalten und hat auch dort alle Optionen der Abfrage:

Mit Kartenheld kann man seine Lernkarten auch beidseitig auf Papier ausdrucken, ausschneiden und dann wie normale Lernkarten verwenden. Sehr praktisch!

Kartenheld gibt es auch für Windows, was mir vollkommen gleichgültig ist.

Mein aktueller Favorit: Kartenheld

Ich verwende aktuell Kartenheld, weil es für mich den besten Kompromiss aus Einfachheit und Anpassungsfähigkeit bietet. Es hat alle Funktionen, die ich brauche und ist völlig intuitiv bedienbar. Es hat seit einiger Zeit Studies für mich ersetzt, das ich früher oft verwendet habe. Bei Studies ist schöner, dass man Karten zu verschiedenen Wissensgebieten in einer Wissensbibliothek verwaltet, und so auch gemischt lernen kann. In Kartenheld kann man verschiedene Kartensätze anlegen, diese dann aber auch nur getrennt lernen. Alternativ kann man allerdings auch einen Kartensatz anlegen, und die verschiedenen Fachgebiete als Kapitel darstellen, dann kann man auch hier alle seine Wissensgebiete durcheinander lernen.

Eine kostenlose Probeversion von Kartenheld für den Mac gibt es hier, für iOS hier.

Vorgefertigte Karteikarten

Um ehrlich zu sein, habe ich überlegt, für das Buch Psychopharmakologie griffbereit Lernkarten zu erstellen und den Lesern zur Verfügung zu stellen. Allerdings bin ich mir nach einigen Versuchen bewußt geworden, dass für jeden Leser andere Informationen relevant sein können und dass man wesentlich mehr lernt, wenn man sich die Mühe macht, seine Karten selbst zu erstellen. Wobei, als kurzes Repetitorium hätte es schon was…

Hier findest Du EbM Lehrstoff

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Die Internationale Gesellschaft für Evidenz-basierte-Medizin hat vor wenigen Tagen eine Webseite veröffentlicht, auf der ihr EbM-Lehrmaterialien, Videos, Artikel und ähnliches findet. Man kann nach verschiedenen Kriterien suchen, auf Deutsch ist allerdings sehr wenig erhältlich. In englischer Sprache finden sich aber viele gute kostenlose Videos und andere Ressourcen, die man in der Ausbildung verwenden kann oder die einfach für einen selbst informativ sind. Surf mal auf https://teachingebhc.org vorbei!

Ein neuer PsychCast ist draußen: PC075 Evidenz basierte Medizin mit Dr. Iris Hinneburg

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In dieser Episode geht es um einige Grundlagen der EbM, Besonderheiten der Psycho-Fächer in diesem Zusammenhang, Implementierungsforschung und einiges mehr. Und wir sprechen über die Demut, die uns EbM lehren darf…

Ihr findet Iris bei Twitter hier: @irishinneburg. Ihre Webseite ist https://medizinjournalistin.blogspot.com

Den Podcast Evidenzbasierte Pharmazie (aktuell mit Journal Club) findet ihr hier: https://medizinjournalistin.blogspot.com/search/label/EbPharmPodcast

Und den Podcast Evidenzgeschichten findet ihr hier: https://evidenzgeschichten.podigee.io/

Neu: #tweetorials zu den Episoden und noch mehr Hintergründe: https://twitter.com/EvidenzG @evidenzg

Im Podcast empfiehlt Iris das EBM Netzwerk: https://www.ebm-netzwerk.de/.

Das im Podcast empfohlene Psychiatrie Lehrbuch von Prof. Berger, dass EbM konsequent in der Darstellung des Wissens verwendet, findet ihr hier.

Die Folge findet ihr hier.

Viel Spaß beim Hören!

Podcastempfehlung: Evidenzbasierte Pharmazie

Dr Iris Hinneburg 2018 09 27 20 48 17

Ich hatte heute insgesamt vier Stunden Autofahrt auf dem Plan, und nachdem ich meine üblichen Podcasts gehört hatte, habe ich mir eine Episode eines neu entdeckten Podcasts angehört: Evidenzbasierte Pharmazie. Die Medizinjournalistin Dr. Iris Hinneburg berichtet in Interviews mit Gästen oder mit ihrer Kollegin Silke Jäger über die verschiedenen Aspekte der Evidenzbasierung aus Sicht der Pharmazie. Manchmal werden Studien sehr gründlich analysiert und diskutiert, in anderen folgen werden verschiedene Themen angesprochen, und immer wird in wirklich allgemeinverständlicher Form Grundwissen zur Kunst der Wissensgewinnung und zu den Fallstricken auf dem Weg dahin vermittelt.

Besonders interessant finde ich die „Evidenz-Geschichten“, in denen Klassiker der Geschichte der EBM erzählt werden, jeweils mit der Frage, was an diesem Beispiel heute noch relevant ist. Eine Episode berichtet über die nicht-veröffentlichten Studien zu Tamiflu, durch die dessen Gesamtbewertung wesentlich schlechter ausfällt, eine andere über die Risiken der nachträglichen Subgruppenanalyse bei klinischen Studien, und wie es eine Subgruppenanalyse nach Sternzeichen in den Lancet geschafft hat.

Die Autofahrt verging wie im Flug, ich habe erst kurz vor dem Ziel aufs Radio umgeschaltet. Da war nämlich mein mobiles Datenvolumen aufgebraucht… 🙂

Die Webseite zum Podcast findet ihr hier, der Feed lautet http://medizinjournalistin.podhost.de/rss.

Memorable Psychopharmacology

Ich habe ein wirklich großartiges Buch entdeckt.

Memorable Psychopharmacology vom amerikanischen Autor Jonathan Heldt hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Gebiet der Psychopharmakologie einfach und anschaulich zu erklären. Das ist ungemein viel wert, da fast alle anderen Bücher zur Psychopharmakologie oft sehr kompliziert geschrieben sind. Eine Ausnahme bildet noch der großartige “Prescribers Guide“ von Stephen Stahl, aber sonst gibt es nicht viele Bücher zu dem Thema, die man beim einfachen Durchlesen gut verstehen kann.

Darüber hinaus wird Memorable Psychopharmacology seinem Titel gerecht, indem es praktisch jeden einzelnen Aspekt, den man sich für eine Prüfung oder für die eigene klinische Praxis merken will, mit Eselsbrücken untermauert.

Beide Aspekte sind ungemein bereichernd. Der erste, die einfache Darstellung, liegt mir besonders am Herzen, und ich versuche in meinem eigenen Buch, Psychopharmakotherapie griffbereit, ja ebenfalls, das Gebiet einfach und anschaulich zu erklären.

Der zweite Aspekt, die Merkhilfen, sind ebenfalls sehr einprägsam. Was haltet ihr zum Beispiel von dieser hier:

Neuroleptic malignant syndrome presents as a FEVER:

  • Fever
  • Encephalopathy
  • Vital sign instability
  • Elevated WBC and CPK
  • Rigidity

OK, man muss sich natürlich englische Eselsbrücken merken, aber teilweise lassen sie sich ja auch ohne Probleme ins Deutsche übertragen. Die Merkhilfe für die Symptomatik des Malignen Neuroleptischen Syndroms wäre dann also:

Malignes Neuroleptisches Syndrom: FEVER

  • Fieber
  • Enzephalopathie
  • Vitalzeicheninstabilität
  • Erhöhte weiße Blutkörperchen und Thrombozyten
  • Rigidität.

Das kann man doch kaum wieder je vergessen. Der Text führt dann noch einmal ausführlich aus, dass Fieber, auch hohes Fieber, ein wirklich häufiges Symptom des Malignen neuroleptischen Syndroms ist, und das man dies gut als differentialdiagnostisches Kriterium zum Serotoninsyndrom heranziehen kann, für das es auch eine Merkhilfe gibt…

Oder diese Eselsbrücke:

  • Eine mögliche Nebenwirkung von Trazodon ist der Priapismus. Merkhilfe: Trazobone.

Ich bin gerade dabei, das Buch zu lesen und habe wirklich schon einiges dazu gelernt. Ich kann es wirklich von ganzem Herzen empfehlen. Ich werde sicher in einigen der nächsten posts etwas aus dem Buch aufgreifen. Wer Interesse an Psychopharmakotherapie hat und gute Didaktik zu schätzen weiß, der ist hier genau richtig.

Bei Amazon findet ihr das Buch hier. Wer einen kindle sein eigen nennt, kann es sogar über die kindle-Leihbibliothek kostenlos ausleihen. Also unbedingt zugreifen!

Und schreibt doch hier in die Kommentare gerne mal, welche Merkhilfen ihr im Bereich der Psychiatrie und Psychopharmakotherapie besonders eingängig findet. Ich bin gespannt!

Peppology

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Doch doch, man kann sogar PEPPs kurz und bündig erklären, so dass jeder in der Psychiatrie tätige, der mit der Kodierung zu tun hat, also insbesondere die Ärzte, versteht, wie das geht und worauf zu achten ist. Unter www.peppology.de findet man eine Leseprobe und kann die 42-seitigen Kurzbroschüren für ca. 10 € pro Stück bestellen. Diese Investition kann sich schnell lohnen… 

Approved by psychiatrie to go!

Würdest Du ein medizinisches Fachbuch als Hörbuch hören?

Du liest blogs, sonst wärst Du nicht hier. Wahrscheinlich hörst Du auch Podcasts. Hip. Interessanterweise verfolgt die klassische Aus- und Weiterbildung in der Medizin immer noch eine andere Art der Wissensvermittlung: Bücher. Nun haben Bücher viele große Vorteile. Sie halten lange, man kann sie ins Regal stellen, man kann sehr gut etwas nachschlagen. Aber sie haben auch einen wesentlichen Nachteil. Man müsste sie lesen. Und wer hat dazu bitte schön Zeit.

Da stellt sich mir die Frage, ob nicht auch ein medizinisches Fachbuch mal als Hörbuch präsentiert interessant sein könnte. Im Auto beim Pendeln zur Arbeit, beim Joggen, zum Hören habe ich jedenfalls öfter Zeit als zum Lesen. Und das Angebot bei Audible ist ja eher auf Unterhaltung und Business-Titel konzentriert. Daher möchte ich von Euch wissen: Habt ihr schon mal ein medizinisches Fachbuch als Audio-Book gehört? Würdet ihr das mal ausprobieren wollen? Stimmt doch bitte mal bei meiner Umfrage ab!

Es gibt was zu feiern: Die dritte Auflage von Psychopharmakotherapie griffbereit ist erschienen!

Psychopharmakotherapie griffbereit Dreher Cover

In der Psychopharmakotherapie tut sich jedes Jahr so viel, dass man nur mit einem aktuellen Buch wirklich up-to-date sein kann. Heute ist mein Buch Psychopharmakotherapie griffbereit in der dritten Auflage erschienen. Und die enthält jede Menge Neuerungen, Aktualisierungen und Überarbeitungen. Unter anderem neu sind Kapitel zu:

  • Sertralin
  • Milnacipran
  • Trimipramin
  • Spice
  • Medikamentenwechselwirkungen
  • Psychopharmaka und Schwangerschaft
  • Sinnvollen Kontrolluntersuchungen.

Alle Kapitel sind aktualisiert worden. Das Kapitel zu Vortioxetin (Brintellix®) wurde gestrichen, da es auf dem deutschen Markt nicht mehr verfügbar ist.

Das Buch bleibt seiner ursprünglichen Idee treu, insbesondere Neueinsteigern in die Psychopharmakotherapie einen Überblick und eine gute Orientierung zu geben. Es ist aber auch zum Nachschlagen der häufig verwendeten Medikamente geeignet.

In jedem Kapitel werden zunächst die grundlegenden Therapieprinzipien dargestellt, dann werden ausgewählte Medikamente im einzelnen dargestellt. Bei jedem Medikament erkläre ich etwas zur Pharmakologie, zum klinischen Einsatz, zu unerwünschten Wirkungen, erkläre die Dosierung und die praktische Anwendung. Schließlich gebe ich zu jedem Medikament mein persönliches Fazit, dass dem Leser hilft, sich ein Bild vom beschriebenen Medikament zu machen.

Bei Amazon könnt ihr das Buch hier bestellen, bei Schattauer direkt hier.

(Heute ist die Kindle-Version noch nicht erhältlich; der Button verlinkt auf die Kindle-Version der zweiten Auflage, aber die dritte Auflage wird auch als e-Book kommen….)

„Psychotraumatologie“ von Dr. Thorsten Heedt

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Ich bin ein bekennender Freund der „griffbereit“-Reihe des Schattauer-Verlages. Die „griffbereit“-Bücher stellen den klinisch relevanten Teil eines medizinischen Wissensgebietes so dar, dass man ihn praktisch wirklich anwenden kann. Die Bücher sind kompakt, so dass sie nicht nur theoretisch, sondern wirklich in die Kitteltasche passen und die Erklärungen sind jeweils gut verständlich.

In dieser Reihe ist nun das Buch „Psychotraumatologie: Traumafolgestörungen und ihre Behandlungen“ von Dr. Thorsten Heedt erschienen. Gerade dem Thema Psychotraumatologie tut der Ansatz gut, das Gebiet aus der Sicht des Praktikers darzustellen und konkrete Handlungsempfehlungen zu geben. Dabei ist das Buch von Dr. Heedt theoretisch sehr gut fundiert und stellt am Ende des Kapitels jeweils ausführliche Quellenangaben zur Vertiefung der dargestellten Inhalte zur Verfügung.

Das Buch schafft es hervorragend, den ja wirklich komplexen Stoff des Bereiches Psychotraumatologie mithilfe klarer Sprache und anschaulicher Bilder („Dissoziation ist gewissermaßen die krankhafte Variante des Tagträumens…„) sehr eindrucksvoll zu vermitteln. Ich kann es jedem Interessierten wirklich sehr empfehlen.

Das Buch findet ihr bei Amazon hier.

Welches Psychiatrie-Lehrbuch empfehle ich Ärzten in Weiterbildung zum Psychiater?

Es gibt einige gute Psychiatrie Lehrbücher auf dem Markt, und jeder muss für sich selbst dasjenige finden, das ihm nach Umfang, Aufmachung und Art am besten liegt. Für viele, die sich erst im Gebiet der Psychiatrie orientieren wollen, kann das auch ein gutes Kurzlehrbuch sein. Aber diejenigen, die Fachärztin / Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie werden wollen, sollten schon ein etwas ausführlicheres Buch lesen. Nun kenne ich auch nicht alle in Frage kommenden Psychiatrie Lehrbücher ganz genau, möchte aber gerne hier mal meine Top drei vorstellen:

Mein Platz 1: Psychische Erkrankungen: Klinik und Therapie von Mathias Berger

Den Berger habe ich nachweislich hier auf dem Blog schon 2012 als das lesenswerteste Psychiatrie Lehrbuch für Weiterbildungsassistenten empfohlen. Das hat sich seither nicht geändert, das Buch ist nur weiter besser geworden.

Vorteile: Es ist ein dickes Buch; 936 Seiten ungefähr im DIN A4 Format, da braucht man schon die fünfjährige Weiterbildungszeit, um es halbwegs durchzuarbeiten. Aber man muss ja auch nicht wirklich jedes Kapitel lesen…

Die Texte sind durchgehend gut lesbar gechrieben, ohne verschwurbelten Fachjargon, ohne übertriebene Faktenhorderei, Tabellenexzesse oder kursivfettfarbige Texteskapaden. Die Inhalte werden einfach verdammt gut erklärt. Und sie werden durchgehend im gesamten Buch darauf hin überprüft, in welchem Maße sie evidence-based sind. Gibt es ordentliche Studien, die eine Aussage stützen, wenn ja, welche, oder ist es einfach Herrschende Meinung? Das kann ja auch berechtigt sein, dann will ich es aber wissen.

Nachteile: Wenn man es liest, kann man fünf Jahre lang seinen Netflix-Zugang abschalten.

Online Zugang: Man erhält einen zeitlich begrenzten Zugang zu Elseviers Onlineportal Psychiatriewelt. Dort kann man auf das vollständige Buch sowie einige zusätzliche Materialien (Videos, neue Kapitel, etc.) zugreifen.

Seitenzahl: 936 Seiten

Auto-Vergleich: Jaguar XF

Quanta-costa? 159,99 €. (amazon-affiliate-link)

Mein persönliches Fazit: Wenn ich mich auf ein Thema vorbereite, nehme ich mir gerne den Berger zur Hand. Dann bin ich gut im Bilde, weiß, woher die aktuellen Therapieeinschätzungen kommen und weiß, wo ich weiterlesen müsste, um mehr zu erfahren. Für Ärzte in Weiterbildung zum Psychiater bleibt der Berger meine Empfehlung.

Mein Platz 2: Therapie psychischer Erkrankungen von Ulrich Voderholzer und Fritz Hohagen

Wir Psychiater haben die Internisten lange um ihren “Herold-Innere Medizin“ beneidet, der verlässlich wie ein schweizer Uhrwerk jährlich aktualisiert wird und stets den neusten Stand der Technik widergibt. Allerdings ist der Herold ungefähr so gut lesbar wie ein Telefonbuch, pro Quadratzentimeter Papier stehen da ungefähr 92 Fakten; niemand liest das, man schlägt nur was nach.

Vorteile: Der Voderholzer vereint praktisch das beste aus beiden Welten: Er kombiniert die gute Lesbarkeit eines Berger mit der Aktualität eines Herold. Und das geht so: Voderholzer und Hohagen sind die Herausgeber; die einzelnen Kapitel werden jeweils von echten Spitzenautoren für ihr Gebiet geschrieben, und zwar jährlich aktualisiert. Pünktlich zum DGPPN-Kongress im November (dieses Jahr als Weltkongress schon im Oktober…) erscheint die aktuelle Auflage. Die Texte sind gut lesbar, evidenzbasiert, leitlinienorientiert. Das Buch ist mit 585 Seiten auch nicht gerade dünn, aber immerhin fast halb so dick wie der Berger.

Nachteile: Einen Text im Berger zu lesen macht etwas mehr Spaß.

Online Zugang: Zeitlich begrenzter Zugang zu Elseviers Psychiatriewelt. Dort kann man auf das vollständige Buch sowie einige Zusatzinhalte zugreifen.

Seitenzahl: 585 Seiten

Auto-Vergleich: Der aktuelle VW Passat 2017

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Mein persönliches Fazit: Wenn jeder Weiterbildungsassistent 300 der 585 Seiten im Voderhölzer gelesen hätte, wären die Facharztprüfungen ein Traum…

Mein Platz drei: Duale Reihe Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie von Möller, Laux, Deister

Vorteile: Unter Studenten ist die Duale Reihe sehr beliebt. Das Konzept ist, im inneren Teil der Seiten jeweils einen ausführlichen Fließtext zu haben, und am Außenrand jeweils Stichworte und sehr knappe Zusammenfassungen. So kann man Teile, die man zu kennen glaubt, querlesen, indem man sich einfach die Stichworte am Rand ansieht. Das verleitet etwas zum Geschwindigkeitsrausch, kurz vor der Prüfung ist das aber oft hilfreich. Insgesamt also ein mittellanges Lehrbuch auf Speed. Design und Layout sind modern.

Nachteile: Die Texte lesen sich manchmal schon etwas komprimiert. Die Darstellung erschient mir manchmal etwas unruhig und überladen.

Online Zugang: Über die Thieme eRef-App kann das ganze Buch online oder auf dem iPhone, iPad oder was auch immer gelesen werden. Auf der begleitenden CD gibt es Patientenvideos, allerdings unter einer etwas umständlichen Benutzer-Oberfläche.

Seitenzahl: 672 Seiten

Auto-Vergleich: Ford Fokus Turbo

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Mein persönliches Fazit: Für Studenten fünf Tage vor dem Examen, Weiterbildungsassistenten, die noch ein Leben außerhalb der Medizin haben und Angehörige anderer Berufsgruppen, die ein vollständiges, modernes Buch suchen, das eine schnelle Orientierung bietet, ist es sehr gut geeignet. Zum abendlichen Schmökern mit einem Glas Rotwein ist es ungeeignet. Aber so ließt ja eh niemand mehr Lehrbücher…

Welches Lehrbuch lest ihr?

Schreibt doch bitte mal in die Kommentare, welches Buch ihr lest und warum!