Eine ganz normale Aufnahme ins Krankenhaus im Jahr 2035

„12830 HealthCredits? Das ist ziemlich knapp. Aber wir finden schon ein passendes Programm für sie.“ Die junge Frau schaute besorgt auf Finns ApplePad. „Das kriegen wir schon hin.“

Als sein ambulant behandelnder Arzt Finn geraten hatte, ins Krankenhaus zu gehen, weil man dort Angststörungen am effektivsten behandeln könne, hatte er zugestimmt. So ging es wirklich nicht weiter. Er traute sich kaum noch, seine Wohnung zu verlassen. Auf seiner Arbeit als Logistikfachkraft fiel es ihm immer schwerer, Außentermine anzunehmen. Es ließ sich also nicht mehr aufschieben, er musste was tun.

Im Aufnahmebüro hatte er zuerst mit der Sachbearbeiterin seiner Krankenkasse gesprochen. Der Algorithmus hatte festgestellt, dass 12830 HealthCredits reichen müssten, um wieder arbeitsfähig zu werden. Sie hatte ihm auch gleich angeboten, vom Basis in den Premium-Tarif zu wechseln, dann bekäme er beim nächsten Mal bei den gleichen Parametern 16400 HealthCredits für seine Behandlung. Aber der Premium-Tarif war ihm zu teuer.

Im Nebenzimmer erwartete ihn seine Persönliche Genesungsberaterin. Hier wie in jeder anderen AmazonKlinik hatten alle englische Titel. Die Patienten hießen Clients, das Essen hieß AmazonFreshFood. Na ja, das schmeckte sogar im Basistarif ganz gut.

„Wollen Sie denn am Anfang hier im Krankenhaus übernachten?“ fragte die Genesungsberaterin, „Das kostet 260 Credits pro Nacht. Bei einer Angststörung ist das eigentlich nicht erforderlich.“

Finn schaute sie genauer an. Den dunklen Augen, dem schwarzen Haar und dem leichten Akzent nach war sie am ehesten spanischer Herkunft.

„Na ja, in der ersten Woche würde ich schon ganz gerne vollstationär bleiben, kalkulieren wir das mal.“

„OK, dann käme dazu das Basispaket: Zwei Arztvisiten pro Woche, ein Psychotherapiegespräch pro Woche, 2 mal Sport, ein mal Ergo und natürlich die Medikamentenflatrate. Macht 1300 Credits pro Woche.“

Finn nickte.

„Ich empfehle noch unser Achtsamkeitspaket: zwei mal Yoga und einmal Entspannung. Kostet normalerweise 400 Credits pro Woche, aber im Moment haben wir das im Angebot für 250 Credits pro Woche.“

„Wenn sie meinen, dann nehme ich das auch.“

„Gut, das macht dann 3370 Credits für die erste Woche. Wenn sie danach vielleicht noch vier Wochen tagesklinisch bleiben, reichen die Credits auch noch für einige Monate ambulante Psychotherapie, sollen wir das mal durchrechnen?“

„So machen wir das.“ 10 Minuten später hatten sie sich auf einen Therapieplan geeinigt. Finn schob der Ärztin sein ApplePhone herüber. Sie lud die früheren Arztbriefe, die in den letzten Jahren verordnete Medikation, das letzte Labor und ein paar der anderen Gesundheitsdaten aus der Health-App auf das Krankenhauscomputersystem herunter. Danach installierte sie die AmazonHealth-App, in der Finn seinen Therapieplan fand, die Materialien für die Gruppentherapien und den Shop, über den er täglich zusätzliche Leistungen, wie das Premium-Essen, einen Wahlarzt oder die Teilnahme an der Therapie im Klettergarten dazu buchen konnte. Über die App hatte er natürlich auch Zugriff auf seine Behandlungsdokumentation. Früher konnten die Patienten ja nicht einfach so lesen, was die Therapeuten schrieben. Das war nun durch die EU-Richtline 785 aus dem Jahr 2032 geändert worden. Nach jeder Therapie konnten man nun direkt auf seinem Smartphone nachlesen, was der Therapeut geschrieben hatte und man konnte selbst eigene Kommentare dazu posten. Wenn der Sporttherapeut beispielsweise geschrieben hatte, dass ein Patient nicht so gut mitgemacht hatte, konnte der Patient schreiben, dass er sich körperlich nicht so fit gefühlt habe, und sich daher etwas zurück genommen habe. Die Krankengeschichte macht wirklich nur Sinn, wenn beide Seiten sie erstellen, oder? Außerdem posten die meisten Patienten die Dokumentationen ihre Therapiegespräche gerne direkt auf Facebook, GoogleBook oder AppleBook.

„Na dann gute Besserung, Finn“, sagte die Genesungsbegleiterin.

„Danke und bis bald.“ antworte Finn, verließ das Aufnahmezimmer und ging zu seiner Station.

Die Genesungsbegleiterin räusperte sich kurz, nahm auf ihren QiCharger-Stuhl platz, um sich aufzuladen und einzuloggen. Das heutige Update ihres Amazon-Alexa-Betriebssystems schloss eine lästige Sicherheitslücke, die es Hackern erlaubte, die in den Psychotherapien besprochenen Wünsche und Vorlieben auszulesen und zu guten Preisen an Werbeanbieter zu verkaufen. Das durfte natürlich nicht zugelassen werden, denn diese Daten hatte Amazon lieber exklusiv.

Advertisements

Nachtrag zum Rote-Hand-Brief zu Haloperidol

Ich hatte gestern über den neu erschienenen Rote-Hand-Brief zu Haloperidol berichtet. Darin hatte ich unter anderem gesagt, dass für die Injektionslösung die alte Indikation „akute und chronische schizophrene Syndrome“ nun entfallen ist, und hatte mir selbst keine Gedanken gemacht, ob man Haloperidol i.m. oder i.v. nun überhaupt noch bei schizophrenen Erkrankungen geben darf. Dank eines Kommentares von Seelenklempner habe ich jetzt aber die Indikation für die Haloperidol-Injektionslösung nachgelesen, die lautet:

Haloperidol Injektionslösung

4.1 Anwendungsgebiete: HALDOL-Janssen Injektionslösung 5 mg/ml wird bei Erwachsenen angewendet zur:

  • Schnellen Kontrolle akuter psychomotorischer Erregungszustände im Rahmen einer psychotischen Störung oder manischer Episoden einer bipolaren Störung I, wenn eine orale Therapie nicht geeignet ist.
  • Akutbehandlung des Deliriums, wenn nicht-pharmakologische Therapien versagt haben.
  • Behandlung einer leichten bis mittelschweren Chorea Huntington, wenn andere Arzneimittel unwirksam oder unverträglich sind und eine orale Therapie nicht geeignet ist.
  • Mono- oder Kombinationsprophylaxe bei Patienten mit mäßigem bis hohem Risiko für postoperative Übelkeit und postoperatives Erbrechen, wenn andere Arzneimittel unwirksam oder unverträglich sind.
  • Kombinationsbehandlung bei postoperativer Übelkeit und postoperativem Erbrechen, wenn andere Arzneimittel unwirksam oder unverträglich sind.

Das bedeutet, dass eine intramuskuläre Injektion von Haloperidol bei akuten Erregungszuständen noch erlaubt ist, wenn eine orale Medikation nicht möglich ist, also beispielsweise im Rahmen einer Zwangsmedikation.

Neu ist auch die Empfehlung, wie die Injektionslösung gegeben werden darf. In der Fachinfo von Janssen-Cilag zur Haloperidol Injektionslösung steht nun:

HALDOL-Janssen Injektionslösung 5 mg/ ml ist nur zur intramuskulären Anwendung bestimmt.

Zuvor war diese auch für die intravenöse Injektion geeignet, allerdings nur unter EKG-Monitoring. Auf internistischen Intensivstationen war dies bislang eine nicht ungewöhnliche Therapie, vor allem beim Delir. Allerdings geht die intravenöse Gabe von Haloperidol mit einer deutlich erhöhten Wahrscheinlichkeit einer QTc-Zeit-Verlängerung und den daraus möglicherweise resultierenden Torsade-de-point-Arrhythmien einher. Daher war es in den letzten Jahren in psychiatrischen Kliniken, die üblicherweise nicht über ein EKG-Monitoring verfügen, üblich geworden, Benperidol zu geben, wenn eine i.v. Medikation nötig war. Auch auf internistischen Intensivstationen wurde Haloperidol i.v. meiner etwas spärlichen Beobachtung nach seltener gegeben. Nun wird auch das wohl im wesentlichen aufhören, was auch gut ist. Aus pharmakologischer Sicht ist es natürlich weiterhin möglich, die Haloperidol-Injektionslösung auch i.v. zu geben, das Nutzen/Risiko-Verhältnis ist aber schlechter als bei Benperidol i.v., daher sollte man selbst im Rahmen eines individuellen Heilversuches, der juristisch möglich wäre, aber einer besonderen Aufklärung bedürfte, davon absehen.

Vielen Dank noch mal an Seelenklempner, der mich in seinem Kommentar darauf hingewiesen hat!

Rote-Hand-Brief zu Haloperidol erschienen

Voila Capture 2017 12 28 08 16 10 AM

Die Arzneimittelfirma Janssen hat zu Haloperidol einen Rote-Hand-Brief versendet. Rote-Hand-Briefe informieren die Fachöffentlichkeit über wichtige Erkenntnisse zu einem Medikament. In diesem Fall wird darüber informiert, dass die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) ein Harmonisierungsverfahren für alle Darreichungsformen von Haloperidol-haltigen Arzneimitteln durchgeführt hat. Dies führt dazu, dass nun die Fachinformationen, und damit die Angaben zu Indikation, Dosierung und möglichen Nebenwirkungen bei allen Haloperidol-haltigen Arzneimitteln vereinheitlicht worden sind.

Dabei ergaben sich folgende Veränderungen:

Folgende frühere Indikationen für Haloperidol sind jetzt weggefallen

  • Erbrechen: weggefallen
  • Tic-Erkrankungen bei Kindern ab 3 Jahren: nun erst zugelassen ab 10 Jahren
  • akute und chronische schizophrene Syndrome: Ist für die HALDOL® Injektionslösung weggefallen. Für die Tabletten, Tropfen und das Depot besteht diese Indikation weiterhin. 

Dosierung

Die maximale tägliche Dosis Haldol® wurde reduziert auf:

  • 10 – 20 mg bei erwachsenen Patienten abhängig von der Indikation
  • 5mg bei älteren Patienten
  • 3 – 5mg bei Kindern abhängig von der Indikation
  • Zur Vermeidung von Nebenwirkungen sollte die niedrigst mögliche Dosis gegeben werden.

Die Dosierung und die Art der Verabreichung von Haldol Decanoat Depot® wurden wie folgt angepasst:

  • Patienten müssen stabil auf orales Haldol eingestellt sein, bevor sie auf Haldol Decanoat umgestellt werden. Die Dosis von Haldol Decanoat Depot entspricht bei Umstellung dem 10 – bis 15-Fachen der letzten oralen Haldol Tagesdosis.
  • Es wird empfohlen, Haldol Decanoat Depot alle 4 Wochen tief intramuskulär zu injizieren
  • Die Dosis darf in 50 mg Schritten alle vier Wochen angepasst werden, bis ein optimales Therapieansprechen erreicht wird, jedoch maximal bis zur Höchstdosis von 300 mg.
  • Zu Anfang der Umstellung auf Haldol Decanoat Depot® könnte eine ergänzende Einnahme von Haldol® oral notwendig werden. Die Gesamtdosis darf umgerechnet 20mg/Tag orales Haloperidol, nicht überschreiten

Für ältere Patienten:

  • Die empfohlene Initialdosis beträgt 12,5 bis 25 mg alle 4 Wochen, auch wenn die umgerechnete Dosis höher liegt.
  • Die Haldol Decanoat Depot® Dosis kann bis zum Erreichen eines optimalen Therapieansprechens maximal bis zur Höchstdosis von 75 mg alle vier Wochen gesteigert werden.
  • Tagesdosen über 75mg sollten nur dann in Betracht gezogen werden, wenn die Patienten vorher höhere, orale Dosisäquivalente vertragen haben.
  • Zu Anfang der Umstellung auf Haldol Decanoat Depot® kann eine ergänzende Einnahme von Haldol® oral notwendig werden. Die Gesamtdosis darf eine Dosis von umgerechnet 5 mg/Tag orales Haloperidol oder die zuletzt verabreichte orale Dosis bei älteren Patienten mit längerer Behandlung nicht überschreiten.

Gegenanzeigen

  • bekannte Verlängerung des QT-Intervalls
  • ventrikuläre Arrhythmien oder Torsade-de-Pointes
  • gleichzeitig verabreichte Medikamente, die das QT-Intervall verlängern
  • Medikationen, die das Risiko kardiologischer Arrhythmien und QT-Zeit Verlängerung verstärken
  • Medikationen, die den Haloperidol Plasmaspiegel erhöhen

Die Injektionslösung

Die Injektionslösung, die i.v. und i.m. verwendet werden kann, ist ab jetzt nicht mehr einfach so für die Indikation „Schizophrenie“ zugelassen, sondern nur noch in folgender Situation:

Die Haloperidol-Injektionslösung ist angezeigt: „Zur schnellen Kontrolle akuter psychomotorischer Erregungszustände im Rahmen einer psychotischen Störung oder manischer Episoden einer bipolaren Störung I, wenn eine orale Therapie nicht geeignet ist.“

Meine persönliche Beurteilung

Diese Aktualisierungen sind konsequent und sinnvoll. Zuvor war es ja so, dass man Haldol® von Janssen nicht i.v. geben durfte, andere Haloperidol-Lösungen aber schon. Ab jetzt stehen die Warnungen vor einer Qtc-Zeit-Verlängerung bei allen Präparaten.

Die Indikation „Akute und chronische Schizophrenie“ ist für die Injektionslösung nun generell weggefallen, sicherlich aufgrund der Gefahr der Qtc-Zeit Verlängerung. Die Injektionslösung ist jetzt nur noch bei psychomotorischen Erregungszuständen indiziert, wenn eine orale Therapie nicht geeignet ist. Aber auch dann i.v. nur unter Monitorkontrolle, im psychiatrischen Krankenhaus also allenfalls i.m. In der klinischen Praxis ist es in diesen Fällen in psychiatrischen Kliniken ohnehin bereits seit vielen Jahren üblich, in Akutsituationen, in denen eine intravenöse Medikation erforderlich ist, Benperidol i.v. zu geben. Alternativ gibt es eine Reihe von atypischen Neuroleptika, die intramuskulär gegeben werden können.

Auch die niedrigeren empfohlenen Dosierungen sind mehr als sinnvoll; höhere als die hier angegebenen Dosierungen führen erfahrungsgemäß nur zu mehr Nebenwirkungen ohne zusätzlichen Nutzen. Hier war einfach eine Anpassung an die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte erforderlich.

Den Rote-Hand-Brief im Original findet ihr hier: RHB Haloperidol.pdf

Laß dir 2018 genügend Luft !

Nach dem Baum-Fest folgt ja alljährlich das Gute-Vorsätze-Fest. Ich möchte nur mal vorsorglich darauf hinweisen, dass du dir bitte für´s nächste Jahr zumindest mal ein Drittel weniger vornehmen sollst, als du eigentlich schaffen kannst.

Lass ein Drittel deiner Zeit, deiner Kräfte und deiner Ressourcen frei.

Sehe ich freie Stunden in Deinem Terminkalender? Freie Tage ohne geplante Urlaube? Keine Planung größerer Projekte trotz genügend Energie? Sehe ich freie Abende und eine Anmutung von Langeweile aufkommen? Dann hast Du alles richtig geplant!

Denn erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt.

Lass dir dafür Luft!

Drogennotfallprophylaxe durch Laien mit Naloxon: Im Saarland beginnt ein Modellprojekt

Die wenigsten Drogentoten sterben am „Goldenen Schuss“, also an einer absichtlich zu hoch gewählten Dosis Heroin in suizidaler Absicht. Viel mehr Opiatabhängige sterben, weil sie sich unabsichtlich eine zu hohe Opiatdosis verabreicht haben. Dafür kann es verschiedenen Gründe geben: Entweder war der Stoff reiner als gewohnt, oder der Konsument hat nach einer Abstinenzzeit unterschätzt, dass die früher verträgliche Dosis nach einigen Tagen Abstinenz schon viel zu hoch sein kann. Auch in Kombination mit anderen Sedativa wie Benzodiazepinen wird Heroin nicht mehr so vertragen wie ohne diese Kombination. Im Falle einer Überdosis tritt dann oft eine Atemdepression ein. Der Konsument fällt also zunächst in einen tiefen Schlaf und hört dann auf zu atmen. Das endet leider immer wieder tödlich.

Als Notarzt kann man in dieser Situation schnell helfen: Eine Injektion des Opiatantagonisten Naloxon, und der Patient schreckt sofort wieder auf, atmet einmal tief durch und hat in den nächsten zwanzig Minuten einen ziemlich unangenehmen Turboentzug. Aber er lebt. Doch bis der Notarzt vor Ort ist, kann es schon zu spät sein.

Dabei sind die Betroffenen meist nicht alleine. Oft sind es andere Drogenkonsumenten, die dabei sind, aber nicht wirksam helfen können. Daher gibt es in einigen Ländern Programme, Laien, zumeist andere Drogenkonsumenten, zu schulen, wie eine solche Opiatüberdosierung aussieht und wie man sie mit Naloxon bekämpfen kann. Es gibt Naloxon als Nasenspray oder als Spritze. Spritzen, die für den Gebrauch durch Laien gedacht sind, sind als Autoinjektoren verfügbar, die man in die Muskulatur des Oberschenkels injiziert. Das ist sicher und wirksam. Nach der Injektion muss natürlich der Rettungsdienst gerufen werden, schon, weil Naloxon nur 20 Minuten wirkt, das Opiat aber gegebenenfalls viel länger, so dass sich ohne wiederholte Gabe von Naloxon die Atemdepression nach einiger Zeit wieder einstellen könnte. 

Die Ärztekammer des Saarlandes informiert hier, dass im Saarland nun genau so ein Modellprojekt startet. Das ist gut und richtig so. In Amerika hat die Opiatwelle schon so weite Teile der Bevölkerung erfasst, dass dort das Problem alltäglich und weit verbreitet ist. Das ist in Deutschland zum Glück nicht so. Aber jeder Drogentoter ist eine zu viel, und das Naloxon-Programm kann Leben retten. Ich werde berichten, wie es sich entwickelt!

Warum nicht jede Delirbehandlung gleich geschaffen ist…

2017 12 16 Alcohol fuel pump in Brazil

Bild: Alkoholtankstelle in Brasilien. Von Edward, CC BY-SA 2.0

Über die richtige Behandlung des Delirs gibt es zum einen sehr unterschiedliche Meinungen, zum anderen viel Unsicherheit. Das liegt unter anderem daran, dass unterschiedliche Delirursachen bei unterschiedlichen Patienten ganz unterschiedlich behandelt werden müssen. Hierbei spielt es eine Rolle, ob ein hypoaktives oder ein hyperaktives Delir vorliegt. Auch das Alter des Patienten spielt eine große Rolle. Hierauf möchte ich in diesem kurzen Artikel eingehen, in dem ich beschreibe, wie sich die Therapie eines jungen Patienten im Alkoholentzugsdelir von der Therapie eines älteren Menschen im hypoaktiven Delir unterscheidet.

Einleitung

Es gibt sehr unterschiedliche Delirursachen.

  • Beim jungen Menschen tritt im psychiatrischen Krankenhaus am häufigsten das Alkoholentzugsdelir auf.
  • Bei älteren Menschen sieht man häufig:
    • Delir durch Exsikkose
    • Postoperatives Delir
    • Delir durch anticholinerge Medikation

Auch die Erscheinungsformen des Delirs sind unterschiedlich, für gewöhnlich wird in das hypoaktive und das hyperaktive Delir eingeteilt, je nachdem, welche psychomotorische Aktivität vorliegt.

Therapiegrundsätze

  • Beim Delir gibt man immer ein Neuroleptikum, um das Delir ursächlich zu behandeln. Traditionell wird Haloperidol eingesetzt, hiermit bestehen auch die mit Abstand meisten Erfahrungen. Alternativ kann man auch Risperidon oder ein anderes atypisches Neuroleptikum geben. Der klinischen Erfahrung nach funktioniert Risperidon gut. Randomisierte Vergleichsstudien zwischen Haloperidol und Risperidon gibt es nicht. Es wird wohl auch nie welche geben, denn Patienten im Delir sind nicht zustimmungsfähig zu einer Studie. Insofern müsste man nicht randomisierte Beobachtungsstudien durchführen.
  • Bei hyperaktiven Delirien sowie bei Alkoholentzugsdelirien gibt man in der Regel auch ein sedierendes Medikament wie ein Clomethiazol oder ein Benzodiazepin.
  • Beim Delir des älteren Menschen sind Benzodiazepine zumindest umstritten, im Zweifel sogar wirklich kontraindiziert. Wenn ein älterer Mensch ein anticholinerges Delir hat, soll man kein Diazepam geben, da Diazepam eine gewisse anticholinerge Komponente hat. Wenn man in dieser Situation ein Benzodiazepin geben will, dann besser Lorazepam.

Das Alkoholentzugsdelir des jungen Menschen

Junge Menschen im Alkoholentzugsdelir vertragen Haloperidol oft ganz gut. In den hier üblichen Dosierungen von 3-0-3-0 mg bis 5-0-5-0 mg pro Tag treffen sich oft eine schnelle und verlässliche Wirkung mit einer akzeptablen Verträglichkeit.

Zusätzlich gibt man in der Regel Clomethiazol (z.B. DistraNeurin®) nach Bedarf. Alternativ kann man Diazepam, Lorazepam oder Clonazepam geben. 

Beispielmedikation Junger Patient im Alkoholentzugsdelir:

  • Haloperidol 5-0-5-0 mg
  • Clomethiazol bei Bedarf. In der Regel gibt man 2-4 Kapseln zu Beginn, bei ausbleibender Wirkung innerhalb von 30-60 Minuten erneut 2 Kapseln, aber nicht mehr als 8 Kapseln innerhalb von 2 Stunden. Dann weiter nach Bedarf, maximal 24 Kapseln pro Tag. Ältere Patienten und japanische Patienten erhalten niedrigere Dosierungen.

Das hypoaktive Delir unterschiedlicher Ursachen des älteren Patienten

Für ältere Patienten wären diese Dosierungen sicher zu hoch, man würde eher 2-0-2-0 mg Haloperidol pro Tag geben. Aber gerade in der Gerontopsychiatrie bietet es sich an, nicht Haloperidol, sondern ein verträglicheres atypisches Neuroleptikum wie Risperidon 0,5-0-0,5-0 mg pro Tag oder Ziprasidon in einer angemessenen Dosis zu geben. Clozapin, Olanzapin oder Quetiapin sind wegen ihrer anticholinergen Komponenten nicht gut geeignet.

Auch die Stellung der Benzodiazepine ist anders. Im hyperaktiven Delir bei Alkoholentzug, aber auch beim hypoaktiven Delir des jungen Menschen haben Clomethiazol sowie Benzodiazepine, auch das Diazepam, einen festen Stellenwert und sind im Wesentlichen unumstritten. Anders in der Gerontopsychiatrie. Hier tritt ohnehin zumeist das hypoaktive Delir auf, das an sich weniger Sedierung oder Benzodiazepine erforderlich macht. Diazepam hat eine gewisse anticholinerge Komponente, die man im Delir des älteren Menschen meiden muss. Daher ist Lorazepam in einer niedrigen Dosis, z.B. 0,5-0-0,5-0,5 mg pro Tag zu bevorzugen.

Beispielmedikation Älterer Patient im hypoaktiven Delir:

  • Risperidon 0,5-0-0,5-0 mg
  • Lorazepam 0,5-0-0,5-0,5 mg
  • Lorazepam bei Bedarf 0,5 mg, max. zusätzlich 2 mg/Tag.

Wie ist dein Vorgehen?

Das Delir wird oft nach persönlichen Präferenzen behandelt, ohne dass man immer sagen kann, welche Überlegung nun der Therapieentscheidung zu Grunde liegt. Daher möchte ich gerne wissen, welchen Algorithmus du im Kopf hast, wenn du die Medikation bei einem Delir auswählt. Schreib bitte in die Kommentare, wie du vorgehst!

PC059 „Gruppe ist großartig!“ ist online

Im 59. PsychCast sprechen wir über Psychotherapie in der Gruppe. Wir beschreiben, was uns an der Arbeit in Gruppen fasziniert und wie Gruppen gegen das Versorgungsengpass-Problem helfen können. Wir bereden Wirkfaktoren und Hürden von Gruppen und versuchen zusammenzufassen, welche Chancen Gruppen für Patienten darstellen. Heute geht es explizit nicht um einzelne gruppentherapeutische Verfahren, sondern Gruppenbehandlungen in der Psychiatrie und Psychosomatik im Allgemeinen!

Wir sprechen unter anderem über den “besten Gruppenpsychotherapeuten der Welt” Irvin Yalom. Dies ist sein Gruppentherapie-Standardwerk Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie.

Viel Spaß und großen Dank unserem wachsenden PsychCast-Freundeskreis!

Die Folge findet ihr hier.

Zur Unterscheidung von Pseudodemenz und Demenz

Unlängst hatte ich Facharztprüfung. Also eher sechs Facharztprüfungen. Na ja, als Prüfer halt. Aber dabei lernt man ja zum Glück auch als Prüfer immer wieder was Neues…

Mein Mitprüfer fragte eine der Kandidatinnen, wie man eine Pseudodemenz bei Depression von einer echten Demenz unterscheiden kann. Die Frage ist relevant, weil sich gerade ältere depressive Patienten oft fragen, ob die Merkfähigkeitsstörungen, Konzentrationsstörungen und allgemein die kognitiven Störungen, die sie im Rahmen ihrer Depression gerade erleiden, vielleicht die ersten Symptome einer Demenz seien. Und das macht sie natürlich noch depressiver…

Die Kandidatin antwortete, dass Patienten mit einer echten Demenz ihre kognitiven Einschränkungen eher bagatellisieren („ach das war mir gerade entfallen, nicht so schlimm“), während Patienten mit einer Pseudodemenz bei Depression ihre kognitiven Einschränkungen eher katastrophisieren („Herr Doktor, heute habe ich mir schon wieder nicht merken können, wie meine neue Tablette heißt!“ „Sie meinen das Rivaroxaban?“ „Ja genau. Da hatte ich doch glatt schon wieder den Namen vergessen. Sehen sie, nun bekomme ich auch noch Alzheimer!“).

Natürlich gibt es weitere Unterscheidungsmerkmale. Zunächst mal führt man die körperlichen Untersuchungen durch, die eine Demenz aufdecken, also z.B. eine cCT.

https://commons.m.wikimedia.org/wiki/File:Alzheimers_brain.jpg#mw-jump-to-license

Quelle: NIH, CC.

Es gibt auch klinische Hinweise. Die Pseudodemenz zeigt oft eine Diskrepanz zwischen den erkennbaren kognitiven Einschränkungen auf der einen Seite und einem noch guten tatsächlichen Zurechtkommen im Alltag; während bei der echten Demenz zwar ebenfalls kognitive Einschränkungen bestehen, diese aber auch klare Entsprechungen in einer deutlich reduzierten Alltagskompetenz finden. Auch gibt es testpsychologische Möglichkeiten, eine Differenzierung zwischen Pseudodemenz bei Depression und echter Demenz herauszufinden.

Aber nachdem ich einmal gehört habe, zwischen den Polen

  • der Patient bagatellisiert und
  • der Patient katastrophisiert

seine kognitiven Defizite zu unterscheiden, erinnere ich mich praktisch an keinen Fall, bei dem ich damit nicht richtig gelegen hätte.

Die sechs Kandidaten haben übrigens alle mit wirklich guten Leistungen bestanden, der Facharztnachschub in NRW läuft also…

Der neue PsychCast ist online: PC058 Teamplay – eine ewige Baustelle

Im 58. PsychCast sprechen wir über Teamarbeit, Teamaufgaben, Team-Irrtümer, moderne Führung, die Reflected Best Self Exercise, Teams im Flow, extrinsische und intrinsische Motivation, Die 4 Cs eines Krankenhauses, eine strukturierte Vorgehensweise bei Problemen und über die Doku “I Am Not Your Guru” über Tony Robbins. Wir denken schließlich über das moderne Führungsziel nach, ein Team darin zu fördern, ihre eigene Aufgabe zu lieben und wichtig zu finden.

Das wahrscheinlich beste Buch zum Thema ist übrigens Positive Leadership von Ruth Seliger (Amazon).

Die Folge findet ihr hier.