Psychiatrie to go feiert heute seinen fünften Geburtstag!

Am 4.1.2012 schrieb ich den ersten post auf diesem Blog. Im Januar 2012 kamen 38 weitere schön bebilderte und eigentlich ganz gut geschriebenen Posts dazu. Seither ist viel geschehen.

Eine kleine Statistik

Die Blog-Statistik verzeichnet insgesamt 584 Posts. Aber viel wichtiger ist die Resonanz bei den Lesern. Insgesamt wurde der Blog bis heute von 1.477.514 Besuchern 2.309.126 mal angeklickt. Die posts wurden mit 3939 Kommentaren diskutiert. Und die Resonanz wächst stetig. Im Jahr 2016 wurde die Click-Zahl von einer Million nur ganz knapp verfehlt: 994.708 Besuche. Wow!

Vielen Dank fürs mitmachen!

Mir macht es viel Spaß, zu bloggen. Manchmal ist es einfach schön, in Ruhe etwas aufzuschreiben, was ich schon immer mal sagen, durchdenken oder irgendwie aus meinem Kopf bekommen wollte. An manchen Tagen überlege ich mir, was ich heute gelernt habe, welche interessante Beobachtung ich gemacht habe, und schreibe die dann kurz auf.

Manchmal bereite ich einen Artikel für mein Buch „Psychopharmakotherapie griffbereit“ vor und prüfe an den Reaktionen, ob ich etwas falsch, unvollständig oder schlecht verständlich geschrieben habe. Wenn ich ein Medikament neu in das Buch aufnehme, lese ich mit besonderer Aufmerksamkeit die Berichte über die Erfahrungen der Leser mit dieser Substanz, und baue diese Erkenntnisse oft in den Buchartikel ein.

Und manchmal schreibe ich einfach nur, was mir in den Kopf kommt.

Inzwischen hat der Blog mit dem PsychCast auch ein Geschwisterkind bekommen. Und zwar ein sehr vitales! Schaut mal vorbei…

Und immer freue ich mich über eure Reaktionen. Dadurch lebt der Blog, und das macht Spaß!

Viel Spaß auch im Jahr 2017. Und bleibt dem blog und seinem Motto treu:

You live you learn

Video-Erklärung: Was ändert sich durch das neue PsychKG NRW 2017

Ab dem 1.1.2017 gilt eine neue Fassung des PsychKG´s in NRW. Welche Änderungen gegenüber dem alten Gesetz müssen stationär tätige Psychiater kennen und anwenden?

In diesem sieben-minütigen Video erkläre ich kurz die wesentlichen Neuerungen, insbesondere den Richtervorbehalt bei der Zwangsmedikation. Die technische Qualität des Videos ist noch nicht ganz optimal, aber wenn ihr Interesse an weiteren erklärenden Videos habt, dann sagt Bescheid, dann übe ich das weiter…

Ausführliche Erklärungen zu allen Rechtsgrundlagen stationärer Behandlungen in der Psychiatrie und der korrekten Anwendung findet ihr hier.

Das neue PsychKG tritt am 1.1.2017 in Kraft

Der Landtag NRW hat am 29.11.2016 beschlossen, dass das neue PsychKG zum 1.1.2017 in Kraft tritt (Beschlussprotokoll, Punkt 8).

Damit wird es in der Form gültig werden, die seit Sommer 2016 besprochen wurde, und über die ich in diesem Blogpost ausführlich berichtet habe. Darin findest Du alle wesentlichen Änderungen gegenüber der alten Regelung.

Ganz wesentlich sind der ab dem 1.1.17 geltende Richtervorbehalt bei Zwangsmedikationen sowie eine Reihe weiterer neuer Regelungen mit dem Ziel, den Schutz der Patienten besser sicher zu stellen.

Zu Beginn des Jahres werden sich einige Abläufe erste einmal einspielen müssen, insbesondere die Frage, wie das Amtsgericht außerhalb der regulären Arbeitszeit zu erreichen ist und in welcher Form vorgegangen werden kann, wenn es nicht erreichbar ist. Städte, in denen es schon ein regelmäßiges Ärzte-Richter-Treffen gibt, sind jetzt klar im Vorteil. Die anderen Städte sollten das neue PsychKG zum Anlass nehmen, ein solches Treffen zu initiieren, um sich besser absprechen zu können.

Sobald das neue PsychKG in Kraft ist, bitte ich um Erfahrungsberichte gerne hier in den Kommentaren. Ich selbst werde auch berichten, sobald ich einige eigene Erfahrungen gesammelt habe.

Zur Vorbereitung empfehle ich noch einmal die gründliche Lektüre dieses Blogposts.

Eine ausführliche vergleichende Darstellung der verschiedenen Rechtsgrundlagen für die stationäre Behandlung in der Psychiatrie und der damit verbundenen Behandlungsmöglichkeiten sowie der einschlägigen Regelungen findet ihr hier.

Ein frischer PsychCast ist erschienen: Welches Neuroleptikum ist das kleinste Übel?

Auf besonderen Hörerinnenwunsch (Danke für den Vorschlag, Anne!) besprechen wir in der fünfunddreißigsten Ausgabe des PsychCast, wie man die Wahl für ein Neuroleptikum trifft. Neuroleptika, auch Antipsychotika genannt, sind Medikamente gegen Psychosen, die u. a. wahnhaftes Erleben, Paranoia und Halluzinationen erzeugen können. Was ihre Therapie mit Blumen gießen zu tun hat, erfahrt Ihr in der Sendung.

Hier geht´s zur Sendung: http://psychcast.de/pc035-neuroleptika-die-suche-nach-dem-kleinsten-uebel/

Die Bibel ist neu erschienen…

Der Benkert / Hippius gilt zurecht als die Bibel der Psychopharmakologie. Es gibt ihn gefühlt schon seit Christi Geburt, jeder Gläubige hat ein Exemplar, und wenn´s drauf ankommt, wird hieraus gelesen.

Anders als die Bibel wird der Benkert / Hippius allerdings alle zwei Jahre aktualisiert. Vor wenigen Tagen ist nun die elfte Auflage erschienen: Benkert / Hippius (affiliate-link).

Seinem Konzept treu bleibend ist der Benkert / Hippius ein Lehrbuch und ein Nachschlagewerk in einem.

Die großen Kapitel (Antidepressiva, Antipsychotika, Anxiolytika, …) beginnen mit mehrseitigen Übersichtsartikeln zu den Grundprinzipien der Therapie in diesen Bereichen. Diese Kapitel erklären auch für relative Neulinge die wesentlichen Therapieprinzipien gut verständlich.

Es folgen ausführliche Darstellungen der einzelnen Präparate der Gruppe, mit Angaben zu Pharmakodynamik, Pharmakokinetik, Indikationen, Dosierung, Nebenwirkungen, Risikopopulationen (in dieser Auflage neu), Kontraindikationen, Interaktionen und einer Bewertung. So kann man sich schnell ein sehr gründliches Bild von jedem einzelnen Medikament machen.

Dabei geht der Benkert stets extrem weit ins Detail. Die Autoren sind mit jeder Rezeptorenuntergruppe per Du und berichten in größter Akkurratesse auch über chemische und pharmakologische Details, die in anderen Büchern fehlen. Diese Informationen machen das Buch dann doch eher zu einem Nachschlagewerk für Kundige. Aber Bibeln sind nun mal eher ausführlich und detailliert, oder?

Auch spezielle Gebiete wie zum Beispiel „Medikamente zur Behandlung von Essstörungen und Adipositas“ oder das sehr interessante Kapitel „Psychopharmakotherapie psychiatrischer Notfallsituationen“ erklären Bereiche, die selbst in den umfangreichsten Lehrbüchern der Psychiatrie traditionell zu kurz kommen.

Zum Glück ist auch die neue Auflage wieder solide gebunden. Zumindest bei mir wird sie es in den nächsten zwei Jahren sicher brauchen….

Bei Amazon findet ihr das Buch hier: Benkert / Hippius (affiliate-link)

Eine neue PsychCast-Folge ist online! PC034 Bezugspflege und Akademisierung in der Pflege

Im vierunddreizigsten PsychCast unterhalten sich Jan Dreher und der Pflegedienstleiter Andreas Fucken über die Prinzipien und unterschiedlichen Ausgestaltungsmöglichkeiten der Bezugspflege, über verschiedene Arten der Übergabe und über die Weiterbildungsmöglichkeiten für Krankenpflegemitarbeiter, insbesondere die Fachweiterbildung sowie die neuen Möglichkeiten der Akademischen Ausbildung im Bereich der Pflege. Hört mal rein!
Hier findest Du sie: http://psychcast.de/pc034-bezugspflege-und-akademisierung-in-der-pflege/

Quick reminder: Treten Erkältungssymptome unter einer potenziell blutbildschädigenden Substanz auf, muss man ein Differentialblutbild machen

Tja, mehr gibt´s dazu eigentlich nicht zu sagen. Erkältungen können Erkältungen sein, aber wenn man, was in der Medizin nicht unüblich ist, ein oder mehrere Medikamente gibt, die zu einer Blutbildschädigung führen können, wie Clozapin oder Metamizol, und der Patient dann Halsbeschwerden, Schluckbeschwerden oder ähnliche Symptome schildert, muss man ein Differentialblutbild machen, um eine Neutropenie auszuschließen. Ich wollt´s nur noch mal gesagt haben.

„Medikation gewordene Ratlosigkeit“

Der Besuch des DGPPN-Kongresses lohnt sich eigentlich immer, schon wegen der vielen Kleinigkeiten, die man so aufgreift.
Eine Schweizer Ärztin hat über die häufig zu beobachtende merkwürdige Medikation von Borderline-Patienten gesprochen.
Es gibt Patienten, die einen hohen Leidensdruck haben, der aber von einer bestimmten Medikation nicht besser wird. Das führt oft dazu, dass ein einmal ausprobiertes Medikament nicht abgesetzt wird, weil man unsicher ist, ob es dem Patienten ohne dies Medikament nicht noch schlechter geht, als mit dem Medikament, und statt dessen eher ein weiteres Medikament angesetzt wird. Nach einer längeren Behandlung, am besten durch viele verschiedene Ärzte, sieht die Medikation oft so ähnlich wie diese:

  • Quetiapin 25-0-25-0 mg
  • Quetiapin ret 0-0-0-150 mg
  • Aripiprazol 5-0-0-0 mg
  • Citalopram 30-0-0-0 mg
  • Mirtazapin 0-0-0-15 mg
  • Valproat 300-0-450-0 mg
  • Lamotrigin 100-100-100-0 mg
  • Truxal 50-25-50-25 mg
  • Diazepam 5-5-5-5 mg
  • Zopiclon 0-0-0-7,5 mg
  • Metamizol 500-500-500-500 mg
  • Pipamperon bei Bedarf

Oder andere Medikamente dieser Wirkstoffgruppen. Also praktisch aus jeder in der Psychiatrie verfügbaren Medikamentengruppe so ein bis mehrere Substanzen. Gegen was da was helfen soll oder gar wirklich hilft, kann man bei so einer Kombination nicht mehr feststellen. Und die Diagnose oder eine erkennbare Therapierichtung spiegeln sich hier auch nicht gerade wieder…

Ich denke schon, dass auch bei der Borderline-Erkrankung in bestimmten Phasen bestimmte Medikamente sinnvoll sein können. Besteht gegenwärtig eine depressive Phase, ist ein Antidepressivum sinnvoll. Ein niedrig dosiertes SSRI kann auch außerhalb einer depressiven Phase etwas zur Stabilität beitragen. Und auch ein niedrig dosiertes Sedativum bei Bedarf kann hilfreich sein.

Wenn aber praktisch alle zur Verfügung stehenden Wirkstoffgruppen nach dem Gießkannenprinzip zusammen eingesetzt werden, ist das eher nicht mehr der Ausdruck einer Therapiestrategie. Diese Medikation hat die Schweizerin „Medikation gewordene Ratlosigkeit“ genannt. Besser kann man es nicht beschreiben.

Wenn man sieht, dass ein Patient eine solche Medikation erhält, ist es erforderlich, sich in Ruhe mit dem Patienten hinzusetzen und jedes einzelne Medikament zu prüfen. Seit wann erhält er es? Gegen was wurde es ursprünglich eingesetzt? Hat es in dieser Hinsicht geholfen oder nicht? Soll man es belassen oder einen Absetzversuch machen? Bei mehreren Medikamenten mit unklarer Indikation muss man Absetzversuche natürlich schrittweise durchführen, eines nach dem anderen. Dann muss man einige Tage warten, um zu sehen, ob sich die Symptomatik ändert. Bei ausbleibender Verschlechterung kann man dann das nächste Medikament absetzen. Ich selbst reduziere bei fraglicher Indikation die Neuroleptika immer besonders konsequent. Aber auch Antiepileptika und Sedativa müssen bei fehlender Indikation abgesetzt werden. Am Schluss kann man oft die Hälfte der Medikamente absetzen, ohne dass es dem Patienten schlechter geht. Aber er hat nur noch halb so viele Nebenwirkungen und weitaus weniger Interaktionen. In aller Regel geht es ihm deutlich besser nach so einer Medikamentendiät…

Die erste Leitlinie zum Umgang mit CrystalMeth ist veröffentlicht

voila_capture-2016-12-03_10-23-24_amDie Serie „Breaking Bad“ zu sehen, macht Spaß. Aber einem wirklichen CrystalMeth-Abhängigen zu helfen, ist eine eher ernüchternde Angelegenheit. Es besteht ein erstaunlich großes Missverhältnis zwischen der Schwere der Erkrankung – starke Abhängigkeit, offenbar deutliche Neurotoxizität der Substanz, oft früher und rasanter sozialer Abstieg – auf der einen Seite und oft scheinbar fehlendem Behandlungswillen auf der anderen Seite. Bei genauerer Betrachtung fehlt allerdings der Behandlungswille meist nicht, allein, die Sucht ist stärker.
Umso wichtiger ist es, dass die Bundesärztekammer, unterstützt vom Bundesministerium für Gesundheit, mit dieser neuen Leitlinie einmal alle derzeit zugänglichen Empfehlungen zur Prävention und Therapie Methamphetamin-bezogener Störungen zusammengetragen hat und für die einzelnen Interventionen den Grad der Evidenz bewertet hat.

Der eigentlich lesenswerte Teil ist die Kurzfassung, in der die relevanten Ergebnisse zusammengefasst werden. Ihr findet sie hier: „ Methamphetamin Leitlinie: Kurzfassung

Dieser Text ist wirklich lesenswert. Wusstest Du, dass in begründeten Fällen eine stationäre Entzugsbehandlung mit Dexamphetamin retard durchgeführt wird? Oder das Acetylcystein gegen craving hilft?

Darüberhinaus gibt es eine Langfassung, die alle verwendeten Methoden, Übersichtsarbeiten, Studien und Verweise enthällt. Wenn man einen bestimmten Aspekt recherchiert, wird man hier fündig. Die Langfassung findet ihr hier: „ Methamphetamin Leitlinie: Langfassung