Es lebe die Traurigkeit!

In unserer psychologievernarrten Welt gibt es den verhängnisvollen Trend, völlig normale psychologische Vorgänge mit Begriffen zu belegen, die gar nicht für das normalpsychologische Erleben gemacht sind. Ich nenne mal ein paar Beispiele:

  • Jeder, der mal ein wenig ordentlich ist, wird gleich zwanghaft geschimpft.
  • Statt misstrauisch zu sein, sollen alle plötzlich paranoid sein.
  • Und eitel darf niemand mehr sein, das Wort ist aus dem kollektiven Wortschatz ganz verschwunden, heute sind alle eitlen Menschen gleich narzisstisch

Mit der gleichen überschießenden Leidenschaft werden traurige Menschen, die einfach mal ganz normal und ohne Krankheitswert traurig sein wollen, in unverrückbarer Falschheit immer und von jedem depressiv genannt. 

Aber das ist falsch. Denn traurig sein, heißt eben gerade nicht, dass man depressiv ist. Die Depression ist eine Krankheit, und eine depressive Stimmungslage ist ihr Kernsymptom. Wer aber keine Depression hat, der ist einfach traurig, niedergeschlagen, besorgt, verzweifelt, down, aber eben nicht depressiv. Den Begriff sollten wir ausschließlich für die Kranken reservieren. 

Fortbildungshinweis…


Vom 13.-15. Juni findet in Köln in den Sartory-Sälen die Fortbildung „Psychiatrie und Psychotherapie REFRESHER“ statt. Der Veranstalter Forum für medizinische Fortbildungen richtet in verschiedenen Fachbereichen pharmaunabhängige Fortbildungen von hoher Qualität aus. Die Referenten sind gehalten, ihre Themen prägnant und praxisrelevant vorzutragen, und es finden immer lebhafte Fragerunden statt. Ich bin auch dieses Jahr dabei, diesmal mit dem Thema „Medikamenteninteraktionen im Alter“. Es sind noch Plätze frei…

Das Video zur PsychCast Verlosung ist online

Zur Feier des 500.000 Downloads einer PsychCast Folge haben wir eine große Verlosung ausgerufen und unter allen Kommentatoren des Posts hierzu drei Gewinner gezogen. Jeder Gewinner darf sich aussuchen, ob er ein Exemplar von Alex Buch „Berufseinstieg Arzt: Perfekt durchstarten“ oder von Jans Buch „Psychopharmakotherapie griffbereit“ bekommen möchte. 

And the winners are:

  • Gewinner Nummer 1: Vronimus Ironimus
  • Gewinnerin Nummer 2: Karen
  • Gewinnerin Nummer 3: Monika Fischer

Ganz herzlichen Glückwunsch von uns beiden! Die Verlosung haben wir auf einem Facebook-Live-Video rechtssicher dokumentiert, das Video findet ihr hier: 

https://www.facebook.com/psychcast/videos/817323485317493/

Deeskalationstraining

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Photo by Heather M. Edwards on Unsplash

Der 23-jährige Patient kommt vom Rettungsdienst gebracht erstmalig auf unsere Aufnahmestation. Im Einsatzprotokoll steht, er habe Amphetamine konsumiert und sei nun „fremdaggressiv und steuerungsunfähig“. Auf der Station angekommen ist er laut, läuft getrieben auf und ab und zeigt sich aversiv. Ein ruhiges Gespräch erscheint zunächst unmöglich, er besteht aber darauf, sofort raus zu dürfen. 

Diese Situation kann schnell gefährlich werden. Das psychiatrische Behandlungsteam muss die Gefährdung durch diesen Patienten einschätzen; wenn eine akute Gefahr für ihn oder andere besteht, kann eine kurzzeitige Zwangsunterbringung erforderlich sein. Wenn die eingeforderte sofortige Entlassung aber nicht möglich ist, ist bei einem amphetaminintoxizierten Patienten auch gewalttätiges Verhalten gegenüber Mitarbeitern vorstellbar. 

Eine ruhige, klare und zielorientierte Gesprächsführung kann hier helfen, eine körperliche Auseinandersetzung zu verhindern. Der Patient möchte sofort wissen, wie es jetzt weitergehen wird, und sein Gesprächspartner im Team kann ihm erklären, was als nächstes passiert. Wie könnte so ein Gespräch aussehen?

Patient: „Lass mich raus! Ich will nach Hause, lass mich sofort hier raus!”

Arzt: „Sie wollen jetzt hier raus, sie wollen nach Hause. Das kann ich verstehen.”

Patient: „Du verstehst gar nichts! Was willst Du überhaupt von mir? Lass mich hier jetzt raus!”

Arzt: „Mein Name ist Müller, ich bin der für Sie zuständige Stationsarzt. Ich bin im Moment in erster Linie dafür zuständig, dass hier alle in Sicherheit sind. Dass sie und alle anderen in Sicherheit sind.”

Patient: „Quatsch Sicherheit. Was redest du hier von Sicherheit? Ich will nach Hause! Lass mich jetzt endlich hier raus!”

Arzt: „Ich will mir erst mal ein Bild machen, was hier überhaupt los ist. Erklären sie mir, was los ist?”

Patient: „Das kann ich ihnen gerne erklären, aber dann will ich hier raus!”

Arzt: „Na gut, dann frage ich sie mal ganz direkt: Die Rettungsassistenten, die sie gebracht haben, haben berichtet, sie seien auf einer Party ziemlich ausgerastet. Stimmt das?”

Patient: „Quatsch! Ich habe mir bloß von den Idioten nicht sagen lassen, wie laut ich Party mache. Ich bin nicht ausgerastet!”

Arzt: „OK; ich habe jetzt die Aufgabe, zu prüfen, ob wirklich alles in Ordnung ist. Ich will den Einsatzbericht lesen und sie kurz untersuchen. Danach besprechen wir, wie es weitergeht. Ist das OK für sie?”

Patient: „Ja klar, quatschen wir. Aber dann gehe ich!”

Arzt: „Je nach dem, wie ich die Situation einschätze, kann es auch sein, dass ich sie bitten muss, hier erst mal ihren Rausch auszuschlafen und morgen zu gehen. Aber lassen sie uns erst einmal reden. OK?”

Patient: „Reden können wir. Aber ich bin nicht gefährlich und ich will gleich nach Hause.”

Arzt:“ OK, es ist gut, dass wir jetzt erstmal reden und die Situation klären können. Kommen sie, wir setzen uns erst mal hier hin.”

Patient: „Von mir aus. Haben Sie was zu trinken? Ich habe tierischen Durst.”

Arzt: „Klar. Ich habe hier Mineralwasser. Bitte sehr…”

Um in einem Gespräch erst mal einen vernünftigen Kontakt herzustellen, ist es wichtig, dass der Patient erkennt, dass sein Gesprächspartner ihn wirklich verstehen will, dass der Gesprächspartner nicht nur seinen eigenen Text abspulen und seine eigenen Ziele verfolgen will. Gleichzeitig ist es erforderlich, unverrückbar bei der Wahrheit zu bleiben, und die ist nun mal auch, dass das Behandlungsteam für die Sicherheit verantwortlich ist und alles nicht so schnell geht, wie der Patient sich das wünscht. Das Gespräch oben ist natürlich etwas verkürzt, aber es könnte schon so ähnlich ablaufen… 

Brenzlige Situationen können sehr unterschiedlich sein, und die Herangehensweise ist es dementsprechend auch. Einem dementen Patienten, der glaubt, in einen Keller eingeschlossen zu sein, tritt man anders gegenüber als einem psychotischen Patienten, und dem anders als einem intoxizierten Patienten. 

Zum Glück kann man herausfordernde Situationen dieser Art ganz gut trainieren. Und genau das habe ich letzte Woche über zwei Tage lang gemacht. In unserem Krankenhaus ist ein solches Deeskalationstraining für alle Mitarbeiter, die Patientenkontakt haben, alle zwei Jahre verbindlich vorgeschrieben. Im Training, wir machen es nach ProDeMa, lernt man, wie man mit größtmöglicher Sicherheit für alle Beteiligten, also Mitarbeiter und Patienten, kritische Situationen deeskalieren kann. Nach einem Theorieteil zur Entstehung von gefährlichen Situationen lernt und übt man zuerst verbale Deeskalationsstrategien. In einem zweiten Teil lernt und übt man, sich zu befreien, wenn man etwa festgehalten wird. Und schließlich übt man auch, wie man einen Patienten, der immobilisiert werden muss, für alle Beteiligten sicher unter Kontrolle bringen kann. 

Deeskalationskurse sind gute Hilfen, um Zwangsmaßnahmen zu verhindern, oder, wenn sie doch stattfinden müssen, sicherer zu gestalten. Die Zeit für Trainings dieser Art ist sicher gut investiert, sowohl für Teams, die in der Psychiatrie arbeiten, als auch für Teams, die in Notaufnahmen arbeiten.

Habt ihr Erfahrungen mit solchen Situationen? Habt ihr schon mal ein Deeskalationstraining gemacht? Schreibt eure Erfahrungen in die Kommentare!

Der neue PsychCast zum Thema Abgrenzung ist erschienen

In der 86. Folge des PsychCast sprechen Jan und Alex über das Thema Abgrenzung. Inspiriert durch eine nette Hörermail, die uns auf das Thema gestoßen hat, sprechen wir über diese wichtige Fähigkeit im Leben eines jeden Menschen. Wir reden darüber, wie eine gute oder schlechte Fähigkeit entsteht, sich abzugrenzen, wie ein falsches Selbst entsteht, welche Fallen uns unbemerkt in Abhängigkeiten bringt, warum man Abgrenzung auch als das Immunsystem der Psyche bezeichnen kann, wie Abgrenzungs-Fähigkeit durch die verschiedenen Psychotherapie-Methoden verbessert werden kann, warum das Aufschreiben helfen kann, und wie man sich schrittweise ganz praktisch aus der Abgrenzungs-Falle herausarbeiten kann.
Die Fundstücke der Woche sind Noise-Cancelling-Kopfhörer (Alex) und draußen Joggen und Fitness mit MARK (Jan).
Wir wünschen Euch viel Spaß beim Zuhören! LG, Alex & Jan

Die aktuelle Folge findet ihr hier.

„Ich bin meine eigene Schöpfkelle“


Photo by Sheldon Nunes on Unsplash

Ich bin kein großer Freund mechanistischer Bilder der Psyche. Die werden Maschinen gerecht, aber eben nicht Menschen. Wir Menschen sind nämlich flexibler, dynamischer und nicht-linearer als alle diese Bilder, mit denen wir oft irreleitend versuchen, die Psyche zu verstehen. Eines dieser Bilder ist, dass die Psyche wie ein Faß ist, und der Streß wie Wasser, und wenn genug Streß aka Wasser ins Faß gelaufen ist, läuft das Faß über und der Mensch hat ein psychisches Problem.
Dieses Bild ist natürlich irreleitend, reduktionistisch, im schlechten Sinne mechanistisch und im Ergebnis einfach falsch.
Und deswegen habe ich mich über folgenden Dialog gefreut, den ich heute bei der Visite erlebt habe:
Ich: „Was hat Ihnen denn am meisten geholfen während der stationären Behandlung hier?“

Patientin: „Mir hat am meisten geholfen, dass mir der Psychologe erklärt hat, ich sei meine eigene Schöpfkelle. Wenn das Fass voller wird, kann ich selbst es mit verschiedenen Techniken auch wieder leerer schöpfen, und dann läuft es nicht über. Cool was?“

Sooo kann ich mit dem Bild vom Fass auch wieder was anfangen! Also: Sei auch Du deine eigene Schöpfkelle und nimm Deine Belastung und Entlastung selbst in die Hand…!