Warum nicht jede Delirbehandlung gleich geschaffen ist…

2017 12 16 Alcohol fuel pump in Brazil

Bild: Alkoholtankstelle in Brasilien. Von Edward, CC BY-SA 2.0

Über die richtige Behandlung des Delirs gibt es zum einen sehr unterschiedliche Meinungen, zum anderen viel Unsicherheit. Das liegt unter anderem daran, dass unterschiedliche Delirursachen bei unterschiedlichen Patienten ganz unterschiedlich behandelt werden müssen. Hierbei spielt es eine Rolle, ob ein hypoaktives oder ein hyperaktives Delir vorliegt. Auch das Alter des Patienten spielt eine große Rolle. Hierauf möchte ich in diesem kurzen Artikel eingehen, in dem ich beschreibe, wie sich die Therapie eines jungen Patienten im Alkoholentzugsdelir von der Therapie eines älteren Menschen im hypoaktiven Delir unterscheidet.

Einleitung

Es gibt sehr unterschiedliche Delirursachen.

  • Beim jungen Menschen tritt im psychiatrischen Krankenhaus am häufigsten das Alkoholentzugsdelir auf.
  • Bei älteren Menschen sieht man häufig:
    • Delir durch Exsikkose
    • Postoperatives Delir
    • Delir durch anticholinerge Medikation

Auch die Erscheinungsformen des Delirs sind unterschiedlich, für gewöhnlich wird in das hypoaktive und das hyperaktive Delir eingeteilt, je nachdem, welche psychomotorische Aktivität vorliegt.

Therapiegrundsätze

  • Beim Delir gibt man immer ein Neuroleptikum, um das Delir ursächlich zu behandeln. Traditionell wird Haloperidol eingesetzt, hiermit bestehen auch die mit Abstand meisten Erfahrungen. Alternativ kann man auch Risperidon oder ein anderes atypisches Neuroleptikum geben. Der klinischen Erfahrung nach funktioniert Risperidon gut. Randomisierte Vergleichsstudien zwischen Haloperidol und Risperidon gibt es nicht. Es wird wohl auch nie welche geben, denn Patienten im Delir sind nicht zustimmungsfähig zu einer Studie. Insofern müsste man nicht randomisierte Beobachtungsstudien durchführen.
  • Bei hyperaktiven Delirien sowie bei Alkoholentzugsdelirien gibt man in der Regel auch ein sedierendes Medikament wie ein Clomethiazol oder ein Benzodiazepin.
  • Beim Delir des älteren Menschen sind Benzodiazepine zumindest umstritten, im Zweifel sogar wirklich kontraindiziert. Wenn ein älterer Mensch ein anticholinerges Delir hat, soll man kein Diazepam geben, da Diazepam eine gewisse anticholinerge Komponente hat. Wenn man in dieser Situation ein Benzodiazepin geben will, dann besser Lorazepam.

Das Alkoholentzugsdelir des jungen Menschen

Junge Menschen im Alkoholentzugsdelir vertragen Haloperidol oft ganz gut. In den hier üblichen Dosierungen von 3-0-3-0 mg bis 5-0-5-0 mg pro Tag treffen sich oft eine schnelle und verlässliche Wirkung mit einer akzeptablen Verträglichkeit.

Zusätzlich gibt man in der Regel Clomethiazol (z.B. DistraNeurin®) nach Bedarf. Alternativ kann man Diazepam, Lorazepam oder Clonazepam geben. 

Beispielmedikation Junger Patient im Alkoholentzugsdelir:

  • Haloperidol 5-0-5-0 mg
  • Clomethiazol bei Bedarf. In der Regel gibt man 2-4 Kapseln zu Beginn, bei ausbleibender Wirkung innerhalb von 30-60 Minuten erneut 2 Kapseln, aber nicht mehr als 8 Kapseln innerhalb von 2 Stunden. Dann weiter nach Bedarf, maximal 24 Kapseln pro Tag. Ältere Patienten und japanische Patienten erhalten niedrigere Dosierungen.

Das hypoaktive Delir unterschiedlicher Ursachen des älteren Patienten

Für ältere Patienten wären diese Dosierungen sicher zu hoch, man würde eher 2-0-2-0 mg Haloperidol pro Tag geben. Aber gerade in der Gerontopsychiatrie bietet es sich an, nicht Haloperidol, sondern ein verträglicheres atypisches Neuroleptikum wie Risperidon 0,5-0-0,5-0 mg pro Tag oder Ziprasidon in einer angemessenen Dosis zu geben. Clozapin, Olanzapin oder Quetiapin sind wegen ihrer anticholinergen Komponenten nicht gut geeignet.

Auch die Stellung der Benzodiazepine ist anders. Im hyperaktiven Delir bei Alkoholentzug, aber auch beim hypoaktiven Delir des jungen Menschen haben Clomethiazol sowie Benzodiazepine, auch das Diazepam, einen festen Stellenwert und sind im Wesentlichen unumstritten. Anders in der Gerontopsychiatrie. Hier tritt ohnehin zumeist das hypoaktive Delir auf, das an sich weniger Sedierung oder Benzodiazepine erforderlich macht. Diazepam hat eine gewisse anticholinerge Komponente, die man im Delir des älteren Menschen meiden muss. Daher ist Lorazepam in einer niedrigen Dosis, z.B. 0,5-0-0,5-0,5 mg pro Tag zu bevorzugen.

Beispielmedikation Älterer Patient im hypoaktiven Delir:

  • Risperidon 0,5-0-0,5-0 mg
  • Lorazepam 0,5-0-0,5-0,5 mg
  • Lorazepam bei Bedarf 0,5 mg, max. zusätzlich 2 mg/Tag.

Wie ist dein Vorgehen?

Das Delir wird oft nach persönlichen Präferenzen behandelt, ohne dass man immer sagen kann, welche Überlegung nun der Therapieentscheidung zu Grunde liegt. Daher möchte ich gerne wissen, welchen Algorithmus du im Kopf hast, wenn du die Medikation bei einem Delir auswählt. Schreib bitte in die Kommentare, wie du vorgehst!

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PC059 „Gruppe ist großartig!“ ist online

Im 59. PsychCast sprechen wir über Psychotherapie in der Gruppe. Wir beschreiben, was uns an der Arbeit in Gruppen fasziniert und wie Gruppen gegen das Versorgungsengpass-Problem helfen können. Wir bereden Wirkfaktoren und Hürden von Gruppen und versuchen zusammenzufassen, welche Chancen Gruppen für Patienten darstellen. Heute geht es explizit nicht um einzelne gruppentherapeutische Verfahren, sondern Gruppenbehandlungen in der Psychiatrie und Psychosomatik im Allgemeinen!

Wir sprechen unter anderem über den “besten Gruppenpsychotherapeuten der Welt” Irvin Yalom. Dies ist sein Gruppentherapie-Standardwerk Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie.

Viel Spaß und großen Dank unserem wachsenden PsychCast-Freundeskreis!

Die Folge findet ihr hier.

Zur Unterscheidung von Pseudodemenz und Demenz

Unlängst hatte ich Facharztprüfung. Also eher sechs Facharztprüfungen. Na ja, als Prüfer halt. Aber dabei lernt man ja zum Glück auch als Prüfer immer wieder was Neues…

Mein Mitprüfer fragte eine der Kandidatinnen, wie man eine Pseudodemenz bei Depression von einer echten Demenz unterscheiden kann. Die Frage ist relevant, weil sich gerade ältere depressive Patienten oft fragen, ob die Merkfähigkeitsstörungen, Konzentrationsstörungen und allgemein die kognitiven Störungen, die sie im Rahmen ihrer Depression gerade erleiden, vielleicht die ersten Symptome einer Demenz seien. Und das macht sie natürlich noch depressiver…

Die Kandidatin antwortete, dass Patienten mit einer echten Demenz ihre kognitiven Einschränkungen eher bagatellisieren („ach das war mir gerade entfallen, nicht so schlimm“), während Patienten mit einer Pseudodemenz bei Depression ihre kognitiven Einschränkungen eher katastrophisieren („Herr Doktor, heute habe ich mir schon wieder nicht merken können, wie meine neue Tablette heißt!“ „Sie meinen das Rivaroxaban?“ „Ja genau. Da hatte ich doch glatt schon wieder den Namen vergessen. Sehen sie, nun bekomme ich auch noch Alzheimer!“).

Natürlich gibt es weitere Unterscheidungsmerkmale. Zunächst mal führt man die körperlichen Untersuchungen durch, die eine Demenz aufdecken, also z.B. eine cCT.

https://commons.m.wikimedia.org/wiki/File:Alzheimers_brain.jpg#mw-jump-to-license

Quelle: NIH, CC.

Es gibt auch klinische Hinweise. Die Pseudodemenz zeigt oft eine Diskrepanz zwischen den erkennbaren kognitiven Einschränkungen auf der einen Seite und einem noch guten tatsächlichen Zurechtkommen im Alltag; während bei der echten Demenz zwar ebenfalls kognitive Einschränkungen bestehen, diese aber auch klare Entsprechungen in einer deutlich reduzierten Alltagskompetenz finden. Auch gibt es testpsychologische Möglichkeiten, eine Differenzierung zwischen Pseudodemenz bei Depression und echter Demenz herauszufinden.

Aber nachdem ich einmal gehört habe, zwischen den Polen

  • der Patient bagatellisiert und
  • der Patient katastrophisiert

seine kognitiven Defizite zu unterscheiden, erinnere ich mich praktisch an keinen Fall, bei dem ich damit nicht richtig gelegen hätte.

Die sechs Kandidaten haben übrigens alle mit wirklich guten Leistungen bestanden, der Facharztnachschub in NRW läuft also…

Der neue PsychCast ist online: PC058 Teamplay – eine ewige Baustelle

Im 58. PsychCast sprechen wir über Teamarbeit, Teamaufgaben, Team-Irrtümer, moderne Führung, die Reflected Best Self Exercise, Teams im Flow, extrinsische und intrinsische Motivation, Die 4 Cs eines Krankenhauses, eine strukturierte Vorgehensweise bei Problemen und über die Doku “I Am Not Your Guru” über Tony Robbins. Wir denken schließlich über das moderne Führungsziel nach, ein Team darin zu fördern, ihre eigene Aufgabe zu lieben und wichtig zu finden.

Das wahrscheinlich beste Buch zum Thema ist übrigens Positive Leadership von Ruth Seliger (Amazon).

Die Folge findet ihr hier.

Bitte folgen: NERDfallmedizin

Voila_Capture 2017-10-15_04-26-03_PMNotfallmediziner müssen jetzt gar nicht weiterlesen, sondern können den Videoblog NERDfallmedizin einfach so gleich abonnieren. Alle anderen gucken mal rein und stellen dann fest, dass Martin Fandler und Philipp Gotthardt mit NERDfallmedizin wirklich alles genau richtig macht: Zu klinisch relevanten Themen gibt es jeweils kurze Videos, in denen in ruhiger, verständlicher Sprache erklärt wird, worauf es ankommt. So geht #FOAMed, was Free Open Access Medical Education heißt und was wir hier auf Psychiatrie to go ja auch machen, wenngleich ohne Videos.

Nerdfallmedizin findet ihr hier:

Ich selbst finde deutschsprachige Kanäle ja doch irgendwie entspannender und sie passen natürlich oft besser zu unserer deutschen Versorgungslandschaft. Wer kennt noch weitere Angebote dieser Art? Sammlung bitte in den Kommentaren.

Der Papageno-Effekt: Das Gegenteil des Werther-Effektes

IMG_5678Ich habe auf dem DGPPN-Kongress gerade eine halbe Stunde lang YouTube geguckt. Und zwar im Saal London 3 mit 300 anderen Zuschauern, sowie dem Produzenten und dem Darsteller der Serie „Komm, lieber Tod“. Die 60-teilige Doku porträtiert Stefan Lange, der seit langem immer wieder mit Suizidgedanken und Suizidversuchen zu kämpfen hatte.

Stefan Lange erzählt filmisch sehr intim gedreht – man sieht immer nur ihn, an einem Tisch sitzend, rauchend und erzählend – was ihn bewegt hat, was ihn verzweifelt gemacht hat, und auch, was ihm aus suizidaler Einengung, suizidalen Krisen und fast vollendeten Suizidversuchen wieder ins Leben zurück geholt hat.

Nun hat man immer Sorge, der Werther-Effekt könnte eintreten und jede emotional anrührende Berichterstattung über Suizidalität stelle daher die Gefahr dar, dass es zu Nachahmer-Suiziden kommt. Und das kann auch stimmen.

Aber es gibt auch den Papageno-Effekt, benannt nach Mozarts Protagonisten in der Zauberflöte, der sich aufgrund einer unglücklichen Liebe ebenfalls das Leben nehmen will, der aber von drei Knaben erfolgreich am Suizid gehindert wird; die Oper endet letztlich glücklich. Der Papageno-Effekt postuliert, dass eine angemessene Auseinandersetzung mit Suizidalität und Auswegen aus Krisen auch Suizide verhindern kann.

Und so ist es die These der Doku, die These auch des heutigen Seminars, dass es an der Zeit ist, auch über schwierige emotionale Themen offener zu sprechen, und so Menschen, die in ähnlichen Krisen stecken zu zeigen, dass sie nicht allein sind und dass es Auswege geben kann. Die Darstellung darf natürlich nicht effekthascherisch, oberflächlich oder den Tod idealisierend sein. Aber eine differenzierte  Auseinandersetzung auch mit dem Thema Suizid in der Öffentlichkeit ist möglich und kann – so die vielen positiven Rückmeldungen an das Produktionsteam – vielen Menschen auch helfen.

Die gemeinsame Diskussion hat mir gezeigt, dass dieses mutige Projekt in die Zeit passt und möglich ist. Ich glaube, dass die Vorteile der öffentlichen Besprechung auch schwieriger Gefühlszustände die Gefahren überwiegen.

Die Serie findet ihr bei YouTube hier. Die Produktion erfolgte in Zusammenarbeit mit Stigma e.V., eines Vereins zur Aufklärung und Prävention von gesellschaftlicher Stigmatisierung.

Walk tall and strong

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Der DGPPN-Kongress 2017 ist zugleich der World-Psychiatric-Assoziation (WPA)-Weltkongress der Psychiater. Da die letzten WPA-Kongresse jeweils weit weg in Toronto, Tokio oder sonst wo stattfanden, freue ich mich total, den diesjährigen hier quasi vor der Haustüre in Berlin erleben zu dürfen. Die Redner kommen wirklich aus allen Himmelsrichtungen, viele Briten, Amerikaner und eine bunte Mischung aller möglichen Nationen. Und dadurch erlebt man auch neue Sichtweisen.

In dieser Hinsicht hat mich gestern der Vortrag „Melting the ice in the heart of men“ des Grönländers Angaangaq Angakkorsuaq wirklich berührt. Er ist seit 40 Jahren Schamane in seinem Volk der Eskimos und hat erklärt, wie er den Menschen hilft, Orientierung in schwierigen Zeiten zu finden und wieder zu Kräften zu kommen. Sein Mantra „Walk tall and strong“ habe ihm seine Großmutter schon mit auf den Weg gegeben. Er selbst gehe mit dem Wissen durch die Welt, dass er zwei Meter groß sei und so stark wie Arnold Schwarzenegger.

Das klingt zunächst mal etwas zu einfach, aber tatsächlich ist Angakkorsuaq für die UNO tätig gewesen und hat sich politisch gegen die Auswirkungen des Klimawandels und für ein Umdenken der Industrienationen eingesetzt. Bei ihm funktioniert „Walk tall and strong“, und er ist dabei charismatisch, sympathisch und natürlich. Und wenn man mich fragt, was das Wesen der Ressourcenaktivierung als Wirkfaktor aller Psychotherapie-Varianten ist, dann komme ich genau darauf:

Walk tall and strong

 

PC055 Denkfehler ist erschienen

Im 55. PsychCast unterhalten wir uns über typische Denkfehler, insbesondere im Hinblick auf ihre Auswirkungen im Bereich der Medizin. Dabei kommen auch die Haupt´schen Theoreme 1 und 2 zur Sprache. Sie lauten:

Erstes Haupt´sches Theorem: “Ein Patient kommt immer mit einer vollständigen Bildgebung der Neuraxis ins Krankenhaus, mit Ausnahme der Region, auf die die klinisch neurologische Untersuchung zwingend hinweist.” 

Zweites Haupt´sches Theorem: “Von anderen Abteilungen zugewiesene Patienten haben immer ein Krankheitsbild aus dem Gebiet der zuweisenden Abteilung.”

OK, es gibt Ausnahmen bei beiden Haupt´schen Theoremen, aber sie sind erstaunlich selten.

Und wir verweisen auf das Buch ” Die Kunst des klaren Denkens: 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen” von Rolf Dobelli (Amazon-affiliate-link).

Die Folge findet ihr hier: http://psychcast.de/pc055-denkfehler/