LSD in der Psychotherapie? Ein Streitgespräch mit Peter Gasser und mir in der neuen „Gehirn und Geist“

Die Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft begleitet mich schon seit dem Teenageralter durchs Leben. Als Student freute ich mich immer auf die neue Ausgabe, machte es mir gleich am Erscheinungstag mit einem schönen heißen Automaten-Kakao in der Uni-Bibliothek gemütlich und verlor mich in Artikeln über Zellbiologie, Primatenforschung und Milchstraßen. In den letzten Jahren las ich vor allem Magazine zu medizinischen und psychologischen Themen. Die Stärke der Hefte ist es, aktuelles Wissen spannend und wirklich gut lesbar zu präsentieren. Ich bin daher ein bisschen stolz, dass in der aktuellen Ausgabe der Gehirn & Geist der Spektrum-Reihe ein mehrseitiges Streitgespräch zwischen dem Berner Psychiater Peter Gasser und mir erschienen ist. Wir diskutieren über die Chancen und Risiken des Einsatzes von Halluzinogenen wie LSD in der Psychotherapie. Gasser setzt bei ausgewählten Patienten LSD im Rahmen einer  tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie als “Psycholytische Therapie” ein.  Er argumentiert, dass das Halluzinogen einen tieferen Einblick in unterbewußte Ängste ermöglicht. Ich halte entgegen, dass dieser fragwürdigen und mystisch verklärten Idee eines Nutzens handfeste Risiken gegenüberstehen, die den Einsatz von LSD bei Psychotherapiepatienten nicht angemessen erscheinen lassen. Verdeckte Ängste kann man meiner Meinung nach mit etablierten Psychotherapieverfahren dosierter, sicherer und weniger dramatisch aufdecken und dann auch vernünftig bearbeiten. Das Heft könnt ihr am gut sortierten Späti-Kiosk kaufen, in der Gehirn & Geist iPad App oder online hier

Gerd Postel im Interview auf viertausendherz

Der Podcast „Elementarfragen“ von Viertausendherz ist immer gut; gut recherchiert, gute Technik, guter Journalismus. In der aktuellen Episode geht es um ein psychiatrisches Thema: Gerd Postel wird interviewt. Für die jüngeren unter uns: Gerd Postel ist ein verurteilter Straftäter, der das Vertrauen vieler Patienten und Mitarbeiter in psychiatrischen Kliniken mißbraucht hat, indem er sich, ohne Arzt zu sein, als Arzt in mehreren psychiatrischen Kliniken betätigt hat. Ein Hochstapler und Dokumentenfälscher.

Er hat aber Eingang in die psychiatrische Popkultur gefunden, weil er auf intelligente Art beschreibt, wie es ihm möglich war, sich in der Psychiatrie ohne fundierte medizinische Kenntnisse durchzuwurschteln. Und natürlich kann man gerade in der Psychiatrie vieles auch ohne ein Medizinstudium lernen, so dass es in weiten Bereichen gar nicht auffällt, wenn man nicht studiert hat. Gut ist das darum nicht.

Ich finde ja, dass die Auseinandersetzung mit dem Fall Postel lehrreiche Elemente enthält. Ein recht aufschlussreiches Interview findet ihr also hier: http://viertausendhertz.de/ef16/

PC066 Suizidalität ist online

In der 66. Ausgabe des PsychCast sprechen wir über Suizidalität und versuchen dabei, Behandlern wie Ärztinnen und Ärzten, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Krankenpflege und vielen anderen mehr nützlich zu sein.

Im Rahmen eines Podcasts kann leider Betroffenen nicht geholfen werden – sehr wohl aber durch persönliche, individuelle Hilfe. Bist Du betroffen von Depression und Lebensüberdruss oder einer Krise? Unter der kostenfreien Rufnummer 0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222 bekommst Du schnell und anonym professionelle Hilfe. Ebenso ist eine anonyme Chatberatung oder eine Mailberatung sowie auch eine Vor-Ort-Beratung möglich.

Die Folge findest Du hier: http://psychcast.de/pc066-suizidalitaet/

How to gender in 2018

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs,

Sprache schafft Realität, da sind wir uns ja einig. Und daher ist es richtig, immer zumindest zwei der vielen möglichen Geschlechter auszuschreiben, also zum Beispiel „Die Busfahrerin / Der Busfahrer öffnet der Fahrgastin / dem Fahrgast die Tür / der Tür.“
Aber das liest sich etwas sperrig, da sind wir uns auch einig.
Daher gibt es auch die Schreibweisen

  • BusfahrerInnen
  • Busfahrer*innen
  • Busfahrer_innen
  • Busfahrer/-innen

und sicher noch einige andere. Liest sich auch nicht so doll.
Die Zeit hat jetzt hier beschrieben, wie sie es in Hinkunft halten wird: Bei der ersten Erwähnung einer Bezeichnung, die in verschiedenen Geschlechtern möglich ist, werden beide Geschlechter ausgeschrieben, danach wechselnd entweder die weibliche oder die männliche Form. Damit ist klar, dass die Autorin / der Autor an alle Geschlechter gedacht hat, dies respektiert und würdigt, und danach kann der Autor einfach so schreiben, wie es sich besser liest. Die Redaktion von ze.tt, dem jungen Onlineangebot des Zeitverlags, macht es anders, die schreiben immer beide Formen aus.
Ich emfinde das Vorgehen der Zeit als einen guten Kompromiss aus Korrektheit und Lesbarkeit.
Gerade auf einem Blog, der sich mit der Psyche beschäftigt, möchte ich mich hier wirklich vernünftig verhalten, bin zuletzt aber auch immer daran gescheitert, dass eine konsequente Verwendung der Doppelform wirklich schlecht lesbar ist.
Wenn ihr in Zukunft also hier auf dem Blog zu Beginn einmal beide Geschlechter erwähnt findet, und danach nur noch eines, wisst ihr, dass ich durchgehend alle Geschlechter meine, auch die über männlich und weiblich hinausgehenden.
Wie haltet ihr es in euren Texten mit dem gendern 2018? Schreibt euer Vorgehen mal in die Kommentare!

Eine ganz normale Aufnahme ins Krankenhaus im Jahr 2035

„12830 HealthCredits? Das ist ziemlich knapp. Aber wir finden schon ein passendes Programm für sie.“ Die junge Frau schaute besorgt auf Finns ApplePad. „Das kriegen wir schon hin.“ Als sein ambulant behandelnder Arzt Finn geraten hatte, ins Krankenhaus zu gehen, weil man dort Angststörungen am effektivsten behandeln könne, hatte er zugestimmt. So ging es wirklich nicht weiter. Er traute sich kaum noch, seine Wohnung zu verlassen. Auf seiner Arbeit als Logistikfachkraft fiel es ihm immer schwerer, Außentermine anzunehmen. Es ließ sich also nicht mehr aufschieben, er musste was tun. Im Aufnahmebüro hatte er zuerst mit der Sachbearbeiterin seiner Krankenkasse gesprochen. Der Algorithmus hatte festgestellt, dass 12830 HealthCredits reichen müssten, um wieder arbeitsfähig zu werden. Sie hatte ihm auch gleich angeboten, vom Basis in den Premium-Tarif zu wechseln, dann bekäme er beim nächsten Mal bei den gleichen Parametern 16400 HealthCredits für seine Behandlung. Aber der Premium-Tarif war ihm zu teuer. Im Nebenzimmer erwartete ihn seine Persönliche Genesungsberaterin. Hier wie in jeder anderen AmazonKlinik hatten alle englische Titel. Die Patienten hießen Clients, das Essen hieß AmazonFreshFood. Na ja, das schmeckte sogar im Basistarif ganz gut. „Wollen Sie denn am Anfang hier im Krankenhaus übernachten?“ fragte die Genesungsberaterin, „Das kostet 260 Credits pro Nacht. Bei einer Angststörung ist das eigentlich nicht erforderlich.“ Finn schaute sie genauer an. Den dunklen Augen, dem schwarzen Haar und dem leichten Akzent nach war sie am ehesten spanischer Herkunft. „Na ja, in der ersten Woche würde ich schon ganz gerne vollstationär bleiben, kalkulieren wir das mal.“ „OK, dann käme dazu das Basispaket: Zwei Arztvisiten pro Woche, ein Psychotherapiegespräch pro Woche, 2 mal Sport, ein mal Ergo und natürlich die Medikamentenflatrate. Macht 1300 Credits pro Woche.“ Finn nickte. „Ich empfehle noch unser Achtsamkeitspaket: zwei mal Yoga und einmal Entspannung. Kostet normalerweise 400 Credits pro Woche, aber im Moment haben wir das im Angebot für 250 Credits pro Woche.“ „Wenn sie meinen, dann nehme ich das auch.“ „Gut, das macht dann 3370 Credits für die erste Woche. Wenn sie danach vielleicht noch vier Wochen tagesklinisch bleiben, reichen die Credits auch noch für einige Monate ambulante Psychotherapie, sollen wir das mal durchrechnen?“ „So machen wir das.“ 10 Minuten später hatten sie sich auf einen Therapieplan geeinigt. Finn schob der Ärztin sein ApplePhone herüber. Sie lud die früheren Arztbriefe, die in den letzten Jahren verordnete Medikation, das letzte Labor und ein paar der anderen Gesundheitsdaten aus der Health-App auf das Krankenhauscomputersystem herunter. Danach installierte sie die AmazonHealth-App, in der Finn seinen Therapieplan fand, die Materialien für die Gruppentherapien und den Shop, über den er täglich zusätzliche Leistungen, wie das Premium-Essen, einen Wahlarzt oder die Teilnahme an der Therapie im Klettergarten dazu buchen konnte. Über die App hatte er natürlich auch Zugriff auf seine Behandlungsdokumentation. Früher konnten die Patienten ja nicht einfach so lesen, was die Therapeuten schrieben. Das war nun durch die EU-Richtline 785 aus dem Jahr 2032 geändert worden. Nach jeder Therapie konnten man nun direkt auf seinem Smartphone nachlesen, was der Therapeut geschrieben hatte und man konnte selbst eigene Kommentare dazu posten. Wenn der Sporttherapeut beispielsweise geschrieben hatte, dass ein Patient nicht so gut mitgemacht hatte, konnte der Patient schreiben, dass er sich körperlich nicht so fit gefühlt habe, und sich daher etwas zurück genommen habe. Die Krankengeschichte macht wirklich nur Sinn, wenn beide Seiten sie erstellen, oder? Außerdem posten die meisten Patienten die Dokumentationen ihre Therapiegespräche gerne direkt auf Facebook, GoogleBook oder AppleBook. „Na dann gute Besserung, Finn“, sagte die Genesungsbegleiterin. „Danke und bis bald.“ antworte Finn, verließ das Aufnahmezimmer und ging zu seiner Station. Die Genesungsbegleiterin räusperte sich kurz, nahm auf ihren QiCharger-Stuhl platz, um sich aufzuladen und einzuloggen. Das heutige Update ihres Amazon-Alexa-Betriebssystems schloss eine lästige Sicherheitslücke, die es Hackern erlaubte, die in den Psychotherapien besprochenen Wünsche und Vorlieben auszulesen und zu guten Preisen an Werbeanbieter zu verkaufen. Das durfte natürlich nicht zugelassen werden, denn diese Daten hatte Amazon lieber exklusiv.

PC059 „Gruppe ist großartig!“ ist online

Im 59. PsychCast sprechen wir über Psychotherapie in der Gruppe. Wir beschreiben, was uns an der Arbeit in Gruppen fasziniert und wie Gruppen gegen das Versorgungsengpass-Problem helfen können. Wir bereden Wirkfaktoren und Hürden von Gruppen und versuchen zusammenzufassen, welche Chancen Gruppen für Patienten darstellen. Heute geht es explizit nicht um einzelne gruppentherapeutische Verfahren, sondern Gruppenbehandlungen in der Psychiatrie und Psychosomatik im Allgemeinen!

Wir sprechen unter anderem über den “besten Gruppenpsychotherapeuten der Welt” Irvin Yalom. Dies ist sein Gruppentherapie-Standardwerk Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie.

Viel Spaß und großen Dank unserem wachsenden PsychCast-Freundeskreis!

Die Folge findet ihr hier.

Introspection Illusion oder Selbsterforschungsillusion

Ich liebe es, zu sehen, dass ein Gedanke, den ich selber insgeheim schon öfters hatte, dem ich aber nicht ganz über den Weg traute, schon seit Jahrzehnten in der Psychologie ein alter Hut ist, einen Namen hat und allseits akzeptiert ist. So ist es mir zuletzt auch mit der Selbsterforschungsillusion ergangen. Unter Introspection Illusion versteht die Wissenschaft den für uns Menschen typischen Denkfehler, der eigenen Erforschung des emotionalen Innenlebens zu viel Glaubwürdigkeit einzuräumen. Wir legen großen Wert auf unsere Gefühle und denken, dass diese unsere Situation und unser Verhalten gut erklären und daher auch eine fundierte Grundlage für unsere Entscheidungen darstellen. Dabei sind die eigenen Gefühle tatsächlich oft schlecht zu erfassen, schwanken im Laufe weniger Stunden stark und sind somit tatsächlich oft eine denkbar schlechte Grundlage für wichtige Entscheidungen. Aber das wollen wir nicht wahrhaben. Wir denken, wenn unser hochverehrtes „Bauchgefühl“ sagt, wir sollten diesen Gebrauchtwagen kaufen, dann zählt das mehr als der Kilometerstand der Kiste. Und es wäre ja auch toll, wenn unsere Intuition so verlässlich wäre, dass man die ganzen mühselig zu erfassenden Fakten nicht mehr braucht. Aber das ist oft eine Illusion. Wenn ich wirklich entscheiden möchte, welchen Beruf ich ergreifen sollte, sollte ich mich nicht nur auf meine selbst beobachteten Gefühle stützen, sondern eben auch auf vernünftige Überlegungen, Beobachtungen und langfristig tragfähige Argumente.

Ich zum Beispiel finde Notfallmedizin wirklich toll. Aber ist das ein Grund, gleich Notfallmediziner zu werden? Natürlich nicht. Wenn ich bedenke, welche Arbeitszeiten Notfallmediziner haben, wie geschickt ich beim notfallmäßigen Legen einer Thoraxdrainage abschneide und wie die Arbeitsbedingungen insgesamt sind, dann gibt es da auch so einige ganz reale Gegenargumente.

Gerade, um langfristige Ziele zu erreichen, ist es oft notwendig, kontraintuitiv vorzugehen.

Wenn ich abends auf dem Sofa sitze, fühlt es sich gerade eben nicht danach an, nochmal joggen zu gehen. Wenn ich diesem Gefühl folgen würde, könnte ich kein irgendwie erfolgreiches Ausdauer-Training machen. Viel hilfreicher ist es da, sich einen Trainingsplan aufzustellen, und den durchzuziehen, auch wenn mir gerade nicht danach ist.

Ein zweites Element der Selbsterforschungsillusion ist, dass wir den Gefühlen der Anderen zu wenig Gewicht geben, auch wenn wir deren Gefühle oft verlässlicher einschätzen können als unsere eigenen. Die Selbsterforschungsillusion kann dazu führen, dass ich als sicher wahr empfundene, aber tatsächlich falsche Annahmen darüber habe, warum ich etwas tue. Dies führt auch zu falschen Annahmen darüber, wie sich eine Entscheidung auf mein zukünftiges Empfinden auswirkt. Ich denke, es ist angemessen, die eigenen Gefühle achtsam wahrzunehmen, ernst zu nehmen und sich darüber bewusst zu werden. Aber man darf seine Gefühle auch nicht mit einer magischen Bedeutung belegen, die sie nicht haben. Für viele Entscheidungen sind sie nicht das Maß aller Dinge, auch wenn wir uns das manchmal wünschen. Die gute alte Pro-/Contra-Liste für eine Entscheidung, angefüllt mit tatsächlichen Vor- und Nachteilen, ist oft die bessere Entscheidungsgrundlage. Das ist ein bisschen gegen den Mainstream, aber ich denke, es ist dennoch wahr. Die Idee dazu habe ich übrigens bei der Lektüre des Buches „Die Kunst des guten Lebens: 52 überraschende Wege zum Glück“ von Ralf Dobelli gefunden. Ein prima Buch.