Eine ganz normale Aufnahme ins Krankenhaus im Jahr 2035

„12830 HealthCredits? Das ist ziemlich knapp. Aber wir finden schon ein passendes Programm für sie.“ Die junge Frau schaute besorgt auf Finns ApplePad. „Das kriegen wir schon hin.“ Als sein ambulant behandelnder Arzt Finn geraten hatte, ins Krankenhaus zu gehen, weil man dort Angststörungen am effektivsten behandeln könne, hatte er zugestimmt. So ging es wirklich nicht weiter. Er traute sich kaum noch, seine Wohnung zu verlassen. Auf seiner Arbeit als Logistikfachkraft fiel es ihm immer schwerer, Außentermine anzunehmen. Es ließ sich also nicht mehr aufschieben, er musste was tun. Im Aufnahmebüro hatte er zuerst mit der Sachbearbeiterin seiner Krankenkasse gesprochen. Der Algorithmus hatte festgestellt, dass 12830 HealthCredits reichen müssten, um wieder arbeitsfähig zu werden. Sie hatte ihm auch gleich angeboten, vom Basis in den Premium-Tarif zu wechseln, dann bekäme er beim nächsten Mal bei den gleichen Parametern 16400 HealthCredits für seine Behandlung. Aber der Premium-Tarif war ihm zu teuer. Im Nebenzimmer erwartete ihn seine Persönliche Genesungsberaterin. Hier wie in jeder anderen AmazonKlinik hatten alle englische Titel. Die Patienten hießen Clients, das Essen hieß AmazonFreshFood. Na ja, das schmeckte sogar im Basistarif ganz gut. „Wollen Sie denn am Anfang hier im Krankenhaus übernachten?“ fragte die Genesungsberaterin, „Das kostet 260 Credits pro Nacht. Bei einer Angststörung ist das eigentlich nicht erforderlich.“ Finn schaute sie genauer an. Den dunklen Augen, dem schwarzen Haar und dem leichten Akzent nach war sie am ehesten spanischer Herkunft. „Na ja, in der ersten Woche würde ich schon ganz gerne vollstationär bleiben, kalkulieren wir das mal.“ „OK, dann käme dazu das Basispaket: Zwei Arztvisiten pro Woche, ein Psychotherapiegespräch pro Woche, 2 mal Sport, ein mal Ergo und natürlich die Medikamentenflatrate. Macht 1300 Credits pro Woche.“ Finn nickte. „Ich empfehle noch unser Achtsamkeitspaket: zwei mal Yoga und einmal Entspannung. Kostet normalerweise 400 Credits pro Woche, aber im Moment haben wir das im Angebot für 250 Credits pro Woche.“ „Wenn sie meinen, dann nehme ich das auch.“ „Gut, das macht dann 3370 Credits für die erste Woche. Wenn sie danach vielleicht noch vier Wochen tagesklinisch bleiben, reichen die Credits auch noch für einige Monate ambulante Psychotherapie, sollen wir das mal durchrechnen?“ „So machen wir das.“ 10 Minuten später hatten sie sich auf einen Therapieplan geeinigt. Finn schob der Ärztin sein ApplePhone herüber. Sie lud die früheren Arztbriefe, die in den letzten Jahren verordnete Medikation, das letzte Labor und ein paar der anderen Gesundheitsdaten aus der Health-App auf das Krankenhauscomputersystem herunter. Danach installierte sie die AmazonHealth-App, in der Finn seinen Therapieplan fand, die Materialien für die Gruppentherapien und den Shop, über den er täglich zusätzliche Leistungen, wie das Premium-Essen, einen Wahlarzt oder die Teilnahme an der Therapie im Klettergarten dazu buchen konnte. Über die App hatte er natürlich auch Zugriff auf seine Behandlungsdokumentation. Früher konnten die Patienten ja nicht einfach so lesen, was die Therapeuten schrieben. Das war nun durch die EU-Richtline 785 aus dem Jahr 2032 geändert worden. Nach jeder Therapie konnten man nun direkt auf seinem Smartphone nachlesen, was der Therapeut geschrieben hatte und man konnte selbst eigene Kommentare dazu posten. Wenn der Sporttherapeut beispielsweise geschrieben hatte, dass ein Patient nicht so gut mitgemacht hatte, konnte der Patient schreiben, dass er sich körperlich nicht so fit gefühlt habe, und sich daher etwas zurück genommen habe. Die Krankengeschichte macht wirklich nur Sinn, wenn beide Seiten sie erstellen, oder? Außerdem posten die meisten Patienten die Dokumentationen ihre Therapiegespräche gerne direkt auf Facebook, GoogleBook oder AppleBook. „Na dann gute Besserung, Finn“, sagte die Genesungsbegleiterin. „Danke und bis bald.“ antworte Finn, verließ das Aufnahmezimmer und ging zu seiner Station. Die Genesungsbegleiterin räusperte sich kurz, nahm auf ihren QiCharger-Stuhl platz, um sich aufzuladen und einzuloggen. Das heutige Update ihres Amazon-Alexa-Betriebssystems schloss eine lästige Sicherheitslücke, die es Hackern erlaubte, die in den Psychotherapien besprochenen Wünsche und Vorlieben auszulesen und zu guten Preisen an Werbeanbieter zu verkaufen. Das durfte natürlich nicht zugelassen werden, denn diese Daten hatte Amazon lieber exklusiv.

PC059 „Gruppe ist großartig!“ ist online

Im 59. PsychCast sprechen wir über Psychotherapie in der Gruppe. Wir beschreiben, was uns an der Arbeit in Gruppen fasziniert und wie Gruppen gegen das Versorgungsengpass-Problem helfen können. Wir bereden Wirkfaktoren und Hürden von Gruppen und versuchen zusammenzufassen, welche Chancen Gruppen für Patienten darstellen. Heute geht es explizit nicht um einzelne gruppentherapeutische Verfahren, sondern Gruppenbehandlungen in der Psychiatrie und Psychosomatik im Allgemeinen!

Wir sprechen unter anderem über den “besten Gruppenpsychotherapeuten der Welt” Irvin Yalom. Dies ist sein Gruppentherapie-Standardwerk Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie.

Viel Spaß und großen Dank unserem wachsenden PsychCast-Freundeskreis!

Die Folge findet ihr hier.

Introspection Illusion oder Selbsterforschungsillusion

Ich liebe es, zu sehen, dass ein Gedanke, den ich selber insgeheim schon öfters hatte, dem ich aber nicht ganz über den Weg traute, schon seit Jahrzehnten in der Psychologie ein alter Hut ist, einen Namen hat und allseits akzeptiert ist. So ist es mir zuletzt auch mit der Selbsterforschungsillusion ergangen. Unter Introspection Illusion versteht die Wissenschaft den für uns Menschen typischen Denkfehler, der eigenen Erforschung des emotionalen Innenlebens zu viel Glaubwürdigkeit einzuräumen. Wir legen großen Wert auf unsere Gefühle und denken, dass diese unsere Situation und unser Verhalten gut erklären und daher auch eine fundierte Grundlage für unsere Entscheidungen darstellen. Dabei sind die eigenen Gefühle tatsächlich oft schlecht zu erfassen, schwanken im Laufe weniger Stunden stark und sind somit tatsächlich oft eine denkbar schlechte Grundlage für wichtige Entscheidungen. Aber das wollen wir nicht wahrhaben. Wir denken, wenn unser hochverehrtes „Bauchgefühl“ sagt, wir sollten diesen Gebrauchtwagen kaufen, dann zählt das mehr als der Kilometerstand der Kiste. Und es wäre ja auch toll, wenn unsere Intuition so verlässlich wäre, dass man die ganzen mühselig zu erfassenden Fakten nicht mehr braucht. Aber das ist oft eine Illusion. Wenn ich wirklich entscheiden möchte, welchen Beruf ich ergreifen sollte, sollte ich mich nicht nur auf meine selbst beobachteten Gefühle stützen, sondern eben auch auf vernünftige Überlegungen, Beobachtungen und langfristig tragfähige Argumente.

Ich zum Beispiel finde Notfallmedizin wirklich toll. Aber ist das ein Grund, gleich Notfallmediziner zu werden? Natürlich nicht. Wenn ich bedenke, welche Arbeitszeiten Notfallmediziner haben, wie geschickt ich beim notfallmäßigen Legen einer Thoraxdrainage abschneide und wie die Arbeitsbedingungen insgesamt sind, dann gibt es da auch so einige ganz reale Gegenargumente.

Gerade, um langfristige Ziele zu erreichen, ist es oft notwendig, kontraintuitiv vorzugehen.

Wenn ich abends auf dem Sofa sitze, fühlt es sich gerade eben nicht danach an, nochmal joggen zu gehen. Wenn ich diesem Gefühl folgen würde, könnte ich kein irgendwie erfolgreiches Ausdauer-Training machen. Viel hilfreicher ist es da, sich einen Trainingsplan aufzustellen, und den durchzuziehen, auch wenn mir gerade nicht danach ist.

Ein zweites Element der Selbsterforschungsillusion ist, dass wir den Gefühlen der Anderen zu wenig Gewicht geben, auch wenn wir deren Gefühle oft verlässlicher einschätzen können als unsere eigenen. Die Selbsterforschungsillusion kann dazu führen, dass ich als sicher wahr empfundene, aber tatsächlich falsche Annahmen darüber habe, warum ich etwas tue. Dies führt auch zu falschen Annahmen darüber, wie sich eine Entscheidung auf mein zukünftiges Empfinden auswirkt. Ich denke, es ist angemessen, die eigenen Gefühle achtsam wahrzunehmen, ernst zu nehmen und sich darüber bewusst zu werden. Aber man darf seine Gefühle auch nicht mit einer magischen Bedeutung belegen, die sie nicht haben. Für viele Entscheidungen sind sie nicht das Maß aller Dinge, auch wenn wir uns das manchmal wünschen. Die gute alte Pro-/Contra-Liste für eine Entscheidung, angefüllt mit tatsächlichen Vor- und Nachteilen, ist oft die bessere Entscheidungsgrundlage. Das ist ein bisschen gegen den Mainstream, aber ich denke, es ist dennoch wahr. Die Idee dazu habe ich übrigens bei der Lektüre des Buches „Die Kunst des guten Lebens: 52 überraschende Wege zum Glück“ von Ralf Dobelli gefunden. Ein prima Buch.

Was hilft eigentlich gegen Grübeln?

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„Lektüre bei Kerzenlicht“. Attributed to Petrus van Schendel – Hampel Kunstauktionen, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20775897

Neulich lag ich nachts lange wach und grübelte über ein Problem, für das sich keine Lösung fand. Als ich das erste mal genervt auf die Uhr sah, zeigte sie 01:20. Na gut, dachte ich mir, über diese Sache muss ich halt mal in Ruhe nachdenken, und wenn ich jetzt Zeit dafür habe, dann eben jetzt. Aber bis 02:35 hatte ich eigentlich nichts Neues gedacht, und morgen wäre ja auch noch ein Tag. Also was macht der Psychiater, um Grübeln zu beenden?

Schreib es lieber auf!

Wenn du mich fragst: Das Standardmanöver bei hartnäckigem Grübeln lautet:

1.) Wechsel den Raum. Grübelst Du im Bett, geh nach spätestens einer halben Stunde aus dem Schlafzimmer raus und mach eine Kerze oder eine nicht zu helle Lampe an.

2.) Schreib alles auf. Schreib einen Tagebucheintrag auf deinem Computer, bring die Pros und Contras in eine Excel-Tabelle oder schreib alle deine Gedanken auf ein Blatt Papier. Wichtig ist, dass du alles aufschreibst, was dir durch den Kopf geht. Wirklich alles. Interessant ist, dass sich die Gedanken – auch wenn du schon zwei Stunden an ihnen herumgegrübelt hast – nach einer DIN-A4-Seite doch oft erschöpfen. Das ist eine wichtige Erfahrung. Denk noch mal nach: Gibt es nicht doch noch etwas, was du aufschreiben solltest. Nein? Dann kannst du dein Dokument speichern und den Computer herunterfahren, das Papier zusammenfalten und für morgen auf den Schreibtisch legen oder dein Tagebuch wieder zurück ins Regal stellen.

3.) Noch nicht müde? Fühlst du dich noch nicht müde, bringt es nichts, direkt wieder ins Bett zu gehen. Lies etwas, mach etwas, was ein mittleres Maß an Konzentration braucht und zur Not trinkst du einfach ein Glas Kölsch. Bis du merkst, dass du müde wirst.

3.) Jetzt Kerze auspusten und wieder zurück ins Bett. Wenn du spürst, dass du müde geworden bist, gehst du wieder zurück ins Bett. Du wirst in kürzester Zeit einschlafen.

Hilft dieses Manöver auch bei depressiv Kranken?

Oft kann man Interventionen, die bei Gesunden helfen, auf Kranke übertragen, und sie helfen den Kranken genau so gut. Der Unterschied zwischen einem Depressiven und einem Gesunden ist meiner Meinung nach nicht, dass der Depressive eine ganz andere Reaktionsweise zeigt, sondern vorwiegend, dass er bestimmte Symptome und Verhaltensweisen häufiger und intensiver zeigt. Quantifizieren wir mal das Grübeln: Nehmen wir uns einen ganz normalen Kalendermonat von 30 Tagen. In diesem Monat verbringt ein Gesunder vielleicht insgesamt 3 Stunden mit so einem typischen Grübeln. Im selben Monat verbringt ein Depressiver eher 60 Stunden mit Grübeln; 30 Stunden tagsüber (eine Stunde pro Tag an 30 Tagen) und 30 Stunden nachts (eine Stunde pro Nacht in 30 Nächten).

Ich glaube nun schon, dass die oben beschriebenen Schritte (Den Ort wechseln / Gedanken aufschreiben / sich müde machen / dann erst den alten Ort wieder aufsuchen) auch bei depressiven Patienten helfen, eine Episode des Grübelns zu beenden. Aber da Grübeln bei depressiven Patienten sehr viel häufiger ist, stellt sich natürlich die Frage, ob es einfache andere Interventionen gibt, die ein schnelles Ende des Grübelns bewirken.

Wie geht die Intervention des Gedankenstopps? 

Wenn man psychotherapeutische Lehrbücher konsultiert, dann findet man als eine besonders weit verbreitete Intervention gegen Grübeln den sogenannten „Gedankenstopp“. Die Wikipedia beschreibt diese Intervention hier. Nach einer ausführlichen Aufklärung über die Intervention läuft es so, dass der Patient seine grübelnden Gedanken berichtet, und der Therapeut dann laut „Stopp!“ ruft. Die hierdurch bewirkte  Schreckreaktion entferne den Patienten schon etwas vom grüblerischen Gedanken. Im weiteren Verlauf kann dann auch der Patient selbst beim Auftreten von grüblerischen Gedankenschleifen mit der Faust auf den Tisch hauen und laut „Stopp“ rufen. Es gibt Patienten, denen das gut hilft, aber um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich kenne nicht so viele Depressive, die auf diese Intervention schwören.

Was empfehle ich depressiven Patienten gegen Grübeln?

Ich empfehle tatsächlich im ersten Schritt die Maßnahmen, die auch bei gesunden Patienten gegen Grübeln helfen. Gut, das Glas Kölsch empfehle ich nicht, sondern lieber 25 mg Promethazin, aber das ist in etwa gleich sedierend. Diese Intervention wirkt meiner Erfahrung nach auch bei depressiv Kranken, die oft und hartnäckig grübeln, ganz gut. Die „Gedankenstopp“-Intervention empfehle ich nur selten.

Was empfehlt ihr gegen Grübeln?

Was hilft euch gegen Grübeln? Was empfehlt ihr euren Patienten? Schreibt eure Empfehlungen in die Kommentare!

Eine neue PsychCast-Folge ist online! PC051: Better call PsychCast

In der 51 Episode beantworten wir eure Fragen, und zwar eine ganze Reihe davon. Vielen Dank für die aktive Mitarbeit an der Folge und viel Spaß beim Zuhören!

Shownotes:

Von den Schimpansen entschieden sich eindrucksvolle 72 Prozent dafür, länger auf die größere Belohnung zu warten. Und die Studenten? Nur zu 19 Prozent.153 153 Rosati, A. G., J. R. Stevens, B. Hare, M. D. Hauser: »The Evolutionary Origins of Human Patience. Temporal Preferences in Chimpanzees, Bonobos, Human Adults«. In: Current Biology 17 (2007), 1663 –1668.

Hier findest Du sie: http://psychcast.de/pc051-better-call-psychcast/

Doktorspiele: Geständnisse eines Hochstaplers von Gerd Postel

Gerd Postel ist ja so eine Art Geisterbahn-Präsident der Psychiatrie-Geschichte. Nicht wirklich schrecklich, aber doch für einen Schrecken gut. Und irgendwie auch ein wenig faszinierend. Ausgebildet ausschließlich als Postbote, hat er in typischer Hochstapler-Manier mehrere Stellen als Arzt bekleidet, wurde auch mindestens einmal zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, bevor er am Höhepunkt seiner Hochstapler-Laufbahn für etwas mehr als ein Jahr Oberarzt in einer psychiatrischen Klinik in Ostdeutschland war. Nachdem der ganze Schwindel aufgeflogen war, hielt er sich noch eine Zeit lang versteckt. Dann folgte seine rechtskräftige Verurteilung und Postel saß zwei Drittel seiner Strafe ab. Danach kam er auf Bewährung frei. Er hat ein Buch geschrieben, in dessen Vorwort eine Figur namens Gert van Berg die Biografie Postels zusammenfassend darstellt und das Buch letztlich als Innenperspektive eines kranken Straftäters einordnet, die uns helfen kann, zu verstehen, wie Hochstapler denken. Ich konnte mit Google keinen Gert van Berg finden, was uns gleich zu Beginn ermahnt, alles mit eigenem Verstand kritisch zu hinterfragen, was uns so aufgetischt wird. Das ist grundsätzlich schon mal eine sinnvolle Übung. Das etwas sprunghaft geschriebene Buch vermittelt uns einige Einsichten über die Art Postels, sich und die Psychiatrie zu sehen sowie einige seiner Techniken, mit denen er seinem Hochstaplergewerbe nachging, etwa die besondere Bedeutung des Telefons als bevorzugte Distanzwaffe des Hochstaplers. darüber hinaus fand ich das Buch ganz unterhaltsam zu lesen. Ich will die Straftat und den Vertrauensverlust, der sich für die von Postel behandelten Patienten eingestellt hat, nicht verharmlosen, aber die Rückblicke eines verurteilten Straftäters können manchmal ganz interessant zu lesen sein. Das Buch findet ihr bei Amazon hier.

„Psychotraumatologie“ von Dr. Thorsten Heedt

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Ich bin ein bekennender Freund der „griffbereit“-Reihe des Schattauer-Verlages. Die „griffbereit“-Bücher stellen den klinisch relevanten Teil eines medizinischen Wissensgebietes so dar, dass man ihn praktisch wirklich anwenden kann. Die Bücher sind kompakt, so dass sie nicht nur theoretisch, sondern wirklich in die Kitteltasche passen und die Erklärungen sind jeweils gut verständlich.

In dieser Reihe ist nun das Buch „Psychotraumatologie: Traumafolgestörungen und ihre Behandlungen“ von Dr. Thorsten Heedt erschienen. Gerade dem Thema Psychotraumatologie tut der Ansatz gut, das Gebiet aus der Sicht des Praktikers darzustellen und konkrete Handlungsempfehlungen zu geben. Dabei ist das Buch von Dr. Heedt theoretisch sehr gut fundiert und stellt am Ende des Kapitels jeweils ausführliche Quellenangaben zur Vertiefung der dargestellten Inhalte zur Verfügung.

Das Buch schafft es hervorragend, den ja wirklich komplexen Stoff des Bereiches Psychotraumatologie mithilfe klarer Sprache und anschaulicher Bilder („Dissoziation ist gewissermaßen die krankhafte Variante des Tagträumens…„) sehr eindrucksvoll zu vermitteln. Ich kann es jedem Interessierten wirklich sehr empfehlen.

Das Buch findet ihr bei Amazon hier.

Der neue PsychCast „PC044 Wie erreiche ich meine Ziele – und wenn ja, warum nicht?“ ist online!

Über die Kunst, von der Vision über einen 12-Wochen-Plan konkret in die Laufschuhe zu kommen und was das alles mit Psychotherapie zu tun hat.

Im 44. PsychCast unterhalten sich Jan und Alex darüber, wie man sich über seine Ziele klar wird und was man tun kann, um sie effektiv zu verfolgen. Dabei stellt Jan sein über einige Jahre ausgetüfteltes Verfahren im Detail vor.
Interessante Podcasts zum Thema Produktivität sind unter anderem:

Hier findet ihr den OmniOutliner und hier das Buch Thinking Big.

Wie geht Ihr mit Zielen um? Schreibt ihr sie auf? Wie macht ihr das? Schreibt eure Gewohnheiten in die Kommentare!

Die Folge findet ihr hier: http://psychcast.de/pc044-wie-erreiche-ich-meine-ziele-und-wenn-ja-warum-nicht/

PC043 „Die Zweierbeziehung. Oder: was ist denn ‘ne Paarkollusion?“ ist online

Im dreiundvierzigsten PsychCast sprechen wir über die Paarkollusion, wie sie der bestimmt weltbeste Paartherapeut Jürg Willi beschrieben hat. Wir verwenden dazu die typischen, altmodischen Rollenbilder, die Willi in seiner Erstausgabe 1975 noch verwendet hat… Was denkt Ihr, was sind typische Paarkollusionen (Formen des unbewussten Zusammenspiels zweier Menschen) in Partnerschaften heute, 2017?

Wir sprechen außerdem über die Arzt-Patient-Kollusion bei  Krankheiten ohne organisch greifbaren Befund.

Hier kann man sich das Buch näher ansehen, über das wir sprechen:

Dank unserer Hörerin S. noch der Hinweis: das Zitat “Der Mensch wird am Du zum Ich” ist nicht von Jürg Willi sondern von Martin Buber. Jürg Willi hat es im Jahr 2012 in einem Interview zu seinem Lieblingszitat erklärt – Link dahin folgt noch. Das wurde in der Sendung falsch rübergebracht und soll hiermit korrigiert werden.

 

Die Episode findet ihr hier: http://psychcast.de/pc043-die-zweierbeziehung-oder-was-ist-denn-ne-paarkollusion/

 

Mein letztes Gruppen-Psychotherapie-Seminar oder „Eine Geisterbahnfahrt durch die Klischees der Psychotherapie“

Learning by doing klappt in der Psychotherapie meistens ganz gut. Wenn ich eine Psychotherapiemethode lernen will, ist es in aller Regel das Beste, mal ein Seminar zu belegen, in dem diese Technik angewendet wird. Insofern ist es eigentlich ganz gut, hin und wieder auf ein Seminar zu gehen, um was zu lernen. Allerdings gibt es im großen Wald der Psycho-Seminare ein mehr als buntes Angebot, und nicht alle sind gut. Ich hatte vor ein paar Wochen Pech. Ich habe mich in ein Coaching-Seminar eingebuchtet, über das ich von Freunden nur das Beste gehört hatte. Total intensiv sei das, bringe echt viel, sei super inspirierend. Ich also mal gebucht.

Auftakt

In der ersten Stunde wußte ich zunächst nicht, ob ich in einer amerikanischen Erleuchtungs-Show vom örtlichen Fernsehprediger oder in einer Psycho-Sache gelandet war. Im Raum fanden sich zwei “Trainer”, ungefähr vier vom “Management”, gut acht “Assistenten”, ungefähr zehn “Gäste” und die schätzungsweise 100 zahlenden Teilnehmer. Der Einzug der Trainer erfolgte unter frenetischem Beifall der zehn “Gäste”, die die Sache schon mal gemacht hatten und jetzt dabei waren, ohne sich beteiligen zu dürfen, die aber bestimmte choreografische Aufgaben zu erfüllen hatten; insbesondere hatten sie Jubel und Begeisterung zu verströmen. Ich hab wie alle anderen mal verhalten mitgeklatscht, hätte mich aber auch nicht beschwert, wenn ich zuerst gesehen hätte, was denn hier zu beklatschen ist.

Einheizen

In den folgenden Stunden am Freitag zwischen 17:00 und 23:50 wurde uns erklärt, dass wir alle eine schlimme Erfahrung in der Kindheit gemacht hätten, aus der wir uns ein falsches Selbstbild mit Vorwürfen gegen uns und andere gemacht hätten. Der erste Teilnehmer erzählte seine Geschichte. Die “Trainer” fragten mit “Ja/Nein”-Fragen einige Minuten nach, dann war klar, was bei diesem Teilnehmer falsch lief. Der Abend endete mit einer halbstündigen Diskussion, ob man seine Wasserflaschen mit an seinen Platz nehmen dürfe. Die Trainer luden uns ein, dies nicht zu tun. Großer Protest bei einigen Teilnehmern. Wurde von den Trainern analysiert: “Kennst Du das, dass Du so voll in den Widerstand gehst? Ja, und wer zahlt den Preis? Du!” Wir sollten über Nacht schon mal überlegen, was uns in der Kindheit aus der Bahn gebracht hatte, würden wir noch brauchen.

Samstag morgen

Am nächsten Tag durften einzelne aufstehen, bekamen ein Mikro, erzählten ihre Geschichte und die Trainer teilten sie in kurzen Gesprächen auf Teufel-komm-raus in eine von sieben Kategorien ein: “Ich bin nicht liebenswert”, “Ich kann nichts”, “Ich bin anders als die anderen”, so Sachen. Man merkte schon, dass unter den Teilnehmern Persönlichkeitsstrukturen in allen Varianten, Farben und Ausprägungen vertreten waren. Auch merkte man, dass nicht alle gleich stabil waren. Nach der Mittagspause würden wir dann die falschen Vorwürfe von uns werfen und dann stünde einem “Leben in Fülle, Liebe und Ekstase” nichts mehr im Wege. Also für Ekstase am Samstag Nachmittag bin ich eigentlich immer zu haben. Zum Mittagessen gab es schon mal Salat in Fülle, ich wußte bislang gar nicht, was man aus Kürbis alles machen kann.

Der Nachmittag…

Danach wurden wir “eingeladen”, eine Meditation zu machen. Es fing ganz normal an mit Zimmerspringbrunnenmusik, atmen, in die Zehen reinfühlen, ich war ganz entspannt. Und dann, ohne weitere Vorwarnung, wechselte die Musik auf eine finstere Orgelmusik in Moll und wir sollten uns vorstellen, wir seien wieder Kind und sollten mal die Kellertreppe hinuntergehen. Was war noch mal diese schlimme Kindheitserinnerung, die uns so tief getroffen hatte, dass unser ganzes Leben sich daraus schlecht entwickelt hatte? Die ersten Teilnehmer fingen an zu weinen. „Bitte jetzt ganz bildhaft vorstellen!“ Eine Teilnehmerin schrie an dieser Stelle über eine Minute lang so laut, dass drei Assistenten sie rausbringen mussten. Die anderen sollten aber ganz entspannt weitermachen. Ach ja, jetzt sollte man das alles hinter sich im Keller lassen und befreit rauskommen. Füße kreisen, aufwachen. Das war dann auch der Moment, in dem ich aufgestanden bin, mein Namensschild abgegeben habe und das Seminar endgültig verlassen habe.

Was in dieser Gruppen-Chause unter anderem ganz falsch gelaufen ist

  • Erfreulicherweise funktionieren nicht alle Menschen nach dem gleichen Schema. Es gibt unzweifelhaft Menschen, auf die das Schema: “Traumatische Kindheitserinnerung – dysfunktionales Selbstbild – dysfunktionale Beziehungen heute – reduzierte Lebensfreude” zutrifft. Und die können möglicherweise nach angemessener Vorbereitung die dysfunktionalen Fehlannahmen über Bord werfen und dann wieder glücklicher werden. Aber das gilt halt nicht für jeden.
  • Erlebnis-aktivierende Übungen, wie meinem Gegenüber 5 Minuten unverwandt in die Augen zu gucken (gleich zum Warmwerden am ersten Tag), schwierige Konflikte zu erzählen (erster und zweiter Tag), kann man machen, muss aber wissen, dass das für manche auch zu viel sein kann. Daher muss man es dosieren. Das geht aber nicht, wenn man mit 100 Leuten zu tun hat, die man kaum kennt.
  • Unvorbereitet in einer auch mir harmlos erscheinenden Meditation dann plötzlich das große „Jetzt konfrontiere Dich mit dem Schlimmsten, was dir je passiert ist, wirf dann alles über Bord und sei erlöst“ durchziehen zu wollen, liegt auf der Grenze zwischen fahrlässig und bösartig. Kein Wunder, dass das einige völlig überfordert hat, und den anderen wahrscheinlich kaum geholfen hat.
  • Ach und der ganze Rest…

Meine Beurteilung

Insgesamt habe ich mich wie auf einer Geisterbahn der Psychotherapie gefühlt. 100 Leute (die jeweils 600 € gezahlt hatten, macht also schon mal 60.000 €), wurden in eine Gondel gesetzt und an klassischen Therapieelementen vorbeigefahren, ob das jetzt auch nur im geringsten passte oder nicht. Die wirkstärksten Elemente wurden besonders falsch und alle ohne angemessene Vorbereitung oder passendes Ziel eingesetzt. Hauptsache “intensiv”. Fahrtrichtung: Einmal durchs dunkle Tal, alles von sich werfen, dann für immer frei und Ekstase. Dieses Gruppen-Seminar war eine Geisterbahn-Fahrt. Es gibt auch gute Seminare; dies war schlecht. Aber wenn Du meine Meinung hören willst: Buch im Zweifel kein Großgruppen-Seminar. Es ist zu wahrscheinlich, dass das eine Geisterbahnfahrt wird. Buch dir lieber mit dem gleichen Geld sechs Stunden Einzel-Coaching. Dann fährst du praktisch mit dem Taxi, ganz individuell, von da, wo du stehst, dahin, wo du hinwillst. Ich hatte von Samstag Abend bis Sonntag dann ja frei. So bin ich einfach in die Hotel-Sauna gegangen. Das war mit Sicherheit wesentlich besser und gesünder für meine Psyche…