Eine ehrliche, ausführliche Aufklärung über Antidepressiva

Ich habe hier mal ein Video gedreht, das eine ehrliche, ausführliche Aufklärung über Antidepressiva zeigt. Eigentlich müsste bei jeder Verordnung eines Antidepressivums jeder dieser Punkte genannt werden, insbesondere bei den Punkten Indikation, Kontraindikationen und Wechselwirkungen natürlich individuell für den Patienten angepasst.

In der Realität sehen die Aufklärungen aus Zeitgründen allerdings eher so aus:

Sie haben eine Depression. Das ist eine chemische Imbalance im Gehirn. Sie haben da zu wenig Serotonin. Wir können ihnen mit einem Serotoninwiederaufnahmehemmer helfen. Das normalisiert das chemische Gleichgewicht und stabilisiert die Stimmung. Dann geht es Ihnen nach einigen Wochen wieder gut. Ich habe da was für sie ausgesucht, das nicht dick macht, nicht abhängig macht und in der Regel gut vertragen wird. Nehmen sie davon morgens eine.

Das Problem mit dieser Darstellung ist, dass praktisch jedes Wort falsch oder zumindest vereinfacht ist. Welche Punkte würde denn eine korrekte Aufklärung enthalten?

  1. Das Serotoninmangelmodell ist falsch. Die Wirkungsweise der Antidepressiva ist unklar. Sicher ist nur, dass kein Serotoninmangel vorliegt. Denn wäre das der Grund der Depression, würde sie direkt nach der Einnahme des Medikamentes verschwinden. Vielleicht wirken Antidepressiva über eine Zunahme der Bildung neuer Synapsen, man weiß es aber nicht.
  2. Richtige Indikation? Bei Angststörungen und Zwangsstörungen wirken Antidepressiva gut, ihre Wirkung bei Depressionen ist aber umstritten. Sicher ist nur, dass sie bei leichten Depressionen nicht wirken (Quelle 1). Und man muss dazu sagen, dass die Schwere der Depression von Krankenhaus-Ärzten, aber auch von niedergelassenen Ärzten gerne zu hoch angegeben wird, um Probleme mit dem eigenen Kostenträger zu umgehen. Und es braucht auch nicht jede psychoreaktive Traurigkeit gleich mit einem Antidepressivum behandelt zu werden.
  3. Antidepressiva können Manien auslösen: Und zwar nicht nur theoretisch, sondern diese Nebenwirkung muss ich auch praktisch immer mal wieder beobachten. Besonders gefährdet sind bipolare Patienten.
  4. Innere Unruhe: Vor allem bei höheren Dosierung verursachen Antidepressiva oft innere Unruhe, als habe man zu viel Kaffee getrunken.
  5. Suizidalität: Es gibt Hinweise darauf, dass Antidepressiva zumindest einige Wochen, nachdem diese neue angesetzt worden sind, Suizidgedanken verstärken. Insgesamt gehen die Psychiater davon aus, dass sie mehr Suizide verhindern als auslösen, diese Aussage ist jedoch nicht unumstritten. (Quelle 2)
  6. QTc-Zeit Verlängerung: Manche Antidepressiva verlängern die QTc-Zeit und können so in seltenen Fällen tödliche Herzrhythmusstörungen verursachen. (Quelle 3)
  7. Übelkeit: Mindestens 20 % der mit einem Antidepressivum behandelten Patienten leiden unter Übelkeit. Die geht zwar bei einem Teil der betroffenen Patienten nach ca zwei Wochen wieder weg, bei manchen Patienten bleibt sie aber auch lange bestehen.
  8. Sexuelle Funktionsstörungen: Antidepressiva können sexuelle Funktionsstörungen verursachen, insbesondere eine reduzierte genitale Sensitivität und damit einen verzögerten Orgasmus. Es wird diskutiert, dass es auch nach dem Absetzen noch länger bestehende sexuelle Funktionsstörungen geben kann. (Quelle 4)
  9. Kontraindikationen: Bestimmte Begleiterkrankungen führen zu Problemen bei der Verordnung von Antidepressiva. So soll man bei einem Glaukom keine Trizyklischen Antidepressiva geben. Der verordnende Arzt prüft das natürlich in jedem Einzelfall, aber hier kann leicht etwas übersehen werden.
  10. Wechselwirkungen: Antidepressiva können mit anderen Medikamenten Wechselwirkungen eingehen, die zu Komplikationen führen können. So können die häufig verordneten SSRI die Blutungsneigung erhöhen.
  11. Unverträglichkeitsreaktionen: SSRI werden meist gut vertragen, aber es gibt auch Hautreaktionen, allergisch anmutende Reaktionen oder andere Unverträglichkeitsreaktionen aus Antidepressiva.
  12. Serotoninsyndrom: Bei unglücklichen Kombinationen, insbesondere mit MAO-Hemmern, können Antidepressiva das Serotoninsyndrom auslösen, eine gefährliche Form von Agitation, Verwirrtheit und vegetativer Erregung. (Quelle 5)
  13. Spontanverlauf: Auch ohne den Einsatz von Antidepressiva klingen depressive Episoden wieder ab. Antidepressive Medikamente können die Dauer einer depressiven Erkrankung möglicherweise nur um etwa eine Woche verkürzen. Eine unbehandelte depressive Episode würde dann vielleicht zehn Wochen dauern, eine mit Medikamenten behandelt der April depressive Episode würde dann neun Wochen dauern.
  14. Vernachlässigen von aktiver Problemlösung: Patienten, die ein Antidepressivum einnehmen, können dazu verleitet sein, ihre Probleme nicht aktiv anzugehen, sondern auf die Wirkung der Antidepressiva zu warten. Das ist in keinem Falle hilfreich.
  15. Absetzphänomen: Einmal auf ein Antidepressivum eingestellt, kann es schwierig sein, dieses in der Dosis zu reduzieren oder wieder abzusetzen. Es gibt Berichte über Monate lange Entzugsbeschwerden.

Literatur

  1. Kirsch I, Deacon BJ, Huedo-Medina TB, Scoboria A, Moore TJ, Johnson BT. Initial Severity and Antidepressant Benefits: A Meta-Analysis of Data Submitted to the Food and Drug Administration. Plos Med 2008; 5: e45
  2. Gründer G, Veselinović T, Paulzen M. Antidepressiva und Suizidalität. Der Nervenarzt 2014; 85: 1108–1116 Im Internet: https://link.springer.com/article/10.1007/s00115-014-4092-9
  3. Wenzel-Seifert K, Wittmann M, Haen E. QTc Prolongation by Psychotropic Drugs and the Risk of Torsade de Pointes. Deutsches Aerzteblatt Online 2011;
  4. Seifert J, Toto S. Persistant genital arousal nach SSRI. Psychopharmakotherapie 2020
  5. https://psychiatrietogo.de/2012/03/26/man-sieht-nur-was-man-kennt-heute-das-serotoninsyndrom/
  6. Dreher J. Psychopharmakotherapie griffbereit, Thieme Verlag. 4. Auflage. 2019

Warum es keine disziplinarischen Entlassungen und keine Entlassungen gegen ärztlichen Rat gibt

Disziplinarische Entlassung -> Entlassung auf ärztliche Veranlassung

In der psychiatrischen Welt hält sich hartnäckig der Begriff der „Disziplinarischen Entlassung“. Gemeint ist damit eine Entlassung, weil ein Patient gegen eine therapeutische Regel verstoßen hat. Typische Beispiele sind:

  • Einmaliger oder wiederholter Alkoholkonsum während einer Alkoholentzugsbehandlung
  • Körperliche Gewalt gegen Mitpatienten oder Personal
  • Einmalige oder wiederholte verbale Gewalt gegen Mitpatienten oder Personal

Diese Entlassungen sind natürlich auch völlig in Ordnung. Aber es sind keine disziplinarischen Entlassungen. Warum? Weil Disziplinierung keine Aufgabe der psychiatrischen Tätigkeit ist.

Patienten kommen in ein Krankenhaus, auch in ein psychiatrisches Krankenhaus, weil sie krank sind und die Behandlung dazu beitragen kann, dass sie wieder gesund werden. Sie kommen nicht in Behandlung, um diszipliniert zu werden. Eine psychiatrische Klinik ist ja kein pädagogisches Wohnheim für schwer erziehbare Kinder oder eine Resozialisierungsanstalt für entlassene Sträflinge auf Bewährung. Sondern einfach eine Klinik, also ein Ort für eine sinnvolle Behandlung.

Diese sinnvolle Behandlung kann natürlich nur stattfinden, wenn sich alle an bestimmte Regeln halten. Natürlich kann eine Alkoholentzugsbehandlung nicht sinnvoll durchgeführt werden, wenn ein Patient auf der Station Alkohol trinkt, vor allem, wenn das nach dem ersten Mal trotz Aufklärung und Gespräch wiederholt vorkommt.

Und natürlich muss sich eine Station auch keiner körperlichen oder erheblichen verbalen Gewalt eines Patienten aussetzen. In diesem Fall steht das Recht der Anderen auf körperliche und psychische Unversehrtheit höher als das Recht des Einen auf eine stationäre Behandlung.

Eine Entlassung aus diesem Grunde sollte man „Entlassung auf ärztliche Veranlassung“ nennen.

Man dokumentiert dann, welche Abwägung man getroffen hat. Also beispielsweise, dass das Recht eines verbal oder tätlich angegriffenen Mitpatienten auf eine ungestörte Behandlung höher wiegt, als das Recht des auf ärztliche Veranlassung entlassenen Patienten auf seine Behandlung. Oder, dass eine sinnvolle Krankenhausbehandlung mit dem Ziel einer Alkoholentzugsbehandlung nicht erreichbar ist, wenn der Patient wiederholt auf der Station Alkohol trinkt.

Und auch im Falle einer Entlassung auf ärztliche Veranlassung klärt man den Patienten natürlich über die möglichen Gefahren der Entlassung auf, beispielsweise über die Gefahr von Entzugskrampfanfällen und die damit verbundene Notwendigkeit, nicht Auto zu fahren. Und man lässt sich genau diese Aufklärung vom Patienten auch unterschreiben.

Entlassung gegen ärztlichen Rat -> Aufklärung über Gefahren bei vorzeitiger Entlassung auf Wunsch des Patienten

Auch der Begriff der Entlassung gegen ärztlichen Rat macht keinen großen Sinn. Dann könnte ich ja auch sagen, der Patient

  • raucht gegen ärztlichen Rat
  • macht keinen Sport gegen ärztlichen Rat
  • geht zu McDonalds gegen ärztlichen Rat

Das macht also keinen großen Unterschied. Das Entscheidende auch hier ist, dass man den Patienten, der sich “gegen ärztlichen Rat“ aus der Krankenhausbehandlung entlassen lassen will, über die damit verbundenen Gefahren aufklärt. Passiert nämlich nach der Entlassung etwas, dann prüft der Staatsanwalt nicht, ob der Arzt zur Entlassung geraten hat oder nicht. Der auf freiwilliger Rechtsgrundlage behandelte Patient kann sich entlassen lassen, wann immer er will, egal, was der Arzt rät. Aber der Arzt hat die Verpflichtung, über die Risiken der Entlassung aufzuklären. Und genau das muss er dokumentieren und sich auch vom Patienten unterschreiben lassen.

Das entsprechende Formular sollte man daher nicht „Entlassung gegen ärztlichen Rat“ nennen, sondern treffender: „Aufklärung über Risiken bei vorzeitiger Entlassung auf Wunsch des Patienten“.

Wie seht ihr das?

Findet ihr, dass das Haarspalterei ist? Oder findet ihr, dass es sich lohnt, sich zu geistiger Disziplin zu zwingen. Weil eine disziplinierte Wortwahl einen disziplinierten Geist fördert? Schreibt eure Meinung und gerne auch die Praxis in eurer Klinik in die Kommentare!

Crystal Aufklärungsseite Sachsen neu am Netz

Sachen hat ein ernsthaftes Crystal-Problem, und wenn ihr mich fragt, dauert es nicht mehr lange, bis Crystal auf breiter Front auch die westlichen Bundesländer erreicht hat. In den Metropolen ist es schon verfügbar, aber offenbar noch nicht so häufig anzutreffen.

Ein frühzeitig aufgenommener Kampf gegen Crystal ist bundesweit sinnvoll, denn dieses Teufelszeug führt seine Konsumenten meist ungebremst in den Abgrund.

Die Seite Crystal.Sachsen ist neu am Netz und informiert sachlich über Wirkungen, Nebenwirkungen, Therapieoptionen und auch den Kampf des Landes Sachsen gegen Crystal.

Ich wünsche Sachsen, dass die anderen Bundesländer und der Bund es in diesem Kampf jetzt unterstützen. Im eigenen Interesse.