Von weißen Mäusen und vagabundierenden Nashörnern – Warum optische Halluzinationen gegen eine Schizophrenie sprechen

Nashorn Dortmund 1“ von Josef Lehmkuhl (Eigenes Werk), PublicDomain via Wikimedia Commons

Die Schizophrenie wird unter anderem anhand der auftretenden Halluzinationen diagnostiziert. Schizophrene Patienten leiden oft unter folgenden Halluzinationen:

  • Akustische Halluzinationen: Der Patient hört etwas, was nicht da ist. Am häufigsten ist das Hören von Stimmen, Murmeln, Tuscheln; aber auch merkwürdige Geräusche wie Brummen, Klackern oder ähnliches werden berichtet. Wenn es sich um verstehbare Stimmen handelt, kann man auch den Inhalt des Gesprochenen genauer klassifizieren. Kommentierende oder dialogisierende Stimmen sind für die Diagnose einer Schizophrenie so spezifisch, dass sie von Kurt Schneider als „Symptome ersten Ranges“ beschrieben worden sind.
  • Zönästhesien: Fehlwahrnehmungen des Körpers
  • Geruchshalluzinationen
  • Geschmackshalluzinationen

Aber optische Halluzinationen sind interessanterweise eben gerade nicht typisch für schizophrene Patienten. Ganz selten habe ich mal einen wirklich schizophrenen Patienten kennen gelernt, der optische Halluzinationen angab, und dann war es zumeist ein seit vielen Jahren chronisch und schwer Kranker. Wirklich die Ausnahme.

Typischerweise finden sich optische Halluzinationen bei drei anderen Krankheitsbildern:

1) Drogeninduzierte Psychosen: Das ein LSD-Trip optische Halluzinationen verursacht, ist weithin bekannt. Auch Kokain, Amphetamine und einige andere Drogen verursachen häufig optische Halluzinationen, vor allem, wenn der Patient eine viel zu hohe Dosis konsumiert hat.

2) Delirien: Im Alkoholentzugsdelir sehen Patienten wirklich manchmal die sprichwörtlichen weißen Mäuse auf dem Boden umherflitzen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muss man aber sagen, dass häufiger von kleinen Käfern, Ameisen, Flöhen oder ähnlichen Insekten berichtet wird, die auf dem Fußboden oder der Bettdecke umherkrabbeln.
Das größte Tier, von dem mir ein Patient im Alkoholentzugsdelir mal berichtet hat, war ein Nashorn, das ihm an der letzten Straßenkreuzung vor der Ambulanz entgegengekommen sei. Ich hatte keines gesehen, und ich saß schon länger in der Ambulanz, also muss auch das halluziniert gewesen sein…

3) Organische Schäden des Gehirns: Patienten nach einer traumatischen Schädigung des Gehirns beispielsweise nach einem Unfall oder Patienten mit einem Hirntumor haben nicht selten optische Halluzinationen.

Konsequenz für die Klinik

Wenn ein Patient berichtet, er sehe Dinge, die nicht da sind, dann sind dies optische Halluzinationen. Im Gegensatz zu anderen Halluzinationen stützen diese aber normalerweise gerade eben nicht die Diagnose einer Schizophrenie, sondern sollten in jedem Fall eine MRT-Untersuchung des Kopfes und ein Drogenscreening veranlassen.

Das Alkohol-Entzugs-Delir kommt meist pünktlich

Auf das Timing des Alkohol-Entzugs-Delirs kann man sich eigentlich immer verlassen. Es tritt meist am dritten bis vierten Tag nach Trinkende auf.

Es kann auch schon mal am zweiten Tag nach Trinkende oder mal nach fünf Tagen Abstinenz kommen, aber kaum je später als nach fünf Tagen.

Manche Patienten kommen erst ein bis zwei Tage nach Beginn der deliranten Symptomatik ins Krankenhaus, diese Zeit muss man dann natürlich dazu rechnen.

Wenn bei einem Patienten eine auffällige Symptomatik mit Unruhe und Verwirrtheit erst außerhalb dieses „Zeitfensters“ beginnt, spricht das diagnostisch gegen ein reines Alkohol-Entzugs-Delir und für eine andere Ursache. Hier ist zum Beispiel auch an eine hepatische Enzephalopathie oder ähnliches zu denken. Auch Patienten, die langwirksame Benzodiazepine konsumiert haben, bekommen typischerweise etwas später eine delirante Symptomatik. Natürliche gibt es auch Ausnahmen wie das Diskontinuitätsdelir.

Aber das klassische Alkoholentzugsdelir, das kommen kann, wenn jemand täglich eine Flasche Wodka getrunken hat und dann auf einen Schlag aufhört, kommt schon recht pünktlich am dritten bis vierten Tag nach Trinkende. Nicht selten geht der deliranten Symptomatik ein Entzugskrampfanfall unmittelbar voraus.

Hier findet ihr die neurologische Therapie-Leitlinie „Alkoholentzugsdelir“

Was können Angehörige, Pflegekräfte und Ärzte tun, um Delirien bei älteren Patienten zu verhindern?

Delir

Delirien sind im Krankenhaus häufige und gefahrenträchtige Komplikationen. Sie treten insbesondere bei älteren Patienten nach Operationen, bei internistischen Erkrankungen, Dehydrationen und vielen anderen Erkrankungen auf. Das Auftreten eines Delirs erhöht die Wahrscheinlichkeit, während dieses Krankenhausaufenthaltes zu sterben, um 25-70%. Die Wahrscheinlichkeit, im nächsten Jahr zu sterben, steigt durch das Delir um 62% (Quelle: Dr. Sharon K. Inouye, Professorin an der Harvard Medical School und Direktorin des Aging Brain Centers an der Hebrew SeniorLife in Boston).

Sie hat ein Präventionsprogramm erstellt: HELP, Hospital Elder Life Programm, das inzwischen in 200 Krankenhäusern weltweit eingesetzt wird. Ich möchte hier sehr gerne den links auf dessen homepage referieren, da diese einige sehr hilfreiche Quellen zusammenfaßt: http://www.hospitalelderlifeprogram.org/public/public-main.php.

Das Programm richtet sich an Ärzte, Pflegekräfte und Angehörige.

Sehr praxisnah und gut weiterzugeben sind beispielsweise die 10 Tips für Angehörige:

  1. Bringen Sie dem Krankenhaus eine komplette Liste alle Medikamente und deren Dosierungen, auch der rezeptfreien. Es kann helfen, die Medikamentenverpackungen mitzubringen.
  2. Bereiten Sie eine Zusammenstellung „Medizinische Informationen“ vor. Es soll Diagnosen, Allergien, Namen und Telefonnummern von behandelnden Ärzten und alle weiteren relevanten medizinischen Informationen enthalten.
  3. Bringen Sie Brille, Hörgeräte (mit Ersatzbatterien) und Gebiß mit ins Krankenhaus. Älteren Menschen geht es besser und sie behalten länger die Orientierung, wenn sie sehen, hören und essen können.
  4. Bringen Sie einige vertraute Dinge von zuhause mit wie Familienfotos, ein vertrautes Kissen oder ein geliebtes Buch.
  5. Helfen Sie Ihrem Angehörigen, während des Tages orientiert zu bleiben. Sprechen sie in einem ruhigen, Sicherheit vermittelnden Tonfall und erklären Sie, wo er ist und warum er hier ist.
  6. Wenn Sie ihm Anweisungen geben müssen, sagen Sie nur eine Sache auf einmal. Überfordern Sie ihn nicht.
  7. Massagen können beruhigend sein.
  8. Bleiben Sie so viel wie möglich bei Ihrem Angehörigen. In einer akut deliranten Phase kann es hilfreich sein, dass mehrere Angehörige in Schichten rund um die Uhr bei dem Patienten sind.
  9. Wenn Sie erste oder neue Zeichen eines Delirs beobachten, besprechen Sie dies unbedingt mit den Krankenpflegekräften oder Ärzten. Familienangehörige sind oft die ersten, die Anzeichen eines Delirs erkennen.
  10. Informieren Sie sich über Delirien. Englischsprachig bietet die American Psychiatric Association „Patient and Family Guide to Understanding and Identifying Delirium“ online an.

(Übersetzung von mir)

Auch die Hinweise für Profis sind sehr hilfreich. Viel Wert wird darauf gelegt, die Mobilisierung täglich und so intensiv wie möglich durchzuführen, selbst bei beatmeten Patienten auf Intensivstationen. Sehr kritisch wird die Sedierung dargestellt und darauf hingewiesen, dass es keine Evidenz für die verbreitete ausgedehnte Sedierung auch tagsüber beim Delir gebe. Nicht-medikamentöse Schlafhygiene sei oft viel hilfreicher.

Die website verweist auf eine Fülle von Leitlinien, Veröffentlichungen und Informationsschriften. Sehr interessant!

(Copyright des Fotos: Creative commons. Fotografin: Lexseria)