Während einer Diät hat der Mensch Hunger

Über Diäten ist schon mehr als genug geschrieben worden. Mich fasziniert dennoch, warum sie so schwierig sind. Ich selbst frage mich regelmäßig, warum ich mich nicht einfach entscheiden kann, weniger zu essen und mehr zu verbrauchen. Aber das gelingt nur mit größter Mühe.

Es gibt ja die vereinfachende, mechanistische Vorstellung, man müsse einfach nur mehr verbrauchen, als man zu sich nimmt, und dann nimmt man ab. Wie praktisch alle mechanistischen Vorstellungen vom menschlichen Körper oder der Psyche greift auch diese Vorstellung zu kurz. Sie stimmt zwar, aber sie läßt Folgendes unberücksichtigt: Der menschliche Körper reduziert in Hungerszeiten – also in der Diät – den Grundumsatz. Diese Erkenntnis ist gemeinhin akzeptiert, sie wird nur leider in ihrer Auswirkung auf die Planung einer Diät nicht immer konsequent angewendet. Das bedeutet nämlich, dass man während einer Diät die Kalorienzufuhr sehr weit unter den bisherigen Verbrauch senken muss. Nämlich um die geschätzten 500 Kcal pro Tag, die der Körper einfach so den Grundumsatz kürzt plus die Kalorien, die ich jeden Tag abnehmen will. Und dass man nicht allzu oft Pausen machen darf. Tut man aber genau das, die Kalorienzufuhr sehr weit unter den Verbrauch senken, dann entsteht Hunger. Ich verstehe nicht, wieso das alle immer leugnen wollen. Der Körper wäre ja schön doof, wenn er in einer solchen Situation keinen Hunger signalisieren würde. Ich selbst halte von allen Ideen, man könne ohne Hunger abnehmen, einfach gar nichts. Ich würde meinem Körper auch misstrauen, wenn er sich von irgendeiner Quark-Protein-Diät-Trennkost-Masche so an der Nase herumführen ließe, dass er abnimmt, ohne Hunger zu zeigen. Der Mensch hat diese evolutiv sinnvolle Möglichkeit, Fett anzusammeln. Er hat auch die Möglichkeit, Hungersphasen mit dem Abbau von Fett zu überstehen. Aber er konzentriert sich in diesen Hungerphasen auf eine Sache: Essen finden und aufessen. Und er signalisiert: HUNGER!!! Er nimmt keinen Schaden am Fasten, aber er mag es gar nicht. Er zeigt es mir mit

  • Hunger
  • Schlafstörungen
  • Abgeschlagenheit
  • Dysphorie
  • Reizbarkeit und
  • einer ziemlichen Einengung des Denkens an Essen.

Wenn ich während einer Diät jogge, kann ich deutlich weniger schnell und weniger lange laufen, als wenn ich keine Diät mache. Der Körper läuft auf Sparflamme und das zeigt er auch unmissverständlich.

Hunger ist ebenso wie die anderen basalen menschlichen Gefühle wie Angst, Freude, Müdigkeit, etc. ein Gefühl, dass einen starken Handlungsimpuls auslöst. Wer Angst empfindet, hat einen starken Impuls, entweder die Flucht zu ergreifen oder anzugreifen. Wer müde ist, will schlafen. Und wer Hunger hat, will etwas essen, wenn es verfügbar ist. Aber anders als beim Schlafenden unterstellt man demjenigen, der während einer Diät ißt, Willensschwäche. Man kann dem Hungergefühl auch widerstehen, es ist aber nicht leicht, vor allem, wenn Essen in Reichweite und sichtbar ist.

Ich ärgere mich oft, wenn ich immer wieder von allen Seiten höre: “Du musst nur so oder so essen, dann nimmst Du ab, ohne Hunger zu haben.” Also Du vielleicht. Ich nicht.

Wie ergeht es Dir? Hast Du während einer Diät Hunger? Bist Du während einer Diät abgeschlagen, reizbar, reduziert belastbar? Oder bist Du so wie die jungen Damen in der Abnehm-Shake Werbung? Ab mit Euch ins Kommentar-Feld!

P.S.: Inzwischen habe ich im Buch „Fettlogik“ gelesen, dass der Körper erst so nach zwei bis drei Tagen seinen Grundumsatz reduziert, und das auch nur um 50-100 kcal, was ja eigentlich zu vernachlässigen wäre. Allerdings sehe ich in den Kommentare zu diesem Blogpost auch, dass diese Aussage nicht unumstritten ist. Wie seht ihr die Sache?

Wichtige Hormone, die keiner kennt. Heute: Ghrelin

Ghrelin macht Appetit.

Das Akronym Ghrelin kommt von  Growth Hormone Release Inducing, d. h. Wachstumshormonfreisetzung einleitend. Das Hormon hat zwei Hauptwirkungen. Zum einen induziert es die Freisetzung von Wachstumshormon, daher der Name. Zum anderen spielt es eine wichtige Rolle bei der Regulation von Appetit und Hunger. Ghrelin wird hauptsächlich in der Magenschleimhaut produziert. Es wird produziert, wenn der Organismus hungert, besonders stark also beim Fasten.

Wie Forscher des Max-Planck Instituts München nun herausfanden, setzt allein der Anblick appetitlicher Bilder Ghrelin frei (Schüssler P, Kluge M, Yassouridis A, Dresler M, Uhr M, Steiger A. Ghrelin levels increase after pictures showing food. Obesity (Silver Spring). 12. Januar 2012, doi: 10.1038/oby.2011.385. [Epub ahead of print]). 

Man sollte also während einer Diät nicht unbedingt Bilder von appetitlichen Speisen anschauen, da allein der Anblick einem „das Wasser im Munde zusammen laufen läßt“, oder, neurobiologisch formuliert, den Ghrelin-Spiegel erhöht.   

Ghrelin Infusionen führen bei Mäusen und Menschen zu einer erhöhten Nahrungsaufnahme. Nach dem Essen sinkt der Ghrelin Spiegel wieder. 

In der Psychiatrie hat man beim Prader-Willi-Syndrom mit Ghrelin zu tun. Patienten, die an dieser Krankheit leiden, haben oft einen exzessiv erhöhten Ghrelinspiegel und ebenso oft mit unkontrollierbaren Eßattacken zu tun, da diesen Patienten das Sättigungsgefühl völlig zu fehlen scheint.

Schlafmangel induziert eine erhöhte Ghrelin-Ausschüttung und trägt auf diese Weise vermutlich zur Entwicklung der Adipositas bei. Darüber hinaus wirkt Ghrelin im Mausversuch Angst reduzierend. Eine texanische Studie aus dem Jahr 2008 deutet auf die antidepressive Wirkung von Ghrelin hin, und beleuchtet die Frage, warum chronischer Stress und Depressionen zu Übergewicht führen können.

Damit ist Ghrelin ein Gegenspieler des Leptins. Leptin wird in den Fettzellen produziert und vermittelt ein Sättigungsgefühl. Die Neurobiologie der Regulation von Hunger, Durst und Sättigung wurde in den letzten 10 Jahren wesentlich besser aufgeklärt. Noch gibt es jedoch keine wirklichen therapeutischen Ansatzpunkte. Die größte Hoffnung lag darin, adipösen Menschen das Hormon Leptin zu geben, dass normalerweise ein Gefühl der Sättigung vermittelt. Das war nicht erfolgreich. Adipöse Menschen haben interessanterweise keinen Mangel an Leptin, sondern einen Überschuss, aber wohl so etwas wie eine Leptinresistenz. Forschungen auf diesem Gebiet werden mit großem Interesse verfolgt, da sie große finanzielle Gewinne versprechen.

 

Bild: Wikipaedia, Creative Commons