Seelenklempnerei

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Ich freue mich immer über neue interessante Blogs, und die Ideen, die sie in mein Leben bringen.

Frisch für Euren Feed-Reader neu entdeckt: Seelenklemnerei!

Hier schreibt ein ärztlicher Psychotherapeut / Psychosomatischer Oberarzt über allerlei Psychische Sachen, vor allem Imagination, also „Innere Bilder“, Positive Psychologie und Lösungsorientierte Verfahren.

Mir gefällt besonders gut der post: Wie man sich in 7 Minuten grossartig fühlen kann. Darin kommt ein Video vor, das aus zwei Teilen zu je 8 Minuten besteht. Es heißt „Validation“ und erklärt völlig ohne Psycho-Irgendwas, was eigentlich wichtig ist im Leben, in der Psychotherapie und überhaupt. Ich bin eigentlich kein großer Youtube-Verlinker, aber diesen Film habe ich wirklich sehr genossen. Wenn ihr eine Viertelstunde Zeit habt, guckt ihn Euch an!

Teil 1: 

Teil 2: 

Und hier findet ihr den RSS-Feed von Seelenklemptnerei: Beitragsfeed (RSS). Der Autor betreibt noch einen zweiten blog, nämlich adhsspektrum

Viel Spaß mit den blogs!

Plan like a pilot

Ich habe schon lange darüber nachgedacht, wie ich den folgenden Gedanken für den blog richtig formuliere. Es geht um die Frage, ob man eine psychiatrische Therapie oder eine Psychotherapie einfach mal so starten soll, sich an der aktuellen Lage orientieren soll und mal schauen soll, was so kommt, oder ob man sich eines oder mehrere Ziele vornehmen soll und dann die Therapie an der Erreichung dieser Ziele ausrichtet. Und dann habe ich in dem schon mal empfohlenen Podcast “[Beyond the to-do-list][1]” in [dieser][2] Folge den Gedanken gehört, dass Piloten anders planen als die meisten von uns. Darin erzählt Interviewgast Hugh Culver, der ein Unternehmen für Abenteuerreisen in Alaska betreibt, dass er einmal einen seiner Piloten gefragt hat, wie ihm der Job in Alaska gefalle. Er habe erwartet, dass der Pilot so etwas antworte wie: “Immer so schöne Sonnenuntergänge hier, aber sehr kalt” oder etwas in der Art. Statt dessen habe ihm der Pilot geantwortet: “Um ehrlich zu sein, ich bin 50% der Zeit vom Kurs ab.” Im folgenden Gespräch sei Culver erst so richtig klar geworden, dass Piloten ihre Handlungen immer 100-prozentig am Ziel ausrichten: Dem Flughafen, auf dem sie landen werden. Piloten fliegen nicht zum Sightseeing (und selbst wenn sie das tun, fliegen sie von einem vorher festgelegten Ziel zum nächsten). Piloten fliegen einfach zu einem bestimmten Flughafen. Der Weg dorthin kann aufgrund von unerwarteten Wetterfronten, technischen Problemen und allerlei Widrigkeiten immer mal wieder einer Änderung bedürfen. Aber das Ziel bleibt gleich und dient nach jeder Veränderung wieder zur neuen Ausrichtung. Bei manchen psychiatrischen Therapien und Psychotherapien habe ich das Gefühl, der Therapeut lässt sich ganz gerne einfach so dahintreiben, wie in einem Heißluftballon. Er fragt zu Beginn jeder Stunde einfach den Patienten, wie es ihm geht, und reagiert dann darauf. So kann man viele Monate verbringen, ohne auch nur ein einziges Ziel zu formulieren, darauf zu zu steuern oder gar, es zu erreichen. Aber es ist auch irgendwie entspannender, chilliger, so vorzugehen. Leider entspricht das nicht dem vorgesehenen Zweck einer von der Kasse bezahlten Therapie. Bei Psychotherapien hat man die Zeit und wenn der Patient aufmerksam ist auch die Notwendigkeit, darüber zu sprechen, ob man sich bestimmte, benennbare Ziele vornimmt. Das ist ein wesentlicher Teil der Therapie: Klarheit darüber entwickeln, was man eigentlich will. Und dann im zweiten Schritt darüber nachdenken, wie man da hin kommt. Und dann bestimmte zielführende Instrumente anwenden, um da hin zu kommen. Einfach mal “Biografiearbeit”, “Arbeit mit dem inneren Kind”, “emphatische Gefühlsvalidierung nach Rogers” oder etwas anderes zu machen, nur, weil der Therapeut das immer macht, und irgendwie dabei schon was ganz Wichtiges rauskommen wird, bedeutet eben, sich in den Heißluft-Ballon zu setzen. Klar, das kann auch schön sein, und da kann man auch mal an einem schönen Ort landen. Aber es ist schon etwas anderes, als wenn man zu einem bestimmten Ziel fliegt. In der stationären psychiatrischen Therapie gibt es diese Gefahr auch. Man nimmt den Patienten einfach mal “zur Krisenintervention” auf, mit dem Therapieziel der “Stabilisierung”. Dann geht´s ab in den Heißluftballon. Ergo, Sport, Depressionsgruppe, wird schon irgendwie helfen. Guten Flug. Als Pilot kennt man sehr präzise seinen Zielflughafen. Sonst stirbt man nämlich möglicherweise. Und für die Therapie ist es meiner Meinung nach eben auch erforderlich, sich von Anfang an klar zu machen: Wo will der Patient eigentlich hin? Und dann kann man auswählen, was dafür erforderlich ist. Gespräche mit der Familie, Arbeitstherapie, um zu sehen, ob der aktuelle Arbeitsplatz wieder möglich ist, Betreutes Wohnen erwägen, was auch immer dient, das Ziel zu erreichen. Also: Fragt Euch bei den nächsten Therapien mal, ob ihr Ballon fahrt oder fliegt. Fliegen hat nämlich eine Richtung. Den Zielflughafen, auf dem ihr landen wollt. [1]: http://beyondthetodolist.com/ [2]: http://beyondthetodolist.com/time-hughculver-on-overcoming-procrastination-dealing-with-interruptions-and-planning-like-a-pilot-bttdl067/

Hilft das Auswerfen des Ankers gegen Seekrankheit?

Auf hoher See

Stell Dir vor, du bist mit einem kleinen Boot auf unruhiger, manchmal stürmischer See unterwegs. Wind und Wellen schütteln Dein Boot ganz schön durch, es schaukelt und schlingert, was das Zeug hält. Nach einiger Zeit wird Dir schlecht. Klarer Fall von Seekrankheit. Doch was tun? Du kannst ja nicht den Winden befehlen, nicht mehr zu wehen, den Wellen nicht sagen, sie sollten einen Bogen um Dein Schiff machen. Würdest Du den Anker auswerfen, in der Hoffnung, dass er Dein Schiff festhällt und so beruhigt?

Stimmungslabilität

Eine ähnliche Frage stellt sich immer wieder in der Psychopharmakotherapie emotionaler Schwankungen. Ein gesundes Auf und Ab der Gefühle ist ja gut und richtig. Manche Menschen leiden aber so stark unter den extremen Ausschlägen ihrer Gefühle, dass ihnen quasi vom ganzen himmelhoch-jauchzend  –  zu-Tode-betrübt innerhalb weniger Stunden ganz schlecht wird. Morgens noch beim Aufstehen super gut drauf, eine kritische Bemerkung vom Partner, schon geht’s mit Vollgas in die Verzweiflung. Mittags herrscht wieder Sonnenschein. Am Nachmittag dann der Gedanke: “Schaffe ich es, die Abgabefrist meiner Hausarbeit einzuhalten?” Selbstzweifel, Angst, Erstarren. Abends wieder Party.

Bipolare Erkrankung?

Die Aufgabe des Psychiaters ist es in solchen Fällen, zu diagnostizieren, ob es sich um eine bipolare Erkrankung handelt. Bipolare Erkrankungen sind typischerweise davon gekennzeichnet, dass der Patient im Abstand von wenigen Jahren, manchmal sogar nur von einigen Monaten oder sogar nur einigen Wochen depressive und manchmal manische Phasen erlebt. In den depressiven Phasen kommt er nicht gut aus dem Bett, ist wochenlang traurig gestimmt und hat zu nichts Lust. In den deutlich selteneren und meist viel kürzeren manischen Phasen ist er überdreht, schläft einige Tage lang nur wenige Stunden pro Nacht, hat tausend Pläne im Kopf und springt gedanklich von einem Thema zum nächsten.
Obwohl die bipolare Erkrankung eine ernste Gesundheitsstörung ist, ist sie gut behandelbar. Die Gabe stimmungsstabilisierender Medikamente kann dazu führen, dass deutlich seltener pro Jahr deutlich weniger ausgeprägte manische oder depressive Phasen auftreten. Vereinzelt gibt es bei bipolaren Patienten in manischen Phasen auch psychotische Symptome. In diesen Phasen helfen Neuroleptika gegen die psychotischen Symptome.

Oder Stimmungsschwankungen?

Man muss gedanklich trennen zwischen einer bipolaren Erkrankung und Stimmungsschwankungen während eines Tages. Zwar gibt es den Begriff des rapid cyclings, was sehr häufige Wechsel von echten manischen und echten depressiven Episoden beschreibt. Fälle von rapid cycling sind aber sehr selten und stets eingebunden in eine seit vielen Jahren bestehende schwere bipolare Erkrankung.
Ungefähr 10.000 mal häufiger sind einfache Stimmungsschwankungen. Davon ist auszugehen, wenn die Stimmung mehrfach am Tag schwankt, oft ausgelöst von kleinen Auslösern. Stimmungsschwankungen kommen oft bei der Borderline-Erkrankung vor und werden hier emotionale Labilität oder emotionale Instabilität genannt. Sie kommen aber auch bei einer Reihe anderer psychiatrischer Krankheitsbilder und vor allem auch bei ganz ganz Gesunden vor.

Pharmakotherapie von Depressionen und Manien

Wenn man nun einen Psychiater fragt, ob er etwas gegen Stimmungsschwankungen hat, dann muss er sich gedanklich also disziplinieren:

  • Handelt es sich um eine Depression? Dann helfen Antidepressiva.
  • Handelt es sich um eine bipolare Erkrankung? Dann helfen Phasenprophylaktika wie Lithium, Valproat und Carbamazepin.
  • Handelt es sich um eine Manie mit psychotischen Symptomen? Dann helfen Phasenprophylaktika und Neuroleptika.

Pharmakotherapie der Stimmungschwankungen

  • Oder handelt es sich um ganz normale Stimmungsschwankungen?

In diesem Falle helfen meiner Erfahrung nach Medikamente nicht. OK, man kann ein sedierendes Medikament verordnen, dann ist der Patient müder. Aber die Stimmung wird dadurch nicht stabiler. Viele Psychiater sind auch versucht, Phasenprophylaktika einzusetzen, denn die heißen auf Deutsch ja ganz verlockend “Stimmungsstabilisierer”. Aber das stimmt nur, wenn man den Verlauf eines Jahres betrachtet, nicht, wenn man den Verlauf eines Tages betrachtet. Und ganz am Schluss denken Psychiater offenbar immer wieder auch daran, Neuroleptika zu versuchen. Neuroleptika sind unzweifelhaft in der Behandlung der Psychose sehr wirkstarke Medikamente, aber sie haben nichts in der Behandlung von Stimmungsschwankungen zu suchen. Auch nicht vermeindlich so sanfte und so stark beworbene Neuroleptika wie Quetiapin (z.B. Seroquel®) oder Aripiprazol (Abilify®).

Anker lichten!

Es ist normalerweise total über das Ziel hinaus geschossen, wenn man bei Stimmungsschwankungen “adjuvant”, “augmentativ” oder “zur Unterstützung” Neuroleptika gibt. Diese greifen in den Dopaminstoffwechsel ein, und Dopamin braucht man für wichtige Dinge wie Freude, Motivation, Erkennen und Einschätzen von Bedeutung, Antrieb und ähnliches. Ein Neuroleptikum gegen Stimmungsschwankungen zu verordnen ist, wie bei einem Boot auf unruhigem Wasser, das schwankt und schleudert, den Anker zu Wasser zu lassen. Anker sind zwar toll, wenn das Boot in einer Realitätsverkennung denkt, es sei ein Vogel und sich in die Lüfte erheben will. Aber es verhindert nicht die Schwankungen durch die stürmische See. Das Boot bleibt durch den Anker zwar am Boden festgekettet, die Schwankungen bleiben aber bestehen.

Die Nebenwirkungen der Neuroleptika überwiegen im Falle von Stimmungsschwankungen meiner Erfahrung nach fast immer ihre erhofften, aber meist nicht realen Wirkungen.

Auf zu ruhigeren Wassern

Was hilft, ist, das Leben in ruhigere, stabilere Gewässer zu führen. Weniger Streß, etwas Vorplanung, Konflikte lösen, um sie loszuwerden.

Psychotherapie kann helfen, das zu bewirken. Psychotherapie kann auch wie ein Segelkurs wirken: Sie kann helfen, sich bei aufkommenden Böen eleganter in den Wind zu legen und ihn zu nutzen, um vorwärts zu kommen, statt von ihm herumgepustet zu werden, oder gar zu kentern.

P.S.: Geschrieben in PixelPumper. Läuft!

Würde ich noch einmal Psychiater werden wollen?

Camli (Name für die NSA geändert) hat mir gemailt, dass Sie sich überlegt, sich nach dem Abschluss eines Medizinstudiums auf Psychiatrie zu spezialisieren. Sie hat mich gefragt, ob ich noch mal Psychiatrie machen würde, wenn ich mich heute erneut entscheiden könnte (ich könnte ja auch noch mal wechseln…). Meine Antwort darauf ist einfach. Ich denke, man soll seinen Beruf nach folgendem Kriterium auswählen:

“Wenn es Dich fasziniert, musst Du es machen!”

Psychiatrie und Psychotherapie haben mich schon immer fasziniert und faszinieren mich auch heute noch. Also richtig gewählt. Ich würde es wieder wählen.

Ich finde schon das Medizin-Studium sehr faszinierend. Man lernt wirklich viel über die Natur, den Menschen und erlernt sogar die Geheimnisse der Heilkunde. Also das war für mich schon mal ein no-brainer: Das wollte ich alles wissen.

Nach Abschluss des Studiums fand ich es erst mal gar nicht so einfach, mich für ein bestimmtes Fach zu entscheiden. Internistische Intensivmedizin, Notfallmedizin, Kinderheilkunde und Psychiatrie fand ich allesamt sehr interessant.

Das Besondere an der Psychiatrie und Psychotherapie ist für mich, dass es wirklich immer um den ganzen Menschen mit all seinen Geefühlen, Gedanken und seiner sozialen Umwelt geht. In anderen Bereichen der Medizin behandelt man natürlich auch immer den ganzen Menschen, der Fokus des Faches richtet sich dann aber doch viel schneller als in der Psychiatrie auf das Röntgenbild, die Laborwerte, die spezielle Anatomie des Handgelenkes oder was auch immer. Das ist in der Psychiatrie nicht so. Und es gibt wirklich jeden Tag irgend etwas Interessantes, Spannendes, ja wieder Faszinierendes zu erleben.
In der Psychiatrie ist man in der priveligierten und außergewöhnlichen Situation, oft Menschen in Ausnahmesituationen kennen zu lernen und die Aufgabe zu haben, zu versuchen, ihnen zu helfen. Dadurch lernt man wirklich immer wieder etwas über die Menschen.
Ich habe mich noch an keinem Tag während meiner Arbeit gelangweilt. Ich habe noch an keinem Tag bereut, Psychiatrie als Fach gewählt zu haben.

Insofern, liebe Camli: Wenn Dich Psychiatrie und Psychotherapie fasziniert, dann:

Go for it!

Wenn Du Psychotherapie machst, sollst Du Dich verhalten, wie wenn Du auf einer Reise bist

Tempel in Bali
Tempel in Bali

In der Psychotherapie sind sowohl der Psychotherapeut als auch der Patient in einer ganz besonderen Situation. Diese erfordert ein ganz besonderes, achtsames Verhalten. Das Verhalten beider ist sehr ähnlich wie das, das man haben sollte, wenn man auf einer Reise in einem wirklich anderen Kulturkreis ist. Beide sollten

  • sehr sehr achtsam sein
  • das, was sie sehen und erleben vorurteilsfrei annehmen und wertschätzen
  • freundlich sein
  • stets darauf vorbereitet sein, dass auch etwas sehr unerwartetes passieren kann
  • bereit sein, neue Wege zu erkunden
  • sich Zeit lassen
  • dankbar für den Moment sein, etwas besonderes zu erleben
  • achtsam sein
  • achtsam sein

Diese Haltung hat sich auf Reisen bewährt. Sie bewährt sich auch auf der Reise, die man in der Psychotherapie gemeinsam unternimmt. Sie bewährt sich für Patienten. Und sie bewährt sich für Psychotherapeuten.

Wer kennt ein gutes Psychotherapie-Lehrbuch für Einsteiger?

Ich wurde unlängst von einer jungen Ärztin nach einem Buch gefragt, das demjenigen, der lernen will, als Therapeut Psychotherapie zu machen, einen guten Einstieg ermöglicht. Entweder verhaltenstherapeutisch oder allgemein angelegt. Ich habe die Romane von Yalom erwähnt und ein Kurzlehrbuch der Verhaltenstherapie, wußte aber so recht keine gute und gut lesbare Empfehlung.

Womit habt ihr den Einstieg in Psychotherapie-Lehrbücher gemacht? Welches Buch kann man zum Lesen (nicht zum Nachschlagen) empfehlen?

Sachdienliche Hinweise bitte in die Kommentare schreiben! Danke!

Kernberg kommt nach Köln!

Otto Kernberg ist wahrscheinlich der berühmteste lebende Psychoanalytiker. Er hat grundlegende Werke insbesondere zur Psychotherapie bei Persönlichkeitsstörungen geschaffen, es gibt praktisch keine relevante psychoanalytische Diskussion, in die er nicht in den letzten Jahrzehnten involviert war.

Und nun ist er zu Gast im Alexianer Krankenhaus Köln!

Im Rahmen des Alexianer Therapieforums hält Kernberg einen Vortrag zum Thema: „Therapie schwerer narzisstischer Störungen“. Der Vortrag findet am Mittwoch, den 21.11.2012 von 14:00-16:00 statt und ist kostenlos. Unzweifelhaft ist Prof. Kernberg sowohl ein ausgewiesener wissenschaftlicher Experte als auch ein erfahrener Therapeut auf dem Gebiet der Psychotherapie bei schweren narzisstischen Störungen. Ich bin sehr gespannt auf seine Typologie der verschiedenen Ausprägungen der narzisstischen Störungen sowie seine Ausführungen zur Therapie!

Zusätzlich bietet er einen workshop zum Thema „Diagnose und Behandlung suizidalen Verhaltens“ an, und zwar am 20.11.2012 von 09:00 bis 17:00 Uhr und am 21.11.2012 von 9:00-13:00. Der Workshop ist kostenpflichtig. Anmeldungen sind hier möglich.

Was ist eigentlich CBASP?

Bookcover
Manualisierte Psychotherapien sind in der modernen Psychotherapieforschung sehr beliebt. Das liegt zum einen daran, dass man sie besser erlernen kann und zum anderen daran, dass man sie besser erforschen kann. Sehr häufig diskutiert und auch klinisch inzwischen zunehmend häufig angewendet wird bei der Therapie chronischer Depressionen in letzter Zeit ein Verfahren, dass der US-amerikanische Psychologe James P. McCullough 2000 erstmalig vorgestellt hat.

CBASP kürzt dabei Cognitive Behavioral Analysis System OPsychotherapy ab. Die website dazu findet ihr unter www.cbasp.org.

Es ist das bislang einzige psychotherapeutische Verfahren, das speziell für chronisch depressive Patienten entwickelt wurde. Es umfasst behaviorale, kognitive, interpersonelle und psychodynamische Strategien. 

Das zugrunde liegende Modell postuliert, dass chronisch depressive Patienten schon sehr frühzeitig dysfunktionale Prägungen internalisiert haben, und nun die Welt durch diese verzerrte Brille sehen. Das verhindert, dass sie erkennen, dass neue Erfahrungen eigentlich nicht mehr so schlecht sind wie die alten, dysfunktionalen. Chronisch depressive Patienten seien nun in besonderem Maße nicht in der Lage, sich diesbezüglich umzustellen. Der Therapieerfolg hängt dann in besonderem Maße damit zusammen, dass der Therapeut vermitteln kann, dass die früheren dysfunktionalen Prägungen zwar die Sicht auf heute Erlebtes beeinflussen, dass diese Sicht der Dinge aber eben nicht mehr in vollem Umfang angemessen ist, sondern dass aktuelle Bezugspersonen, etwa der Therapeut, anders handeln als frühere prägende Bezugspersonen.

Das Vorgehen bei der CBASP Therapie erfolgt in der Regel nach folgenden Abschnitten:

– Zunächst werden frühere prägende Bezugspersonen identifiziert (es wird eine Liste von bis zu 6 Personen erstellt). 

Z.B. „In meiner Kindheit spielten Mutter, Vater, Oma und Tante Luise eine wichtige Rolle für mich“

– Dann werden die wesentlichen Prägungen durch diese Personen besprochen.

Z.B.: „Meine Mutter vermittelte mir immer, ich sei nicht wichtig, meine Probleme seien irrelevant. Sie schickte mich immer weg, wenn ich sie wirklich brauchte und sagte mir, sie habe Wichtigeres zu tun.“

– Es werden dann vorausschauend und offen besprochen Übertragungshypothesen formuliert, also die Frage besprochen, welche Erwartungen beziehungsweise Befürchtungen aufgrund der zuvor festgestellten Muster der Patient auch an den Therapeuten haben könnte und welche Auswirkungen das haben könnte.

Z.B.: „Für Sie bin ich doch auch nicht wichtig. Wenn ich wirklich ein Problem habe, helfen Sie mir bestimmt nicht, Sie haben sicher immer etwas viel Wichtigeres zu tun, als mir zu helfen, wenn ich Sie brauche.“

– Dann wird ein interpersonelles Element, der „Kiesler Kreis“ eingeführt. Im Kiesler Kreis wird das zwischenmenschliche Verhalten auf den Achsen Dominant vs. Submissiv und Feindlich vs. Freundlich beschrieben. Dadurch lernt der Patient, seine Wirkung auf Andere besser einzuschätzen und neue Verhaltensweisen zu durchdenken.

Z.B.: „Wenn ich Ihnen sage, dass ich Ihnen sicher nicht wichtig bin, könnten Sie das als Feindlich und Submissiv wahrnehmen. Sie könnten dann ebenfalls auf Distanz gehen und vielleicht sehr Dominant und vielleicht entwertend auf mich reagieren. Würde ich diese Erwartungen Ihnen gegenüber nicht haben, wären auch Sie vielleicht eher freundlich und weniger dominant…“

Im nächsten Schritt geht es dann darum, aktuell schwierige Situationen im Rahmen einer Situationsanalyse zu beschreiben. Wenn die Situation in der Therapie auftritt, kann durch disziplinierte persönliche Einlassung mit anschließender Interpersoneller Diskriminationsübung eine neue Erfahrung gemacht werden.

Z.B. (Therapeut): „Sie haben mir berichtet, dass es Ihnen letzte Woche nach einem Streit mit Ihrem Freund sehr schlecht ging. Und ich war nicht da, sondern auf einem Kongress, das hatte ich Ihnen letze Woche gesagt. Dann haben Sie gedacht, Sie wären mir nicht wichtig, ich sei immer mit etwas anderem beschäftigt, wenn Sie mich bräuchten. Tatsächlich sind sie mir sehr wichtig. Ich hätte mich gefreut, wenn sie mir eine email geschickt hätten. Ich hätte ihnen sicher geantwortet. Lassen Sie uns den Streit mit Ihrem Freund heute besprechen, das ist mir sehr wichtig.“

Der Patient lernt dadurch, dass heutige Personen sich nicht so verhalten müssen, wie er es früher immer erlebt hat, und dass sein Verhalten wichtig ist, um heutigen Mitmenschen überhaupt zu ermöglichen, sich anders zu verhalten.

In der Psychotherapieforschung zeigte sich, dass chronisch depressive Patienten sehr gut auf diese Therapie ansprechen, im Verlauf der Therapie sehr an psychosozialer Leistungsfähigkeit gewinnen und dass CBASP anderen Therapieverfahren, die nicht auf chronische Depressionen ausgerichtet sind, wie IPT, bei dieser Patientengruppe überlegen ist.

Gruppenpsychotherapien sind oft wirksamer als Einzelpsychotherapien

Wenn ein Mensch sagt, er möchte eine Psychotherapie machen, dann denkt er oft zunächst einmal an eine klassische Gesprächseinzelpsychotherapie im typischen Setting: Therapeut und Klient sitzen sich gegenüber, man ist zu zweit und trifft sich einmal die Woche, immer zu zweit.
Und es gibt auch sehr sehr viele Situationen, in denen Einzelpsychotherapie genau das passende Setting ist. Immer dann, wenn sehr individuelle Probleme besprochen werden und sehr spezifische Lösungen erarbeitet werden, ist die Einzelpsychotherapie die effektivste Form.
Aber es gibt auch viele Indikationen, in denen eine Gruppenpsychotherapie mehr Nutzen stiften kann als eine Einzeltherapie, und es gibt sehr viele Indikationen, in denen eine Kombination aus Einzel- und Gruppentherapie den größten Nutzen bringt.
Klassische Gruppentherapien in der Psychiatrie sind ja:

  • Depressionsgruppen
  • Angstbewältigungsgruppen
  • Gruppen zum Training sozialer Kompetenzen
  • Psychoedukative Gruppen
  • DBT Gruppen
  • Angehörigengruppen

Das Besondere an einer Gruppenpsychotherapie ist, dass die Teilnehmer voneinander lernen und nicht alleine auf ihre eigenen Überlegungen oder die Unterstützung durch den Therapeuten angewiesen sind.
Zu erfahren, dass mehrere Andere sehr ähnliche Probleme haben hilft sehr, den Blick zu erweitern und oftmals zu erkennen, dass viele Beschwerden, Sorgen und Einschrankungen nicht eine unabwendbare Folge der verfahrenen Situation, in der sich der Einzelne befindet, sind, sondern Ausdruck eines Musters, das bei anderen auch auftritt. Und mit dem jeder Einzelne eben auch schon viele Erfahrungen gemacht hat, die man austauschen kann. Das entlastet schon mal sehr. Und jeder Einzelne hat auch zumindest in einzelnen Bereichen oder in bestimmten Situationen Erfolge im Kampf gegen die belastenden oder dysfunktionalen Muster erreicht.
Von den Mitbetroffenen lernen ist aber meiner Meinung nach die wirksamste Art zu lernen. Denn das hier Vorgestellte ist keine abstrakte Theorie, sondern hat sich ja offenbar in der Praxis bewährt. Die anderen Gruppenmitglieder können sich denjenigen, der eine neue Lösung zu einem geteilten Problem vorstellt, als Modell nehmen, um das eigene Verhalten mit dieser Inspiration zu modifizieren. Den die Vorbilder sind authentisch, glaubwürdig und erfahren…
Im Bereich der ambulanten Psychotherapie werden Gruppentherapien von den Krankenkassen sehr wohl bezahlt, der organisatorische Aufwand ist allerdings so hoch (welchen Raum nehme ich für 8 Patienten, kommen denn auch alle, sonst rechnet es sich doch nicht…), dass Gruppentherapien meiner Meinung nach viel zu selten ambulant angeboten werden.
In vielen Psychiatrischen Krankenhäusern ist die Lage besser, aber oft auch noch verbesserungsfähig…

Wenn der Junge therapeutisch gut begleitet wird, macht er so was nicht mehr…

Doch. Ich befürchte schon. Die Vorstellungen davon, was Psychotherapie bewirken kann, sind oft abenteuerlich hoch. Ich höre nicht selten bei Gerichtsverfahren, dass ein Delinquent nur von einem guten Therapeuten “begleitet werden” müsse, das vielleicht mal Konflikte “therapeutisch aufgearbeitet” werden müssten, und dann werde der Mensch schon geläutert sein. Das höre ich auch oft bei jungen Drogenabhängigen, die mal ihre “Kindheit aufarbeiten” sollten oder wenig leistungsorientierten Menschen, die doch bitte mal “mit einem erfahrenen Therapeuten sprechen” sollten, damit aus ihnen gute und fleißige Menschen werden. Leider sind das oft Heilserwartungen, die man eher von einer Taufe, Kommunion oder wahlweise Teufelsaustreibung erwarten sollte. Und selbst da wird man wohl oft enttäuscht werden. Psychotherapie führt kein Softwareupdate bei den Menschen durch, das von allen bisherigen Fehlern, Schwächen und Unbillen befreit. Auch nicht, wenn der Therapeut erfahren ist und den Klienten “begleitet”. Psychotherapie kann Menschen helfen, die sich selber ändern wollen. Nur denen. Nicht denen, die Eltern, Freunde, Berater oder Bekannte haben, die sich eine Änderung wünschen. Ändern müssen sich die Menschen dann nämlich selbst, das macht nicht der Therapeut. Menschen, die sich selbst ändern wollen, können durch Psychotherapie viel erreichen. Sie können Krankheitssymptome loswerden, anders mit sich selbst und anderen umgehen und vieles in ihrem Leben anders und besser angehen. Aber diese Änderungen setzen voraus, dass der Betroffene selbst die Änderung will, und dass er kontinuierlich und hart daran arbeitet, sein eigenes Verhalten auch wirklich zu ändern. Das Einspielen einer neues Software geht leider zum Glück nicht…