Wörter, die es nur in der Medizin gibt

Es ist ja gut und richtig, dass jedes Fachgebiet seine eigene Fachsprache hat. Eskimos brauchen einfach 50 verschiedene Begriffe für Schnee, um nicht zu verhungern und theoretische Physiker können auch nicht alle Phänomene mit einem Wortschatz von 500 Worten beschreiben.

Aber dann gibt es auch so gewisse eingeschliffene Skurillitäten, die sich in verschiedenen Fachgebieten herausbilden. Wenn nämlich Dinge des Alltages, für die es ganz normale und richtige Worte gibt, auf lustig-verschrobene Art umschrieben werden, ohne dass hierdurch irgend etwas klarer wird. Neben der allgemeinen deutschen Tendenz zur Substanzivierung gibt es hier eine erkennbare Lust am Abstrakten. Nach wenigen Tagen Sammeln habe ich folgendes Destillat erstellt:

Der in domo gut bekannte Hr. X ist in unserer Ambulanz notfällig vorstellig geworden. Er stellte sich zur geplanten Krisenintervention vor. Er sicherte Absprachefähigkeit zu. Durch die stationäre Aufnahme zeigte er sich deutlich entlastet. Er nahm am multimodalen Therapieprogramm teil und profitierte vom stationären Setting. Nach erfolgter Krisenintervention wurde er an unsere Institutsambulanz angebunden und zurück in die Häuslichkeit entlassen.

Ich glaube, es wird deutlich, welche sprachlichen Gewächse ich meine. Welche Lieblingswörter kennt ihr, die kein notwendiger Fachbegriff, sondern eine Verschwurbelung des Umgangssprachlichen sind?

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10 Gedanken zu “Wörter, die es nur in der Medizin gibt

  1. „… und wurde physiotherapeutisch beübt“ – in manchen Kliniken ist das anscheinend eine rein passive Angelegenheit für die PatientInnen. Diese würde das wahrscheinlich sogar noch freuen.

  2. Krass, genau das schreibe ich in meine Entlassungsberichte… ich fand es bis jetzt nicht mal auffällig…

  3. „Der Patient wurde mediziert.“ Kommt wohl eher umgangssprachlich vor, aber ich habe das während meiner Famulaturen sehr oft in den Visiten gehört und fand es unmöglich.

  4. Als Psychologischer Psychotherapeut bin ich während meines Ausbildungs-Psychiatrie-Jahres mit diversen typischen Kommunikationsformen konfrontiert worden, die meinem privaten oder auch fachlichen Sprachgebrauch bisher fremd waren.
    Zwei Klassiker nach wie vor für mich:
    „In allen Qualitäten sicher orientiert“ oder auch
    „Im Affekt schwingungsfähig“

    Teile des psychiatrischen/psychologischen Fachjargons erzeugen für mich eine fast unangenehme Distanz zu unseren PatientInnen/KlientInnen, die die Tatsache, dass wir uns „auf Augenhöhe“ mit ihnen befinden, was die eigenen Unzulänglichkeiten der persönlichen Lebensführung anbelangt, zu verschleiern droht.
    Achja, die üblichen Latinismen sind vielleicht auch erwähnenswert, die es schaffen, auch einfachste Sachverhalte bombastisch klingen zu lassen… 🙂 Aber Klappern gehört natürlich auch zu unserem Geschäft.

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