„Ich bin meine eigene Schöpfkelle“


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Ich bin kein großer Freund mechanistischer Bilder der Psyche. Die werden Maschinen gerecht, aber eben nicht Menschen. Wir Menschen sind nämlich flexibler, dynamischer und nicht-linearer als alle diese Bilder, mit denen wir oft irreleitend versuchen, die Psyche zu verstehen. Eines dieser Bilder ist, dass die Psyche wie ein Faß ist, und der Streß wie Wasser, und wenn genug Streß aka Wasser ins Faß gelaufen ist, läuft das Faß über und der Mensch hat ein psychisches Problem.
Dieses Bild ist natürlich irreleitend, reduktionistisch, im schlechten Sinne mechanistisch und im Ergebnis einfach falsch.
Und deswegen habe ich mich über folgenden Dialog gefreut, den ich heute bei der Visite erlebt habe:
Ich: „Was hat Ihnen denn am meisten geholfen während der stationären Behandlung hier?“

Patientin: „Mir hat am meisten geholfen, dass mir der Psychologe erklärt hat, ich sei meine eigene Schöpfkelle. Wenn das Fass voller wird, kann ich selbst es mit verschiedenen Techniken auch wieder leerer schöpfen, und dann läuft es nicht über. Cool was?“

Sooo kann ich mit dem Bild vom Fass auch wieder was anfangen! Also: Sei auch Du deine eigene Schöpfkelle und nimm Deine Belastung und Entlastung selbst in die Hand…!

Der psychiatrische Notfall drüben bei den Nerdfallmedizinern

Philipp von den Nerdfallmedizinern und ich sprechen über die Pharmakotherapie psychiatrischer Notfälle

Ich bin ja seit der ersten Stunde ein großer Fan des Videoblogs Nerdfallmedizin. Dort werden notfallmedizinische Themen praxisrelevant und sehr gut verständlich erklärt, ich lerne in jedem Video etwas und es macht wirklich Spaß, Philipp und Martin zuzusehen.
In der aktuellen Episode geht es um psychiatrische Notfälle mit besonderem Augenmerk auf die Psychopharmakologie. Der Experte im Interview hierfür bin ich. Ich habe zwar der Uhrzeit der Aufnahme geschuldet einen gewissen Out-of-bed-look, das Video ist aber wirklich interessant. Guckt mal rein und abonniert gleich die Nerdfallmediziner!

Das Video findet ihr hier.

Die Wallraff-Psychiatrie-Reportage

Günther Wallraffs Stil des investigativen Journalismus unter Verwendung von Undercover-Journalisten ist nicht unumstritten, und das Format „Team Wallraff“ im Privatfernsehen könnte den Verdacht nahelegen, dass eine reißerische Berichterstattung begünstigt wird.

Ich habe mir die Folge über Psychiatrische Kliniken und Einrichtungen der Jugendhilfe, die gestern gesendet wurde und jetzt online verfügbar ist, angesehen, und ich bin wirklich schockiert.

Ausgewählt wurden mehrere Kliniken, in denen besonders augenfällige Mißstände bekannt seien, und in diesen wurden besonders schockierende Szenen aus dem Zusammenhang genommen und in einer dramatischen Form zusammengeschnitten.

Was man aber in der kurzen Zeit an Mißständen, falschen Haltungen und unangemessenem Verhalten sehen muss, erinnert an die siebziger Jahre, aber nicht daran, wie Psychiatrie der Gegenwart sein soll und in sehr vielen Kliniken auch ist.

Und man sieht Szenen, die klar rechtswidrig sind. So erklärt eine Pflegekraft vor laufender, wenn auch versteckter Kamera, dass sie einem Patienten die Medikation unter die Käsescheibe aufs Brot legt, da er sie nicht freiwillig einnehme. Das ist eine Straftat, nämlich Körperverletzung. Und die Klinik hat eine augenscheinlich unangemessene Reaktion auf diese Szene gezeigt, in der sie sie einfach geleugnet hat.

Die Reportage ist in diesen Teilen wirklich sehr schmerzhaft anzusehen. Erfreulicherweise schließt sie mit einem positiven Beispiel für eine Klinik, die eine moderne, respektvolle und zeitgemäße Haltung zeigt, und dem Hinweis, dass nicht nur diese eine Klinik in der Gegenwart angekommen sein wird.

Ich empfehle jedem, der diesen Blog liest, sich die Zeit zu nehmen, die Reportage anzusehen. Ihr findet sie hier:

https://www.tvnow.de/shows/team-wallraff-reporter-undercover-2384/staffel-6/episode-1-undercover-in-psychiatrien-1504359

Fakultativ geschlossene Stationen

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Ich war heute als psychiatrischer Sachverständiger im Rahmen der PsychKG-Besuchskommission unterwegs. Wir haben das Bertha-Krankenhaus in Duisburg besucht. Das Bertha-Krankenhaus an diesem Standort hat vier Stationen: Eine Tagesklinik, eine offene Station für unter 50-jährige, eine offene Station für über 50-jährige und eine fakultativ geschlossene Station. Früher waren zwei der vier Stationen geschlossen, jetzt ist es nur noch eine, und die ist nur an manchen Tagen im Jahr geschlossen, an anderen Tagen im Jahr ist sie offen.

Nun gibt es unter den Psychiatern eine ziemlich leidenschaftlich geführte Debatte, ob man überhaupt geschlossene Stationen braucht, und wie man fakultativ geschlossenen Stationen organisieren kann. Die vier hauptsächlich vertretenen Varianten sind:

  1. Immer zu: “Eine richtige sektorversorgende psychiatrische Klinik braucht auch mindestens eine durchgehend geschlossene Station. Bestimmte Gefährdungsaspekte, die in psychiatrischen Kliniken nun einmal behandelt werden, lassen sich einfach nicht anders kontrollieren. Beispiele hierfür sind demente Patienten mit Weglauftendenzen (ja, ich weiß, das heißt heutzutage Hinlauftendenzen), oder fremdaggressive Patienten, beispielsweise bei einer akuten Psychose, die per PsychKG untergebracht sind, und ohne geschlossene Türe einfach fortlaufen würden.”
  2. Fakultativ geschlossen, mit Personal an der Türe, wenn sie offen ist: “Wir schreiben uns auf die Fahne, die geschlossene Station geöffnet zu haben; damit aber keiner abhaut, setzen wir eine Pflegekraft vor die offene Türe, die die Patienten, die ohne Ausgangsregelung gehen wollen, zurückhält.”
  3. Fakultativ geschlossen, ohne Personal an der Türe: “Wir prüfen täglich, ob wir die Türe tagsüber auflassen können. Wenn wir das können, dann setzen wir keine Pflegekraft vor die Türe. Die Türe dennoch irgendwie im Blick zu haben, schadet aber nichts.“ 
  4. Immer offen: “Wir brauchen nie eine geschlossene Tür.”

Die Klinik, die ich heute besucht habe, praktiziert Variante 3, und das ganz unaufgeregt. Es gebe Tage und Wochen, da müsse die Türe verschlossen sein, weil ein oder mehrere Patienten der Station dies erforderlich machten. Aber es gebe auch Tage und Wochen, in denen die sonst geschlossene Station eine offene Flurtüre haben könne, und dann werde das auch so gemacht und trage sehr zur Entspannung der Atmosphäre der Station bei. Man prüfe es halt jeden Morgen und entscheide dann entsprechend. Heute war die Flurtüre geschlossen, und das Schild oben hing aus. An anderen Tagen sei sie einfach offen.

Ich selbst glaube, dass gerade kleine Abteilungen und Krankenhäuser öfters die Möglichkeiten haben, alle Stationen offen zu führen. Große psychiatrische Kliniken haben einfach aus statistischen Gründen sehr viel öfter Patienten in Krisen mit akuten Gefährdungen, die nicht anders beherrscht werden können, und damit auch öfter Tage, an denen die Station geschlossen sein muss; und dann wäre es irgendwann Augenwischerei, wenn man die Station fakultativ geschlossen nennt, aber praktisch das ganze Jahr geschlossen führt. 

Wenn man aber nun eine sonst geschützte Station zeitweise offen führt, ist eine besonders intensive Beziehungsarbeit, Motivationsarbeit und Haltung erforderlich. Und diese Haltung ist sehr patientenorientiert, wertschätzend und angenehm. 

Das Team des Bertha-Krankenhauses ist wirklich engagiert und geht sehr bewußt und achtsam mit Zwangsmaßnahmen um, was die Häufigkeit der Notwendigkeit der Anwendung von Zwangsmaßnahmen sehr gering hält. Das hat mich heute sehr positiv beeindruckt.

Wie haltet ihr es mit der Flurtüre? Welche Variante habt ihr und warum? Schreibt eure Erfahrungen in die Kommentare!

Warum nächtlich verwirrte Patienten keine „Schlafgäste“ auf der geschützten Station sein sollten

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Photo by Rye Jessen on Unsplash

Es gibt ja Patienten, die tagsüber noch gut orientiert sind, deshalb auch auf einer offenen Station behandelt werden, die aber nächtliche Verwirrtheitszustände zeigen. In diesen nächtlichen Verwirrtheitszuständen können Hinlauftendenzen und eine Eigengefährdung durch Hilflosigkeit bestehen.

Es gibt nun die Option, diese Patienten nur für die Nächte, als „Schlafgäste“, auf die geschützte Station zu verlegen. Klingt erstmal plausibel. Denn tags kommt der Patient ja auf der offenen Station zurecht, und man möchte ihm vielleicht auch tags nicht die etwas unruhigere Atmosphäre der geschützten Station antun. Außerdem ist der Platz dort knapp. Und der Patient schläft ja nachts ohnehin, oder?

Dagegen spricht, dass zu den in Granit gemeißelten Basics der Delirprophylaxe gehört, dass alles nur erdenklich Mögliche getan wird, dass sich der Patient zuverlässig orientieren kann: Eigene Brille, eigenes Hörgerät, Kalender und Uhr, feste Ansprechpartner, ruhige und stabile Umgebung…

Das genau führt dann aber zu der Überlegung, dass es für die Orientierung nicht gut sein kann, wenn der Patient wie ein Rucksackreisender sein Zelt jede Nacht an einer anderen Stelle aufschlagen soll, als dem Ort, an dem er den Tag verbracht hat. Das kann nur zur Verwirrung beitragen.

Ich denke, dass Patienten, die unter nächtlicher Verwirrtheit leiden, in aller Regel auf einer Station behandelt werden sollten, die nachts für ausreichend Sicherheit sorgen kann. Und zwar ganz, oder gar nicht. Keine Schlafgäste!

(Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel…)

PC082 Breaking News: Update zur Reform der Psychotherapeutenausbildung ist online

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Am vergangenen Mittwoch hat das Kabinett dem Gesetzesentwurf zur Reform der Psychotherapeutenausbildung zugestimmt. Wir hatten in der viel diskutierten Folge PC079 über den damaligen Stand, den Referentenentwurf zu diesem Gesetz, gesprochen. In der nun verabschiedeten Version bleibt es bei einem Direktstudium, auch die gesicherte Finanzierung des PiA Zeit bleibt, es gibt zum Glück aber drei Änderungen, die wesentliche Kritikpunkte am Entwurf aufnehmen.

  • Es wird keinen Modellstudiengang “Psychopharmakologie geben
  • Die Berufsbezeichnung “Psychotherapeut” darf nun auch von anderen Berufsgruppen, die nicht den Direktstudiengang absolviert haben, verwendet werden, Ärzte dürfen dann “Ärztlicher Psychotherapeut” heißen
  • Die somatische Konsiluntersuchung vor Beginn einer Psychotherapie bleibt weiterhin verpflichtend.

Das sind sehr vernünftige und erfreuliche Änderungen des Gesetzesvorhabens. Damit kann man leben…

Schließlich stellen wir ein Missverständnis klar, dass sich auf Twitter breit gemacht hat: Wir vom PsychCast glauben nicht, dass Ärzte die besseren Psychotherapeuten sind und wollten Psychologische Psychotherapeuten niemals irgendwie in ihrer Kompetenz herabwürdigen.

Hört euch unsere 15-minütige Breaking-News Folge unbedingt an! Die Folge findet ihr hier.

MikMe Test

OK, das ist jetzt kein psychiatrischer Beitrag, aber ich habe nach langer Zeit mal wieder ein Video zu YouTube hochgeladen, und zwar einen Testbericht über ein Mikro, das ich mir unlängst angeschafft habe, und zwar das MikMe.MikMe

Das MikMe ist schon ´ne coole Sache, da man es drahtlos mit dem iPhone verbinden kann, und so Audio und auch Video mit gutem Audio aufnehmen kann. Man kann es auch ganz alleine als Mikrofon mit eingebautem Audio-Recorder verwenden und so beispielsweise Interviews aufnehmen. Das MikMe ist für Interviews, YouTube-Videos und audio-field-recording echt gut geeignet.

Mein Video-Review findest Du hier.

De lira ire

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Wusstest Du schon, wo das Wort Delir herkommt? Das Wort Delir kommt aus dem Lateinischen von „De lira ire“. De heißt aus, von; lira bedeutet Gleis, Spur und ire heißt gehen. Übersetzt heißt es also „aus dem Gleis gehen“ oder „aus der Spur geraten“. Schöner kann man es eigentlich nicht beschreiben…

Frohes Karnevalsfest!