4 Gedanken zu “Neues Video: Behandlung der bipolaren Störung ist online

  1. Susa 14. Dezember 2022 / 12:52

    Lieber Herr Dreher,

    danke für Ihr neues Video. Insbesondere die Bipolaren Erkrankungen sind ja häufig nicht leicht zu behandeln. Deshalb guter Punkt, damit zu beginnen.

    Ich würde Ihnen gern einen Fall schildern, der alle Behandler herausfordert:

    Eine Pat. von mir (weiblich, 42 J.) ist grundsätzlich aktiver und wirkt auch in deren Normallevel immer etwas „drüber“ (dominant, leistungsfähig, aktiv, schnell, sprunghaft, leicht gehobene Stimmung). Eine deutliche narzisstische Aktzentuierung (mindestens) ist dabei.

    Sie hat jedoch zugleich selbst für ihren „Normallevel“ deutlich abweichende „Überflieger“-Zeiten mit gehobener und dann sehr schnell auch gereizter Stimmung, erhöhtem Energieniveau, verringertem Schlafbedürfnis usw., erfüllt zugleich nie die Kriterien einer ausgewachsenen Manie, eher gesteigert hypoman.

    Als sehr ausgeprägten Gegenpol dazu zeigt sie langanhaltende (in der Vergangenheit teils ein Jahr oder mehr), tiefe depressive Phasen (beschreibt die depressive Grundstimmung als „immer drunterliegend“, „immer lauernd“).

    In diesen wirkt sie wie ausgewechselt: kleinlaut, mädchenhaft, tieftraurig, verloren, kaum aufhellbar.

    Darüber hinaus besteht ein chronischer schädlicher Gebrauch von Alkohol (tägl. bis zu einer Flasche Wein am Abend seit Jahrzehnten, ohne wesentliche Dosissteigerungen oder deutliche Kontrollverluste im Alltag, teils Dosisreduktion (1 Glas) über längere Zeiträume, je nach Stimmung). Von dieser Gewohnheit Abstand zu nehmen, lehnt d. Pat. strikt ab.

    Ich behandle sie psychotherapeutisch und muss sie bald abschließen. Ihre privaten Beziehungen sind nun vertieft und deutlich stabiler, die Krankheitseinsicht besser, insgesamt fühlt sie sich glücklicher und nicht mehr „vom Pech verfolgt“, „mit einem Fluch belegt“ oder ähnliches, wie zu Beginn. Sie akzeptiert ihre Erkrankung (beide Eltern waren psychisch krank) als teilweise biologisch bedingt und interpretiert sie nicht mehr als „Strafe“ für ihre „Schlechtigkeit“ oder ähnliches (depressives Grundmuster).

    Aufgrund eingeschränkter Fähigkeit zu Selbstreflexion, waren meine Behandlungsziele zunächst Krankheitseinsicht (zuvor: „Böses Schicksal, Karma, etc“), Selbstbeobachtung und Erkennen von Mustern und Frühwarnzeichen, Verbesserung des Erkennens und Zuordnens von Emotionen, Verbesserung der Verantwortungsübernahme für Konflikte (hier flog mir die Therapiebeziehung mehrfach beinahe um die Ohren 😉 ).

    All das hat sich (teils deutlich) verbessert.

    Die Phasen jedoch blieben. Zwar nicht mehr so ausgeprägt, jedoch hartnäckig weiter vorhanden. Die Patientin hatte keine Medikation.

    Ich habe sie nach einem Jahr Therapie schließlich zu einer psychiatrischen Kollegin geschickt, als die Patientin erneut in eine mittelgradige depressive Episode fiel und zuvor erneut eine hypomane Phase aufwies. Mein Verdacht war nun Bipolar II, Rapid Cycling, was ja nicht gerade die besten Prognosen hat.

    Bisher wurden Aripiorazol und Lithium in Kombination mit Sertralin ausprobiert.

    Unter Lithium hielt Diarrhoe über Wochen in unterschiedlichen Dosierungen an. Die Pat. lehnt weitere Versuche mit dem Medikament nun strikt ab.

    Unter Aripiorazol wurde v. d. Pat. eine für sie unerträgliche Gefühlsarmut, Gleichgültigkeit mit Unfähigkeit zur Freude beschrieben, sodass nun beide Medikamente für die Pat. nicht mehr infrage kommen.

    Unter Sertralin beschreibt sich die Pat. hingegen als „befreit“, da sie selbst in stabileren Phasen immer das Gefühl eines Abgrunds unter sich spürte, in den sie unter Belastung (Konflikte) jederzeit hineinstürzen könne. Evtl. dient hier das Medikament, neben der Wirkung, auch psychologisch als sicherheitsspendend. Diesen Abgrund fühle sie nun jedenfalls so nicht mehr. Sie kann weiter Trauer empfinden, verliert sich aber nicht mehr darin. Bemerkenswert für mich: Sie fühle sie sich nun abends erschöpft und müde und ruhe sich nun auch gern aus.

    Zugleich zerschießt sie weiter munter gute Arbeitsplätze mit ihrem extremen Leistungswillen und dem Wunsch, dass alle sie toll finden, sobald sie dort Ablehnung, Kritik oder auch nur distanziertem Verhalten durch eine Kollegin ausgesetzt ist. Besagte Narzisstische Komponente dürfte hier ausschlaggebend sein.

    Da ich sie nur noch 15 Stunden behandeln kann und die bereits durchgeführte Langzeittherapie endet, fokussiere ich jetzt (erneut) psychotherapeutisch den Umgang mit Ablehnung und Kritik. Es wird jedoch dieses tiefgreifende Muster m.E. nicht mehr entscheidend verändern. Dies insbesondere aufgrund der strukturellen Einschränkung der Pat. RUHIGE tiefere Blicke in sich selbst zu werfen. Und ja, Achtsamkeitsverfahren wurden vorgestellt und empfohlen. Meditation rege sie auf. Yoga ist „nix“ für sie. Einzig Phantasiereisen und beruhigende Klänge zum Einschlafen fanden Anklang und zeigten sich wirksam.

    Diese Einschränkung ruhige tiefe Blicke in sich zu werfen, finde ich auch in der Psychiatrischen Institutsambulanz, in der ich zur Hälfte noch arbeite, bei bipolaren Patienten als besonders auffälliges Kennzeichen einer bipolaren Störung im psychotherapeutischen Setting regelmäßig.

    Haben Sie diese Erfahrung auch gemacht? Gibt es irgendein phasenprophelaktisches Medikament, das sie kennen, das vielleicht als „Nebenwirkung“ diese innere Ruhe und die Bereitschaft hinzuschauen begünstigt, also ein geordeteres, klareres Denken unterstützt? Damit meine ich nicht Sedierung.

    Freundliche Grüße Susanna Scherer

  2. Susanne Mühlhoff 15. Dezember 2022 / 14:28

    Lieber Herr Dreher, danke für das tolle Bipolar-Video. Ergänzen möchte ich den nicht so ganz seltenen Fall von Nierenproblemen nach langjähriger Lithiumtherapie. Aus meiner Sicht muss man da manchmal umstellen. Was und wie empfehlen Sie das?Viele Grüße, Susanne Mühlhoff

  3. PeterLustig42 18. Dezember 2022 / 11:42

    Hallo Jan,
    Danke für das tolle Video, wie immer sehr auf den Punkt!
    Zwei Fragen/Anmerkungen:
    – zur Folie „Das ist keine bipolare Störung“: Du erwähnst die Formen (Ultra) Rapid Cycling nicht, die möglicherweise genau diese raschen Switching-Formen haben. Gibt es dafür einen Grund?
    – Du stellst den Verlauf relativ positiv dar („außerhalb Manie und Depression ganz normales Leben“), was ja auch häufig so ist. Gleichzeitig legen Daten nahe, dass nach mehreren Phasen von Manie/Depression möglicherweise fast die Hälfte der Patienten ihr ursprüngliches Funktionsniveau nicht mehr erreichen, u.a. wegen residualer Symptome wie Konzentrationsproblemen oder Müdigkeit und dem Verlust des sozialen Umfelds. Das erwähnst Du ebenfalls nicht explizit, auch hier die Frage nach dem Grund?
    Viele Grüße
    Daniel

  4. CHRISTIAN NGUEYONG NKOMBOU 19. Dezember 2022 / 03:06

    Hallo Jan,
    Hättest du Zeit und Lust eine Video über PsychKHG zu machen.
    Danke im Voraus.

    Beste Grüsse
    Chris

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