Die 5 Wirkfaktoren der Psychotherapie nach Klaus Grawe

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Bild: Das Originale Sofa von Freud, aufgenommen im Freud Museum London, Copyright: Konstantin Binder, Creative Commons

Der schweizer Psychotherapieforscher Klaus Grawe hat die Psychotherapieforschung im deutsprachigen Raum im Jahr 1994 durch sein Buch „Psychotherapie im Wandel“ revolutioniert.KlausGrawe 1 ger Seine Herangehensweise hat die Betrachtung von Psychotherapie seither grundlegend geändert. In diesem Buch unterzog Grawe alle damals relevanten Psychotherapieformen einer kritischen Würdigung, und zwar nicht in Form einer persönlichen Einschätzung, sondern in Form einer Übersicht, die alle damals verwertbaren 897 Studien zu allen relevanten Psychotherapieformen nach einem gemeinsamen Protokoll beschrieb, bewertete und zusammenfasste. In der Zusammenfassung schrieb Grawe, welche Wirksamkeitseinschätzung sich aus diesen Studien ergab. Somit konnte erstmalig in einem praktisch vollständigen Überblick unterschieden werden:

  • welche Psychotherapieformen zwar gerne angewendet werden, aber keine Studien zu ihrer Wirksamkeit vorweisen können,
  • welche Psychotherapieformen für bestimmte Anwendungsbereiche Studien vorweisen können, die eine Wirksamkeit in Bezug auf ein wichtiges Ergebnis, etwa eine deutliche Verbesserung der Depression, nachweisen konnten,
  • welche Psychotherapieformen mehrere Studien haben, die für mehrere Anwendungsbereiche eine Wirksamkeit in Bezug auf mehrere wichtiges Ergebnisse zeigen.

Damit mussten sich die Psychotherapien am gemeinsamen Standard aller anderen Heilverfahren messen lassen: Metaanalysen,  die die Ergebnisse mehrerer kontrollierter Studien auf nachvollziehbare Weise zusammenfassen. Und damit frei von allen Dogmen in der Lage sind, zumindest die Frage zu beantworten, ob ein bestimmtes Therapieverfahren bei einer bestimmten Anwendung zu einer messbaren Änderung eines bestimmten Parameters führt, etwa der Schwere der Depression.

Der Zwischenstand 1994 war erst einmal sehr ernüchternd:

  • Für die weit überwiegende Mehrzahl der Psychotherapieformen lagen wenige bis gar keine Studien vor, die die Mindestanforderungen an Qualitätsansprüchen, die zur Beantwortung dieser Fragen nötig sind, erfüllten.
  • Gerade die psychoanalytisch orientierten Psychotherapien, die für sich in Anspruch nahmen, in der Wirksamkeit allen anderen Therapien überlegen zu sein, wiesen eine nur äußerst spärliche Studienlage auf. Die Qualität der Studien in diesem Bereich war oft unzureichend.
  • Mit am besten waren die Verhaltenstherapeutischen Psychotherapieformen untersucht, diese auch mit guten Ergebnissen, allerdings zumeist bezogen auf eine sehr spezielle Frage.

Inzwischen sind natürlich deutlich mehr Studien hinzugekommen und die methodische Qualität hat sich in vielen Bereichen deutlich verbessert, so dass inzwischen in einigen Fällen eine andere Einschätzung möglich ist.

Aus seinen Forschungsergebnissen entwickelte Grawe das Ziel, den Schulenstreit zu überwinden und die Grundlagen einer Allgemeinen Psychotherapie zu entwickeln. Deshalb beschäftigte er sich in seinen letzten 10 Lebensjahren bis 2005 intensiv mit der Entwicklung und empirischen Überprüfung der Grundlagen einer Psychologischen Psychotherapie, für die er die Besonderheiten der tiefenpsychologischen bzw. verhaltenstherapeutischen Ansätze herausarbeitete, (Stichwort Klärungs- bzw. bewältigungsorientierte Therapie), ihre gemeinsamen Wirkfaktoren extrahierte und als gemeinsame Grundlage seine Konsistenztheorie entwickelte, in die auch seine Schematheorie und schemaanalytische Fallkonzeption einfloss. Bis kurz vor seinem Tod arbeitete Grawe an der Validierung von fünf Wirkfaktoren, die therapieschulenübergreifend notwendige Voraussetzungen für das Gelingen von Psychotherapie sind. Er war absolut sicher, diese Faktoren empirisch nachprüfbar gefunden zu haben.

5 Wirkfaktoren der Psychotherapie nach Klaus Grawe

  • Therapeutische Beziehung: Die Qualität der Beziehung zwischen dem Psychotherapeuten und dem Patienten / Klienten trägt signifikant zu einem besseren oder schlechteren Therapieergebnis bei.
  • Ressourcenaktivierung: Die Eigenarten, die die Patienten in die Therapie mitbringen, werden als positive Ressource für das therapeutische Vorgehen genutzt. Das betrifft vorhandene motivationale Bereitschaften, Fähigkeiten und Interessen der Patienten.
  • Problemaktualisierung: Die Probleme, die in der Therapie verändert werden sollen, werden unmittelbar erfahrbar. Das kann z.B. dadurch geschehen, dass Therapeut und Klient reale Situationen aufsuchen, in denen die Probleme auftreten, oder dass sie durch besondere therapeutische Techniken wie intensives Erzählen, ImaginationsübungenRollenspiele o.ä. die Probleme erlebnismäßig aktualisieren.
  • Motivationale Klärung: Die Therapie fördert mit geeigneten Maßnahmen, dass der Patient ein klareres Bewusstsein der Determinanten (Ursprünge, Hintergründe, aufrechterhaltende Faktoren) seines problematischen Erlebens und Verhaltens gewinnt.
  • Problembewältigung: Die Behandlung unterstützt den Patienten mit bewährten problemspezifischen Maßnahmen (direkt oder indirekt) darin, positive Bewältigungserfahrungen im Umgang mit seinen Problemen zu machen.

Inwieweit diese fünf Wirkfaktoren der Psychotherapie nach Klaus Grawe nun tatsächlich den wirksamen Kern der Psychotherapie beschreiben, muss jeder für sich selber entscheiden. Ich selbst glaube, dass sie zu einem außerordentlich hohen Anteil eben dies tun: Sie beschreiben meiner Meinung nach tatsächlich schulenübergreifend zu einem erstaunlich großen Teil den wirksamen Kern der Psychotherapie. Daher ist es immer und bei jeder Psychotherapie sehr hilfreich und es diszipliniert das eigene Vorgehen, wenn man sich fragt, in welchem Maße eine Psychotherapie eben diese 5 Wirkfaktoren in welcher Art und Weise enthält. Das Fehlen eines Wirkfaktors würde für mich den Gedanken nahelegen, diesen auf die eine oder andere Art zusätzlich in die Therapie hineinzubringen.

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6 Gedanken zu “Die 5 Wirkfaktoren der Psychotherapie nach Klaus Grawe

  1. Ich finde die Evidenzbasierung von Grawe’s Psychotherapie sehr notwendig. Er hat damit das Fach wesentlich geprägt und durch seine Metaanalysen voran gebracht. Sehr innovativer Forscher: sein Wunsch nach einer „allgemeinen Psychotherapie“ wird sich bestimmt in den nächsten Jahren verwirklichen lassen (wenn auch gegen Widerstände!).

  2. Pingback: Funktioniert Psychotherapie? « R+V Blog

  3. Es gilt im Feld der Psychotherapie die ontologische und die epistemische Differenz anzuerkennen, auch um das Schisma einer Theorie-Praxis-Spaltung zu begreifen, die der Abwehr der Kliniker gegenüber der Forschung zugrunde liegt. In der neuen, sechsten Auflage des Handbook of Psychotherapy ans Behavior Change (Ed. Michael Lambert 2013) gibt es ein neues Kapitel zu diesem Schisma. Castonguay, Barkham, Lutz und McAleavey (in Lambert 2013, S. 85) bemerken zusammen mit anderen Wissenschaft-lern, dass die Psychotherapieforscher wenig Interesse an den täglichen Problemen und Nöten der Psychotherapiepraktiker und ihrer Klienten haben. Sie argumentieren überzeugend, dass sie einen „empirischen Imperialismus“ in vielen Programmen der Psychotherapieforschung entdecken können. Ist es nicht ähnlich wie in der katholischen Kirche? Alte unverheiratete Männer glauben über das Leben, die Sexualität und die Beziehung von Männern und Frauen entscheiden zu dürfen. Castonguay u.a. schreiben „…individuals who see very few clients per week decide what should be studied and how it should be investigated, to understand and facilitate the process of chance.“

    Klinische Leitlinien werden direkt aus der empirischen Literatur abgeleitet, wodurch dem empirischen Imperialismus der Forschung Tür und Tor des naturalistischen Fehlschlusses offen steht. Darüber hinaus stellt der empirische Imperialismus eine einseitige Top-down Strategie des Wissenstransfers dar, wonach von der gesellschaftlich anerkannten Höhe der Wissenschaft und Forschung Informationen selektiv und interessengeleitet nach unten transferiert werden, mit dem Ergebnis, dass keine echte praktische, d.h. auch normative Wissensbasis für psychologische Thera-pien erzeugt wird. Psychotherapieforscher wie z.B. Klaus Grawe informieren Praktiker über die Ergebnisse ihre Forschung und schreiben ihnen im Glauben an die Gewissheit und den Endzweck der Empirie, was sie für ihre Praxistätigkeit zu übernehmen haben, nämlich das, was sie aus ihrer bloß empirischen Forschung gelernt haben. Ob deshalb die fünf Wirkfaktoren der Psychotherapie nach Grawe tatsächlich die Wirksamkeit und die klinische Nützlichkeit/Praktikabilität der Pschotherapie beschreiben, ist freilich mit der Postulierung dieser Faktoren noch nicht entscheiden.

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