Level up your life

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Das mit dem Ziele setzen ist ja immer so eine Sache. Im Prinzip weiß man, wie wichtig es ist, sich konkrete Ziele zu setzen, aber praktisch tut man es dann doch nur Sylvester, und die Halbwertszeit dieser Ziele beträgt bekanntlich nur eine Woche.

In einem meiner Lieblingspodcasts, der Productivity Show von Asian Efficiency, ging es in der Folge 92: No more Underpants mit Steve Kamb um dessen Buch Level up your life, das mich auf neue Ideen gebracht hat.

Steve Kamb betreibt die absolut sehenswerte Seite Nerdfitness.com. Der Gedanke hinter Nerdfitness ist, dass man sein sportliches Trainingsprogramm im Prinzip so aufbauen kann, wie ein klassisches Rollenspiel am Computer: Da läuft es ja so: Du löst Quests, für die du Erfahrungs-Punkte bekommst. Wenn du einen großen Endgegner besiegst, bekommst Du besonders viele Punkte. Und alle 100 Punkte kannst du dich dann für ein besonderes Upgrade entscheiden, zum Beispiel ein mächtigeres Schwert. So siehst Du immer deine Fortschritte, bleibst motiviert und kannst immer komplexere Quests angehen.

Nerdfitness übersetzt dieselbe Mechanik ins reale Leben. Du bist dein eigener Spielmacher und legst deine eigenen Quests, deine eigenen Punktzahlen und deine eigenen Upgrades fest. Sehr lustig, schau dir das mal an.

Im nächsten Schritt sagt Kamb, dass man sich nicht nur für sein Fitness-Training, sondern eigentlich für sein ganzes Leben den Spaß gönnen sollte, es zu gamifizieren und sich statt der normalen to-do Aufgaben lieber spannende Quests auf dem Weg zum Level 60-Superhelden vorstellen sollte. Und man sollte auch Erfahrungs-Punkte zählen und sich mit etwas belohnen, das einem den nächsten Quest erleichtert. So sehe man seinen Fortschritt, und das motiviert nun wirklich besser. Das Leben sei ernst genug, da könne man so ein wenig Spaß in sein Leben bringen.

OK. Gute Idee. Nerdisch, VT-fundiert und produktivitätsassoziiert. Also habe ich das mal für meine Verhältnisse übersetzt und angepasst. Und das sieht dann so aus: Oben auf dem Bild seht ihr eine Bildschirmansicht meines Task-Management-Programmes Things. Ausgewählt ist der Bereich „Fitness“, einer von fünf Bereichen, in die ich alle meine Aufgaben, Projekte und Ziele einordne.

Es gibt nun sechs verschiedene Arten von Einträgen:

  1. Normale To-Do-Items: Zum Beispiel die in bestimmten Abständen wiederkehrenden Aufgaben „Wiegen“ oder „Laufband schmieren“.
  2. Quests: Das sind einmalige Herausforderungen, die man sich als Spielmacher seines Lebens selbst stellt, und denen man einen Punktwert zuordnet. Zum Beispiel: Vom „10-Meter-Brett springen: 20 Punkte“.
  3. Gute Gewohnheiten: Zum Beispiel „Pro gelaufenem Kilometer: 1 Punkt“.
  4. Meilensteine: Zum Beispiel „Langer Lauf über 27 KM: 50 statt 27 Punkte“
  5. Langfristige Ziele: „Ich laufe jedes Jahr den Köln-Marathon.“
  6. Ideen: „Ich könnte den Schwarzen Gürtel im Judo anstreben.“

Man geht dann so vor, dass man natürlich seine normalen To-Do-Items abarbeitet, für die es vielleicht manchmal, aber nicht immer einen Punkt gibt. Auf der gleichen Übersicht sieht man dann auch Quests, die man sich schließlich selbst aufgestellt hat, und wenn man Zeit und Lust hat, sucht man sich eins aus, zum Beispiel vom 5-Meter-Brett springen. Schafft man das, gibt man sich dafür Punkte. Ebenso behält man seine selbst aufgestellten Guten Gewohnheiten im Blick und gibt sich jedes Mal, wenn man einer Guten Gewohnheit nachgegangen ist, entsprechend viele Punkte. Das gleiche gilt für erreichte Meilensteine. Die Langfristigen Ziele kann man oft nicht mit Punkten belegen, weil sie abstrakt formuliert sein können.

Und auch in den anderen Bereichen kann man sich ja selbst ein Punkte-System basteln. Im Bereich Lernen habe ich zum Beispiel aufgeschrieben: „Einen Fachartikel gelesen: 1 Punkt“ und „Für jeden CME-Punkt: 1 Punkt“.

Wenn man dann 100 Punkte zusammen hat, erfüllt man sich einen Wunsch. Am besten realisiert man etwas, das es einem in Zukunft ermöglicht, neue Quests besser zu erledigen. Man könnte sich also zum Beispiel neue Laufschuhe kaufen. Den Punktwert zählt man lebenslang weiter rauf.

Ich selbst habe das spaßeshalber und aus Interesse mal begonnen und finde es unterhaltsam, interessant und – obwohl es etwas schräg anmutet – doch irgendwie gut. Es hilft mir, meine Ziele klarer zu formulieren. Meiner Erfahrung nach sind Ziele oft etwas nebulös. Meilensteine sind da schon viel konkreter; Gewohnheiten und Quests sind wirklich real und gut fassbar. Ich finde es auch hilfreich, alles in einer Ansicht zusammen zu sehen. So weiß ich, welchem Langfristigen Ziel ich mich annähere, wenn ich eine bestimmte Aufgabe erledige. Frei nach dem Motto: Wenn man nur lange genug in die richtige Richtung geht, ergibt sich das Ziel irgendwann schon ganz von alleine.

Ich bin jetzt bei 153 Punkten. Bei 10.000 Punkten kaufe ich mir einen Tesla.

Hilft ein Online-Training, Depressionen zu verhindern?

In letzter Zeit kommt ja endlich Bewegung in den weiten Bereich der Internet-gestützten Psychotherapie, namentlich, seit das e-health Gesetz dies explizit fördert (ich hatte hier darüber berichtet). Aber auch schon vor dem neuen Gesetz gab es einige herausragende Modellprojekte, die sich der internetbasierten Psychotherapie in Deutschland verschrieben hatten. Eines davon ist GET.ON, das aus dem wissenschaftlichen Bereich kommt und zunächst einen Schwerpunkt auf Training- und Information bei bestimmten psychischen Erkrankungen und Symptomkonstellationen hatte.

Die Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) berichtet nun in einer Pressemitteilung, dass sie zusammen mit anderen Universitäten mit der GET.ON Plattform eine Studie durchgeführt haben, die die Frage klären sollte, ob ein solches Online-Training das Auftreten einer Depression verhindern kann, bevor diese klinisch manifest wird; also quasi als Prävention dienen kann.

Methode

In die Studie seien 406 Probanden aufgenommen worden, die ein erhöhtes Risiko gehabt hätten, an einer Depression zu erkranken, die aber noch keine manifeste Depression entwickelt hätten.

Die Probanden seien randomisiert in zwei Gruppen aufgeteilt worden. Die Kontrollgruppe habe herkömmliche Anleitungen zur Vorbeugung von Depressionen in schriftlicher Form erhalten. Die Interventionsgruppe habe über sechs Wochen an einem Depressions-Präventions-Programm auf der GET.ON Plattform teilgenommen. Trainiert worden seien das „systematische Problemlösen“ sowie eine „Verhaltensaktivierung“. Im Training hätten die Teilnehmer jede Woche eine 30-60 minütigen Übungseinheit bestehend aus Videos, Texten und Aufgaben absolviert und seien angehalten worden, die Trainingsinhalte zwischen den Einheiten in ihrem Leben praktisch anzuwenden. Dabei seien sie durch einen Coach begleitet worden, mit dem sie online in Kontakt gestanden hätten.

Ergebnisse

Nach einem Jahr seinen alle Teilnehmer in einem diagnostischen Telefoninterview untersucht worden. Von den Probanden, die am GET.ON Programm teilgenommen hätten, seien 27 Prozent im Verlauf des Jahres an einer Depression erkrankten – gegenüber 41 Prozent aus der Kontrollgruppe ohne Online-Training. Ausgedrückt in der Maßeinheit „number needed to treat“ bedeutet das: Von sechs Personen, die an GET.ON teilnehmen, konnte bei einer Person eine neue depressive Erkrankung verhindert werden. Dies entspricht einer Senkung des relativen Risikos um 39 Prozent. Die Ergebnisse wurden im JAMA veröffentlicht.

Zusammenfassung des Studienleiters

Der Leiter der Studie, Dr. David Ebert vom Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der FAU, fasst das Ergebnis so zusammen:

“Mit der Studie konnten wir zeigen, dass GET.ON das Risiko für das Auftreten von Depressionen effektiv reduzieren kann. GET.ON bietet Menschen, die erste Beschwerden aufweisen, eine hoch wirksame, zugleich sehr flexible und obendrein kostengünstige Möglichkeit, einer behandlungsbedürftigen Depression erfolgreich vorzubeugen.“

Meine persönliche Beurteilung

Die Studie ist in zweierlei Hinsicht interessant.

  1. Zum einen wird hier der Versuch unternommen, so etwas wie die Prävention der Depression zu betreiben. Im Bereich der Psychosen gibt es ein ziemlich breit beforschtes paralleles Vorgehen, das unter dem Namen „Früherkennung“ läuft und hier auch einige, wenngleich im größeren Maßstab betrachtet eher bescheidene Erfolge feiert. Für das Krankheitsbild der Depression gibt es sicher auch einige Programme, aber bislang sind diese mit weit weniger öffentlicher Wahrnehmung belegt. Vielleicht liegen hier ja Chancen.
  2. Zum anderen ergibt sich eine recht große Effektstärke dieser zeitlich recht knapp bemessenen Online-Trainingsintervention. Wenn diese Effektstärke sich in weiteren Studien als realistisch erweist, würde dies zeigen, dass Online-Elemente ein wirksamer Bestandteil auch anderer Therapien oder Präventionen sein sollten.

Das Training findet sich hier auf der GET.ON Webseite, aktuell seien aber alle Plätze belegt.

Achtsamkeitsübungen

Man kann ja nie genug Achtsamkeitsübungen kennen. Das gilt für Psychologen und Psychiater in gleichem Maße. Und wie lernt man Achtsamkeitsübungen am besten kennen? Indem man sie einfach mal mitmacht.

Aus diesem schönen Grunde haben wir vor ein paar Wochen begonnen, montags in der Frühkonferenz jeweils eine Achtsamkeitsübung zu machen. Wir hatten schon:

  • Reihum erst Männervornamen, dann Frauenvornamen mit einem dem Alphabet folgenden ersten Buchstaben nennen, also Abraham, Bernd, Cäsar… (lustig)
  • Reihum von 200 jeweils 7 abziehen (lustiger)
  • Meine Lieblingsübung bislang: Ein rohes Ei auf dem Tisch zum Stehen bringen. Klappt nicht? Klappt doch:

Der Psychcast PC020 ist draußen. Thema: SEX

Podcasting darf alles: zum Thema Sexualpräferenz und sexuelle Präferenzstörungen

Auch im PsychCast Nr. 20 sprechen wir mal exakt und mal verschwommen über Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Wie immer spitzen wir zu, verdichten Fachwissen und schnacken dann wieder ein wenig off topic. Wie gehabt bieten wir keine Fortbildung, aber die Fortsetzung eines endlosen Dialoges über das, was uns neugierig macht. Denn: Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei (Art. 5 Absatz III GG).

Hier die wichtigsten Links zur Sendung: Prof. Klaus Beier über PädophilieProjekt “kein Täter werden”Studie: Ejaculate More, Have Less Prostate Cancer RiskViertausendhertz Podcasts

Die Folge findet ihr hier.

Über die Gravitationskraft von Zielen

Ich stelle mir Ziele manchmal wie große Sterne vor, zwischen denen ich als Astronaut in meinem Raumanzug so durch den Weltraum fliege.

Ziele geben, ebenso wie Sterne, eine Orientierung. Wo bin ich, wie weit bin ich von einem bestimmten Ziel entfernt, wie komme ich dem Ziel näher.

Und das schöne an feststehenden und klaren Zielen ist, dass ich mich jeden Tag neu an ihnen ausrichten kann. Wenn ein Ziel gestern auf meiner rechten Seite lag, und ein kleinerer oder größerer Weltraumsturm mich irgendwie weit abgetrieben hat, und das Ziel von gestern jetzt weiter weg, vorne links und etwas unten liegt, dann stört mich das überhaupt nicht. Ich richte mich einfach neu an dieser Zielrichtung aus und strebe es erneut an.

Auf diese Weise komme ich in tausend kleinen Iterationen immer näher an das Ziel heran, egal, wie viele Irritationen, Ablenkungen, Meteoritenstürme oder Raumzeitkrümmungen mich so durchs All schleudern. Erfahrungsgemäß sind die Strecken der Annäherung doch immer wieder größer als die Strecken der ungewollten Entfernungen. Jedenfalls bei wirklich klaren Zielen.

Und dann kommt noch etwas anderes hinzu: Wenn ich einem Ziel näher komme, ganz wie im Bild mit dem Planeten, dann spüre ich auch eine zunehmende Gravitation, die von diesem Ziel ausgeht. Es wird die letzten Tage vor Erreichen des Zieles immer leichter, nun auch noch die letzte Strecke zu schaffen, weil das Ziel in greifbarer Nähe ist und es hilft selbst auch durch seine eigene, magische Gravitationskraft.

Für mich werden Ziele solider, entwickeln eine größere Lenkungswirkung und auch eine größere eigene Gravitation, wenn ich sie mir aufschreibe und immer wieder über sie nachdenke.

Warum schreibe ich diesen für meinen blog ungewöhnlich prosaischen Text hier? Weil ich der festen Überzeugung bin, dass ein Element der Achtsamkeit im eigenen Leben ist, nicht nur ziellos durch den Weltraum zu treiben, sondern sich selbst Ziele zu setzen. Und weil ich immer wieder froh und dankbar bin, wenn ich ein Ziel erreiche. (Natürlich gibt es auch Ziele, die man kontinuierlich anstrebt und nie endgültig erreicht, und die sind genau so wichtig.)

Wie wichtig sind dir Ziele? Schreibst Du sie auf? Hast Du ein bestimmtes Ritual, einen bestimmten Platz oder ein bestimmtes Vorgehen, sie zu verfolgen? Wie sehen Ziele in Deiner Phantasie aus? Ab damit in die Kommentare!

Post Traumatic Growth

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TED-Talks sind immer inspirierend. Ich habe heute morgen diesen Talk von Regina Hartley gesehen, in dem sie beschreibt, warum man nicht unbedingt am besten denjenigen einstellt, der schon mit einem silbernen Löffel im Mund geboren worden ist, sondern vielleicht eher mal dem einen Job anbietet, der sich von Anfang an hat durchkämpfen müssen. Und der nicht aufgegeben hat, sondern trotz widriger Umstände seine Ziele verfolgt und erreicht hat. Sie selbst sei immer so eine Kämpferin gewesen. Guter Vortrag; wahrer Inhalt.

Besonders gefallen hat mir aber ein neuer Begriff, den ich in diesem Talk gehört habe: „Post Traumatic Growth“. Die wissenschaftliche Erforschung des von ihr beschriebenen Phänomens habe ergeben, dass Menschen, die sich besonderen Herausforderungen in ihrem Leben haben stellen müssen, daraus nicht selten eine ganz besondere Stärke gezogen hätten. So habe ein großer Teil der sehr erfolgreichen Unternehmenslenker, einschließlich des Heiligen Steve Jobs, eine Legastenie, eine Adoptionsgeschichte oder eine andere ziemlich schwere Herausforderung gehabt. Aber keiner der zukünftig erfolgreichen Menschen habe das Selbstbild gehabt, trotz dieser Herausforderungen erfolgreich geworden zu sein. Alle hätten das Selbstbild gehabt, wegen dieser Herausforderung das geworden zu sein, was sie geworden sind.

Es ist politisch ja nicht ganz korrekt, das Positive in solchen schweren Herausforderungen zu sehen. Aber es ist wahr, dass Menschen gearde aus der Überwindung solcher Herausforderungen eine ganz besondere Kraft ziehen können.

Post Traumatic Growth. Gefällt mir sehr gut.

Endlich: Die Video-Sprechstunde kommt in der Psychotherapie an!

Die Zukunft der Internet-Psychotherapie wird auf diesem blog ja immer wieder diskutiert, aber der große Durchbruch ließ bislang noch auf sich warten. Das lag zu einem großen Teil daran, dass die Berufsordnung für Ärzte unter §7 „Behandlungsgrundsätze und Verhaltensregeln“ als Satz 4 folgende Regelung trifft:

(4) Ärztinnen und Ärzte dürfen individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, nicht ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien durchführen. Auch bei telemedizinischen Verfahren ist zu gewährleisten, dass eine Ärztin oder ein Arzt die Patientin oder den Patienten unmittelbar behandelt.

Dies wurde bislang strikt so ausgelegt, dass Ärzte keine Psychotherapie per Videokonferenz, also beispielsweise per Skype, leisten durften.

Für Psychologen gibt es keine vergleichbare Regelung in deren Berufsordnung. Aber die Krankenkassen übernehmen die Kosten einer Psychotherapie in aller Regel nur, wenn bei der Behandlung Therapeut und Patient im gleichen Zimmer sitzen.

Es gibt einige zarte Pilotprojekte zu dem Thema, insbesondere Online-Angebote mit psychotherapeutischem Inhalt, die aber häufig eine asynchrone Kommunikation wie den Austausch per Email oder Online-Trainingseinheiten anbieten. Ein Pilotprojekt, in dem ein per Internet übertragenes Video-Gespräch zum Einsatz kommt, war mir in Deutschland bislang nicht bekannt.

Nun ist im Januar 2016 das neue e-Health-Gesetz in Kraft getreten. Dies regelt eine Modernisierung vieler Aspekte der elektronischen Kommunikation im Gesundheitswesen, beispielsweise, was alles auf der neuen Gesundheitskarte gespeichert wird und wie diese Daten gesichert werden. Ein Aspekt des e-Health-Gesetzes regelt aber auch die Telemedizin, und hier explizit auch Video-Sprechstunden. Hierzu heißt es auf der Seite des BMG:

Zur Förderung der Telemedizin wird die telekonsiliarische Befundbeurteilung von Röntgenaufnahmen ab April 2017 und die Online-Videosprechstunde ab Juli 2017 in die vertragsärztliche Versorgung aufgenommen werden. Das wird Patienten die Kontaktauf­nahme mit dem Arzt deutlich erleichtern, gerade bei Nachsorge- und Kontrollterminen.

YEAH !!!

Das ermöglicht dann endlich im Prinzip eine zumindest teilweise Durchführung von Psychotherapiegesprächen auch vermittels Video-Sprechstunden. Unnötig darauf hinzuweisen, welchen Vorteil man sich davon versprechen kann, insbesondere für mobilitätseingeschränkte Patienten und Patienten, die in einem psychotherapeutisch unterversorgten Gebiet wohnen und eine lange Anreise zum nächsten freien Psychotherapeuten hätten.

Ein erstes Modellprojekt

Die AOK Nordost hat nun mit 16 Ärzten am Institut für psychogene Erkrankungen in Berlin-Wedding ein mit der Berliner Ärztekammer abgestimmtes Pilotprojekt gestartet, dass die neue Möglichkeit genau so erprobt, wie es mir vernünftig erscheint. Die Patienten kommen zunächst zur genauen Diagnostik und Therapieplanung zum realen Termin in die Praxis. So lernen sich Therapeut und Patient offline kennen und können eine Beziehung zueinander aufbauen. Liegen die erforderlichen Voraussetzungen vor, können dann zukünftige Sitzungen zum Teil auch als Videokonferenz mit einem verschlüsselten Zugang durchgeführt werden. Natürlich wird nicht wirklich Skype verwendet, sondern ein anderes, gesichertes System. Einen sehr guten Artikel über das Projekt findet ihr hier, einen Artikel aus dem Ärzteblatt hier.

Ich darf mit besonderer Freude berichten, dass mein Freund und Mit-PsychCaster Alexander Kugelstadt einer der beteiligten Projektärzte ist. Ich verspreche, ihn bei der nächsten Folge nach seinen Erfahrungen zu fragen!

Von den Traumatisierten lernen: Der Westen braucht ein zweites Traumakonzept, um Flüchtlinge zu verstehen und ihnen zu helfen

Ich habe schon etwas länger überlegt, wie ich dieses Thema gut formulieren kann, aber eben gerade ist ein Zeit-Artikel veröffentlicht worden, der die Sache auf den Punkt bringt.
Die Autorin Annika Reich beschreibt in diesem Artikel sehr differenziert, warum der in der amerikanischen Gesellschaft geprägte Begriff der Posttraumatischen Belastungsstörung, der aktuell häufig im Zusammenhang mit Flüchtlingen aus Syrien und anderen Krisengebieten verwendet wird, nicht passend sein muss.

Der Begriff des Traumas und der Posttraumatischen Belastungsstörung wurde nach dem Vietnamkrieg für amerikanische Soldaten geprägt, die aus einer heilen Welt kamen, dann in eine traumatische Kriegssituation geschickt worden sind, und danach in eine heile und komplett sichere Welt zurückkehrten.

Dieses Konzept ist aber nicht unmodifiziert übertragbar auf viele der Flüchtlinge, Vertriebene und Menschen, die fortgesetzt Gefahren und Verfolgungen ausgesetzt sind.

Die Ausgangssituation ist eine komplett andere für einen Menschen, der noch kein bestätigtes Aufenthaltsrecht, keinen dauerhaften Wohnraum, keine Aussicht auf Arbeit und Lebensunterhalt hat. Und noch einmal ganz anders für Menschen, die damit rechnen müssen, dass ihre körperliche und psychische Unversehrtheit auch in Zukunft noch gefährdet sein wird.

Daher sind auch die Behandlungskonzepte, die für die amerikanischen Soldaten entwickelt worden sind und hier auch wirksam waren, nicht 1:1 übertragbar. Die Psychotherapiemethode der Imagination eines Sicheren Ortes mit dem Ziel der Distanzierung von traumatisierenden Erlebnissen ist für einen Menschen ohne geklärtes Aufenthaltsrecht kaum hilfreich.

Auch haben andere Kulturen oft ein anderes Verständnis von Trauma. Annika Reich beschreibt, dass in der afrikanischen Kultur traumatisierte Frauen weniger als Opfer und mehr als Überlebende konzeptualisiert werden, was eine andere Qualität heilsamer Ressourcen in den Vordergrund rückt. Auch spielt es in anderen Kulturen eine größere Rolle, Teil einer funktionierenden und schützenden Gemeinschaft zu sein, als dies im Westen der Fall ist.

Der Artikel ist mehr als lesenswert, ihr findet ihn hier.

Auch Menschen, die von den Terroranschlägen in Paris traumatisiert worden sind, sind in einer anderen Lage, als die amerikanischen Soldaten nach dem Vietnam-Krieg. Sie sind in einer Hinsicht in einer schlechteren Lage. Denn ihr Sicherheitsgefühl ist ja zu Recht erschüttert. Es kann tatsächlich niemand garantieren, dass der nächste Anschlag nicht schon geplant ist und kommen wird.

Das heißt natürlich nicht, dass man für Flüchtlinge, Verfolgte oder jetzt in Paris, Frankreich und der gesamten westlichen Welt erschütterte Menschen keine wirksame Psychotherapie anbieten kann.

Aber man muss anerkennen, dass die bisherigen Modelle nicht unverändert passen und nicht einfach übertragen werden können. Dies könnte in manchen Fällen sogar schaden. Statt dessen ist in jedem Einzelfall zu prüfen, welche Ressourcen dem jeweils Betroffenen Menschen wirklich helfen können.

Ich denke, dass wir Menschen aus der ersten Welt von Menschen aus der dritten Welt werden lernen können und lernen müssen, ein gewisses Gefühl der Unsicherheit zu akzeptieren und damit umzugehen. Und wir tun gut daran, neu zu überdenken, welche Behandlung zu welcher Zeit einem traumatisierten Menschen wirklich helfen kann.

Also: Lernen wir von den Traumatisierten Flüchtlingen, welcher Umgang ihnen hilft, sich wieder zu stabiliseren. Lernen wir von feministischen Aktivistinnen, die Qualität der Überlebenden hervorzuheben. Lernen wir von Afrikanerinnen und Afrikanern, den Wert einer Gemeinschaft, die zusammen hält, zu schätzen.

Wenn wir das von den Betroffenen gelernt haben, und wenn wir den Traumatisierten durch vernünftige Politik sichere Rahmenbedingungen geschaffen haben, dann können wir anfangen, mit einer neuen Psychotherapie zu helfen.

Buchempfehlung: Fettlogik überwinden

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Gerade gelesen: Fettlogik überwinden, von der Psychotherapeutin Dr. Nadja Hermann.

Das Buch räumt auf mit allen möglichen Fehlannahmen über das Abnehmen, was den Weg frei macht, (etwas verspätet in diesem Jahr) an die Bikini-Figur zu kommen.

Meine Lieblings Irrtümer:

  • Der Körper geht bei jeder Diät erst mal in einen „Hungermodus“. Tut er nicht. Nach einigen Tagen reduziert er den Grundumsatz um etwa 50 kcal pro Tag, aber das ist echt zu vernachlässigen.
  • Nur durch Sport nimmt man ab“. Nö. Durch weniger Essen als Verbrauchen nimmt man ab. Sport ist zwar gut für die Fitness, kann man aber komplett unabhängig vom Abnehmen betrachten. Die Autorin berichtet, sie habe mit 150 Kg angefangen, und im ersten halben Jahr nur 500 kcal pro Tag gegessen, und keinen Sport gemacht. Sie hat prima abgenommen. Danach hat sie mit Sport weiter gemacht… Merke: Das Six-Pack macht man in der Küche, nicht im Fitness-Studio.
  • Man muss wenigsten 1XXX kcal pro Tag essen, sonst yyyy“. Nein, muss man nicht. Man muss ein paar Proteine und ein paar Nährstoffe essen. Aber das ist kein Problem. Schon gar nicht oberhalb von 500 kcal pro Tag mit ein zwei ordentlichen Zutaten.
  • „Obst hilft beim Abnehmen“. Na ja, so wie 120 kcal für eine Banane und 80 kcal für einen Apfel halt helfen. Genau so viel wie ein Cornetto Nuss mit 200 kcal.
  • Heute hab ich eh schon gesündigt, da kommt es auf den Schoko-Pudding auch nicht mehr an“ ist genau so logisch wie: „Heute habe ich meinen Dispo eh schon mit den beiden Paar Schuhen ruiniert, da kommt es auf den Flachbild-Fernseher auch nicht mehr an. Kauf ich den auch noch.“
  • Ich fange morgen mit der Diät an, wenn ich alle Schokokekse vernichtet habe. Dann sind die Ausgangsbedingungen besser…“. …

Wer mehr über die Irrationalität unserer typischen Denkmuster lesen möchte und wem das Konzept des Abnehmens durch konsequentes Kalorien-Zählens nicht zuwider läuft, kauft das eBook hier:

http://www.amazon.de/dp/B00X01CRY8

Dr. Google

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Alexander und ich wollen die nächste Episode unseres PsychCasts zum Thema Medizin, Psychiatrie, Psychotherapie und das Internet machen. Neben der Tatsache, dass Patienten sich im Internet über ihre Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten informieren, gibt es ja auch einzelne Therapiemöglichkeiten im Netz. 

Habt ihr Ideen, Fragen, Vorschläge, die wir berücksichtigen sollten? Ideen? Anregungen? Dann schreibt sie hier gerne in die Kommentare!