LSD in der Psychotherapie? Ein Streitgespräch mit Peter Gasser und mir in der neuen „Gehirn und Geist“

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Die Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft begleitet mich schon seit dem Teenageralter durchs Leben. Als Student freute ich mich immer auf die neue Ausgabe, machte es mir gleich am Erscheinungstag mit einem schönen heißen Automaten-Kakao in der Uni-Bibliothek gemütlich und verlor mich in Artikeln über Zellbiologie, Primatenforschung und Milchstraßen. In den letzten Jahren las ich vor allem Magazine zu medizinischen und psychologischen Themen. Die Stärke der Hefte ist es, aktuelles Wissen spannend und wirklich gut lesbar zu präsentieren.

Ich bin daher ein bisschen stolz, dass in der aktuellen Ausgabe der Gehirn & Geist der Spektrum-Reihe ein mehrseitiges Streitgespräch zwischen dem Berner Psychiater Peter Gasser und mir erschienen ist. Wir diskutieren über die Chancen und Risiken des Einsatzes von Halluzinogenen wie LSD in der Psychotherapie. Gasser setzt bei ausgewählten Patienten LSD im Rahmen einer  tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie als „Psycholytische Therapie“ ein.  Er argumentiert, dass das Halluzinogen einen tieferen Einblick in unterbewußte Ängste ermöglicht.

Ich halte entgegen, dass dieser fragwürdigen und mystisch verklärten Idee eines Nutzens handfeste Risiken gegenüberstehen, die den Einsatz von LSD bei Psychotherapiepatienten nicht angemessen erscheinen lassen. Verdeckte Ängste kann man meiner Meinung nach mit etablierten Psychotherapieverfahren dosierter, sicherer und weniger dramatisch aufdecken und dann auch vernünftig bearbeiten.

Das Heft könnt ihr am gut sortierten Späti-Kiosk kaufen, in der Gehirn & Geist iPad App oder online hier.

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False Memory Kongress am 9.11.18 in Frankfurt

False Memory Deutschland  Arbeitsgemeinschaft falsche Missbrauchserinnerung 2018 09 13 09 57 58

Sexuellen Mißbrauch aufzudecken und zu bekämpfen sind extrem wichtige Aufgaben.

Aber es gibt auch eine andere Seite dieses Themas, eine Schattenseite, über die öffentlich nicht so viel berichtet wird. Es gibt auch „false memories“, falsche Erinnerungen an Ereignisse, die tatsächlich nicht stattgefunden haben. Diese false memories können beispielsweise induziert werden, wenn im Rahmen einer Psychotherapie gesagt wird: „Diese Art von Erkrankung muss durch einen sexuellen Mißbrauch in der Kindheit entstanden sein, Sie können sich nur nicht dran erinnern, weil sie es verdrängt haben“. Aber in vielen Fällen dieser Art hat eben gerade kein sexueller Mißbrauch vorgelegen. Je länger man versucht, diese Erlebnisse „an die Oberfläche zu holen“, desto stärker kann sich bei der Patientin / dem Patienten die Überzeugung etablieren, dass ein Mißbrauch vorgelegen hat, bis hin zu detaillierten Erinnerungen an tatsächlich nicht statt gehabte Ereignisse. Diese false memories können die betroffenen Familien extrem belasten, bis hin zu falschen strafrechtlichen Verurteilungen. 

Der Verein False Memory Deutschland hat es sich zur Aufgabe gemacht, auch diese Seite der Medaille zu beleuchten und wissenschaftlich zu untersuchen.

Am Freitag, den 9.11.2018 von 08:30-17:30 findet ein wissenschaftlicher Kongress zu diesem Thema statt, das Tagungsprogramm findet ihr hier.

Der PsychCast 068 Psychotherapie und Religiosität ist online!

Im 68. PsychCast quasseln wir über Religiosität und Psychotherapie – wie immer – ohne Experten genau dafür zu sein. Wir machen uns Gedanken, inwiefern Religion eine Ressource sein kann und die Resilienz steigert und in wieweit sie die “kollektive Zwangsneurose” ist, für die Freud sie hielt. (Übrigens, ja es heisst natürlich “Religiosität” und nicht “Religiösität”, die live-on-tape-Situation war mal wieder verantwortlich…) Viel Spaß beim Zuhören und Kommentieren!

Einige ausgewählte Studien / Artikel:

Metastudie: Religion fördert psychische Gesundheit

Religion, Spirituality, and Health: The Research and Clinical Implications

Religiosität und Psychiatrie von Dr. Raphael Bonelli

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Die Folge findet ihr hier: psychcast.de/pc068-psychotherapie-und-religiositaet/

Der neue PsychCast ist online: PC062 Spiele in der Kinderpsychotherapie: im Gespräch mit Dr. Robert Rossa

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Im 62. PsychCast spricht Alex mit Dr. Robert Rossa. Robert ist Diplom-Sozialpädagoge und sowohl in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie als auch in der Schulsozialarbeit tätig. Zusammen mit seiner Frau Julia entwickelte er zudem schon diverse Spiele und Materialien für die therapeutische Arbeit mit Kindern. Er hat mit mehreren Kollegen die Superhelden-Akademie gegründet, ein Sozial-Kompetenz-Training für Schulklassen, über das wir in dieser Folge auch sprechen.

Ausgangspunkt des Gesprächs sind Die Kunterbunts, ein Kartenspiel, das die Empathie bei Kindern fördert und sich emotionalen Zuständen anderer beschäftigt…

Außerdem sprechen Alex und er über das Spiel “Wenn Du ein Bonbon wärst…” von Robert und Julia, das den Einstieg in das therapeutische Reflektieren mit Kindern erleichtern kann.

Wir danken dem PsychCast-FREUNDESKREIS ganz herzlich!

Viel Spaß beim Reinhören!

Die Folge findet ihr hier.

PC059 „Gruppe ist großartig!“ ist online

Im 59. PsychCast sprechen wir über Psychotherapie in der Gruppe. Wir beschreiben, was uns an der Arbeit in Gruppen fasziniert und wie Gruppen gegen das Versorgungsengpass-Problem helfen können. Wir bereden Wirkfaktoren und Hürden von Gruppen und versuchen zusammenzufassen, welche Chancen Gruppen für Patienten darstellen. Heute geht es explizit nicht um einzelne gruppentherapeutische Verfahren, sondern Gruppenbehandlungen in der Psychiatrie und Psychosomatik im Allgemeinen!

Wir sprechen unter anderem über den “besten Gruppenpsychotherapeuten der Welt” Irvin Yalom. Dies ist sein Gruppentherapie-Standardwerk Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie.

Viel Spaß und großen Dank unserem wachsenden PsychCast-Freundeskreis!

Die Folge findet ihr hier.

Eine neue PsychCast-Folge ist online! PC051: Better call PsychCast

In der 51 Episode beantworten wir eure Fragen, und zwar eine ganze Reihe davon. Vielen Dank für die aktive Mitarbeit an der Folge und viel Spaß beim Zuhören!

Shownotes:

Von den Schimpansen entschieden sich eindrucksvolle 72 Prozent dafür, länger auf die größere Belohnung zu warten. Und die Studenten? Nur zu 19 Prozent.153 153 Rosati, A. G., J. R. Stevens, B. Hare, M. D. Hauser: »The Evolutionary Origins of Human Patience. Temporal Preferences in Chimpanzees, Bonobos, Human Adults«. In: Current Biology 17 (2007), 1663 –1668.

Hier findest Du sie: http://psychcast.de/pc051-better-call-psychcast/

Vetokompetenz oder Die Kunst des wirksamen Einspruchs

Als Psychiater hat man ja zum Glück nicht so oft mit Reanimationen zu tun. Na ja, so ein bis zwei pro Jahr hat man aber doch… Normalerweise läuft ja alles ungefähr so, wie man es in den Megacode-Trainings lernt, und als Psychiater muss man eigentlich auch nur die fünf Minuten überbrücken, bis der Notarzt kommt. Aber auch diese fünf Minuten können sehr lang werden.

Vor einigen Jahren kam ich – ich war damals Oberarzt – zu einer Reanimation dazu, die schon von einer anderen Oberärztin begonnen worden war. Zwei Pflegekräfte führten bereits die Herzdruck-Massage durch und die Oberärztin versuchte, den Patienten zu intubieren. Aus welchem Grund auch immer, genau das gelang ihr über einen quälend langen Zeitraum nicht. Der Patient war schon blau im Gesicht, und der Tubus wollte und wollte einfach nicht seinen Weg in die Luftröhre des Patienten finden. Nun sind Psychiater beim Intubieren typischerweise nicht so gut in Übung, weil das schließlich so selten vorkommt. Daher hatten wir neben den normalen Schnorcheln auch sogenannte Larynx-Tuben im Notfall-Koffer. Die sind viel einfacher zu setzen und tun für die Reanimation genau so gute Dienste. Nachdem ich mich eine kurze Zeit bei der Reanimation ein wenig nützlich gemacht hatte, war mir zunehmend klar, dass die Intubation einfach nicht klappte und ein Larynx-Tubus vielleicht rasch die Lösung bringen würde.
Auf meine höfliche Art sagte ich also so etwas wie: „Verzeihung Fr. Dr. X, vielleicht ginge es mit einem Larynx-Tubus besser…“
Woraufhin mir Fr. Dr. X antwortete: „Ich kann viel besser mit dem normalen Tubus intubieren und das mache ich jetzt gerade mal hier fertig!“
Daraufhin schaute ich betreten zu, wie der Patient immer blauer und blauer wurde, aber der Tubus sich einfach nicht legen lassen wollte.
Ich versuchte es noch einmal höflich mit: „Soll ich mal versuchen?“, was Fr. Dr. X mit einem energischen „Ich bin jahrelang Notarzt gefahren, ich kann intubieren.“ beantwortete.
Wusste ich Bescheid. Der Tubus lag immer noch nicht. Zum Glück kam dann der schon zu Beginn herbeigerufene Notarzt, übernahm, legte innerhalb von gefühlten 3 Sekunden den Tubus und die Reanimation gelang letztendlich.
Das war ein Beispiel für eine schlechte Vetokompetenz meinerseits.

Ich habe den Begriff der Vetokompetenz im wirklich sehr guten, gerade neu erschienenen Script „Faktor Mensch“ gelesen und sogleich dankbar in meinen aktiven Wortschatz übernommen.

Vetokompetenz bedeutet, dass es nicht reicht, mit fiepsiger Stimme irgendetwas vor sich hin zu nuscheln, und dann innerlich beruhigt zu sein, dass man es ja gesagt hat. Man muss schon sicherstellen, dass das Gesagte beim Angesprochenen auch ankommt und verarbeitet wird. Mein Freund Stefan hat in unserem PsychCast über die Human Factors zum Thema Kommunikation im Cockpit das gleiche Konzept beschrieben.

Ein ordentlicher Einspruch hat diese Komponenten:

  1. Direktes Ansprechen mit Namen
  2. Beschreiben, was ich als Problem erkannt habe
  3. Einen konkreten Lösungsvorschlag machen
  4. Den Angesprochenen fragen, was er davon hält

Das würde in meinem Beispiel etwa so geklungen haben:

„(1.) Fr. Dr. X, 

(2.) ich sehe, dass die Intubation mit dem normalen Tubus nicht problemlos gelingt, der Patient ist aber schon deutlich zyanotisch.

(3.) Ich schlage vor, dass Sie es mit dem Larynx-Tubus versuchen, den habe ich hier (anreichen des Larynx-Tubus).

(4.) Wollen Sie das einmal versuchen?“

Diese Formulierung führt dazu, dass der Angesprochene gar nicht anders kann, als sich aktiv mit dem Vorschlag auseinanderzusetzen. Und wenn er nicht reagiert, muss man ihn halt so lange weiter zu einer Reaktion auffordern, bis er was dazu sagt. Er muss den Vorschlag natürlich nicht annehmen, aber dann könnte er seine Ablehnung ganz gerne auch kurz begründen. Ein so vorgetragener Einspruch ist viel wirksamer.

Also: Übt euch bei der nächsten Gelegenheit in der Kunst des wirksamen Einspruchs!

Kurzfassung der Leitlinie Unipolare Depression erschienen

Das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin hat eine Kurzfassung der Leitlinie „Unipolare Depression“ veröffentlicht.Voila_Capture 2017-05-30_08-16-43_AM

Die Kurzfassung gibt einen gut zugänglichen Überblick zu den Empfehlungen zu Diagnostik und Therapie der Leitlinie Unipolare Depression.

Die Inhalte an sich sind natürlich nicht neu, aber die Aufarbeitung ist wirklich sehr praxisnah gelungen. Die folgende Diashow zeigt euch einige Ausschnitte aus der Kurzfassung, um euch auf den Geschmack zu bringen:

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Das PDF könnt ihr hier laden:

http://www.aezq.de/mdb/downloads/nvl/depression/depression-2aufl-vers1-kurz.pdf

„Psychotraumatologie“ von Dr. Thorsten Heedt

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Ich bin ein bekennender Freund der „griffbereit“-Reihe des Schattauer-Verlages. Die „griffbereit“-Bücher stellen den klinisch relevanten Teil eines medizinischen Wissensgebietes so dar, dass man ihn praktisch wirklich anwenden kann. Die Bücher sind kompakt, so dass sie nicht nur theoretisch, sondern wirklich in die Kitteltasche passen und die Erklärungen sind jeweils gut verständlich.

In dieser Reihe ist nun das Buch „Psychotraumatologie: Traumafolgestörungen und ihre Behandlungen“ von Dr. Thorsten Heedt erschienen. Gerade dem Thema Psychotraumatologie tut der Ansatz gut, das Gebiet aus der Sicht des Praktikers darzustellen und konkrete Handlungsempfehlungen zu geben. Dabei ist das Buch von Dr. Heedt theoretisch sehr gut fundiert und stellt am Ende des Kapitels jeweils ausführliche Quellenangaben zur Vertiefung der dargestellten Inhalte zur Verfügung.

Das Buch schafft es hervorragend, den ja wirklich komplexen Stoff des Bereiches Psychotraumatologie mithilfe klarer Sprache und anschaulicher Bilder („Dissoziation ist gewissermaßen die krankhafte Variante des Tagträumens…„) sehr eindrucksvoll zu vermitteln. Ich kann es jedem Interessierten wirklich sehr empfehlen.

Das Buch findet ihr bei Amazon hier.

Mein letztes Gruppen-Psychotherapie-Seminar oder „Eine Geisterbahnfahrt durch die Klischees der Psychotherapie“

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Bild: Historischer Jahrmarkt Pützchen. © Axel Kirch / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Learning by doing klappt in der Psychotherapie meistens ganz gut. Wenn ich eine Psychotherapiemethode lernen will, ist es in aller Regel das Beste, mal ein Seminar zu belegen, in dem diese Technik angewendet wird. Insofern ist es eigentlich ganz gut, hin und wieder auf ein Seminar zu gehen, um was zu lernen. Allerdings gibt es im großen Wald der Psycho-Seminare ein mehr als buntes Angebot, und nicht alle sind gut. Ich hatte vor ein paar Wochen Pech. Ich habe mich in ein Coaching-Seminar eingebuchtet, über das ich von Freunden nur das Beste gehört hatte. Total intensiv sei das, bringe echt viel, sei super inspirierend. Ich also mal gebucht.

Auftakt

In der ersten Stunde wußte ich zunächst nicht, ob ich in einer amerikanischen Erleuchtungs-Show vom örtlichen Fernsehprediger oder in einer Psycho-Sache gelandet war. Im Raum fanden sich zwei „Trainer“, ungefähr vier vom „Management“, gut acht „Assistenten“, ungefähr zehn „Gäste“ und die schätzungsweise 100 zahlenden Teilnehmer.

Der Einzug der Trainer erfolgte unter frenetischem Beifall der zehn „Gäste“, die die Sache schon mal gemacht hatten und jetzt dabei waren, ohne sich beteiligen zu dürfen, die aber bestimmte choreografische Aufgaben zu erfüllen hatten; insbesondere hatten sie Jubel und Begeisterung zu verströmen. Ich hab wie alle anderen mal verhalten mitgeklatscht, hätte mich aber auch nicht beschwert, wenn ich zuerst gesehen hätte, was denn hier zu beklatschen ist.

Einheizen

In den folgenden Stunden am Freitag zwischen 17:00 und 23:50 wurde uns erklärt, dass wir alle eine schlimme Erfahrung in der Kindheit gemacht hätten, aus der wir uns ein falsches Selbstbild mit Vorwürfen gegen uns und andere gemacht hätten. Der erste Teilnehmer erzählte seine Geschichte. Die „Trainer“ fragten mit „Ja/Nein“-Fragen einige Minuten nach, dann war klar, was bei diesem Teilnehmer falsch lief. Der Abend endete mit einer halbstündigen Diskussion, ob man seine Wasserflaschen mit an seinen Platz nehmen dürfe. Die Trainer luden uns ein, dies nicht zu tun. Großer Protest bei einigen Teilnehmern. Wurde von den Trainern analysiert: „Kennst Du das, dass Du so voll in den Widerstand gehst? Ja, und wer zahlt den Preis? Du!

Wir sollten über Nacht schon mal überlegen, was uns in der Kindheit aus der Bahn gebracht hatte, würden wir noch brauchen.

Samstag morgen

Am nächsten Tag durften einzelne aufstehen, bekamen ein Mikro, erzählten ihre Geschichte und die Trainer teilten sie in kurzen Gesprächen auf Teufel-komm-raus in eine von sieben Kategorien ein: „Ich bin nicht liebenswert„, „Ich kann nichts„, „Ich bin anders als die anderen„, so Sachen.

Man merkte schon, dass unter den Teilnehmern Persönlichkeitsstrukturen in allen Varianten, Farben und Ausprägungen vertreten waren. Auch merkte man, dass nicht alle gleich stabil waren.

Nach der Mittagspause würden wir dann die falschen Vorwürfe von uns werfen und dann stünde einem „Leben in Fülle, Liebe und Ekstase“ nichts mehr im Wege. Also für Ekstase am Samstag Nachmittag bin ich eigentlich immer zu haben.

Zum Mittagessen gab es schon mal Salat in Fülle, ich wußte bislang gar nicht, was man aus Kürbis alles machen kann.

Der Nachmittag…

Danach wurden wir „eingeladen„, eine Meditation zu machen. Es fing ganz normal an mit Zimmerspringbrunnenmusik, atmen, in die Zehen reinfühlen, ich war ganz entspannt. Und dann, ohne weitere Vorwarnung, wechselte die Musik auf eine finstere Orgelmusik in Moll und wir sollten uns vorstellen, wir seien wieder Kind und sollten mal die Kellertreppe hinuntergehen. Was war noch mal diese schlimme Kindheitserinnerung, die uns so tief getroffen hatte, dass unser ganzes Leben sich daraus schlecht entwickelt hatte? Die ersten Teilnehmer fingen an zu weinen. „Bitte jetzt ganz bildhaft vorstellen!“ Eine Teilnehmerin schrie an dieser Stelle über eine Minute lang so laut, dass drei Assistenten sie rausbringen mussten. Die anderen sollten aber ganz entspannt weitermachen. Ach ja, jetzt sollte man das alles hinter sich im Keller lassen und befreit rauskommen. Füße kreisen, aufwachen. Das war dann auch der Moment, in dem ich aufgestanden bin, mein Namensschild abgegeben habe und das Seminar endgültig verlassen habe.

Was in dieser Gruppen-Chause unter anderem ganz falsch gelaufen ist

  • Erfreulicherweise funktionieren nicht alle Menschen nach dem gleichen Schema. Es gibt unzweifelhaft Menschen, auf die das Schema: „Traumatische Kindheitserinnerung – dysfunktionales Selbstbild – dysfunktionale Beziehungen heute – reduzierte Lebensfreude“ zutrifft. Und die können möglicherweise nach angemessener Vorbereitung die dysfunktionalen Fehlannahmen über Bord werfen und dann wieder glücklicher werden. Aber das gilt halt nicht für jeden.
  • Erlebnis-aktivierende Übungen, wie meinem Gegenüber 5 Minuten unverwandt in die Augen zu gucken (gleich zum Warmwerden am ersten Tag), schwierige Konflikte zu erzählen (erster und zweiter Tag), kann man machen, muss aber wissen, dass das für manche auch zu viel sein kann. Daher muss man es dosieren. Das geht aber nicht, wenn man mit 100 Leuten zu tun hat, die man kaum kennt.
  • Unvorbereitet in einer auch mir harmlos erscheinenden Meditation dann plötzlich das große „Jetzt konfrontiere Dich mit dem Schlimmsten, was dir je passiert ist, wirf dann alles über Bord und sei erlöst“ durchziehen zu wollen, liegt auf der Grenze zwischen fahrlässig und bösartig. Kein Wunder, dass das einige völlig überfordert hat, und den anderen wahrscheinlich kaum geholfen hat.
  • Ach und der ganze Rest…

Meine Beurteilung

Insgesamt habe ich mich wie auf einer Geisterbahn der Psychotherapie gefühlt. 100 Leute (die jeweils 600 € gezahlt hatten, macht also schon mal 60.000 €), wurden in eine Gondel gesetzt und an klassischen Therapieelementen vorbeigefahren, ob das jetzt auch nur im geringsten passte oder nicht. Die wirkstärksten Elemente wurden besonders falsch und alle ohne angemessene Vorbereitung oder passendes Ziel eingesetzt. Hauptsache „intensiv„. Fahrtrichtung: Einmal durchs dunkle Tal, alles von sich werfen, dann für immer frei und Ekstase.

Dieses Gruppen-Seminar war eine Geisterbahn-Fahrt. Es gibt auch gute Seminare; dies war schlecht. Aber wenn Du meine Meinung hören willst: Buch im Zweifel kein Großgruppen-Seminar. Es ist zu wahrscheinlich, dass das eine Geisterbahnfahrt wird. Buch dir lieber mit dem gleichen Geld sechs Stunden Einzel-Coaching. Dann fährst du praktisch mit dem Taxi, ganz individuell, von da, wo du stehst, dahin, wo du hinwillst.

Ich hatte von Samstag Abend bis Sonntag dann ja frei. So bin ich einfach in die Hotel-Sauna gegangen. Das war mit Sicherheit wesentlich besser und gesünder für meine Psyche…