Tiaprid

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Bild von Edgar181 • Public domain

Tiaprid

Ich habe seit mindestens zwei Jahren den festen Vorsatz, mal einen post über Tiaprid zu schreiben. Es gibt eine weit verbreitete Unsicherheit, was man sich von Tiaprid so erwarten darf. Gerade habe ich eine email von Simone aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie erhalten, die schreibt:

Wir verwenden Tiaprid in der KJP bei Ticstörungen, ich bin aber bisher nicht so richtig überzeugt davon. Laut Leitlinie ist es aber Mittel der 1. Wahl.

Ich habe daher mal eine typische Recherche begonnen, und aus der deutschen Wikipedia, der englischen Wikipedia, der Packungsbeilage, der Fachinfo und den Beschreibungen im Buch „Praktische Psychopharmakotherapie“ von Laux meine persönliche Zusammenfassung extrahiert:

Zusammenfassung

Tiaprid ist ein Antihyperkinetikum, das bei Tardiven Dyskinesien, Tics und Überbeweglichkeiten bei Chorea-Huntington eingesetzt wird. Darüber hinaus dämpft es verlässlich die vegetative Entzugssymptomatik im Alkoholentzug. Es gilt als nebenwirkungsarm. Obwohl es chemisch und pharmakologisch zu den typischen Neuroleptika zählt, hat es praktisch keine antipsychotische Wirkung.

Pharmakologie

Tiapridex gehört chemisch zu den Benzamiden wie Sulpirid und Amisulprid. Es blockiert selektiv die Dopamin-D2 und Dopamin D3-Rezeptoren. Es hat keine wesentliche anticholinerge oder antihistaminerge Wirkung, daher sediert es kaum.

In typischen Dosierungen wirkt es vorwiegend im Limbischen Systems und weit weniger im Striatum. Da die typischen EPMS als Folge der Dopaminblockade im Striatum auftreten, hat Tiaprid, das hier wenig aktiv ist, diese Nebenwirkung weit seltener und kann daher auch zur Therapie von Bewegungsstörungen eingesetzt werden.

Seine Plasmahalbwertzeit beträgt 2,9-3,6 Stunden. Es wird nicht über die Leber metabolisiert, so dass es auch bei Patienten mit Leberfunktionsstörungen sicher eingesetzt werden kann.

Klinischer Einsatz

  • Tardive Dyskinesien: Hierfür ist Tiaprid offiziell zugelassen. Tardive Dyskinesien vor allem im Mundbereich können sehr hartnäckig sein. Sie können als Folge des längeren Einsatzes typischer Neuroleptika entstehen. Selbst nach vollständigem Absetzen der Neuroleptika können bei manchen Patienten Residuen dieser Dyskinesien verbleiben. Tiaprid kann diese Symptome reduzieren. Die empfohlene Dosis bei Erwachsenen beträgt laut Fachinfo 100-100-100 bis 200-200-200 mg. Eine Wirkung ist etwa nach sechs Wochen zu erwarten.
  • Bewegungsstörungen im Rahmen einer Chorea-Huntington: Tiaprid wird hier gegen die wurmartigen Überbewegungen gegeben. In dieser Indikation werden 100-100-100 mg bis zu 200-200-200-200-200 mg empfohlen.
  • Im Alkoholentzug: Hierfür gibt es keine offizielle Indikation, aber Tiaprid wird sehr häufig gegen die vegetativen Symptome im Alkoholentzug gegeben. Es hilft beispielsweise gegen die Unruhe, Rastlosigkeit, das Schwitzen und die Tachykardie im Entzug. Typisch ist die Kombination mit Carbamazepin, wie zum Beispiel beim Bernburg-Schema. Tiaprid kann auch intramuskulär oder intravenös verabreicht werden, was zu einer zügigen Linderung vegetativer Entzugsbeschwerden führt.
  • Motorische und vokale Tics beim Tourette-Syndrom: In dieser Indikation sei es laut Leitlinie Therapie der ersten Wahl.
  • Extrapyramidale Bewegungsstörungen: Da Tiaprid relativ wenig im Striatum bindet, verursacht es selbst kaum EPMS, eignet sich aber zur Therapie mancher Symptome, der Literatur nach durch eine Blockierung übermäßig sensitiver Dopaminrezeptoren.
  • Zur Therapie von Agitation und Aggressivität: Hierfür ist es besonders gut geeignet, da es vornehmlich im limbischen System wirkt.

Nebenwirkungen

  • Tiaprid kann die QTc-Zeit verlängern. Entsprechende EKG-Kontrollen und Vorsichtsmaßnahmen sind daher erforderlich.
  • Wie alle Dopaminantagonisten kann Tiaprid eine Hyperprolaktinämie verursachen, weswegen es von einigen Autoren nicht für die Verwendung bei Kindern und Jugendlichen empfohlen wird.
  • Der FDA wurden Fälle von Rhabdomyolyse gemeldet.

Mein persönliches Fazit

In typischen Dosierungen blockiert Tiaprid bevorzugt im limbischen System Dopamin-D2 und Dopamin-D3 Rezeptoren. Das Striatum, das mit Bewegungsstörungen assoziiert ist, lässt es vergleichsweise in Ruhe.

Ich verwende Tiaprid gerne in Kombination mit Carbamazepin im Alkoholentzug. Bei tardiven Dyskinesien, Tics und Überbeweglichkeit bei Chorea-Huntington hat es ebenfalls einen fest etablierten Platz.

Lediglich zur Behandlung von EPMS habe ich selbst keine überzeugenden eigenen Erfahrungen gemacht. Wenn ein Patient unter erheblichen EPMS leidet, sollte man meiner Meinung nach immer einen Weg finden, das verursachende Neuroleptikum in der Dosis zu reduzieren oder umzustellen.

Eure Erfahrungen?

Welche Erfahrungen habt ihr mit Tiaprid gemacht? Wann setzt ihr (Behandler) es ein, wie hat es euch (Behandelten) geholfen? Schreibt eure Beobachtungen in die Kommentare!

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5 Gedanken zu “Tiaprid

  1. Ich habe es mit 12 oder 13 Jahren aufgrund meiner Tics bekommen (die ich heute eher als Teil des Autismus sehe, Stichwort Stereotypen, aber das ist ein anderes Thema). Leider bewirkte es bei mir das Gegenteil dessen was es sollte, während ich vorher nämlich vornehmlich deshalb unter den „Tics“ gelitten habe weil meine Umwelt sie bemerkte und mir ständig gesagt hat wie schrecklich das alles ist, ich die Bewegungen aber an sich als angenehm empfand, habe ich mit Tiaprid vollkommen die Kontrolle über meine Bewegungen verloren. Mein Arm zuckte ständig weg, unkontrollierbar und aus einem für mich selbst nicht unangenehmen Kopfzucken wurde ein sekündliches Bewegen, das sich mir in einer Weise aufzwang, die ich vorher nicht kannte. Ich konnte nichts dagegen machen und konnte nicht einmal mehr aus einem Glas trinken – selbst wenn mein Arm nicht weggezuckt wäre, war da ja noch der Kopf… Unwillkürliche Armbewegungen gehörten vorher dabei übrigens gar nicht zu meinem Störungsbild. Dazu war ich sehr benommen, nur begrenzt kommunikationsfähig und habe nach 3 Tagen auf sehr heftige Weise das Absetzen erzwungen. Es war vollkommen unerträglich.

    Damals dachte ich, es würde sich um Ritalin handeln und sei dazu da herauszufinden, ob ich ADHS habe; dass dem nicht so war, habe ich erst vor 2 Jahren im Rahmen der Autismusdiagnostik erfahren, als ich mir die alten Arztberichte von damals habe schicken lassen… interessant fand ich aber, dass es doch gut zu meinen späteren Erfahrungen mit Psychopharmaka passt: Ich nehme nur die Nebenwirkungen mit.

    • Oh je, das klingt ja furchtbar! Man könnte es vielleicht eine paradoxe Reaktion auf Tisprid nennen, oder? Es tritt also genau das Gegenteil der üblichen und erwarteten Wirkung ein. Beeindruckend, wie stark diese Reaktion auf Tiaprid bei Dir war. Vielen Dank für Deinen Erfahrungsbericht!

  2. Hallo, ich bedanke mich für die Info,
    ich arbeite als Homöopathin und bei einem kürzlich besuchten Krebsseminar kam auch ein
    Rhabdomyosarkom zur Sprache welches sie entwickelte infolge des Medikamentes. Die Patientin bekam wohl AZIATIAPRIN als Rheumatherapie.
    Ich bin nun in der Toxikologie, Pharma….. überhaupt nicht bewandert und habe mich einfach mal auf die Suche gemacht. Nun schreiben sie, das: Der FDA wurden Fälle von Rhabdomyolyse gemeldet,
    wo kann man das nachlesen? Was ist FDA, gibt es sowas auch für Deutschland?
    Ich würde mich sehr über Hilfe freuen wenn sie mir eine Mail schicken möchten? jansen-monika@gmx.de, aber bitte als Absender irgendwas mit Tiaprin, ansonsten lösche ich Mails von mir Unbekannten.
    vielen Dank

  3. Hallo miteinander,
    mir wurde Tiaprid in Kombination mit Propranolol gegen einen isolierten Kopftremor verschrieben, der früher nur dezent bei emotionaler Anspannung auftrat und sich nach spontaner Ruptur eines bis dahin unentdeckten Hirnaneurysmas mit ausgeprägter SAB (Hunt & Hess III), Ventrikeleinbruch und anschließendem Clipping soweit verstärkt hatte, dass eine medikamentöse Therapie notwendig wurde.

    Ich nehme es seit Anfang 2012 in sehr geringer Dosierung (25 mg/täglich – optional bis 50 mg/tgl.) und vertrage es problemlos. Zusätzlich, wie gesagt, 2x 20 mg/tgl. Propranolol (Dociton) kombiniert mit einem Blutdrucksenker (Ramipril). Der Tremor ist so weit gedämpft, dass er im Alltag praktisch nicht mehr wahrnehmbar ist. Lasse ich das Tiaprid weg, was ich auch mal versucht habe, verstärkt er sich wieder unabhängig von dem eingesetzten Betablocker. Daher nehme ich es regelmäßig weiter und bin insgesamt froh, dass ich angesichts obiger Umstände vergleichsweise glimpflich davongekommen bin.
    Falls Sie noch Fragen haben, mailen Sie mich ruhig an.

  4. Pingback: Die zweite Auflage von Psychopharmakotherapie griffbereit ist erschienen ! | Psychiatrie to go

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