Grenzwerte der QTc-Zeit

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Inzwischen weiß wohl jeder Psychiater, dass er auf die QTc-Zeit im EKG achten muss. Es gibt Medikamente, die die Erregungsausbreitung im Herzen verlangsamen können und im schlimmsten Fall eine tödliche Herzrhythmusstörung auslösen können. Ob und in welchem Maße dieses Problem auftritt, kann man im EKG anhand der QTc-Zeit ablesen. Einen ausführlichen post dazu habe ich hier geschrieben.

Ich bereite gerade einen Vortrag für das Forum für medizinische Fortbildungen im Sommer vor, und habe die wichtigsten take-home-messages zur QTc-Zeit auf Folien zusammengestellt.

Die QTc- Zeit ist kritisch, wenn sie

  • bei Männern > 450 ms beträgt
  • bei Frauen > 470 ms beträgt
  • unter der Medikation um 60 ms oder mehr angestiegen ist.

Ich habe auch noch zwei Folien erstellt, die für die Gruppe der Antidepressiva und der Antipsychotika jeweils drei unkritische, mittelmäßig verdächtige und kritische Medikamente nennt.

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Ich habe die Folien hier hochgeladen; wer sie für Fortbildungsveranstaltungen verwenden will, darf das gerne tun, unter Hinweis auf die Quelle.

Die Verzweiflung des Therapeuten ist keine Indikation für ein Neuroleptikum

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Damit wir uns nicht falsch verstehen: Psychotische Zustände aller Art sind natürlich eine klare Indikation für ein Neuroleptikum, und ich bin froh und dankbar, dass es zur Behandlung von Psychosen, von wahnhaften Depressionen, Delirien und anderen Erkrankungen mit psychotischen Symptomen Neuroleptika gibt und ich verschreibe Neuroleptika in dieser Indikation natürlich.
Und es gibt auch Indikationen jenseits eindeutig psychotischer Symptome für den Einsatz von Neuroleptika. So haben sie ihre Existenzberechtigung in der Therapie von ganz bestimmten Impulskontrollstörungen. Und ja, sie können bei Gedankengrübeln im Rahmen schwerer Depressionen eine auflockernde Wirkung haben.
Aber so wirksam sie bei psychotischen Erkrankungen sind; Wundermittel sind die Neuroleptika nun unzweifelhaft auch nicht. Es gibt viele Situationen, in denen man sich ein wirkstarkes Medikament wünscht, aber keines zur Verfügung hat. Dann hilft aber auch der Griff zum Neuroleptikum nichts.

Typische Beispiele sind:

  • Borderline-PatientInnen ohne psychotische Symptome erhalten oft ein mittelpotentes Neuroleptikum. Dies sediert und wird daher von den PatientInnen selbst nicht selten als angenehm empfunden. Für die über die Sedierung hinausgehende neuroleptische Komponente gibt es aber keine Indikation und meiner Einschätzung nach bewirkt sie auch keine Abnahme von Anspannung, Dissoziation, selbstverletzendem Verhalten oder anderen Borderline-typischen Symptomen. So schön das auch wäre.
  • Neuroleptika bewirken auch keine Stabilisierung der Stimmung über den Verlauf eines Tages. Das können nicht einmal die irreführend als „Stimmungsstabiliserer“ benannten Phasenprophylaktika. Und Neuroleptika schon gar nicht.
  • Ich weiß, dass Quetiapin Zulassungen als Phasenprophylaktikum und zur Augmentation (Unterstützung, Verstärkung) in der Behandlung von Depressionen hat. Ich halte die Studienlage, die zu diesen Zulassungen geführt hat, für nicht gerade überwältigend. Jeder sollte sich selbst ein gut informiertes Bild darüber machen, für wie wirkstark er Quetiapin in diesen Indikationen hält. Ich halte es hier nicht für sehr wirkstark. Dasselbe gilt für die Zulassung von Aripiprazol in der Indikation als Phasenprophylaktikum.
  • Und noch weniger helfen Neuroleptika bei gewünschten Verhaltensänderungen aus dem Bereich der Pädagogik. Das Behandlungsziel, jemand möge sich in irgend einer Form sozial adäquater verhalten oder sei irgendwie „nicht mehr führbar“ oder „nicht mehr haltbar“ ist immer dann, wenn diese Verhaltensänderung nicht psychotisch bedingt ist, keine Indikation für ein Neuroleptikum.

Neuroleptika bremsen die dopaminerge Neurotransmission. Dopamin aber ist unerläßlich für Antrieb, Motivation und Freude. Daher darf ein Eingriff in diesen Transmitterhaushalt nur erfolgen, wenn eben dieser Transmitterhaushalt krankheitsbedingt überaktiv ist. Und sonst nicht. Egal, wie verzweifelt der Behandler ist.

Mein Psychiatrischer Jahresrückblick 2016

(Bild: Theo Crazzolara – Feuerwerk. Creative Commons)

Das Jahr 2016 ist nun schon lange abgeschlossen, und ich möchte einen kurzen Rückblick geben, was sich aus meiner ganz persönlichen Sicht in der Psychiatrie und auch der Psychopharmakologie getan hat.

Bezüglich der gesetzlichen Rahmenbedingungen hat sich einiges getan. Bezüglich der verfügbaren Psychopharmaka war es ein eher ruhiges Jahr.

Aber eins nach dem anderen:

Relevante Gesetzesänderungen 2016

PEPP

Lange Zeit sah es so aus, als würde zum Anfang 2017 das PEPP-System scharf geschaltet werden. Dies hätte wesentliche Auswirkungen auf die Art gehabt, wie stationäre Behandlungen in der Psychiatrie gegenüber den Krankenkassen abgerechnet werden. Doch aufgrund des heftigen Protestes von vielen Seiten hat Bundesminister Gröhe die Umsetzung des PsychVVG erst mal aufgehoben mit dem Plan, ein für die stationäre Psychiatrische Versorgung passenderes Abrechnungssystem zu erarbeiten. Bis dahin bleibt es erst einmal beim bisherigen Stand.

Neues PsychKG NRW

Im Land Nordrhein-Westfahlen, und nur dort, gilt ab dem 1.1.2017 ein neues PsychKG. Es stärkt die Rechte der Patienten und führt im Regelfall den Richtervorbehalt für die Zwangsmedikation ein. Darüber hinaus konkretisiert es die Anforderungen an die Dokumentation. Hier findet ihr einen ausführlichen Artikel dazu, hier ein kurzes Video, das die Neuigkeiten zusammenfasst.

Das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG)

Seit dem 26.11.2016 gilt in Deutschland das „Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG)“. Dieses Gesetz wurde erforderlich, nachdem es auf dem Drogenmarkt üblich wurde, bestimmte Drogen chemisch immer wieder in geringfügig veränderter Form zu synthetisieren. Bis sie explizit als verboten gelistet worden sind, vergingen jeweils einige Monate, und in dieser Zeit waren sie legal. Üblich war dies vor allem bei synthetischen Cannabinoiden (legal high´s) und Amphetaminderivaten. Das NpSG regelt nun, dass alle Derivate dergleichen Substanzgruppe unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Eine ausführliche Beschreibung hierzu findet ihr auf dem Blogpost zu Spice.

Neue Medikamente

Milnacipran

In Deutschland ist unter dem Handelsnamen MilnaNeuraX® der Wirkstoff Milnacipran als Antidepressivum neu auf den Markt gekommen. Es ist ein Serotonin-Wiederaufnahmehemmer mit einer recht ausgeprägten Noradrenalin-Wiederaufnahemhemmung. So sollte es vor allem bei Depressionen mit reduziertem Antrieb wirksam sein. Auch bei Angststörungen bietet sich dieses Profil an, hier hat Milnacipran aber noch keine Zulassung. Im Vergleich zu Citalopram scheint es weniger Nebenwirkungen zu haben, insbesondere ist keine QTc-Zeit-Verlängerung bekannt. Meinen Artikel zu Minacipran findet ihr hier.

Trevicta

Mit Trevicta® steht Paliperidon nun auch als Drei-Monats-Depot zur Verfügung. Patienten, die zuvor stabil auf Xeplion® (Paliperidon als Ein-Monats-Depot) eingestellt sind, können hierauf umgestellt werden.

Vortioxetin (Brintellix®) wurde in Deutschland aus dem Vertrieb genommen

Mit Vortioxetin kam Mitte 2015 ein gut verträgliches SSRI auf den Markt, das in kurzer Zeit viel Aufmerksamkeit gewonnen hat. Ich selbst habe es häufig mit gutem Erfolg verschrieben, Nebenwirkungen zeigten sich kaum. Aufgrund einer Einschätzung des GBA wurde allerdings ein Zusatznutzen von Vortioxetin gegenüber anderen SSRI als nicht nachgewiesen eingestuft, daher wurde als Preis der Preis generisch erhältlicher SSRI festgesetzt. Zu diesem Preis vertreibt die Herstellerfirma das Präparat in Deutschland nun nicht mehr (Artikel hier).

Aktuelle Entwicklungen im Verschreibungsverhalten

Valproat ist als Phasenprophylaktikum weiter auf dem Rückzug

Seit März 2015 gilt eine mehr als deutliche Warnmeldung für Valproat für Frauen im gebärfähigen Alter, da Valproat ein erhebliches teratogenes Potential hat. Von den Kindern, die während der Schwangerschaft Valproat ausgesetzt waren, zeigten laut Studienlage 30-40 % schwerwiegende Entwicklungsstörungen wie Lernschwierigkeiten, reduzierte Intelligenz oder Symptome von Autismus oder ADHS; weitere 10 % entwickelten angeborene Missbildungen wie Neuralrohrdefekte. (Mein Artikel hier).

Daraufhin kam es zu einem deutlichen Rückgang der Verschreibung von Valproat bei Frauen im gebärfähigen Alter. Diese Entwicklung hat sich 2016 fortgesetzt, Valproat sieht man bei Frauen im gebärfähigen Alter nur noch selten. Wenn man es dennoch sieht, muss man oft feststellen, dass die inzwischen verpflichtende schriftliche Aufklärung nicht erfolgt ist, und in der Regel wird man Valproat dann auf ein anderes Phasenprophylaktikum umstellen.

Generika haben sich weiter durchgesetzt

In Deutschland sind inzwischen praktisch alle gängigen Antipsychotika als wesentlich preiswertere Generika erhältlich, auch bei den Antidepressiva ist die Auswahl an Generika groß. Meiner persönlichen Beobachtung nach gibt es viel seltener als früher die Diskussion, dass ein Patient unbedingt ein „Original-Präparat“ haben will. Aber ich arbeite auch im Krankenhaus und bekomme das vielleicht nicht so gut mit…

Interaktions-Check-Programme werden häufiger eingesetzt

Die Pharmakotherapie wird auch nicht unkomplizierter, zumal die Patienten immer öfter alt, komorbide und von mehreren Fachdisziplinen gleichzeitig behandelt werden. Ich beobachte eine zunehmende Anwendung von Interaktions-Check-Programmen. Im Krankenhaus gewinnen auch die Diskussionen um elektronische Verordnungen und Unit-Dose Konzepte mehr Freunde. (Artikel zu Wechselwirkungen hier)

Die Aufmerksamkeit für die QTc-Zeit wächst

Wusste früher kaum ein Psychiater, was es mit dieser obskuren QTc-Zeit auf sich hat, hat sich dieses Wisssen nun besser etabliert. Wenn beispielsweise ein Patient mit einem vorbestehenden Long-QT-Syndrom in die Behandlung kommt, kann er inzwischen davon ausgehen, dass sein behandelnder Psychiater weiß, worauf er zu achten ha

Entwicklungen auf dem Drogenmarkt

Chrystal Meth

Die von vielen – auch von mir – befürchtete Crystal-Meth Flut hat Deutschland zum Glück noch nicht überrollt. Zwar ist Crystal insbesondere in den grenznahen Gebieten Ostdeutschlands weiterhin ein großes Problem; auch sieht man in Westdeutschland immer wieder mal Konsumenten, aber eine starke Zunahme darüber hinaus vermeine ich nicht festzustellen. Hoffen wir, dass dieses Teufelszeug nicht weiter an Boden gewinnt.

Die Opiatler altern weiter

Die Gruppe der geschätzten 100.00-180.000 Opiatabhängigen in Deutschland1 altert weiter in Würde vor sich hin. Es scheint bei den jungen Menschen weniger neue Opiatabhängigkeiten zu geben, dort stehen Amphetamine und andere Drogen höher im Kurs. Praktisch zeigt sich das so, dass die Substitutionsambulanzen jetzt Patienten mit langsam steigerndem Altersdurchschnitt betreuen. Ich habe im letzten Jahr über einen Patienten beraten, der sein Methadon nun ins Altersheim geliefert bekommen muss.

Eure Einschätzung !

Das war nun meine bewussst subjektive Einschätzung davon, was 2016 wichtig war und welche Trends ich beobachtet habe. Wie ist eure Einschätzung? Welche wichtigen Trends habt ihr beobachtet? Gab es 2016 andere interessante neue Medikamente? Schreibt eure Beobachtungen und Beurteilungen in die Kommentare!

  1. Quelle: Das Drogentaschenbuch, Scherbaum, 2016. http://amzn.to/2jqWrV8

Die Bibel ist neu erschienen…

Der Benkert / Hippius gilt zurecht als die Bibel der Psychopharmakologie. Es gibt ihn gefühlt schon seit Christi Geburt, jeder Gläubige hat ein Exemplar, und wenn´s drauf ankommt, wird hieraus gelesen.

Anders als die Bibel wird der Benkert / Hippius allerdings alle zwei Jahre aktualisiert. Vor wenigen Tagen ist nun die elfte Auflage erschienen: Benkert / Hippius (affiliate-link).

Seinem Konzept treu bleibend ist der Benkert / Hippius ein Lehrbuch und ein Nachschlagewerk in einem.

Die großen Kapitel (Antidepressiva, Antipsychotika, Anxiolytika, …) beginnen mit mehrseitigen Übersichtsartikeln zu den Grundprinzipien der Therapie in diesen Bereichen. Diese Kapitel erklären auch für relative Neulinge die wesentlichen Therapieprinzipien gut verständlich.

Es folgen ausführliche Darstellungen der einzelnen Präparate der Gruppe, mit Angaben zu Pharmakodynamik, Pharmakokinetik, Indikationen, Dosierung, Nebenwirkungen, Risikopopulationen (in dieser Auflage neu), Kontraindikationen, Interaktionen und einer Bewertung. So kann man sich schnell ein sehr gründliches Bild von jedem einzelnen Medikament machen.

Dabei geht der Benkert stets extrem weit ins Detail. Die Autoren sind mit jeder Rezeptorenuntergruppe per Du und berichten in größter Akkurratesse auch über chemische und pharmakologische Details, die in anderen Büchern fehlen. Diese Informationen machen das Buch dann doch eher zu einem Nachschlagewerk für Kundige. Aber Bibeln sind nun mal eher ausführlich und detailliert, oder?

Auch spezielle Gebiete wie zum Beispiel „Medikamente zur Behandlung von Essstörungen und Adipositas“ oder das sehr interessante Kapitel „Psychopharmakotherapie psychiatrischer Notfallsituationen“ erklären Bereiche, die selbst in den umfangreichsten Lehrbüchern der Psychiatrie traditionell zu kurz kommen.

Zum Glück ist auch die neue Auflage wieder solide gebunden. Zumindest bei mir wird sie es in den nächsten zwei Jahren sicher brauchen….

Bei Amazon findet ihr das Buch hier: Benkert / Hippius (affiliate-link)

Buchempfehlung: Das Drogentaschenbuch

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Ja ja, die Menschen stellen sich ja die unterschiedlichsten Sachen unter ihrem Weihnachtsbaum vor. Ich selbst mag gerne Schokolade, gut geschriebene Bücher über Psychopharmakologie, und alles Elektrische. In die zweite Kategorie gehört eindeutig das Drogentaschenbuch von Prof. Norbert Scherbaum aus Essen.

Es gibt einen guten und vollständigen Überblick über aktuelle Drogen, damit verbundene Krankheiten und Therapiemöglichkeiten. Das Buch zeichnet sich durch ein sehr hohes Maß an Praxisnähe aus. Die reichhaltige Bebilderung macht den Stoff gut zugänglich, und in jedem Kapitel wird sehr viel aus langjähriger Erfahrung gewonnenes konkretes Praxiswissen vermittelt. Zu den meisten Substanzen gibt es Abschnitte, die im Sinne von „safer use“ beschreiben, was man auch als Konsument wissen muss, um keine schwerwiegenden Komplikationen zu erleiden.

Interessant finde ich das Konzept, dass man zum Buch in der Papierform ohne weitere Zusatzkosten auch einen elektronischen Zugang über das Thieme-Portal eRef zum kompletten Buchinhalt hat. Das erfüllt meinen Wunsch, durch den Kauf eines Fachbuches zu einem Preis die gedruckte und die eBook-Variante zu erhalten. So hat man das beste aus beiden Welten kombiniert. Ein Papierbuch zum raschen Nachschlagen, ruhig lesen und zugleich den elektronischen Zugang über das Smartphone, Tablet oder Web, so dass man es von überall aus lesen kann. So soll es sein!

Das Buch liest sich locker und spannend, da braucht man gar keinen Roman mehr, zusammen mit der Schokolade bin ich jedenfalls versorgt.

Bei Amazon findet ihr das Buch hier (Affiliate-link).

Spice

Spice

Vor einigen Jahren kam in der Drogenszene ein neues Produkt in Mode, das Spice (Englisch für Gewürz) geannt wurde. Wenn man Spice online bestellte, bekam man Pflanzenteile, die entfernt an die getrockneten Blätter der Cannabispflanze erinnerten. Zunächst lautete die Vermarktung, dass es sich hierbei um exotische Gewürze handele, die psychogene Wirkungen entfalteten und völlig legal seien. Die chemische Analyse zeigte aber, dass die tatsächliche Wirkung nicht von exotischen orientalischen Kräutern, sondern von unterschiedlichen synthetischen Cannabinoiden, insbesondere dem Cannabicyclohexanol verursacht wird.

Pharmakologie

Die im Spice typischerweise enthaltenen synthetischen Cannabinoide binden an Cannabinoid-Rezeptoren und lösen einen Rausch aus, wie man ihn vom Konsum von Cannabis kennt. Allerdings haben die synthetischen Cannabinoide eine bis zu 400 mal höhere pharmakologische Potenz. Dies führt oft zu Überdosierungen mit erheblichen Komplikationen wie Krampfanfällen oder vital bedrohlichen Zuständen, die unter normalem THC-Konsum praktisch nicht auftreten.

Anwendungen

Spice wird wie Gras geraucht. Eine orale Aufnahme ist unüblich und aufgrund der noch schlechteren Dosierbarkeit nicht ratsam.

Spice fällt bei den üblichen Drogentests nicht auf, da die enthaltenen synthetischen Cannabinoide chemisch geringfüge Abweichungen zum Tetrahydrocannabinol (THC) aufweisen. Dies macht Spice für Gefängnisinsassen und andere Menschen, die negative Konsequenzen bei einem positiven Drogenscreening befürchten müssen, besonders interessant.

Rechtliche Lage

Früher gab es eine Lücke im Betäubungsmittelgesetz, da nur solche Substanzen verboten waren, die vom Gesetz explizit genannt waren. Findige Chemiker konnten so bestimmte Moleküle, insbesondere die Grundstruktur der Amphetamine und die der Cannabinoide, jeweils geringfügig modifizieren, und hatten so für einige Monate, bis zum expliziten Verbot, sogenannte „legal highs“, also noch erlaubte Substanzen mit Wirkungen, die dem Betäubungsmittel, von dem sie abgeleitet worden sind, entsprachen. Seit dem 26.11.2016 gilt in Deutschland nun das „Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG)“. Herstellung, Handel, Umgang und Besitz stehen seither jeweils für die gesamte Stoffgruppe unter Strafe. Hierunter fallen auch alle synthetischen Cannabinoide, wie sie in Spice enthalten sind.

P.S.: Zu diesem Post passt diese Mitteilung des Ärzteblattes ganz gut: http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/72031/New-York-Zombie-Epidemie-durch-synthetisches-Cannabinoid-mit-85-facher-Potenz

Quick reminder: Der angestrebte Lithiumspiegel in der Phasenprophylaxe liegt zwischen 0,6 und höchstens 0,8 mmol/l

Lithium ist nach wie vor das wirkstärkste Medikament in der Prophylaxe manischer und depressiver Phasen im Rahmen einer bipolaren Erkrankung. Patienten, die ohne Phasenprophylaxe in einem Zeitraum von 10 Jahren vielleicht zwei schwere Manien und acht unterschiedlich schwere depressive Episoden erleiden würden, könnten unter einer Phasenprophylaxe mit Lithium bei gutem Ansprechen vielleicht gar keine manische Episode und nur drei leichtgradige depressive Episode haben. Daher ist die Gabe von Lithium zur Phasenprophylaxe sehr nutzbringend.

Früher wurden zur Phasenprophylaxe oft Blutspiegel von 0,8-1,0 mmol/l angestrebt. Inzwischen besteht Konsens, dass ein Blutspiegel von 0,6 bis höchstens 0,8 mmol/l in der Regel ausreicht. Natürlich muss man sich immer den individuellen Behandlungsverlauf des Patienten und sein individuelles Ansprechen auf die Behandlung anschauen. Aber in der ersten Einstellung auf eine Lithium-Medikation strebt man zur Prophylaxe erst mal einen Blutspiegel von 0,6 mmol/l an.

Die höheren Blutspiegel von 1,0 mmol/l werden weiterhin in der Therapie der akuten manischen Episode angestrebt. Ist diese aber abgeklungen, kann die Lithiumdosis und somit der Spiegel gesenkt werden.

Ich habe das auf dem letzten DGPPN Kongress noch einmal in einem Vortrag vom unumstrittenen Lithium-Papst Prof. Müller-Oerlinghausen gehört, der einen Überblick über die einschlägige Literatur gegeben hat und diese Empfehlung daruas unzweifelhaft ableiten konnte. Erfreulicherweise sind die Nebenwirkungen von Lithium im niedrigeren Spiegelbereich von um die 0,6 mmol/l deutlich seltener als bei höheren Spiegeln. Zittern tritt weit seltener auf, und auch Nebenwirkungen auf die Niere sind viel seltener.

P.S.: Ich nehme hier sehr gerne die völlig richtige Ergänzung von Peter Teuschel und anderen auf, dass im Bereich der Gerontopsychiatrie oft Spiegel von 0,4 ausreichend und hoch genug sind, während 0,6 mmol/l schon nicht mehr vertragen werden, gerade bei eingeschränkter Nierenfunktion. Danke für den Hinweis!

Quick reminder: Treten Erkältungssymptome unter einer potenziell blutbildschädigenden Substanz auf, muss man ein Differentialblutbild machen

Tja, mehr gibt´s dazu eigentlich nicht zu sagen. Erkältungen können Erkältungen sein, aber wenn man, was in der Medizin nicht unüblich ist, ein oder mehrere Medikamente gibt, die zu einer Blutbildschädigung führen können, wie Clozapin oder Metamizol, und der Patient dann Halsbeschwerden, Schluckbeschwerden oder ähnliche Symptome schildert, muss man ein Differentialblutbild machen, um eine Neutropenie auszuschließen. Ich wollt´s nur noch mal gesagt haben.

„Medikation gewordene Ratlosigkeit“

Der Besuch des DGPPN-Kongresses lohnt sich eigentlich immer, schon wegen der vielen Kleinigkeiten, die man so aufgreift.
Eine Schweizer Ärztin hat über die häufig zu beobachtende merkwürdige Medikation von Borderline-Patienten gesprochen.
Es gibt Patienten, die einen hohen Leidensdruck haben, der aber von einer bestimmten Medikation nicht besser wird. Das führt oft dazu, dass ein einmal ausprobiertes Medikament nicht abgesetzt wird, weil man unsicher ist, ob es dem Patienten ohne dies Medikament nicht noch schlechter geht, als mit dem Medikament, und statt dessen eher ein weiteres Medikament angesetzt wird. Nach einer längeren Behandlung, am besten durch viele verschiedene Ärzte, sieht die Medikation oft so ähnlich wie diese:

  • Quetiapin 25-0-25-0 mg
  • Quetiapin ret 0-0-0-150 mg
  • Aripiprazol 5-0-0-0 mg
  • Citalopram 30-0-0-0 mg
  • Mirtazapin 0-0-0-15 mg
  • Valproat 300-0-450-0 mg
  • Lamotrigin 100-100-100-0 mg
  • Truxal 50-25-50-25 mg
  • Diazepam 5-5-5-5 mg
  • Zopiclon 0-0-0-7,5 mg
  • Metamizol 500-500-500-500 mg
  • Pipamperon bei Bedarf

Oder andere Medikamente dieser Wirkstoffgruppen. Also praktisch aus jeder in der Psychiatrie verfügbaren Medikamentengruppe so ein bis mehrere Substanzen. Gegen was da was helfen soll oder gar wirklich hilft, kann man bei so einer Kombination nicht mehr feststellen. Und die Diagnose oder eine erkennbare Therapierichtung spiegeln sich hier auch nicht gerade wieder…

Ich denke schon, dass auch bei der Borderline-Erkrankung in bestimmten Phasen bestimmte Medikamente sinnvoll sein können. Besteht gegenwärtig eine depressive Phase, ist ein Antidepressivum sinnvoll. Ein niedrig dosiertes SSRI kann auch außerhalb einer depressiven Phase etwas zur Stabilität beitragen. Und auch ein niedrig dosiertes Sedativum bei Bedarf kann hilfreich sein.

Wenn aber praktisch alle zur Verfügung stehenden Wirkstoffgruppen nach dem Gießkannenprinzip zusammen eingesetzt werden, ist das eher nicht mehr der Ausdruck einer Therapiestrategie. Diese Medikation hat die Schweizerin „Medikation gewordene Ratlosigkeit“ genannt. Besser kann man es nicht beschreiben.

Wenn man sieht, dass ein Patient eine solche Medikation erhält, ist es erforderlich, sich in Ruhe mit dem Patienten hinzusetzen und jedes einzelne Medikament zu prüfen. Seit wann erhält er es? Gegen was wurde es ursprünglich eingesetzt? Hat es in dieser Hinsicht geholfen oder nicht? Soll man es belassen oder einen Absetzversuch machen? Bei mehreren Medikamenten mit unklarer Indikation muss man Absetzversuche natürlich schrittweise durchführen, eines nach dem anderen. Dann muss man einige Tage warten, um zu sehen, ob sich die Symptomatik ändert. Bei ausbleibender Verschlechterung kann man dann das nächste Medikament absetzen. Ich selbst reduziere bei fraglicher Indikation die Neuroleptika immer besonders konsequent. Aber auch Antiepileptika und Sedativa müssen bei fehlender Indikation abgesetzt werden. Am Schluss kann man oft die Hälfte der Medikamente absetzen, ohne dass es dem Patienten schlechter geht. Aber er hat nur noch halb so viele Nebenwirkungen und weitaus weniger Interaktionen. In aller Regel geht es ihm deutlich besser nach so einer Medikamentendiät…

Die erste Leitlinie zum Umgang mit CrystalMeth ist veröffentlicht

voila_capture-2016-12-03_10-23-24_amDie Serie „Breaking Bad“ zu sehen, macht Spaß. Aber einem wirklichen CrystalMeth-Abhängigen zu helfen, ist eine eher ernüchternde Angelegenheit. Es besteht ein erstaunlich großes Missverhältnis zwischen der Schwere der Erkrankung – starke Abhängigkeit, offenbar deutliche Neurotoxizität der Substanz, oft früher und rasanter sozialer Abstieg – auf der einen Seite und oft scheinbar fehlendem Behandlungswillen auf der anderen Seite. Bei genauerer Betrachtung fehlt allerdings der Behandlungswille meist nicht, allein, die Sucht ist stärker.
Umso wichtiger ist es, dass die Bundesärztekammer, unterstützt vom Bundesministerium für Gesundheit, mit dieser neuen Leitlinie einmal alle derzeit zugänglichen Empfehlungen zur Prävention und Therapie Methamphetamin-bezogener Störungen zusammengetragen hat und für die einzelnen Interventionen den Grad der Evidenz bewertet hat.

Der eigentlich lesenswerte Teil ist die Kurzfassung, in der die relevanten Ergebnisse zusammengefasst werden. Ihr findet sie hier: „ Methamphetamin Leitlinie: Kurzfassung

Dieser Text ist wirklich lesenswert. Wusstest Du, dass in begründeten Fällen eine stationäre Entzugsbehandlung mit Dexamphetamin retard durchgeführt wird? Oder das Acetylcystein gegen craving hilft?

Darüberhinaus gibt es eine Langfassung, die alle verwendeten Methoden, Übersichtsarbeiten, Studien und Verweise enthällt. Wenn man einen bestimmten Aspekt recherchiert, wird man hier fündig. Die Langfassung findet ihr hier: „ Methamphetamin Leitlinie: Langfassung