Neues Antidepressivum: Milnacipran

Neues Antidepressivum: Milnacipran

Der Markt der Antidepressiva in Deutschland ist eher überschaubar. Die letzte Innovation war Vortioxetin, das bei gleicher Wirksamkeit wie andere SSRI besser verträglich zu sein schien. Bedauerlicherweise werden seit kurzem die Kosten von Vortioxetin in Deutschland nun nicht mehr erstattet.

Mit Milnacipran hat die Firma Neuraxpharm nun in Deutschland einen Wirkstoff eingeführt, der in anderen Ländern schon länger als Antidepressivum verwendet wird, und der pharmakologisch interessant ist. Die bisherige Studienlage und die Pharmakologie der Substanz lassen hoffen, dass Milnacipran bei gleicher Wirksamkeit wie Venlafaxin besser verträglich ist. Es ist unter dem Namen MILNAneuraX® in Deutschland verfügbar und kann verordnet werden.

Milnacipran

  • ist ein SSNRI, ein selektiver Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer
  • verursacht kaum Wechselwirkungen, da es fast nicht über Cytochrome verstoffwechselt wird und keinen aktiven Metaboliten hat
  • zeigt in den bisherigen Studien eine Wirkstärke vergleichbar mit Venlafaxin

Geschichte

Für die Indikation Fibromyalgie ist Milnacipran seit 2009 in den USA zugelassen, in Europa wurde es aufgrund von „unwesentlicher Wirkung und fehlender Langzeitdaten in einer europäischen Population“ für diese Indikation nicht zugelassen1.
Für die Indikation „Depression“ ist Milnacipran in über 40 Ländern zugelassen, in Deutschland seit August 2016.

Pharmakologie

Milnacipran gehört wie Venlafaxin und Duloxetin zur Gruppe der SSNRI. Dabei ist das Verhältnis der Serotonin-Wiederaufnahme zur Noradrenalin-Wiederaufnahme bei Milnacipran ausgeglichener. Die Grafik zeigt für diese drei Substanzen jeweils das Verhältnis aus Serotonin-Wiederaufnahmehemmung zu Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmung an. Man sieht, dass Milnacipran einen deutlich höheren Anteil an Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmung im Vergleich zu Venlafaxin und Duloxetin hat.

Milnacipran wird nur zu 10 % über die Leber metabolisiert, daher muss man keine Cytochrom-Wechselwirkungen beachten.

Wirksame Metaboliten hat es nicht.

Da es zu 90 % renal ausgeschieden wird, muss man bei Patienten mit relevanten Nierenfunktionsstörungen die Dosis gegebenenfalls auf die 25-50 mg pro Tag reduzieren.

Klinischer Einsatz

Milnacipran ist in Deutschland zur Behandlung der Depression zugelassen. Üblicherweise wirken SSNRI auch gut bei Angststörungen und Zwängen, wobei es hierfür gegenwärtig keine Zulassung hat.

Dosierung

  •  Tag 1-3: 25-0-0-0 mg
  • Tag 4-7: 25-25-0-0 mg
  • Ab der zweiten Woche: 50-50-0 mg
  • Einzunehmen mit den Mahlzeiten.
  • Die zweite Einnahme sollte nicht nach 15:00 erfolgen, um Einschlafstörungen zu vermeiden.

Nebenwirkungen

Die häufigsten Nebenwirkungen unter Milnacipran sind wie bei allen SSNRI Übelkeit, Kopfschmerzen und Unruhe. Mehr noch als bei anderen SSNRI werden unter Milnacipran auch Bluthochdruck und ein beschleunigter Puls angegeben. Insgesamt ist es aber den Studien nach ein sehr gut verträgliches Medikament. Insbesondere die von manchen anderen SSRI bekannten Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten oder eine Verlängerung der QTc-Zeit treten erfreulicherweise nicht auf.

Kosten

100 Tabletten zu 50 mg kosten ca. 83 €. Bei einer typischen Tagesdosis von 100 mg entspricht dies Tagestherapiekosten von 1,66 €. Die Tagestherapiekosten von 150 mg Venlafaxin betragen etwa 0,60 €.

Mein persönliches Fazit

Meiner Einschätzung nach ist Milnacipran insgesamt sehr gut verträglich. Seine noradrenerg vermittelte antriebssteigernde Wirkung ist recht ausgeprägt, was bei Patienten mit einer gehemmten, antriebsreduzierten Depression sehr hilfreich sein kann. Andererseits klagen manche Patietnen über eine ausgeprägteren Unruhe, als etwas unter Escitalopram. 
Die Studienlage und das pharmakologische Profil lassen vermuten, dass es genauso gut wirksam ist wie Venlafaxin und Duloxetin, dabei aber praktisch keine problematischen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten macht. Im Gegensatz zu Citalopram verursacht es keine QTc-Zeit Verlängerung.

Weblinks

Cochrane-Analyse zur Wirksamkeit der Substanz im Vergleich zu anderen Antidepressiva (das PDF ist hier kostenlos downloadbar): https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19588396?dopt=Abstract

  1. http://www.ema.europa.eu/docs/de_DE/document_library/Summary_of_opinion_-_Initial_authorisation/human/001034/WC500089875.pdf
P.S.: Da die Frage aufkam: Ich habe für diesen Post keine Zuwendung in irgendeiner Form von der Firma oder jemand anderem bekommen. Ich habe keine Interessenkonflikte in dieser Sache.
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20 Gedanken zu “Neues Antidepressivum: Milnacipran

  1. Mm, kann man hohen Puls, Schwitzen wie irre, Albträume und bluthochdruck wirklich als ‚gut verträglich‘ bezeichnen?

    War ja unter Venlafaxin schon krass, teilweise Ruhepuls von 130, da wird das medi hier noch deutlich krasser sein. Und ab 15 grad zu Schwitzen ist auch kaum auszuhalten.

    • War das unter Venlafaxin so? Tatsächlich sind das mögliche Nebenwirkungen der NA-Wiederaufnahmehemmung. Hat jemand schon mal Milnacipran selbst eingenommen? Ich wäre sehr an Erfahrungsberichten interessiert!

      • Ich nehme seit 17 Tagen milna neurax. Hatte anfänglich heftige Kopfschmerzen und nach Einnahme Übelkeit, die jedoch nach 1 Stunde verging. Habe heftige Alpträume seit Einnahme. Besser geht es mir noch nicht aber ich werde sie weitergehen.

      • Ich nehme seit 17 Tagen milna neurax. Hatte anfänglich heftige Kopfschmerzen und nach Einnahme Übelkeit, die jedoch nach 1 Stunde verging. Habe heftige Alpträume seit Einnahme. Besser geht es mir noch nicht aber ich werde sie weiternehmen und abwarten. Bisher habe ich alles abgebrochen, venlavaxin, citalopram etc. Diesmal möchte ich es durchziehen

    • Hallo MIU 🙂

      Ich selbst nehme auch Venalfaxin mir geht es super-gut damit.

      Das Schwitzen kann man einfach einstellen in dem man sich viel bewegt bzw.Sport macht.

      Liebe Grüße

      • Beim Sport wird es ganz extrem und unangenehm, lediglich beim ruhig im bett liegen ist es besser.

        Zumal ich mit Venlafaxin und auch mit SSRI eh maximal träge bin und auf gar nix lust hab außer im. Bett liegen, was derzeit ein RIESEN Problem ist und ich schon sehr lange arbeitsunfähig bin deswegen

  2. Siehe: http://www.zeit.de/zeit-magazin/2016/25/depressionen-psychotherapie-antidepressiva-serotonin-medikamente
    mehr ist dazu nicht zu sagen.
    Eine Depression ist in den wenigsten Fällen eine Störung des Transmitterhaushaltes.
    Das Unglück beginnt in dem Moment, wo die eigenen Erwartungen mit der Wirklichkeit in einen unauflösbaren Widerspruch geraten.
    http://www.faz.net/social-media/facebook-faz-net/maischberger-macht-aus-depression-unterhaltung-13157944.html

  3. Hallo,

    muss das Medikament noch die Kosten- Nutzenbewertung mit anschließenden Preisverhandlungen durchlaufen? Nicht, dass das nach einem Jahr wieder vom Markt muss.

  4. Pingback: Neues Antidepressivum: Milnacipran — Psychiatrie to go | Türkheim - Stuttgart

  5. Lieber Herr Verfasser, ich möchte Ihnen einfach ein Dankeschön da lassen für Ihren Bericht. Ich nehme dieses Medikament und da Ihre Empfehlung, die Abend „Ration“ nicht nach 16:00 einzunehmen, Sinn macht, habe ich dies für mich übernommen.

    Meine bisherige langjährige Erfahrung gibt mir einen guten Vergleich und für mich ist dieses Medikament bisher ein Segen. Während ich mit den meisten anderen Medikamenten oft doch nur eher überlebt anstatt gelebt habe, fühlt es sich für mich so an, als ob ich durch dieses Medikament aus einem 3 Jahres (Winter)Schlaf aufgewacht bin. Die Vorhänge dürfen endlich mal wieder offen anstatt permanent zu sein, ich habe tatsächlich wieder Energie und Motivation bekommen (z.B. Wohnung aufräumen, Termine wahrnehmen, bürokratischen Kram erledigen) und gehe sogar ab und zu wieder raus. Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme, Libido -Verlust bzw. sexuelles Desinteresse, Übermäßiges Schwitzen/Trockenen Mund oder gar Durchfall haben sich bisher nicht eingestellt. Eine leichte Gereiztheit und ein nicht oft Auftretendes, leichtes Zappen im Kopf sind bisher die einzigen Nebenwirkungen für mich, bei denen ich aber davon ausgehe, daß diese sich mit der Zeit legen werden ( das „Zappen“ ist bereits fast weg).

    Menschen mit Erfahrung wissen aber, daß die Wirkungen /bzw. Nebenwirkungen für jeden Betroffenen sehr unterschiedlich sein können, daher möchte ich betonen, daß dies nur meine persönliche Erfahrung widerspiegelt, die ich aber gerne mit Euch / Ihnen teilen möchte (da mir Ihr doch in meinen Augen recht objektive Bericht eben gefallen hat)

    Und auch ich habe für diesen Post keine Zuwendung in irgendeiner Form von der / einer Firma oder jemand anderem bekommen. Ich bin auch kein Psychiater , sondern Betroffener. Danke fürs Lesen 🙂

  6. Wieviel müsste man denn davon nehmen wenn man wie ich z.b. 225mg früh // 37,5 mg mittags venlafaxin retard nimmt? Weiß das jemand?

    • Das würde ich mit deinem Psychiater absprechen, aber da ich davor auch Venlafaxin 225 plus trazadon am abend minimum dosis hatte, gehe ich davon aus, dass du ebenfalls direkt auf die im Beitrag verfasste Dosirung umsteigen kannst ( 1x 25 morgens & nachmittag) LG

  7. Also ich bin jetzt bei einer Dosis von 50 mg— 50mg angekommen,das Venlafaxin wurde stufenweise ausgeschlichen (225 mg+ 37,5 mg),so merkte ich nichts von Absetzerscheinungen.

    Ein tolles Medikament das bei mir sehr gut greift!Ich bin ausgeglichener,ruhiger und vor allem die Angst (ohne Gründe),generalisierte Angststörung ist komplett verschwunden.

    • Schwitzt man da nicht tierisch mit? Und hoher Puls und Blutdruck? War ja mit Venlafaxin schon heftig und Milnacipran hemmt Noradrenalin deutlich mehr

      • Hallo Luz,nein man schwitzt nicht mehr und nicht weniger als mit Venlafaxin….. der Blutdruck ist auch gleich damit.Mir geht es aber viel besser als mit Venlafaxin,aber das ist bei jedem Menschen eben anders.

        Die Angst ist wie weg geblasen und ich bin auch nicht mehr so müde jeden Tag.

        Alles Gute dir und liebe Grüße vom Grashüpfer.

        Ach ja,Bewegung regelmäßig ist das billigste Blutdruckmittel.

        Das Resrschwitzen kann man damit auch sehr gut einstellen

  8. Pingback: Mein Psychiatrischer Jahresrückblick 2016 | Psychiatrie to go

  9. Ich nehme das Milnaneurax jetzt seit einigen Tagen wegen chronischen Schmerzen (Reizdarm), Depression und (sozialer) Angststörung. Der Psychiater und ich haben uns hierfür entschieden, weil ADs, die über die Leber abgebaut werden, bei mir nicht wirken. Escitalopram, Imipramin, Amitriptylin, Mirtazapin haben keine ausreichende Wirkung gezeigt. Zudem hatte ich unter den drei letzteren eine nicht tragbare Tagesmüdigkeit.

    Das Duloxetin war an sich super, chronische Schmerzen im Griff, fast keine NW, allerdings bekam ich die Depression nicht in den Griff. Unter Duloxetin 120 mg hatte ich einen Wirkstoffspiegel von 22 (30 – 120). Steigerung auf 180 mg brachten keine Besserung, daher jetzt der Wechsel. Entweder ich nehme den Wirkstoff nicht auf (Malabsorption) oder meine Leber arbeitet zu schell – wie auch immer.

    Die ersten Tage mit Milnaneurax waren schlimm, Brain-zaps im Gehirn und „Stomstöße“ im ganzen Körper, Parästhesien, starke Nervosität, hoher Puls, hoher Blutdruck, Kopfschmerzen, Weinerlichkeit. Hoffentlich ein Zeichen dass es auch wirkt!

    Wobei einige dieser Beschwerden wohl eher „Entzugssymptome“ (Duloxetin) sein dürften. Ich bin von 120 mg gleich auf 0 gegangen. Die Empfehlung vom Neuro war, innerhalb weniger Tage runterzugehen, dies erschien mir irgendwie nicht sinnvoll.

    Um sicher zu gehen, dass mit der SD (habe Hashimoto) alles ok ist, habe ich mal Werte machen lassen, TSH war schon im Januar sehr niedrig.

    @Herr Dr. Dreher:
    Haben Sie inzwischen Erfahrungen mit dem Medikament sammeln können?
    Was denken Sie, weshalb bei mir der Wirkspiegel unter Duloxetin 120 mg (Wert siehe oben) nicht ausreichend war? Hätte ich noch höher gehen können als 180 mg? Danke

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