MikMe Test

OK, das ist jetzt kein psychiatrischer Beitrag, aber ich habe nach langer Zeit mal wieder ein Video zu YouTube hochgeladen, und zwar einen Testbericht über ein Mikro, das ich mir unlängst angeschafft habe, und zwar das MikMe.MikMe

Das MikMe ist schon ´ne coole Sache, da man es drahtlos mit dem iPhone verbinden kann, und so Audio und auch Video mit gutem Audio aufnehmen kann. Man kann es auch ganz alleine als Mikrofon mit eingebautem Audio-Recorder verwenden und so beispielsweise Interviews aufnehmen. Das MikMe ist für Interviews, YouTube-Videos und audio-field-recording echt gut geeignet.

Mein Video-Review findest Du hier.

Neu: Ein Verzeichnis guter kostenloser deutschsprachiger Blogs, Video-Kanäle, Podcasts und Fortbildungsangebote für alle Fachbereiche der Medizin

FOAM, oder Free Online Medical Education ist im englischsprachigen Raum ein bekannter Begriff, und es gibt auch Seiten, die auf Blogs, YouTube-Channel oder Podcasts verweisen.

Im deutschsprachigen Raum finden sich ebenfalls eine Reihe von guten Seiten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, medizinisches Wissen für alle Interessierten zugänglich zu machen. Aber ein Verzeichnis solcher Seiten, das nicht nur über eine medizinische Fachrichtung informiert, sondern Ressourcen zu allen Fachrichtungen zusammenstellen möchte, gab es bislang noch nicht.

Das ist ab heute anders! Die Seite https://psychiatrietogo.de/foam/ sammelt ab nun links auf gute deutschsprachige Blogs, Videos und Podcasts, die sich der medizinischen Ausbildung verschrieben haben!

Für jedes Fachgebiet bestimmen wir einen oder einige Redakteure, die Vorschläge für neue Seiten sichten und gegebenenfalls aufnehmen. Wie bei einem Wiki soll sie so aktuell bleiben und nicht den Interessen eines Einzelnen folgen, sondern einen tatsächlichen Überblick über gute Seiten wiedergeben. Philipp von Nerdfallmedizin, der Kinderdok von Kids and me 2.0, Pharmama und ich haben schon mal begonnen, für jeweils unsere Fachgebiete gute links zu sammeln.

Wir haben Seiten von Medizinern, Psychologen, Mitarbeitern im Rettungsdienst, Pflegekräften und auch Patienten und Angehörigen aufgenommen, um einen möglichst vollständigen Überblick zu ermöglichen.

Die Seite befindet sich natürlich noch im Aufbau, und viele Fachrichtungen sind noch gar nicht vertreten. Auch sind noch bei weitem nicht alle interessanten Seiten zu den Fachrichtungen, die wir schon mit einigem Leben gefüllt haben, zu sehen.

Wenn ihr interessante Links kennt, dann schlagt sie den Redakteuren der jeweiligen Fachrichtung vor! Gibt es die Fachrichtung noch nicht, dann schickt die Vorschläge erst mal an psychiatrietogo2012@gmail.com.

Helft uns, eine Übersichtsseite zu schaffen, die allen Interessierten hilft, die guten Seiten im Netz zu finden!

Und jetzt mal los zu https://psychiatrietogo.de/foam/

Psychiatrie to go feiert heute seinen 7. Geburtstag !


(Photo by Brooke Lark on Unsplash)

Und mir macht das bloggen weiterhin echt viel Spaß. Ich teste hier Ideen für mein Buch, diskutiere Themen, die mich bei der Arbeit umtreiben und tausche mich euch, den Lesern aus. Danke für Eure Rückmeldungen und Kommentare!

Im letzten Jahr gab es etwas über eine Million Klicks von mehr als 700.000 Besuchern. WOW! Ich finde das immer noch unglaublich… 🙂

Ich freue mich, wenn DU auch im nächsten Jahr weiter dabei bist!

Was ist eigentlich die „Intrinsische dopaminerge Aktivität“ eines Neuroleptikums?

Das Wirkprinzip dopaminantagonistischer Antipsychotika

Alle Antipsychotika (umgangssprachlich Neuroleptika) blockieren den Dopamin D2 Rezeptor. Dies begründet wahrscheinlich einen wesentlichen Teil der antipsychotischen Wirkung. (Darüber hinaus blockieren alle Antipsychotika auch noch weitere Rezeptoren, was teilweise zur Wirkung beiträgt, teilweise Nebenwirkungen verursacht.)
Dopamin ist im Gehirn an einer ganzen Reihe von Regelungsmechanismen beteiligt. Möglicherweise Belohnung versprechenden Informationen eine besondere Bedeutung zuzumessen, ist eine davon. Während einer akuten Psychose ist diese Achse überaktiv, was sich psychopathologisch darin äußert, dass auch tatsächlich völlig unwichtigen Reizen eine hohe Bedeutung zugemssen wird, und plötzlich sieht der Betroffene in jedem Schatten einen Verfolger und leitet aus jedem Knacken im Radio ab, dass eine Abhöreinrichtung für ihn eingebaut sei. Diese überaktive Dopaminaktivität reduzieren und damit wieder zu normalisieren ist der gewünschte und beabsichtigte Teil der Dopaminblockade, die alle Neuroleptika verursachen. Das ist der Grund, warum wir bei akuten Psychosen erfolgreich mit Dopaminantagonisten behandeln.

Unerwünschte Wirkungen der Dopamin-Blockade

  1. Schon diese zunächst erwünschte Reduzierung der Dopamin-Aktivität in diesem System kann, sobald die akute Psychose abgeklungen ist, problematisch werden. Lange verabreichte, hochdosierte Dopamin D2 Antagonisten können Freudlosigkeit (=Anhedonie), Antriebsstörungen und Initiativlosigkeit verursachen. Und das verwundert nicht, da Dopamin ja, wie oben beschrieben, vom Gehirn gebraucht wird, um zu erkennen, welchem Reiz, welcher Idee und welchem Plan zu folgen es sich lohnt.
  2. Da Dopamin im Bewegungssystem eine wichtige Rolle spielt, kann eine zu ausgeprägte Dopamin-Blockade Bewegungsstörungen wie beim M. Parkinson auslösen. (Beim M. Parkinson selbst kommt es ja zu einem Verlust von Dopamin freisetzenden Neuronen.)
  3. Die Veränderung der Verfügbarkeit von Dopamin kann zu einer als sehr unangenehm empfundenen Sitzunruhe (Akathisie) führen. Die Betroffenen bewegen unaufhörlich die Beine und können nicht ruhig sitzen oder liegen. Umhergehen hilft kurzfristig.
  4. Dopamin ist auch der „Prolactin inhibiting factor“, eine Dopamin Blockade erhöht daher die Prolaktin Ausschüttung (Hyperprolaktinämie) und das kann zu einer unerwünschten Milchproduktion führen.

Dopamin Partialagonismus

Nun gibt es einige Antipsychotika, die den Dopamin-Rezeptor nicht nur blockieren, sondern zu einem kleinen Teil auch aktivieren können. Zwar tun sie das nicht, wie das gesunde Gehirn es macht, indem die davorgeschaltete Nervenzelle im richtigen Moment an der genau richtigen Stelle aktiv ein Dopamin Signal auslöst. Vielmehr wird durch den kontinuierlichen Medikamentenspiegel die Wahrscheinlichkeit, das der Dopamin-Rezeptor aktiviert wird, durch das partialagonistische Medikament etwas höher gehalten. Das kann dann mit oder ohne ein vorhergeschaltetes Dopamin-Signal zu einer Aktivierung des Rezeptors führen. Man stellt sich vor, dass die Tür der Dopamin-Übertragung so einen Spalt breit offen bleibt.
Man erhofft sich davon zum einen, dass Anhedonie, Antriebsstörungen und Bewegungsstörungen weniger ausgeprägt auftreten und zum anderen, dass sich die Negativsymptomatik der Schizophrenie besser zurückbildet als unter den üblichen Antipsychotika, die oft nur einen geringen therapeutischen Einfluß auf Negativsymptome haben.
Doch zu viel intrinsische dopaminerge Aktivität ist auch nicht gut, dann hötte man die gleichen Nachteile wie bei der Behandlung mit dopaminergen Medikamenten wie bei der Therpie des M. Parkinson. Das Hauptproblem sind hier Akathisie und Unruhe.

Ausmaß der intrinsischen dopaminergen Aktivität

Es gibt aktuell drei Antipsychotika mit einer relevanten intrinsischen dopaminergen Aktivität, und deren Namen fangen mit den Buchstaben A, B und C an. Es sind:
Aripiprazol
Brexpiprazol
Cariprazin

Aripiprazol hat eine etwas höhere intrinsische dopaminerge Aktivität, und es wird auch öfter mit Akathisie in Verbindung gebracht.
Brexpiprazol ist zwar seit kurzem in der EU zugelassen, spielt aber in Deutschland praktisch noch keine Rolle. Seine intrinsische Aktivität ist ungefähr so hoch wie die von Cariprazin. In der Grafik oben würde Brexiprazol genau so aussehen wie Cariprazin.
Cariprazin hat im Vergleich zu Aripiprazol eine etwas mildere intrinsische Aktivität, und den Studien nach ist die Verträglichkeit, insbesondere in Bezug auf Akathisien, besser. Es zeigt in den bisherigen Studien eine bessere Wirksamkeit auf Negativsymptome, möglicherweise aufgrund der dopaminergen Komponente.
Die Grafik oben habe ich erstellt, um zu zeigen, dass alle drei Substanzen Amisulprid als Vertreter der Antipsychotika ihne relevante intrinsische Aktivität) überwiegend die Übertragung von Dopamin blockieren, so auch Aripiprazol und Cariprazin. Cariprazin hat eine etwas mildere intrinsische dopaminerge Aktivität als Aripiprazol, was mit einer besseren Verträglichkeit einhergehen kann.
Die Größenverhältnisse sind nicht mathematisch korrekt, sie repräsentieren keine Meßwerte der Substanzen, sie sind nur ein optischer Anhalt, um sich eine Größenvorstellung der Effekte zu machen. Ich habe die Größenverhältnisse zwischen der Blockade und der Aktivität selbst frei gewählt. Das Verhältnis der intrinsischen Aktivität von Aripiprazol und Brexpiprazol/Cariprazin habe ich an 1 angelehnt, aber auch nicht mathematisch exakt dargestellt.

P.S.

Auf meiner Suche nach einem besseren Programm zur Erstellung eigener Grafiken habe ich den Weihnachts-Sale von Affinity-Designer auf dem iPad genutzt und zugeschlagen. Macht mir bislang Spaß… 🙂


  1. Stahl, S. M. (2016). Mechanism of action of cariprazine. CNS Spectrums, 21(2), 123–127. http://doi.org/10.1017/S1092852916000043 

Strandlektüre

Für einen geordneten eigenen Gedanken ist es im Moment ja eindeutig zu heiß, daher habe ich hier mal kurz notiert, welche Strandlektüre mich in den letzten Tagen vergnügt hat, zwei lesenswerte Bücher, wie ich finde:

Grit, von Angela Duckworth

Grit

Der Untertitel klingt nach einem dieser unerträglichen Selbstoptimierungsratgeber. Aber der ist nur ein vom Verlag durchgedrückter Ausrutscher. Tatsächlich berichtet die Wissenschaftlerin Angela Duckworth von ihren Studien zum Thema Grit, was man am ehesten mit Durchhaltefähigkeit, Persistenz oder Dranbleiben übersetzen könnte. Sie zeigt auf, dass diese Fähigkeit im Job besser mit langfristigem Erfolg verbunden ist als Intelligenz, Emotionale Intelligenz, Talent, Herkunft oder sonst irgendwas anderes. Dranbleiben ist der entscheidende Erfolgsfaktor! Und sie beschreibt, wie man sich selbst und auch seine Kinder motivieren kann, bessere Dranbleiber zu werden. Gutes Buch. (Amazon Affiliate Link).

Schore, Stein, Papier

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Ich selbst habe ja zum Glück keine eigenen Erfahrungen in der Drogenszene, behandele aber  natürlich regelmäßig Patienten, die das volle Programm zwischen Drogenrausch, Drogenhölle, Kriminalität, Knast und Rehabilitation in allen möglichen Schattierungen durchhaben. Sich mit den Patienten darüber zu unterhalten, was sie erlebt haben, gibt mir einige Einblicke, aber selbst im Behandlungskontext gibt es ja eine gewisse Rollenverteilung und, sagen wir mal, Interessen. Daher ist es interessant, hin und wieder glaubwürdige Darstellungen dieses Lebens zu lesen. Shore steht für Heroin, Steine für Koks uns Papier für LSD. $ick hat das und einige Knastepisoden hinter sich, und hat auf Youtube darüber berichtet. Sein Kanal hat 130.000 Abonnenten und ist 2015 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet worden. Er berichtet offen über sein früheres Leben, und auch über den späten, aber zuletzt erfolgreichen Weg da heraus. Das Buch ist gut geschrieben, lest mal rein. (Amazon Affiliate Link).

Die Büglerin von Heinrich Steinfest

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Getreue Leser:innen dieses Blogs wissen, dass Heinrich Steinfest meine unverbrüchliche Bewunderung gilt. Sein Schreibstil trifft genau meine Vorlieben für eine präzise Beobachtung menschlichen Verhaltens, eine Neigung zum Skurrilen und eine wirklichen Liebe zum Menschen. Ich habe alle seine Bücher wirklich sehr gerne gelesen, und sein neuer Roman Die Büglerin ist ein besonders schönes Kunstwerk.

Ihr wollt wissen, wie der Schreibstil von Steinfest ist? Also hier mal zwei Beispiele: Der erste Absatz lautet:

Das Schönste waren die weißen Hemden. Und das Schönste hob sie sich immer für den Schluss auf. Vorher kamen die Socken und die Handtücher, die leichten Hosen und die Bettwäsche, die Unterhemden in Feinripp und die Geschirrtücher für die Köchin, nicht zuletzt die Krawatten und Anzüge, die einer besonderen Vorsicht sowie einer tiefen Einsicht in das Material bedurften. Einen Anzug zu bügeln war gewissermaßen so, als bügle man den ganzen Mann, seine äußere Erscheinung, den Schatten, den er in die Welt hineinwarf und durch den er maßgeblich wahrgenommen wurde.

Und hier ein anderer Satz, der mir gut gefällt:

Topschwimmerinnen sind zu stromlinienförmigen Fischwesen mutierte russische Hammerwerferinnen, um sich das mal genau vorstellen zu können.

Also ich liebe es. Bei Amazon findet ihr das Buch hier.

Ich wollte nur Bescheid geben: Der Airbag für den sturzgefährdeten Nerd ist erfunden…

Früher oder später musste etwas wie der Helite Hip’Air erfunden werden. Das Prinzip lautet: Wenn der Patient fällt, bläst sich ein Hüftairbag auf, der Frakturen beim Sturz verhindert.

Mehr gibt´s da eigentlich nicht zu zu sagen. Neue Konzepte wirken ja immer etwas befremdlich. Erinnert ihr euch noch, als die Eisenbahn erfunden wurde? Hat auch jeder komisch gefunden. Na ja, ich hab den Hüftairbag noch nicht in echt gesehen… aber wenn er eine Fraktur verhindert, hat er sich gelohnt.

Hat jemand Erfahrung damit oder mit einem ähnlichen Produkt?

Eine ganz normale Aufnahme ins Krankenhaus im Jahr 2035

„12830 HealthCredits? Das ist ziemlich knapp. Aber wir finden schon ein passendes Programm für sie.“ Die junge Frau schaute besorgt auf Finns ApplePad. „Das kriegen wir schon hin.“ Als sein ambulant behandelnder Arzt Finn geraten hatte, ins Krankenhaus zu gehen, weil man dort Angststörungen am effektivsten behandeln könne, hatte er zugestimmt. So ging es wirklich nicht weiter. Er traute sich kaum noch, seine Wohnung zu verlassen. Auf seiner Arbeit als Logistikfachkraft fiel es ihm immer schwerer, Außentermine anzunehmen. Es ließ sich also nicht mehr aufschieben, er musste was tun. Im Aufnahmebüro hatte er zuerst mit der Sachbearbeiterin seiner Krankenkasse gesprochen. Der Algorithmus hatte festgestellt, dass 12830 HealthCredits reichen müssten, um wieder arbeitsfähig zu werden. Sie hatte ihm auch gleich angeboten, vom Basis in den Premium-Tarif zu wechseln, dann bekäme er beim nächsten Mal bei den gleichen Parametern 16400 HealthCredits für seine Behandlung. Aber der Premium-Tarif war ihm zu teuer. Im Nebenzimmer erwartete ihn seine Persönliche Genesungsberaterin. Hier wie in jeder anderen AmazonKlinik hatten alle englische Titel. Die Patienten hießen Clients, das Essen hieß AmazonFreshFood. Na ja, das schmeckte sogar im Basistarif ganz gut. „Wollen Sie denn am Anfang hier im Krankenhaus übernachten?“ fragte die Genesungsberaterin, „Das kostet 260 Credits pro Nacht. Bei einer Angststörung ist das eigentlich nicht erforderlich.“ Finn schaute sie genauer an. Den dunklen Augen, dem schwarzen Haar und dem leichten Akzent nach war sie am ehesten spanischer Herkunft. „Na ja, in der ersten Woche würde ich schon ganz gerne vollstationär bleiben, kalkulieren wir das mal.“ „OK, dann käme dazu das Basispaket: Zwei Arztvisiten pro Woche, ein Psychotherapiegespräch pro Woche, 2 mal Sport, ein mal Ergo und natürlich die Medikamentenflatrate. Macht 1300 Credits pro Woche.“ Finn nickte. „Ich empfehle noch unser Achtsamkeitspaket: zwei mal Yoga und einmal Entspannung. Kostet normalerweise 400 Credits pro Woche, aber im Moment haben wir das im Angebot für 250 Credits pro Woche.“ „Wenn sie meinen, dann nehme ich das auch.“ „Gut, das macht dann 3370 Credits für die erste Woche. Wenn sie danach vielleicht noch vier Wochen tagesklinisch bleiben, reichen die Credits auch noch für einige Monate ambulante Psychotherapie, sollen wir das mal durchrechnen?“ „So machen wir das.“ 10 Minuten später hatten sie sich auf einen Therapieplan geeinigt. Finn schob der Ärztin sein ApplePhone herüber. Sie lud die früheren Arztbriefe, die in den letzten Jahren verordnete Medikation, das letzte Labor und ein paar der anderen Gesundheitsdaten aus der Health-App auf das Krankenhauscomputersystem herunter. Danach installierte sie die AmazonHealth-App, in der Finn seinen Therapieplan fand, die Materialien für die Gruppentherapien und den Shop, über den er täglich zusätzliche Leistungen, wie das Premium-Essen, einen Wahlarzt oder die Teilnahme an der Therapie im Klettergarten dazu buchen konnte. Über die App hatte er natürlich auch Zugriff auf seine Behandlungsdokumentation. Früher konnten die Patienten ja nicht einfach so lesen, was die Therapeuten schrieben. Das war nun durch die EU-Richtline 785 aus dem Jahr 2032 geändert worden. Nach jeder Therapie konnten man nun direkt auf seinem Smartphone nachlesen, was der Therapeut geschrieben hatte und man konnte selbst eigene Kommentare dazu posten. Wenn der Sporttherapeut beispielsweise geschrieben hatte, dass ein Patient nicht so gut mitgemacht hatte, konnte der Patient schreiben, dass er sich körperlich nicht so fit gefühlt habe, und sich daher etwas zurück genommen habe. Die Krankengeschichte macht wirklich nur Sinn, wenn beide Seiten sie erstellen, oder? Außerdem posten die meisten Patienten die Dokumentationen ihre Therapiegespräche gerne direkt auf Facebook, GoogleBook oder AppleBook. „Na dann gute Besserung, Finn“, sagte die Genesungsbegleiterin. „Danke und bis bald.“ antworte Finn, verließ das Aufnahmezimmer und ging zu seiner Station. Die Genesungsbegleiterin räusperte sich kurz, nahm auf ihren QiCharger-Stuhl platz, um sich aufzuladen und einzuloggen. Das heutige Update ihres Amazon-Alexa-Betriebssystems schloss eine lästige Sicherheitslücke, die es Hackern erlaubte, die in den Psychotherapien besprochenen Wünsche und Vorlieben auszulesen und zu guten Preisen an Werbeanbieter zu verkaufen. Das durfte natürlich nicht zugelassen werden, denn diese Daten hatte Amazon lieber exklusiv.

Drei schöne Bücher

Als ich letztes Jahr nicht wußte, welches Buch ich als nächstes lesen sollte, postete der Kinderdok gerade seine Quartals-Buchempfehlungen. Die sind immer inspirierend. Eines der Bücher, die er empfahl, war „Was man von hier aus sehen kann“, von Mariana Leky. Ich habe es mir gekauft, sogar in Papierform, und bin sofort in eine wunderschöne, ruhige und sehr einfühlsame Erzählung eingetaucht. Für mich war es mein Buch des Jahres 2017. Vielen Dank nochmal an den Kinderdok, und wer seine Empfehlungen nachlesen möchte, findet die beiden letzten hier und hier.

Nun habe ich überlegt, wie ich euch zeigen kann, was ich so gelesen habe, und habe mich entschieden, von den drei schönsten Büchern, die ich zuletzt gelesen habe, jeweils einen Abschnitt wiederzugeben, der typisch für den Schreibstil ist. So könnt ihr schauen, ob es was für euch ist. Fangen wir also mit der Welt der Mariana Leky an:

Mariana Leky: „Was man von hier aus sehen kann“:

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Als Selma sagte, sie habe in der Nacht von einem Okapi geträumt, waren wir sicher, dass einer von uns sterben musste, und zwar innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden. Das stimmte beinahe. Es waren neunundzwanzig Stunden.

Mariana Leky: „Erste Hilfe“

Und danach habe ich mir einfach noch ein Buch von Mariana Leky geclickt, nämlich „Erste Hilfe“, das in der gleichen schönen Sprache geschrieben ist, diesmal geht es um einen sehr liebevollen Umgang mit etwas, was der Psychiater in mir vielleicht als Angststörung bezeichnen würde, Mariana Leky beschreibt es anders:

„Ich würde einfach gerne bei euch bleiben“ sagt Matilda.
„Aber du schläfst doch nicht gerne woanders“ sagt Sylvester, und Matilda sagt: „Ich bin verrückt geworden.“ 
„Was?“ fragen wir, denn Matilda hat das ziemlich laut gesagt.
„Gestern um kurz nach fünf“ sagt Matilda.
„Was ist denn passiert?“ fragt Sylvester.
»Eigentlich nicht viel«, sagt Matilda. Ich überlege mir eine Frage und alles, was nach der Frage kommen könnte, deswegen sage ich nichts und deshalb sagt Matilda: »Es ist aber nicht so schlimm.«

Juli Zeh: „Leere Herzen“

Und das dritte Buch, das ich gerne empfehlen möchte, hat eine frühere Schulfreundin von mir geschrieben, die inzwischen zurecht total berühmte Juli Zeh. Hier ein Ausschnitt aus dem wirklich coolen „Leere Herzen“:

Sie haben sich gestritten. Babak beharrte auf einer der Grundregeln der Brücke, nur im absoluten Notfall zu reisen. Und ist das wirklich schon ein Notfall? Britta konnte nicht gut dagegenhalten. Sie weiß selbst nicht genau, was sie mit den geplanten Besuchen bezweckt. Präsenz zeigen. Nach Hinweisen Ausschau halten. Den Stammkunden klarmachen, dass das Desaster von Leipzig nicht auf die Kappe der Brücke geht. Babak erinnerte immer wieder daran, dass es sich in Leipzig auch nur um zwei Spinner gehandelt haben könnte, die auf eigene Faust losgezogen sind und die Sache mit ein bisschen Jalla-Jalla größer machen wollten. »Mit einem Scoring von unter 3?«, hat Britta gefragt, worauf Babak schwieg. Dass Lassie sich geirrt hat, kann als ausgeschlossen gelten. Der Algorithmus ist ausgereift, hochintelligent, selbstlernend, perfekt dressiert.

Vielleicht ist ja für den einen oder anderen was dabei. Viel Spaß! 

(Die links sind affiliate links. Ihr könnt aber auch einfach in den gut sortierten Buchhandel gehen oder die Titel beim Online-Händler eurer Wahl eingeben…)

Psychiatrie to go wird heute 6 Jahre alt

Voila Capture 2018 01 04 02 18 37 PM

Am 4.1.2012 habe ich hier den ersten post geschrieben. Der Blog wuchs und gedieh über die Jahre, allein im letzten Jahr wurde er von 650.000 Besuchern knapp eine Million mal angeclickt. Es hat mir stets Spaß gemacht, meine Meinungen zu  posten, fachliche Artikel zu schreiben und mich mit euch, den Lesern auszutauschen. Ich habe damit viel Freude und lerne auch immer wieder etwas dazu: you live you learn.

Eure Kommentare, eure Teilnahme machen den Blog zu dem, was er ist.

Danke dafür! Auf die nächsten Jahre!