Post Traumatic Growth

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TED-Talks sind immer inspirierend. Ich habe heute morgen diesen Talk von Regina Hartley gesehen, in dem sie beschreibt, warum man nicht unbedingt am besten denjenigen einstellt, der schon mit einem silbernen Löffel im Mund geboren worden ist, sondern vielleicht eher mal dem einen Job anbietet, der sich von Anfang an hat durchkämpfen müssen. Und der nicht aufgegeben hat, sondern trotz widriger Umstände seine Ziele verfolgt und erreicht hat. Sie selbst sei immer so eine Kämpferin gewesen. Guter Vortrag; wahrer Inhalt.

Besonders gefallen hat mir aber ein neuer Begriff, den ich in diesem Talk gehört habe: „Post Traumatic Growth“. Die wissenschaftliche Erforschung des von ihr beschriebenen Phänomens habe ergeben, dass Menschen, die sich besonderen Herausforderungen in ihrem Leben haben stellen müssen, daraus nicht selten eine ganz besondere Stärke gezogen hätten. So habe ein großer Teil der sehr erfolgreichen Unternehmenslenker, einschließlich des Heiligen Steve Jobs, eine Legastenie, eine Adoptionsgeschichte oder eine andere ziemlich schwere Herausforderung gehabt. Aber keiner der zukünftig erfolgreichen Menschen habe das Selbstbild gehabt, trotz dieser Herausforderungen erfolgreich geworden zu sein. Alle hätten das Selbstbild gehabt, wegen dieser Herausforderung das geworden zu sein, was sie geworden sind.

Es ist politisch ja nicht ganz korrekt, das Positive in solchen schweren Herausforderungen zu sehen. Aber es ist wahr, dass Menschen gearde aus der Überwindung solcher Herausforderungen eine ganz besondere Kraft ziehen können.

Post Traumatic Growth. Gefällt mir sehr gut.

Der schnellste Weg zur „Besorgnis der Befangenheit“

Abends am Kaminfeuer bei einem guten Glas Wein in der Strafprozessordnung (StPO) zu schmökern, ist in jedem Fall eine erbauliche Lektüre. Sie regelt ganz genau, auf welchem Wege das Gericht zu einem Urteil kommen soll. Und unverzichtbar auf diesem Weg ist, dass Richter, Schöffen und auch Sachverständige während der Beweisaufnahme unparteiisch an die Sache gehen.

Dieser unparteiische Angang wäre beispielsweise nicht gegeben, wenn der Richter der Bruder des Angeklagten ist; dann wäre ganz objektiv anzunehmen, dass er ein zu mildes Urteil spricht. Das heißt in der StPO „Befangenheit“. Richter, Staatsanwaltschaft und Sachverständige dürfen nicht befangen sein. Die Richter dürfen nicht schon während der Beweisaufnahme Partei für die eine oder andere Seite ergreifen. Sachverständige dürfen zu keinem Zeitpunkt Partei für die eine oder andere Seite ergreifen, und die dürfen auch nichts machen, was über die ihnen zugeschriebene Rolle hinausgeht. So dürfen sie beispielsweise keine „Beweismittel würdigen“, also sagen, was ihrer Meinung nach stimmt oder nicht stimmt, denn das ist ausschließlich Aufgabe des Gerichtes. Anders sieht das beim Rechtsanwalt aus, der aufgrund seiner Rolle sehr wohl Partei ergreifen darf.

Äußert sich ein Sachverständiger voreingenommen, grob abfällig oder einseitig wertend, begründet das also die Besorgnis der Befangenheit, die zum Ausschluss dieses Sachverständigen führen kann.

In Gutachterkreisen gehen immer wieder Geschichten von einzelnen Aussagen anderer Gutachter herum, die mit einem einzigen unüberlegten Satz den Verdacht der Befangenheit begründet haben. Man graust sich dann immer, weil man sich denkt: „Hoffentlich passiert mir selbst sowas niemals…“

Ich dachte, es wäre lustig, mal ein paar solcher Killer-Sätze oder Verhaltensweisen hier aufzuführen. Los gehts:

  • „Um dieses Überengagement des Klägervertreters auf den Boden der Tatsachen zu holen, darf festgestellt werden, dass …“ (OLG Nürnberg, Beschluss v. 8.9.2011, 8 U 2204/08). Befangen.
  • „Der Privatgutachter mag ein leidlicher Kfz.-Ingenieur sein, von Kunststoffen hat er nicht die geringste Ahnung.“ Nachzulesen hier. Befangen.
  • Durch die Presse ging auch die Geschichte des Schöffen, der am Nikolausmorgen auf dem noch unbenutzten Tisch der Staatsanwaltschaft zwei Schokoladennikoläuse platzierte (2090 Js 29.752/10 -12 KLs). Befangen.
  • „Der Klagevortrag ist eine Märchenstunde“ (OLG Schleswig, B. v. 22.11.2001, Az: 16 W 282/01). Befangen.
  • „So einen Fall hatte ich noch nie…“ Befangen.
  • Ein netter Plausch mit dem Staatsanwalt auf dem Flur mit erkennbarer Sympathiebekundung… Befangen.
  • Mit der hübschen Rechtsanwältin in der Gerichtskantine zu Mittag essen? Befangen.

Kennt ihr ähnliche Fälle? Dann schreibt sie in die Kommentare!

Endlich: Die Video-Sprechstunde kommt in der Psychotherapie an!

Die Zukunft der Internet-Psychotherapie wird auf diesem blog ja immer wieder diskutiert, aber der große Durchbruch ließ bislang noch auf sich warten. Das lag zu einem großen Teil daran, dass die Berufsordnung für Ärzte unter §7 „Behandlungsgrundsätze und Verhaltensregeln“ als Satz 4 folgende Regelung trifft:

(4) Ärztinnen und Ärzte dürfen individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, nicht ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien durchführen. Auch bei telemedizinischen Verfahren ist zu gewährleisten, dass eine Ärztin oder ein Arzt die Patientin oder den Patienten unmittelbar behandelt.

Dies wurde bislang strikt so ausgelegt, dass Ärzte keine Psychotherapie per Videokonferenz, also beispielsweise per Skype, leisten durften.

Für Psychologen gibt es keine vergleichbare Regelung in deren Berufsordnung. Aber die Krankenkassen übernehmen die Kosten einer Psychotherapie in aller Regel nur, wenn bei der Behandlung Therapeut und Patient im gleichen Zimmer sitzen.

Es gibt einige zarte Pilotprojekte zu dem Thema, insbesondere Online-Angebote mit psychotherapeutischem Inhalt, die aber häufig eine asynchrone Kommunikation wie den Austausch per Email oder Online-Trainingseinheiten anbieten. Ein Pilotprojekt, in dem ein per Internet übertragenes Video-Gespräch zum Einsatz kommt, war mir in Deutschland bislang nicht bekannt.

Nun ist im Januar 2016 das neue e-Health-Gesetz in Kraft getreten. Dies regelt eine Modernisierung vieler Aspekte der elektronischen Kommunikation im Gesundheitswesen, beispielsweise, was alles auf der neuen Gesundheitskarte gespeichert wird und wie diese Daten gesichert werden. Ein Aspekt des e-Health-Gesetzes regelt aber auch die Telemedizin, und hier explizit auch Video-Sprechstunden. Hierzu heißt es auf der Seite des BMG:

Zur Förderung der Telemedizin wird die telekonsiliarische Befundbeurteilung von Röntgenaufnahmen ab April 2017 und die Online-Videosprechstunde ab Juli 2017 in die vertragsärztliche Versorgung aufgenommen werden. Das wird Patienten die Kontaktauf­nahme mit dem Arzt deutlich erleichtern, gerade bei Nachsorge- und Kontrollterminen.

YEAH !!!

Das ermöglicht dann endlich im Prinzip eine zumindest teilweise Durchführung von Psychotherapiegesprächen auch vermittels Video-Sprechstunden. Unnötig darauf hinzuweisen, welchen Vorteil man sich davon versprechen kann, insbesondere für mobilitätseingeschränkte Patienten und Patienten, die in einem psychotherapeutisch unterversorgten Gebiet wohnen und eine lange Anreise zum nächsten freien Psychotherapeuten hätten.

Ein erstes Modellprojekt

Die AOK Nordost hat nun mit 16 Ärzten am Institut für psychogene Erkrankungen in Berlin-Wedding ein mit der Berliner Ärztekammer abgestimmtes Pilotprojekt gestartet, dass die neue Möglichkeit genau so erprobt, wie es mir vernünftig erscheint. Die Patienten kommen zunächst zur genauen Diagnostik und Therapieplanung zum realen Termin in die Praxis. So lernen sich Therapeut und Patient offline kennen und können eine Beziehung zueinander aufbauen. Liegen die erforderlichen Voraussetzungen vor, können dann zukünftige Sitzungen zum Teil auch als Videokonferenz mit einem verschlüsselten Zugang durchgeführt werden. Natürlich wird nicht wirklich Skype verwendet, sondern ein anderes, gesichertes System. Einen sehr guten Artikel über das Projekt findet ihr hier, einen Artikel aus dem Ärzteblatt hier.

Ich darf mit besonderer Freude berichten, dass mein Freund und Mit-PsychCaster Alexander Kugelstadt einer der beteiligten Projektärzte ist. Ich verspreche, ihn bei der nächsten Folge nach seinen Erfahrungen zu fragen!

Neuer PsychCast: Hypochondrie ist draußen!

Im 17. PsychCast sprechen wir über eine oft verharmloste Erkrankung: die Hypochondrie. Sie ist zu unterscheiden von unserer kulturell allgemein akzeptierten Form hypochondrischer Gedanken oder Befürchtungen. Werden Krankheitsängste selber das Hauptsymptom einer psychischen Krankheit, kann dies schlimme Folgen haben. Darüber sprechen wir, sowie über Modelle und Konzepte sowie die Therapie …
Hier findest Du sie: http://psychcast.de/pc017-hypochondrie-eine-ernste-erkrankung/

Die neue Episode kommt mit einem niegelnagelneuen feature: Kapitelmarken. Viel Spaß beim hören!

Neuzugang in den Psychiatrie-Blogs: MadMike

Auf der Unterseite Psychiatrie-Blogs sammele ich ja blogs, die sich um bestimmte psychiatrische Probleme drehen. Zum Thema Abhängigkeit gibt es irgendwie wenig blogs. MadMike, der direkt und unzensiert über Heroinabhängigkeit schreibt, hat mir erlaubt, ihn zu verlinken. Ich meine ja immer, dass man so lernt:

  1. Buch lesen
  2. Mit Patienten sprechen
  3. Buch lesen
  4. Mit Patienten sprechen
  5. Patienten behandeln und Erfolg beobachten
  6. Buch lesen
  7. Mit Patienten sprechen
  8. goto 5

Wenn ihr aus irgendeinem Grunde gerade keinen Patienten zum Thema Heroinabhängigkeit habt, kann die Lektüre eines blogs schon mal weiter helfen…

Der neue PsychCast zum Thema “Kinderpsychiatrie und Alternativmedizin” ist draußen !

Wir sprechen in der PsychCast-Folge 16 mit unserem Gast Jan Oude-Aost, der als Arzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie arbeitet und als Skeptiker Mitglied der GWUP ist über den Alltag auf der Kinderstation, ADHS, Ritalin, Doppelblindversuche, Autismus, Placebo, Homöopathie, Chemtrails und noch viel mehr…

Jan Oude-Aost finden Sie u. a. bei Twitter, auf seinem WordPress-Blog und bei YouTube sowie bei Google.

Die Folge findet ihr hier.

Danke an alle für die vorher zugetwitterten Fragen!

DocCheck hat eine iOS und Android-App für ihr Medizin-Lexikon „Flexikon“ rausgebracht

IMG_2225DocCheck ist ja so eine Mischung aus Facebook für Ärzte, dem medizinischen Teil der Wikipedia, der Ärzte-Zeitung und einem Gemischtwarenladen auf der Medica.

Die meisten Ärzte und viele im medizinischen System Tätigen kennen DocCheck, da man bei der Registrierung auf DocCheck, die jeder machen kann, auch zusätzlich angeben (und nachweisen) kann, dass man Arzt, Zahnarzt oder Apotheker ist; dann hat man unter anderem Zugriff auf die Online-Version der Roten Liste, die aus gesetzlichen Gründen im vollen Ausmaß auf diese medizinischen Berufsgruppen beschränkt ist. Das finde ich zwar in Zeiten der Transparenz völlig überflüssig, und irgendwelche geheimen Informationen finden sich dort auch nicht, es ist aber immer noch so. Kaufen kann die Rote Liste im Buchhandel allerdings jedermann.

DocCheck bietet aber auch eine Reihe weiterer Funktionen, darunter insbesondere die Möglichkeit, sich mit anderen Ärzten oder Experten auf bestimmten Gebieten durch Fragen und Antworten auszutauschen, das heißt DocCheck Ask. Hier stellen Ärzte zu einzelnen Patienten oder bestimmten konkreten Punkten online eine Frage, und andere Ärzte, die sich damit auskennen, beantworten die Frage. Das funktioniert unkompliziert und gut und ist gerade für Niedergelassene Ärzte, die alleine arbeiten, bei bestimmten Fragen eine gute Option.

Auf DocCheck news gibt es medizinische Nachrichten und einige medizinische Blogs, dieser Blog ist zum Beispiel immer mal wieder hier auf DocCheck vertreten…

Und dann gibt es das recht bekannte Flexikon, ein interaktives Medizinlexikon, das funktioniert wie eine Art Wikipedia für deutschsprachige medizinische Einträge. Gegenwärtig hat das Flexion 47.000 medizinische Einträge. Hier findet man zuverlässig alles, was man sucht. Lesen kann diese Einträge jeder, alle registrierten DocCheck-Mitglieder können die Einträge auch selbst ändern, aktualisieren oder neue Einträge hinzufügen.

Und dieses Flexion hat nun eine kostenlose iOS- und Android-App bekommen, auf der man Einträge suchen und lesen, und sogar auch editieren kann. Die App habe ich ausprobiert und finde sie sehr praktisch, für mich hat sie einen verdienten Platz in meinem Ordner „Medizin“. Laden könnt ihr sie hier.

Neue AU ab 2016

AU 2016

AU, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, Krankmeldung; das Formular hat viele Namen. Bei manchen böswilligen Arbeitgebern heißt er wohl auch der “Gelbe Urlaubsschein”. Wie auch immer, die AU ist eines der häufigst verwendeten Formulare im Gesundheitswesen.

Seit dem 1.1.2016 ist unten nun ein rotes Feld dazugekommen, in dem man ankreuzen kann: “ab 7. AU-Woche oder sonstiger Krankengeldfall” sowie “Endbescheinigung” (siehe Bild). Es ist ja so: In den ersten 6 Wochen der Krankmeldung zahlt der Arbeitgeber weiter das Gehalt. Geht die Krankmeldung über 6 Wochen hinaus, zahlt der Arbeitgeber kein Gehalt mehr, aber die Krankenkasse beginnt mit der Krankengeldzahlung. Diese kann bis zu 18 Monate lang anhalten. Bislang gab es zwei getrennte Formulare: Eines für die AU, und ein zweites für die Auszahlung des Krankengeldes. Das zweitere haben natürlich nur Patienten zu sehen bekommen, die länger als 6 Wochen krank waren. Mit dem “Auszahlschein” für das Krankengeld gab es aber immer irgendwie Probleme: Dieser wurde von der Krankenkasse zum Patienten geschickt, der hat ihn zum Arzt getragen, ausfüllen lassen und zurück zur Krankenkasse geschickt. Es gab auch viele verschiedene Versionen, teilweise je nach Krankenkasse oder Bundesland verschieden. Hatte der Patient den Auszahlschein beim Arztbesuch vergessen, konnte der Arzt nicht helfen.

Daher ist nun zur Reduktion von Bürokratie die AU erweitert worden. Im unteren Teil kann man nun die Informationen eintragen, die man bislang auf den Auszahlschein schrieb: Die AU-begründende Diagnose und die Information, ob sich der Patient schon in der siebten oder späteren Woche der Krankschreibung befindet. An die Krankenkasse geht ein Durchschlag mit Diagnosen, an den Arbeitgeber geht natürlich weiterhin ein Durchschlag nur der oberen Hälfte, in der die Diagnose nicht aufgeführt ist; ich hatte darüber schon mal hier geschrieben…

Ich finde diese Neuerung tatsächlich praktisch. Ein Formular anstelle von zweien, und das vereinheitlicht, das ist doch mal sinnvoll.

Für stationäre Patienten im Krankenhaus ist auch der neue AU-Schein nicht gedacht. Krankenhäuser sollen für stationäre und teilstationäre Patienten weiterhin einfach eine Aufenthaltsbescheinigung ausfüllen, die zugleich als Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung gilt.