PC039 Natalie Grams Homöopathie neu gedacht ist online

Was bleibt eigentlich von der Homöopathie übrig, wenn man die Globuli weglässt?

Ja gut, wir Schulmediziner haben es schon immer gewusst:

– In den homöopathischen Globuli ist kein Wirkstoff, alles viel zu verdünnt, da ist gar nichts mehr drin.
– Homöopathika sind teuer verbrämte Placebos.
– Homöopathen sind Quacksalber, die wirksamen Therapien im Weg stehen.
– Homöopathen schlagen aus der irrationalen Angst ihrer Patienten vor richtigen Medikamenten Profit.

So weit, so einfach. Aber warum sind die Patienten dann eigentlich so verrückt nach Homöopathie? Warum vertrauen viele sehr viel mehr auf ihren Homöopathen als auf ihren Allgemeinarzt, Psychiater oder Psychotherapeuten?
Im aktuellen PsychCast unterhalte ich mich mit der Ärztin Dr. Natalie Grams, die bis vor kurzem in Heidelberg eine sehr erfolgreiche eigene Praxis für Homöopathie betrieben hat. Doch mit den Jahren ging ihr die Frage, welches Wirkprinzip nun wirklich hinter der Homöopathie steht, nicht mehr aus dem Kopf. Um der eigenen „intellektuelle Redlichkeit“ willen machte sie sich daran, dem Wesen der Homöopathie auf den Grund zu gehen.

In unserem Gespräch beschreibt Natalie Grams, wie eine homöopathische Anamnese abläuft, wie das passend scheinende Präparat ausgesucht wird und wie der Ablauf der homöopathsichen Behandlung aussieht. Dabei geht es nicht darum, Werbung für eine unwissenschaftliche Methode zu machen. Aber es ist doch interessant, zu verfolgen, welche psychologischen Wirkfaktoren vielleicht dazu beitragen könnten, dass so viele Patienten sich so gut aufgehoben fühlen bei einem Homöopathen und letztlich auch häufig über Verbesserungen berichten. Auch sprechen wir über die Gefahren der Homöopathie, insbesondere die Gefahr, wirksame Methoden nicht anzuwenden und eine falsche Heilserwartung an den Homöopathen aufzubauen.

Natalie Grams hat ihren Weg von der überzeugten Homöopathin zur kritischen Zweiflerin in ihrem sehr lesenswerten Buch “Homöopathie neu gedacht” beschrieben. Wer sich für das Thema Homöopathie interessiert oder wer mitverfolgen will, wie Natalie Grams ihr eigenes Paradigma verändert, sollte es unbedingt lesen.

Ihr könnt das Gespräch entweder wie üblich beim PsychCast als Audio-Datei anhören, oder einen Mitschnitt des Skype-Telefonats hier als Video sehen. Viel Spaß dabei!

Segelohren sind nicht psychogen

Unerklärlich gilt nicht

Früher glaubte man, die Pest sei eine Strafe der Götter. Weil es keine bessere Erklärung gab. Mit der Entdeckung des gramnegativen Stäbchenbakteriums Yersinia pestis ist Gott von der Bühne der Pestentstehung sang- und klanglos abgetreten.
Im Mittelalter waren es dann die Säfte. Schwindsucht? Ein Mangel an Gallenflüssigkeit. Hier ging der Punkt allerdings im letzten Jahrhundert ans Mycobacterium tuberculosis.
Die 70-er Jahre brachten uns dann den Streß als universales Erklärungsmodell. Sie haben ein Magenulcus? Ganz klar: der Streß hat Ihnen auf den Magen geschlagen. Erneut zog ein Bakterium an allen hartnäckig vertretenen Erklärungen vorbei. Am Schluss musste man dem unscheinbaren Helicobacter pylorii die Deutungshoheit übers Magenulcus überlassen.

Der zweite Frühling des HB-Männchens

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Das Allzweck-Erklärungsmodell des einundzwanzigsten Jahrhunderts lautet psychisch. Psychisch, das ist praktisch Streß Plus. Dabei ist es inzwischen nicht mal mehr erforderlich, kein somatisches Erklärungsmodell zu haben. Nehmen wir das Beispiel des Herzinfarktes. Jeder weiß, dass dieser eine Folge verschlossener Herzkranzgefäße ist. Egal. Das frühere Erklärungsmodell, der Herzinfarkt sei streßbedingt, hat einfach die Zeit überdauert. Nun halt angereichert mit: „Ja, wenn man viel Streß hat und sich immer so viel abverlangt, dann schlägt das halt aufs Herz. Es gibt sicher unbearbeitete Konflikte, die kann man doch nicht leugnen. Eine Psychotherapie kann auf jeden Fall nicht schaden.“
Natürlich ist es tatsächlich so, dass Streß die Beschwerdesymptomatik einer Herzgefäßerkrankung verstärken kann, und daher kann auch Psychotherapie sinnvoll sein. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muss man aber anerkennen, dass der handelsübliche Herzinfarkt schlicht und ergreifend vom verschlossenen Herzkranzgefäß kommt. Und das verschließt sich eher als eine Folge der Arteriosklerose nach langem Rauchen als infolge von Streß, was auch schon mal zu einem kurzfristigen Arterienspasmus führen kann.

Warum falsche Erklärungsmodelle schlecht sind

1) Die Wahrheit hat ein Recht an sich
Die Welt ist vor allem deshalb ein besserer, angstfreierer und angenehmerer Ort geworden, weil sich im Laufe der Zeit eben die Wahrheit durchgesetzt hat. Selbst, wenn die Wahrheit mal unwillkommen ist, hat sie aus sich heraus ein natürliches Anrecht auf Gehör. Das nennt man Aufklärung und ist eine gute Sache.
2) Nur die richtige Erklärung macht den Weg für die richtige Therapie frei
Beispiel Herzinfarkt: Nur die Erklärung „Gefäßverschluß“ macht den Weg frei, dem Patienten zu erklären, dass er das Rauchen aufgeben muss, abnehmen soll und seinen Bluthochdruck einstellen lassen sollte. Gäbe man sich mit der Erklärung „Streß“ zufrieden, müsste er all diese Anstrengungen nicht auf sich nehmen und könnte es bei einem Achtsamkeits-basierten Yoga-Kurs belassen. Natürlich kann ein Herzinfarkt extreme Ängste, auch Todesangst, verursachen; und diese Ängste können ja absolut realistisch und angemessen sein. Und natürlich können in diesem Fall Psychotherapie, Entspannungsübungen und Yoga helfen. Aber sie helfen in diesem Falle nicht ursächlich, sondern begleitend.
3) Man wird dem Betroffenen nur mit dem richtigen Erklärungsmodell gerecht
Wenn man einen durch langes Rauchen ehrlich erworbenen Herzinfarkt, ein bakteriell verursachtes Magenulcus oder eine erbliche Neurodermitis hat, dann weiß jeder Nachbar, jeder Angehörige und jeder Therapeut sofort genau, dass das natürlich eine “massive psychische Komponente“ hat. Wenn der Betroffene dann etwas verlegen guckt und behauptet, er habe gar nicht so viel Streß, es gehe ihm psychisch eigentlich ganz gut, dann wird er mit einer Mischung aus Besserwissen, Mitleid und Überführung angeguckt und die Replik lautet in 100 Prozent der Fälle: „Das willst Du jetzt natürlich nicht wahrhaben, aber Verdrängung hilft hier gar nichts. Frag dich doch mal, ob Du nicht doch irgendwo Streß hast.“ Ja natürlich hat jeder immer auch Streß. Aber das ist ja nicht zwingend die Ursache für seine Segelohren oder alle anderen Erkrankungen. Und falsche Erklärungen werden dem Betroffenen einfach nicht gerecht, so schön sie für den Erklärenden auch klingen mögen.

Gebt dem Körper, was des Körpers ist und der Psyche, was der Psyche ist

Vorschlag zur Güte:
1) Manche Erkrankungen haben psychische Ursachen. In diesen Fällen kann Psychotherapie helfen.
2) Manche Erkrankungen haben körperliche Ursachen (selbst wenn ich sie im CT nicht sehen kann). Erkrankungen mit körperlichen Ursachen können psychische Effekte auslösen, die bedeutend sein können. Auch in diesen Fällen kann Psychotherapie helfen.
3) Das heißt aber im Umkehrschluss gerade eben nicht, dass alle diese Krankheiten psychogen verursacht sind.

Können wir uns darauf einigen?

Update Level up your life

Ich hatte ja in diesem post geschrieben, das ich Spaß an der Strategie der Nerdfitness-Seite Level up your life habe, und etwas von dessen Mechanik ausprobiere. Immer, wenn ich etwas von mir als sinnvoll eingeschätztes mache, gebe ich mir dafür einen Punkt. So bringt zum Beispiel jeder gejoggte Kilometer einen Punkt, ein langer Lauf über 27 Km bringt 50 Punkte. Und so mache ich das spaßeshalber auch in den anderen Lebensbereichen.

Bei einer vorher festgelegten Punktzahl, gönne ich mir dann Dinge, die es mir erleichtern, die Sachen zu machen, die ich sinnvoll finde. So hatte ich mir für den 1000. Punkt ein frisches MacBook in Aussicht gestellt.

voilà:

Für den 2000. Punkt habe ich mir ein Rennrad ausgeknobelt. Der aktuelle Punktestand:

Und für einen veröffentlichten post gebe ich mir natürlich auch Punkte…

Es entspricht im wesentlichen dem Verhaltenstherapie-Konzept der token economy. Mir macht es aber auch Spaß….

Wie heißen PiA´s eigentlich richtig?

Psychologen, die mal psychotherapeutisch tätig werden wollen, müssen eine 3-5 jährige theoretische Ausbildung und praktische Tätigkeit absolvieren, in denen sie landläufig PiP´ler oder PiA genannt werden. Aber wie heißt eigentlich der offizielle Titel in dieser Zeit?

Vor der Weiterbildung ist es einfach: Nach dem abgeschlossenen Hochschulstudium, vor der Weiterbildung heißen sie ganz einfach Diplom-Psychologen.

Nach Abschluss der Weiterbildung ist es auch klar. Da heißen sie Psychologischer Psychotherapeut.

Aber wie lautet nun die korrekte Bezeichnung während der Weiterbildung? Traditionell gibt es da einige unterschiedliche Bezeichnungen, als da wären:

  • PIP: Psychologe im Praktikum
  • PiA: Psychologe in Ausbildung
  • PPiA: Psychologischer Psychotherapeut in Ausbildung.
  • Diplom-Psychologe
  • Psychologischer Psychotherapeut in Ausbildung.

Und wahrscheinlich noch einige mehr.

In unserer Klinik haben wir nun mal herausfinden wollen, wie der Titel eigentlich richtig lautet, und wie wir ihn also unter die Arztbriefe schreiben sollen. Die Bundespsychotherapeutenkammer als offizielle Stelle der Oscar-Verleihung für den besten Titel hat nun auf unsere Anfrage hin einen Umschlag aus der Tasche gezogen und folgende Nominierung prämiert:

And the winner is:

“Psychologe in psychotherapeutischer Ausbildung“

Also, wenn ihr überlegt, wie PiA´s Briefe unterschreiben sollten, lautet das Ergebnis der Kammer:

Markus Müller

Diplom-Psychologe

Psychologe in psychotherapeutischer Ausbildung

Level up your life

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Das mit dem Ziele setzen ist ja immer so eine Sache. Im Prinzip weiß man, wie wichtig es ist, sich konkrete Ziele zu setzen, aber praktisch tut man es dann doch nur Sylvester, und die Halbwertszeit dieser Ziele beträgt bekanntlich nur eine Woche.

In einem meiner Lieblingspodcasts, der Productivity Show von Asian Efficiency, ging es in der Folge 92: No more Underpants mit Steve Kamb um dessen Buch Level up your life, das mich auf neue Ideen gebracht hat.

Steve Kamb betreibt die absolut sehenswerte Seite Nerdfitness.com. Der Gedanke hinter Nerdfitness ist, dass man sein sportliches Trainingsprogramm im Prinzip so aufbauen kann, wie ein klassisches Rollenspiel am Computer: Da läuft es ja so: Du löst Quests, für die du Erfahrungs-Punkte bekommst. Wenn du einen großen Endgegner besiegst, bekommst Du besonders viele Punkte. Und alle 100 Punkte kannst du dich dann für ein besonderes Upgrade entscheiden, zum Beispiel ein mächtigeres Schwert. So siehst Du immer deine Fortschritte, bleibst motiviert und kannst immer komplexere Quests angehen.

Nerdfitness übersetzt dieselbe Mechanik ins reale Leben. Du bist dein eigener Spielmacher und legst deine eigenen Quests, deine eigenen Punktzahlen und deine eigenen Upgrades fest. Sehr lustig, schau dir das mal an.

Im nächsten Schritt sagt Kamb, dass man sich nicht nur für sein Fitness-Training, sondern eigentlich für sein ganzes Leben den Spaß gönnen sollte, es zu gamifizieren und sich statt der normalen to-do Aufgaben lieber spannende Quests auf dem Weg zum Level 60-Superhelden vorstellen sollte. Und man sollte auch Erfahrungs-Punkte zählen und sich mit etwas belohnen, das einem den nächsten Quest erleichtert. So sehe man seinen Fortschritt, und das motiviert nun wirklich besser. Das Leben sei ernst genug, da könne man so ein wenig Spaß in sein Leben bringen.

OK. Gute Idee. Nerdisch, VT-fundiert und produktivitätsassoziiert. Also habe ich das mal für meine Verhältnisse übersetzt und angepasst. Und das sieht dann so aus: Oben auf dem Bild seht ihr eine Bildschirmansicht meines Task-Management-Programmes Things. Ausgewählt ist der Bereich „Fitness“, einer von fünf Bereichen, in die ich alle meine Aufgaben, Projekte und Ziele einordne.

Es gibt nun sechs verschiedene Arten von Einträgen:

  1. Normale To-Do-Items: Zum Beispiel die in bestimmten Abständen wiederkehrenden Aufgaben „Wiegen“ oder „Laufband schmieren“.
  2. Quests: Das sind einmalige Herausforderungen, die man sich als Spielmacher seines Lebens selbst stellt, und denen man einen Punktwert zuordnet. Zum Beispiel: Vom „10-Meter-Brett springen: 20 Punkte“.
  3. Gute Gewohnheiten: Zum Beispiel „Pro gelaufenem Kilometer: 1 Punkt“.
  4. Meilensteine: Zum Beispiel „Langer Lauf über 27 KM: 50 statt 27 Punkte“
  5. Langfristige Ziele: „Ich laufe jedes Jahr den Köln-Marathon.“
  6. Ideen: „Ich könnte den Schwarzen Gürtel im Judo anstreben.“

Man geht dann so vor, dass man natürlich seine normalen To-Do-Items abarbeitet, für die es vielleicht manchmal, aber nicht immer einen Punkt gibt. Auf der gleichen Übersicht sieht man dann auch Quests, die man sich schließlich selbst aufgestellt hat, und wenn man Zeit und Lust hat, sucht man sich eins aus, zum Beispiel vom 5-Meter-Brett springen. Schafft man das, gibt man sich dafür Punkte. Ebenso behält man seine selbst aufgestellten Guten Gewohnheiten im Blick und gibt sich jedes Mal, wenn man einer Guten Gewohnheit nachgegangen ist, entsprechend viele Punkte. Das gleiche gilt für erreichte Meilensteine. Die Langfristigen Ziele kann man oft nicht mit Punkten belegen, weil sie abstrakt formuliert sein können.

Und auch in den anderen Bereichen kann man sich ja selbst ein Punkte-System basteln. Im Bereich Lernen habe ich zum Beispiel aufgeschrieben: „Einen Fachartikel gelesen: 1 Punkt“ und „Für jeden CME-Punkt: 1 Punkt“.

Wenn man dann 100 Punkte zusammen hat, erfüllt man sich einen Wunsch. Am besten realisiert man etwas, das es einem in Zukunft ermöglicht, neue Quests besser zu erledigen. Man könnte sich also zum Beispiel neue Laufschuhe kaufen. Den Punktwert zählt man lebenslang weiter rauf.

Ich selbst habe das spaßeshalber und aus Interesse mal begonnen und finde es unterhaltsam, interessant und – obwohl es etwas schräg anmutet – doch irgendwie gut. Es hilft mir, meine Ziele klarer zu formulieren. Meiner Erfahrung nach sind Ziele oft etwas nebulös. Meilensteine sind da schon viel konkreter; Gewohnheiten und Quests sind wirklich real und gut fassbar. Ich finde es auch hilfreich, alles in einer Ansicht zusammen zu sehen. So weiß ich, welchem Langfristigen Ziel ich mich annähere, wenn ich eine bestimmte Aufgabe erledige. Frei nach dem Motto: Wenn man nur lange genug in die richtige Richtung geht, ergibt sich das Ziel irgendwann schon ganz von alleine.

Ich bin jetzt bei 153 Punkten. Bei 10.000 Punkten kaufe ich mir einen Tesla.

Hilft ein Online-Training, Depressionen zu verhindern?

In letzter Zeit kommt ja endlich Bewegung in den weiten Bereich der Internet-gestützten Psychotherapie, namentlich, seit das e-health Gesetz dies explizit fördert (ich hatte hier darüber berichtet). Aber auch schon vor dem neuen Gesetz gab es einige herausragende Modellprojekte, die sich der internetbasierten Psychotherapie in Deutschland verschrieben hatten. Eines davon ist GET.ON, das aus dem wissenschaftlichen Bereich kommt und zunächst einen Schwerpunkt auf Training- und Information bei bestimmten psychischen Erkrankungen und Symptomkonstellationen hatte.

Die Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) berichtet nun in einer Pressemitteilung, dass sie zusammen mit anderen Universitäten mit der GET.ON Plattform eine Studie durchgeführt haben, die die Frage klären sollte, ob ein solches Online-Training das Auftreten einer Depression verhindern kann, bevor diese klinisch manifest wird; also quasi als Prävention dienen kann.

Methode

In die Studie seien 406 Probanden aufgenommen worden, die ein erhöhtes Risiko gehabt hätten, an einer Depression zu erkranken, die aber noch keine manifeste Depression entwickelt hätten.

Die Probanden seien randomisiert in zwei Gruppen aufgeteilt worden. Die Kontrollgruppe habe herkömmliche Anleitungen zur Vorbeugung von Depressionen in schriftlicher Form erhalten. Die Interventionsgruppe habe über sechs Wochen an einem Depressions-Präventions-Programm auf der GET.ON Plattform teilgenommen. Trainiert worden seien das „systematische Problemlösen“ sowie eine „Verhaltensaktivierung“. Im Training hätten die Teilnehmer jede Woche eine 30-60 minütigen Übungseinheit bestehend aus Videos, Texten und Aufgaben absolviert und seien angehalten worden, die Trainingsinhalte zwischen den Einheiten in ihrem Leben praktisch anzuwenden. Dabei seien sie durch einen Coach begleitet worden, mit dem sie online in Kontakt gestanden hätten.

Ergebnisse

Nach einem Jahr seinen alle Teilnehmer in einem diagnostischen Telefoninterview untersucht worden. Von den Probanden, die am GET.ON Programm teilgenommen hätten, seien 27 Prozent im Verlauf des Jahres an einer Depression erkrankten – gegenüber 41 Prozent aus der Kontrollgruppe ohne Online-Training. Ausgedrückt in der Maßeinheit „number needed to treat“ bedeutet das: Von sechs Personen, die an GET.ON teilnehmen, konnte bei einer Person eine neue depressive Erkrankung verhindert werden. Dies entspricht einer Senkung des relativen Risikos um 39 Prozent. Die Ergebnisse wurden im JAMA veröffentlicht.

Zusammenfassung des Studienleiters

Der Leiter der Studie, Dr. David Ebert vom Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der FAU, fasst das Ergebnis so zusammen:

“Mit der Studie konnten wir zeigen, dass GET.ON das Risiko für das Auftreten von Depressionen effektiv reduzieren kann. GET.ON bietet Menschen, die erste Beschwerden aufweisen, eine hoch wirksame, zugleich sehr flexible und obendrein kostengünstige Möglichkeit, einer behandlungsbedürftigen Depression erfolgreich vorzubeugen.“

Meine persönliche Beurteilung

Die Studie ist in zweierlei Hinsicht interessant.

  1. Zum einen wird hier der Versuch unternommen, so etwas wie die Prävention der Depression zu betreiben. Im Bereich der Psychosen gibt es ein ziemlich breit beforschtes paralleles Vorgehen, das unter dem Namen „Früherkennung“ läuft und hier auch einige, wenngleich im größeren Maßstab betrachtet eher bescheidene Erfolge feiert. Für das Krankheitsbild der Depression gibt es sicher auch einige Programme, aber bislang sind diese mit weit weniger öffentlicher Wahrnehmung belegt. Vielleicht liegen hier ja Chancen.
  2. Zum anderen ergibt sich eine recht große Effektstärke dieser zeitlich recht knapp bemessenen Online-Trainingsintervention. Wenn diese Effektstärke sich in weiteren Studien als realistisch erweist, würde dies zeigen, dass Online-Elemente ein wirksamer Bestandteil auch anderer Therapien oder Präventionen sein sollten.

Das Training findet sich hier auf der GET.ON Webseite, aktuell seien aber alle Plätze belegt.

Achtsamkeitsübungen

Man kann ja nie genug Achtsamkeitsübungen kennen. Das gilt für Psychologen und Psychiater in gleichem Maße. Und wie lernt man Achtsamkeitsübungen am besten kennen? Indem man sie einfach mal mitmacht.

Aus diesem schönen Grunde haben wir vor ein paar Wochen begonnen, montags in der Frühkonferenz jeweils eine Achtsamkeitsübung zu machen. Wir hatten schon:

  • Reihum erst Männervornamen, dann Frauenvornamen mit einem dem Alphabet folgenden ersten Buchstaben nennen, also Abraham, Bernd, Cäsar… (lustig)
  • Reihum von 200 jeweils 7 abziehen (lustiger)
  • Meine Lieblingsübung bislang: Ein rohes Ei auf dem Tisch zum Stehen bringen. Klappt nicht? Klappt doch:

Runners high: Endocannabinoide genau so wichtig wie Endorphine

Die erste Stunde des Marathonlaufes geht ja wie von selbst: Du fliegst über den Asphalt, die Stimmung ist ausgelassen, alle sind fröhlich, nichts kann dich aufhalten.
In der zweiten Stunde kommst Du aber doch mit den Füßen auf der Straße an. Es wird schwieriger, das Tempo zu halten, die Beinmuskeln beginnen, zu schmerzen und du fragst dich, wie Du es bis zum Ziel schaffen sollst.

In der dritten Stunde wirst du langsamer, die Muskeln fangen an zu brennen, du hast Hunger, bist müde und erschöpft.

Wenn das so weiterginge, kämest du vielleicht nicht ins Ziel.

Und dann plötzlich durchflutet dich ein Rausch aus Euphorie, Leichtigkeit und Lust. Nichts schmerzt mehr, du kannst wieder schneller laufen und vergisst die Plagen der letzten Kilometer: runners high.

Das absolute Hochgefühl dauert oft nur eine bis zwei Minuten an, aber auch danach kann man wieder eine ganz schön lange Zeit laufen, ohne von Schmerzen oder Erschöpfung allzu sehr gebremst zu werden.

Die Neurobiologie des runners high

Früher dachte man, das runners high wird neurobiologisch durch eine Endorphinausschüttung verursacht. Endorphine wirken wie Morphim, nur dass sie körpereigen sind und vom Gehirn selbst produziert werden. Morphine machen glücklich, schmerzfrei und führen dazu, dass man diesen Zustand erneut anstrebt. Passt alles zum Runners High.

Eine aktuelle Veröffentlichung im PNAS zeigt nun aber interessanterweise auf, dass noch ein zweites, eng verwandtes System an der Entstehung des runners high beteiligt und offenbar unabdingbar ist:

Das Endocannabinoid-System. Endocannabinoide sind vom Körper selbst produzierte Cannabinoide, die also wirken wie Cannabis. Sie sind schmerzstillend, angstlösend, milde euphorisierend und bewirken ebenfalls einen Wiederholungsreiz. Der bekannteste Vertreter der Endocannabinoide ist das Anandamid.

Die Mannheimer Forscher ließen Mäuse so lange in einem Laufrad rennen, bis die Mäuse aller Erfahrung nach ein runners high entwickelten (erinnert mich stark an mein eigenes Lauftraining auf dem Laufband). Dann maßen sie die Endorphin- und Endocannabinoidspiegel im Blut der Mäuse. Beide Substanzgruppen zeigten erhöhte Spiegel. Wenn der Cannabinoidrezeptor blockiert wurde, blieben allerdings alle Wirkungen des runners high aus.

Das Endocannabinoidsystem spielt in vielen Bereichen wie Schmerzregulation, Angst, Motivation und anderen eine bedeutende Rolle, so richtig Licht kommt aber erst in den letzten Jahren in die Sache. Das ist umso interessanter, als auch bei der Psychose eine veränderte Regulation im Endocannabinoid-System eine Rolle spielen könnte.

Wie auch immer; bei meinem nächsten runners high denke ich dann nicht mehr nur, ich hätte mir kostenlose Morphine besorgt, sondern gleichzeitig auch noch gesundheitsförderlich gekifft. Ich lauf dann mal los…

Über die Gravitationskraft von Zielen

Ich stelle mir Ziele manchmal wie große Sterne vor, zwischen denen ich als Astronaut in meinem Raumanzug so durch den Weltraum fliege.

Ziele geben, ebenso wie Sterne, eine Orientierung. Wo bin ich, wie weit bin ich von einem bestimmten Ziel entfernt, wie komme ich dem Ziel näher.

Und das schöne an feststehenden und klaren Zielen ist, dass ich mich jeden Tag neu an ihnen ausrichten kann. Wenn ein Ziel gestern auf meiner rechten Seite lag, und ein kleinerer oder größerer Weltraumsturm mich irgendwie weit abgetrieben hat, und das Ziel von gestern jetzt weiter weg, vorne links und etwas unten liegt, dann stört mich das überhaupt nicht. Ich richte mich einfach neu an dieser Zielrichtung aus und strebe es erneut an.

Auf diese Weise komme ich in tausend kleinen Iterationen immer näher an das Ziel heran, egal, wie viele Irritationen, Ablenkungen, Meteoritenstürme oder Raumzeitkrümmungen mich so durchs All schleudern. Erfahrungsgemäß sind die Strecken der Annäherung doch immer wieder größer als die Strecken der ungewollten Entfernungen. Jedenfalls bei wirklich klaren Zielen.

Und dann kommt noch etwas anderes hinzu: Wenn ich einem Ziel näher komme, ganz wie im Bild mit dem Planeten, dann spüre ich auch eine zunehmende Gravitation, die von diesem Ziel ausgeht. Es wird die letzten Tage vor Erreichen des Zieles immer leichter, nun auch noch die letzte Strecke zu schaffen, weil das Ziel in greifbarer Nähe ist und es hilft selbst auch durch seine eigene, magische Gravitationskraft.

Für mich werden Ziele solider, entwickeln eine größere Lenkungswirkung und auch eine größere eigene Gravitation, wenn ich sie mir aufschreibe und immer wieder über sie nachdenke.

Warum schreibe ich diesen für meinen blog ungewöhnlich prosaischen Text hier? Weil ich der festen Überzeugung bin, dass ein Element der Achtsamkeit im eigenen Leben ist, nicht nur ziellos durch den Weltraum zu treiben, sondern sich selbst Ziele zu setzen. Und weil ich immer wieder froh und dankbar bin, wenn ich ein Ziel erreiche. (Natürlich gibt es auch Ziele, die man kontinuierlich anstrebt und nie endgültig erreicht, und die sind genau so wichtig.)

Wie wichtig sind dir Ziele? Schreibst Du sie auf? Hast Du ein bestimmtes Ritual, einen bestimmten Platz oder ein bestimmtes Vorgehen, sie zu verfolgen? Wie sehen Ziele in Deiner Phantasie aus? Ab damit in die Kommentare!