Rezeptorbindungsprofile der Neuroleptika: Die Persönlichkeit der wichtigsten Neuroleptika auf einen Blick

Tamminga BigFig 1

Dieses hübsche Bild zeigt uns die Rezeptorbindungsprofile einiger Neuroleptika. Das Rezeptorbindungsprofil eines Neuroleptikums ist so etwas wie sein Persönlichkeitsprofil. Es sagt aus, wie stark es an welchem Rezeptor bindet, welche Affinität es zu diesem Rezeptortyp hat. Daraus kann man etwas über die Wirkung des Medikamentes ableiten, und ebenso kann man vieles über die Nebenwirkungen des Medikamentes sagen. Schauen wir uns das mal im hier folgenden zweiten Bild am Beispiel des Profils von Haloperidol (Haldol) an.

Cdi457366 fig1

Der untere rechte Kreis zeigt die Affinität dieses Moleküles zu unterschiedlichen Rezeptoren im direkten Vergleich an. Läßt man ein Haldol Molekül an allen aufgeführten Rezeptoren vorbei, dann wählt es am liebsten einen Sigma Rezeptor. Diese Präferenz wird durch die große pinkfarbene Fläche angezeigt. Der Sigma Rezeptor scheint aber für die antipsychotische Wirkung keine große Bedeutung zu haben. Am zweitliebsten hat es den hellgrau dargestellten Bereich, die D2 Rezeptoren. Hohe Affinität zum D2 Rezeptor geht ganz sicher mit einer schnellen und starken antipsychotischen Wirkung einher, bei hoher Dosis aber auch mit extrapyramidalmotorischen Nebenwirkungen (EPMS). Es folgt die Präferenz für alpha-2 Rezeptoren, was mit vegetativen Nebenwirkungen einher geht. Dann folgt die Präferenz für 5-HT 2A Rezeptoren. Diese geht mit einer antipsychotischen Wirkung einher, aber weniger mit EPMS. Histamin Rezeptoren (H1) läßt Haloperidol links liegen, was erklärt, warum es wenig müde macht.

Um das Profil eines Neuroleptikums zu lesen, reichen fürs erste folgende Daumenregeln:

  • D2 Rezeptor: Typische Neuroleptika sind D2 Antagonisten, z.B. Haldol: Sichere antipsychotische Wirkung, aber bei hohen Dosierungen EPMS
  • 5-HT 2A Rezeptoren: Atypische Neuroleptika sind 5-HT 2A Antagonisten: Gute Antipsychotische Wirkung, wenig EPMS
  • D4 Rezeptor: Clozapin hat eine außergewöhnlich hohe Affinität zum (sehr seltenen) D4 Rezeptor; möglicherweise wirkt dies antipsychotisch, ohne viel EPMS zu verursachen.
  • H1 (Histamin): Müdigkeit
  • Alpha-1=Alpha-Adrenerge Rezeptoren der Untergruppe 1: Vegetative Nebenwirkungen wie Orthostase, Schwindel, etc.

OK, das ist jetzt extrem vereinfacht, aber schon mal ein Anfang. Im Falle des Aripiprazols muss man wissen, dass die Affinität zum D2 Rezeptor nicht nur antogonistische, sondern auch partiell agonistische Wirkungen hat, weswegen es deutlich weniger EPMS macht, als das Schaubild vermuten lassen könnte.

Gut, schauen wir mal, ob wir mit diesem Wissen etwas erkennen können. Bitte schau Dir jetzt das Bild noch mal genau an (auf das Bild clicken, um es zu vergrößern). Ich stelle Dir ein paar Fragen:

  1. Nimm Dir Risperidon. Macht es EPMS?
    Antwort: Schon ein bisschen, denn es blockiert den D2 Rezeptor. In hohen Dosierungen also schon.
  2. Olanzapin: EPMS?
    Antwort: Wenig, aber möglich ist es schon, denn auch Olanzapin blockiert nicht unwesentlich den D2 Rezeptor. Und das passt auch zur klinischen Beobachtung, dass Olanzapin schnell und sicher antipsychotisch wirkt, aber ab 30 mg pro Tag oft EPMS machen kann. Bei manchen Patienten aber auch schon deutlich niedrigeren Dosierungen.
  3. Olanzapin: Müdigkeit?
    Antwort: Klar, deutliche H1 Komponente.
  4. Quetiapin: Macht es EPMS?
    Antwort: Nein, fast keine D2 Blockade.
  5. Quetiapin: Macht es müde, macht es vegetative Nebenwirkungen?
    Antwort: Ja, H1 und Alpha-1 Blockade sind ausgeprägt.
  6. Quetiapin: Antipsychotische Wirkstärke relativ zur Sedierung:
    Antwort: Vergleiche 5-HT 2A plus D2 Blockade relativ zu H1 und alpha 1 Blockade.
  7. Ziprasidon: EPMS?
    Antwort: In höherer Dosierung ja, D2 Blockade.
  8. Ziprasidon: Müdigkeit?
    Antwort: Nein, praktisch keine H1 Komponente.

Du siehst, die Vermutungen, die man aufgrund der Daumenregeln oben anstellt, wenn man das Rezeptorbindungsprofil anschaut, passen oft ganz gut zum klinischen Eindruck. Die Persönlichkeit des Medikamentes, seine Vorzüge und Nachteile, bilden sich in dieser Grafik gut ab.

Es ist sinnvoll, sich eine Grafik mit den Rezeptorbindungsprofilen der Neuroleptika, die man oft verschreibt, immer wieder anzugucken. Man lernt die Medikamente so besser kennen.

In späteren Blog-Einträgen möchte ich gerne genauer auf einzelne Medikamente eingehen und auch zu den einzelnen Rezeptoren mehr sagen. Dieser Eintrag soll aber erst einmal einen Überblick geben und erklären, wie man das Rezeptorprofil, dargestellt als Kuchendiagramm, grundsätzlich liest.


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6 Gedanken zu “Rezeptorbindungsprofile der Neuroleptika: Die Persönlichkeit der wichtigsten Neuroleptika auf einen Blick

  1. Ich habe mal die sehr vereinfachte Behauptung gehört, die Typika seien das Gegenteil von Kokain (Kokain ist dopaminerg), und die Atypika das Gegenteil von LSD (LSD ist serotonerg).

    Also ich finde die Kombi genial….

    Ich meine, LSD + Kokain finde ich klasse 😀
    Genialer Drogencocktail, einmal im Jahr gebe ich mir das 😀

  2. Wieso macht Risperidon viele Leute dermaßen müde?

    Ist es vielleicht garnicht das Risperidon selbst, sondern der Metabolit Paliperidon?

    Oder die hohe Dosis, kann auch sein.

  3. „D2 Rezeptor: Typische Neuroleptika sind D2 Antagonisten, z.B. Haldol: Sichere antipsychotische Wirkung, aber bei hohen Dosierungen EPMS“

    Hmm, manche Leute sprechen auf Typika nicht an, aber auf Atypika schon. (bei anderen umgekehrt)

    Ich habe eine Freundin, bei der hat Pimozid nicht antipsychotisch gewirkt, die Umstellung auf Sycrest dann aber schon.

    • Hier ist was dazu: http://www.nature.com/npp/journal/v25/n5/pdf/1395706a.pdf

      und hier: http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs00115-003-1544-z#page-1

      „Weiterhin gibt es Hinweise, dass dysphorisch reagierende Patienten auch schlechter auf die neuroleptische Behandlung ansprechen: 2 Studien fanden eine signifikante Korrelation zwischen einer IDR und dem Schweregrad formaler Denkstörungen und Wahn im Akutverlauf[5, 33]. In der Studie von Voruganti et al. [49] zeigten Patienten mit IDR bereits im 48-h-Verlauf eine geringere Verbesserung der Psychopathologie als die nicht dysphorisch Reagierenden.Dahingehendberichteten auch Abi-Dargham et al. [1],dass eine basal niedrige Dopaminaktivitäteine geringere Neuroleptikawirkung auf die Positivsymptomatik vorhersagte.“

      • Auch aus dem paper

        „Warum reagieren einige Patienten auf dieselbe Testdosis eines Neuroleptikums dysphorisch und andere nicht?

        Zunächst wurden interindividuelle Unterschiede in der Pharmakokinetik vermutet.
        Die Plasmaspiegel dysphorischer und nichtdysphorischer Patienten unterscheiden sich jedoch nicht [44]. Erst Voruganti et al. [49] lieferten mit ihrer Studie Hinweise dafür, dass nicht die Kinetik
        des Pharmakons,sondern die vorbestehende Neurotransmitteraktivität entscheidend sein könnte. In dieser Studie wurden die D2-Rezeptor-Bindung und Dysphorie zweier Gruppen bereits vorbehandelter schizophrener Patienten verglichen.
        Die eine Gruppe hatte in einer zurückliegenden Vorbehandlung eine IDR (operationalisiert
        mit dem DAI), die andereGruppe nicht.Die vormals dysphorischen Patienten haben auf die Dopamindepletion wieder dysphorischer reagiert als diejenigen
        Patienten, die vormals keine IDR gezeigt haben (Gruppe x Zeiteffekt:
        F(4,8)=16,65,p<0,001).Aus der geringeren Differenz der D2-Rezeptor-Bindung bei den dysphorischen Patienten leiteten die Autoren ab, dass die basale striatiale Dopaminaktivität
        bei vormals und aktuell dysphorisch reagierenden Patienten niedriger als bei vormals nicht dysphorischen war. Eine dysphorische Reaktion könnte demnach stärker bei den Patienten auftreten,
        die bereits vor der ersten Testdosis eine relativ niedrigere Dopaminaktivität im Striatum haben.

  4. Nett dargestellt .

    Allerdings haben neuroleptika doch noch wesentlich mehr Langzeitschäden als nur EPMS.

    War da nicht die Rede von :

    Stoffwechsel Störungen
    metabolisches Syndrom
    Verlust an Gehirnsubstanz
    emotionale Abflachung
    Gewichtszunahme
    Diabetes
    bis zu 25 Jahre weniger Lebenserwartung

    Da ist EPMS ja fast noch harmlos 😉

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