Noch ein Vorschlag zur Darstellung der Therapieoptionen beim Delir

Beim der medikamentösen Behandlung des Delirs gibt es einen besonders ausgeprägten Sprung zwischen dem, was klinisch üblich ist (Benzos immer, Antipsychotika meistens) und dem, was in Studien gesichert ist (Benzos nur bei Agitation, Antipsychotika nur, wenn der Patient psychotisch ist /halluziniert).

Ich habe daher einen zweiten Vorschlag gemacht, wie man die Therapie des Delirs in Abhängigkeit von der Art des Delirs darstellen kann. In dieser Darstellung kommt auch der Bogen zwischen dem, was klinisch üblich ist und dem, was man aus den Studien ableiten kann, zum Tragen. Die Darstellung sieht so aus:

Was haltet ihr davon?

Vorschlag für eine therapiestrategieorientierte Klassifikation des Delirs

Für die Therapie des Delirs sind zwei psychopathologische Kriterien wegweisend:

  • Agitation: Nur bei Agitation soll man Benzodiazepine geben:
    • Nicht agitiert: Man soll kein Benzodiazepin geben
    • Agitiert: Man soll ein Benzodiazepin geben
  • Psychotisches Erleben: Nur bei psychotischem Erleben soll man Antipsychotika geben:
    • Ohne psychotische Symptome: Man soll kein Antipsychotikum geben
    • Mit psychotischen Symptomen: Man soll ein Antipsychotikum geben

Daraus ergeben sich diese vier Subtypen des Delirs:

  • Nicht agitiertes Delir ohne psychotische Symptome
  • Nicht agitiertes Delir mit psychotischen Symptomen
  • Agitiertes Delir ohne psychotische Symptome
  • Agitiertes Delir mit psychotischen Symptomen
Therapie des Delirs

Oder sehr vereinfacht so:

Wie sieht die übliche Klassifikation des Delirs aus?

Die übliche Unterteilung des Delirs orientiert sich nur an der psychomotorischen Aktivität des Patienten, ohne die Dimension zu berücksichtigen, ob er psychotische Symptome hat oder nicht. Das sieht dann so aus:

Delirklassifikation Blogpost 2019 06 16 16 00 38

Kann man machen, aber dann gehen Diagnose und Therapie nicht Hand in Hand.

Daher habe ich die obere Darstellung erstellt. Sie vermittelt gut, wann man ein Benzodiazepin geben soll und wann man ein Antipsychotikum geben soll. Denn hier geht in der Praxis vieles durcheinander. Wenn ein Patient hyperaktiv aber nicht psychotisch ist, bekommt er oft ein Antipsychotikum, obwohl das in den Leitlinien nicht vorgesehen ist. Und wenn er hypoaktiv aber psychotisch ist, bekommt er oft ein Benzodiazepin, auch wenn das möglicherweise mehr schadet als nutzt.

Was haltet ihr von diesem Vorschlag? Ist das praktikabel? Hat das Bild oben einen didaktischen Wert? Schreibt Eure Gedanken dazu bitte in die Kommentare!

„Hyperventilation: Was tun?“ von den Nerdfallmedizinern erklärt

Zur Tätigkeit als Psychiater gehört es regelmäßig auch, Notfallsituationen kompetent behandeln zu können. Die Videos unserer Freunde drüben von Nerdfallmedizin geben da immer sehr gute, praktische Anleitungen. Manchmal besprechen die beiden auch typisch psychiatrische Notfälle, in diesem Video hier geht es ums richtige Management der Hyperventilation. Als erstes wird erklärt, dass nicht jede Tachypnoe eine Hyperventilation ist, und welche Differentialdiagnosen zu erwägen sind. Und dann erklären die beiden, wie man die Lage wieder unter Kontrolle bringt.

Guckst Du!

Die neue PsychCast-Episode Forensik mit Janna ist online!

Ich spreche mit der Ärztin Janna über die Forensik und wir werfen einen Blick hinter die hohen Mauern. Die Folge findet ihr hier: https://psychcast.de/forensik/

Es lebe die Traurigkeit!

In unserer psychologievernarrten Welt gibt es den verhängnisvollen Trend, völlig normale psychologische Vorgänge mit Begriffen zu belegen, die gar nicht für das normalpsychologische Erleben gemacht sind. Ich nenne mal ein paar Beispiele:

  • Jeder, der mal ein wenig ordentlich ist, wird gleich zwanghaft geschimpft.
  • Statt misstrauisch zu sein, sollen alle plötzlich paranoid sein.
  • Und eitel darf niemand mehr sein, das Wort ist aus dem kollektiven Wortschatz ganz verschwunden, heute sind alle eitlen Menschen gleich narzisstisch

Mit der gleichen überschießenden Leidenschaft werden traurige Menschen, die einfach mal ganz normal und ohne Krankheitswert traurig sein wollen, in unverrückbarer Falschheit immer und von jedem depressiv genannt. 

Aber das ist falsch. Denn traurig sein, heißt eben gerade nicht, dass man depressiv ist. Die Depression ist eine Krankheit, und eine depressive Stimmungslage ist ihr Kernsymptom. Wer aber keine Depression hat, der ist einfach traurig, niedergeschlagen, besorgt, verzweifelt, down, aber eben nicht depressiv. Den Begriff sollten wir ausschließlich für die Kranken reservieren. 

Fortbildungshinweis…


Vom 13.-15. Juni findet in Köln in den Sartory-Sälen die Fortbildung „Psychiatrie und Psychotherapie REFRESHER“ statt. Der Veranstalter Forum für medizinische Fortbildungen richtet in verschiedenen Fachbereichen pharmaunabhängige Fortbildungen von hoher Qualität aus. Die Referenten sind gehalten, ihre Themen prägnant und praxisrelevant vorzutragen, und es finden immer lebhafte Fragerunden statt. Ich bin auch dieses Jahr dabei, diesmal mit dem Thema „Medikamenteninteraktionen im Alter“. Es sind noch Plätze frei…

PC087 Let´s Play ist online!

Machen Spiele süchtig? Oder machen sie Spaß? Können sie ein gutes Buch ersetzen oder sind sie verlorene Zeit? Und natürlich sprechen wir am Schluß auch kurz darüber, welche Spiele wir gerade spielen…

Die Folge findest Du hier: https://psychcast.de/pc087-lets-play/

Das Video zur PsychCast Verlosung ist online

Zur Feier des 500.000 Downloads einer PsychCast Folge haben wir eine große Verlosung ausgerufen und unter allen Kommentatoren des Posts hierzu drei Gewinner gezogen. Jeder Gewinner darf sich aussuchen, ob er ein Exemplar von Alex Buch „Berufseinstieg Arzt: Perfekt durchstarten“ oder von Jans Buch „Psychopharmakotherapie griffbereit“ bekommen möchte. 

And the winners are:

  • Gewinner Nummer 1: Vronimus Ironimus
  • Gewinnerin Nummer 2: Karen
  • Gewinnerin Nummer 3: Monika Fischer

Ganz herzlichen Glückwunsch von uns beiden! Die Verlosung haben wir auf einem Facebook-Live-Video rechtssicher dokumentiert, das Video findet ihr hier: 

https://www.facebook.com/psychcast/videos/817323485317493/

Deeskalationstraining

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Photo by Heather M. Edwards on Unsplash

Der 23-jährige Patient kommt vom Rettungsdienst gebracht erstmalig auf unsere Aufnahmestation. Im Einsatzprotokoll steht, er habe Amphetamine konsumiert und sei nun „fremdaggressiv und steuerungsunfähig“. Auf der Station angekommen ist er laut, läuft getrieben auf und ab und zeigt sich aversiv. Ein ruhiges Gespräch erscheint zunächst unmöglich, er besteht aber darauf, sofort raus zu dürfen. 

Diese Situation kann schnell gefährlich werden. Das psychiatrische Behandlungsteam muss die Gefährdung durch diesen Patienten einschätzen; wenn eine akute Gefahr für ihn oder andere besteht, kann eine kurzzeitige Zwangsunterbringung erforderlich sein. Wenn die eingeforderte sofortige Entlassung aber nicht möglich ist, ist bei einem amphetaminintoxizierten Patienten auch gewalttätiges Verhalten gegenüber Mitarbeitern vorstellbar. 

Eine ruhige, klare und zielorientierte Gesprächsführung kann hier helfen, eine körperliche Auseinandersetzung zu verhindern. Der Patient möchte sofort wissen, wie es jetzt weitergehen wird, und sein Gesprächspartner im Team kann ihm erklären, was als nächstes passiert. Wie könnte so ein Gespräch aussehen?

Patient: „Lass mich raus! Ich will nach Hause, lass mich sofort hier raus!”

Arzt: „Sie wollen jetzt hier raus, sie wollen nach Hause. Das kann ich verstehen.”

Patient: „Du verstehst gar nichts! Was willst Du überhaupt von mir? Lass mich hier jetzt raus!”

Arzt: „Mein Name ist Müller, ich bin der für Sie zuständige Stationsarzt. Ich bin im Moment in erster Linie dafür zuständig, dass hier alle in Sicherheit sind. Dass sie und alle anderen in Sicherheit sind.”

Patient: „Quatsch Sicherheit. Was redest du hier von Sicherheit? Ich will nach Hause! Lass mich jetzt endlich hier raus!”

Arzt: „Ich will mir erst mal ein Bild machen, was hier überhaupt los ist. Erklären sie mir, was los ist?”

Patient: „Das kann ich ihnen gerne erklären, aber dann will ich hier raus!”

Arzt: „Na gut, dann frage ich sie mal ganz direkt: Die Rettungsassistenten, die sie gebracht haben, haben berichtet, sie seien auf einer Party ziemlich ausgerastet. Stimmt das?”

Patient: „Quatsch! Ich habe mir bloß von den Idioten nicht sagen lassen, wie laut ich Party mache. Ich bin nicht ausgerastet!”

Arzt: „OK; ich habe jetzt die Aufgabe, zu prüfen, ob wirklich alles in Ordnung ist. Ich will den Einsatzbericht lesen und sie kurz untersuchen. Danach besprechen wir, wie es weitergeht. Ist das OK für sie?”

Patient: „Ja klar, quatschen wir. Aber dann gehe ich!”

Arzt: „Je nach dem, wie ich die Situation einschätze, kann es auch sein, dass ich sie bitten muss, hier erst mal ihren Rausch auszuschlafen und morgen zu gehen. Aber lassen sie uns erst einmal reden. OK?”

Patient: „Reden können wir. Aber ich bin nicht gefährlich und ich will gleich nach Hause.”

Arzt:“ OK, es ist gut, dass wir jetzt erstmal reden und die Situation klären können. Kommen sie, wir setzen uns erst mal hier hin.”

Patient: „Von mir aus. Haben Sie was zu trinken? Ich habe tierischen Durst.”

Arzt: „Klar. Ich habe hier Mineralwasser. Bitte sehr…”

Um in einem Gespräch erst mal einen vernünftigen Kontakt herzustellen, ist es wichtig, dass der Patient erkennt, dass sein Gesprächspartner ihn wirklich verstehen will, dass der Gesprächspartner nicht nur seinen eigenen Text abspulen und seine eigenen Ziele verfolgen will. Gleichzeitig ist es erforderlich, unverrückbar bei der Wahrheit zu bleiben, und die ist nun mal auch, dass das Behandlungsteam für die Sicherheit verantwortlich ist und alles nicht so schnell geht, wie der Patient sich das wünscht. Das Gespräch oben ist natürlich etwas verkürzt, aber es könnte schon so ähnlich ablaufen… 

Brenzlige Situationen können sehr unterschiedlich sein, und die Herangehensweise ist es dementsprechend auch. Einem dementen Patienten, der glaubt, in einen Keller eingeschlossen zu sein, tritt man anders gegenüber als einem psychotischen Patienten, und dem anders als einem intoxizierten Patienten. 

Zum Glück kann man herausfordernde Situationen dieser Art ganz gut trainieren. Und genau das habe ich letzte Woche über zwei Tage lang gemacht. In unserem Krankenhaus ist ein solches Deeskalationstraining für alle Mitarbeiter, die Patientenkontakt haben, alle zwei Jahre verbindlich vorgeschrieben. Im Training, wir machen es nach ProDeMa, lernt man, wie man mit größtmöglicher Sicherheit für alle Beteiligten, also Mitarbeiter und Patienten, kritische Situationen deeskalieren kann. Nach einem Theorieteil zur Entstehung von gefährlichen Situationen lernt und übt man zuerst verbale Deeskalationsstrategien. In einem zweiten Teil lernt und übt man, sich zu befreien, wenn man etwa festgehalten wird. Und schließlich übt man auch, wie man einen Patienten, der immobilisiert werden muss, für alle Beteiligten sicher unter Kontrolle bringen kann. 

Deeskalationskurse sind gute Hilfen, um Zwangsmaßnahmen zu verhindern, oder, wenn sie doch stattfinden müssen, sicherer zu gestalten. Die Zeit für Trainings dieser Art ist sicher gut investiert, sowohl für Teams, die in der Psychiatrie arbeiten, als auch für Teams, die in Notaufnahmen arbeiten.

Habt ihr Erfahrungen mit solchen Situationen? Habt ihr schon mal ein Deeskalationstraining gemacht? Schreibt eure Erfahrungen in die Kommentare!

Der neue PsychCast zum Thema Abgrenzung ist erschienen

In der 86. Folge des PsychCast sprechen Jan und Alex über das Thema Abgrenzung. Inspiriert durch eine nette Hörermail, die uns auf das Thema gestoßen hat, sprechen wir über diese wichtige Fähigkeit im Leben eines jeden Menschen. Wir reden darüber, wie eine gute oder schlechte Fähigkeit entsteht, sich abzugrenzen, wie ein falsches Selbst entsteht, welche Fallen uns unbemerkt in Abhängigkeiten bringt, warum man Abgrenzung auch als das Immunsystem der Psyche bezeichnen kann, wie Abgrenzungs-Fähigkeit durch die verschiedenen Psychotherapie-Methoden verbessert werden kann, warum das Aufschreiben helfen kann, und wie man sich schrittweise ganz praktisch aus der Abgrenzungs-Falle herausarbeiten kann.
Die Fundstücke der Woche sind Noise-Cancelling-Kopfhörer (Alex) und draußen Joggen und Fitness mit MARK (Jan).
Wir wünschen Euch viel Spaß beim Zuhören! LG, Alex & Jan

Die aktuelle Folge findet ihr hier.

„Ich bin meine eigene Schöpfkelle“


Photo by Sheldon Nunes on Unsplash

Ich bin kein großer Freund mechanistischer Bilder der Psyche. Die werden Maschinen gerecht, aber eben nicht Menschen. Wir Menschen sind nämlich flexibler, dynamischer und nicht-linearer als alle diese Bilder, mit denen wir oft irreleitend versuchen, die Psyche zu verstehen. Eines dieser Bilder ist, dass die Psyche wie ein Faß ist, und der Streß wie Wasser, und wenn genug Streß aka Wasser ins Faß gelaufen ist, läuft das Faß über und der Mensch hat ein psychisches Problem.
Dieses Bild ist natürlich irreleitend, reduktionistisch, im schlechten Sinne mechanistisch und im Ergebnis einfach falsch.
Und deswegen habe ich mich über folgenden Dialog gefreut, den ich heute bei der Visite erlebt habe:
Ich: „Was hat Ihnen denn am meisten geholfen während der stationären Behandlung hier?“

Patientin: „Mir hat am meisten geholfen, dass mir der Psychologe erklärt hat, ich sei meine eigene Schöpfkelle. Wenn das Fass voller wird, kann ich selbst es mit verschiedenen Techniken auch wieder leerer schöpfen, und dann läuft es nicht über. Cool was?“

Sooo kann ich mit dem Bild vom Fass auch wieder was anfangen! Also: Sei auch Du deine eigene Schöpfkelle und nimm Deine Belastung und Entlastung selbst in die Hand…!

Der psychiatrische Notfall drüben bei den Nerdfallmedizinern

Philipp von den Nerdfallmedizinern und ich sprechen über die Pharmakotherapie psychiatrischer Notfälle

Ich bin ja seit der ersten Stunde ein großer Fan des Videoblogs Nerdfallmedizin. Dort werden notfallmedizinische Themen praxisrelevant und sehr gut verständlich erklärt, ich lerne in jedem Video etwas und es macht wirklich Spaß, Philipp und Martin zuzusehen.
In der aktuellen Episode geht es um psychiatrische Notfälle mit besonderem Augenmerk auf die Psychopharmakologie. Der Experte im Interview hierfür bin ich. Ich habe zwar der Uhrzeit der Aufnahme geschuldet einen gewissen Out-of-bed-look, das Video ist aber wirklich interessant. Guckt mal rein und abonniert gleich die Nerdfallmediziner!

Das Video findet ihr hier.

Die Wallraff-Psychiatrie-Reportage

Günther Wallraffs Stil des investigativen Journalismus unter Verwendung von Undercover-Journalisten ist nicht unumstritten, und das Format „Team Wallraff“ im Privatfernsehen könnte den Verdacht nahelegen, dass eine reißerische Berichterstattung begünstigt wird.

Ich habe mir die Folge über Psychiatrische Kliniken und Einrichtungen der Jugendhilfe, die gestern gesendet wurde und jetzt online verfügbar ist, angesehen, und ich bin wirklich schockiert.

Ausgewählt wurden mehrere Kliniken, in denen besonders augenfällige Mißstände bekannt seien, und in diesen wurden besonders schockierende Szenen aus dem Zusammenhang genommen und in einer dramatischen Form zusammengeschnitten.

Was man aber in der kurzen Zeit an Mißständen, falschen Haltungen und unangemessenem Verhalten sehen muss, erinnert an die siebziger Jahre, aber nicht daran, wie Psychiatrie der Gegenwart sein soll und in sehr vielen Kliniken auch ist.

Und man sieht Szenen, die klar rechtswidrig sind. So erklärt eine Pflegekraft vor laufender, wenn auch versteckter Kamera, dass sie einem Patienten die Medikation unter die Käsescheibe aufs Brot legt, da er sie nicht freiwillig einnehme. Das ist eine Straftat, nämlich Körperverletzung. Und die Klinik hat eine augenscheinlich unangemessene Reaktion auf diese Szene gezeigt, in der sie sie einfach geleugnet hat.

Die Reportage ist in diesen Teilen wirklich sehr schmerzhaft anzusehen. Erfreulicherweise schließt sie mit einem positiven Beispiel für eine Klinik, die eine moderne, respektvolle und zeitgemäße Haltung zeigt, und dem Hinweis, dass nicht nur diese eine Klinik in der Gegenwart angekommen sein wird.

Ich empfehle jedem, der diesen Blog liest, sich die Zeit zu nehmen, die Reportage anzusehen. Ihr findet sie hier:

https://www.tvnow.de/shows/team-wallraff-reporter-undercover-2384/staffel-6/episode-1-undercover-in-psychiatrien-1504359

Fakultativ geschlossene Stationen

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Ich war heute als psychiatrischer Sachverständiger im Rahmen der PsychKG-Besuchskommission unterwegs. Wir haben das Bertha-Krankenhaus in Duisburg besucht. Das Bertha-Krankenhaus an diesem Standort hat vier Stationen: Eine Tagesklinik, eine offene Station für unter 50-jährige, eine offene Station für über 50-jährige und eine fakultativ geschlossene Station. Früher waren zwei der vier Stationen geschlossen, jetzt ist es nur noch eine, und die ist nur an manchen Tagen im Jahr geschlossen, an anderen Tagen im Jahr ist sie offen.

Nun gibt es unter den Psychiatern eine ziemlich leidenschaftlich geführte Debatte, ob man überhaupt geschlossene Stationen braucht, und wie man fakultativ geschlossenen Stationen organisieren kann. Die vier hauptsächlich vertretenen Varianten sind:

  1. Immer zu: “Eine richtige sektorversorgende psychiatrische Klinik braucht auch mindestens eine durchgehend geschlossene Station. Bestimmte Gefährdungsaspekte, die in psychiatrischen Kliniken nun einmal behandelt werden, lassen sich einfach nicht anders kontrollieren. Beispiele hierfür sind demente Patienten mit Weglauftendenzen (ja, ich weiß, das heißt heutzutage Hinlauftendenzen), oder fremdaggressive Patienten, beispielsweise bei einer akuten Psychose, die per PsychKG untergebracht sind, und ohne geschlossene Türe einfach fortlaufen würden.”
  2. Fakultativ geschlossen, mit Personal an der Türe, wenn sie offen ist: “Wir schreiben uns auf die Fahne, die geschlossene Station geöffnet zu haben; damit aber keiner abhaut, setzen wir eine Pflegekraft vor die offene Türe, die die Patienten, die ohne Ausgangsregelung gehen wollen, zurückhält.”
  3. Fakultativ geschlossen, ohne Personal an der Türe: “Wir prüfen täglich, ob wir die Türe tagsüber auflassen können. Wenn wir das können, dann setzen wir keine Pflegekraft vor die Türe. Die Türe dennoch irgendwie im Blick zu haben, schadet aber nichts.“ 
  4. Immer offen: “Wir brauchen nie eine geschlossene Tür.”

Die Klinik, die ich heute besucht habe, praktiziert Variante 3, und das ganz unaufgeregt. Es gebe Tage und Wochen, da müsse die Türe verschlossen sein, weil ein oder mehrere Patienten der Station dies erforderlich machten. Aber es gebe auch Tage und Wochen, in denen die sonst geschlossene Station eine offene Flurtüre haben könne, und dann werde das auch so gemacht und trage sehr zur Entspannung der Atmosphäre der Station bei. Man prüfe es halt jeden Morgen und entscheide dann entsprechend. Heute war die Flurtüre geschlossen, und das Schild oben hing aus. An anderen Tagen sei sie einfach offen.

Ich selbst glaube, dass gerade kleine Abteilungen und Krankenhäuser öfters die Möglichkeiten haben, alle Stationen offen zu führen. Große psychiatrische Kliniken haben einfach aus statistischen Gründen sehr viel öfter Patienten in Krisen mit akuten Gefährdungen, die nicht anders beherrscht werden können, und damit auch öfter Tage, an denen die Station geschlossen sein muss; und dann wäre es irgendwann Augenwischerei, wenn man die Station fakultativ geschlossen nennt, aber praktisch das ganze Jahr geschlossen führt. 

Wenn man aber nun eine sonst geschützte Station zeitweise offen führt, ist eine besonders intensive Beziehungsarbeit, Motivationsarbeit und Haltung erforderlich. Und diese Haltung ist sehr patientenorientiert, wertschätzend und angenehm. 

Das Team des Bertha-Krankenhauses ist wirklich engagiert und geht sehr bewußt und achtsam mit Zwangsmaßnahmen um, was die Häufigkeit der Notwendigkeit der Anwendung von Zwangsmaßnahmen sehr gering hält. Das hat mich heute sehr positiv beeindruckt.

Wie haltet ihr es mit der Flurtüre? Welche Variante habt ihr und warum? Schreibt eure Erfahrungen in die Kommentare!

PC083 Online-Psychomedizin revisited ist online

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Die aktuelle Folge findet ihr hier.

Warum nächtlich verwirrte Patienten keine „Schlafgäste“ auf der geschützten Station sein sollten

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Photo by Rye Jessen on Unsplash

Es gibt ja Patienten, die tagsüber noch gut orientiert sind, deshalb auch auf einer offenen Station behandelt werden, die aber nächtliche Verwirrtheitszustände zeigen. In diesen nächtlichen Verwirrtheitszuständen können Hinlauftendenzen und eine Eigengefährdung durch Hilflosigkeit bestehen.

Es gibt nun die Option, diese Patienten nur für die Nächte, als „Schlafgäste“, auf die geschützte Station zu verlegen. Klingt erstmal plausibel. Denn tags kommt der Patient ja auf der offenen Station zurecht, und man möchte ihm vielleicht auch tags nicht die etwas unruhigere Atmosphäre der geschützten Station antun. Außerdem ist der Platz dort knapp. Und der Patient schläft ja nachts ohnehin, oder?

Dagegen spricht, dass zu den in Granit gemeißelten Basics der Delirprophylaxe gehört, dass alles nur erdenklich Mögliche getan wird, dass sich der Patient zuverlässig orientieren kann: Eigene Brille, eigenes Hörgerät, Kalender und Uhr, feste Ansprechpartner, ruhige und stabile Umgebung…

Das genau führt dann aber zu der Überlegung, dass es für die Orientierung nicht gut sein kann, wenn der Patient wie ein Rucksackreisender sein Zelt jede Nacht an einer anderen Stelle aufschlagen soll, als dem Ort, an dem er den Tag verbracht hat. Das kann nur zur Verwirrung beitragen.

Ich denke, dass Patienten, die unter nächtlicher Verwirrtheit leiden, in aller Regel auf einer Station behandelt werden sollten, die nachts für ausreichend Sicherheit sorgen kann. Und zwar ganz, oder gar nicht. Keine Schlafgäste!

(Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel…)

PC082 Breaking News: Update zur Reform der Psychotherapeutenausbildung ist online

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Am vergangenen Mittwoch hat das Kabinett dem Gesetzesentwurf zur Reform der Psychotherapeutenausbildung zugestimmt. Wir hatten in der viel diskutierten Folge PC079 über den damaligen Stand, den Referentenentwurf zu diesem Gesetz, gesprochen. In der nun verabschiedeten Version bleibt es bei einem Direktstudium, auch die gesicherte Finanzierung des PiA Zeit bleibt, es gibt zum Glück aber drei Änderungen, die wesentliche Kritikpunkte am Entwurf aufnehmen.

  • Es wird keinen Modellstudiengang “Psychopharmakologie geben
  • Die Berufsbezeichnung “Psychotherapeut” darf nun auch von anderen Berufsgruppen, die nicht den Direktstudiengang absolviert haben, verwendet werden, Ärzte dürfen dann “Ärztlicher Psychotherapeut” heißen
  • Die somatische Konsiluntersuchung vor Beginn einer Psychotherapie bleibt weiterhin verpflichtend.

Das sind sehr vernünftige und erfreuliche Änderungen des Gesetzesvorhabens. Damit kann man leben…

Schließlich stellen wir ein Missverständnis klar, dass sich auf Twitter breit gemacht hat: Wir vom PsychCast glauben nicht, dass Ärzte die besseren Psychotherapeuten sind und wollten Psychologische Psychotherapeuten niemals irgendwie in ihrer Kompetenz herabwürdigen.

Hört euch unsere 15-minütige Breaking-News Folge unbedingt an! Die Folge findet ihr hier.

MikMe Test

OK, das ist jetzt kein psychiatrischer Beitrag, aber ich habe nach langer Zeit mal wieder ein Video zu YouTube hochgeladen, und zwar einen Testbericht über ein Mikro, das ich mir unlängst angeschafft habe, und zwar das MikMe.MikMe

Das MikMe ist schon ´ne coole Sache, da man es drahtlos mit dem iPhone verbinden kann, und so Audio und auch Video mit gutem Audio aufnehmen kann. Man kann es auch ganz alleine als Mikrofon mit eingebautem Audio-Recorder verwenden und so beispielsweise Interviews aufnehmen. Das MikMe ist für Interviews, YouTube-Videos und audio-field-recording echt gut geeignet.

Mein Video-Review findest Du hier.

De lira ire

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Wusstest Du schon, wo das Wort Delir herkommt? Das Wort Delir kommt aus dem Lateinischen von „De lira ire“. De heißt aus, von; lira bedeutet Gleis, Spur und ire heißt gehen. Übersetzt heißt es also „aus dem Gleis gehen“ oder „aus der Spur geraten“. Schöner kann man es eigentlich nicht beschreiben…

Frohes Karnevalsfest!