Glück macht erfolgreich

Unsere Kultur baut auf der Grundannahme auf, Erfolg mache glücklich. Das ist natürlich unwahr. Interessanterweise ist es aber umgekehrt wahr: Glücklich sein begünstigt Erfolg. Aber das Glück kommt zuerst.

Kennt man alle äußeren Umstände eines Menschen, also seinen Beruf, seinen Reichtum, seine Arbeit, seine Wohnung, seine Beziehung und alle anderen äußeren Dinge, die über das empfundene Glück mitentscheidend sein könnten, dann kann man nur zu 10 Prozent voraussagen, wie glücklich er ist. Der Rest der Musik spielt im Gehirn. Die Art, wie man seine Lebensumstände bewertet, wie man sich selbst in seiner Welt wahrnimmt, macht die restlichen 90 Prozent aus.

Andererseits gibt es eine Reihe von Forschungsergebnissen, die zeigen, dass Menschen, die aus sich selbst heraus glücklich sind, mehr Erfolg in vielen Bereichen des Lebens, auch des Arbeitslebens haben.

Wenn ihr schnell gesprochenes Englisch gut versteht, dann guckt euch einen der unterhaltsamsten TED-Talks an: Shawn Schor: The happy Secret to better work.

Inside Medicine: Depressionen

Im Podcast Inside Medicine berichten die Gastgeber Christoph und Ronja aus der Welt der Medizin. Entweder die beiden sprechen miteinander, oder sie laden Gäste zum Interview ein. Ich war bereits in Episode 23 zu Gast und berichtete, was ich als Psychiater tue und warum ich mir dieses Gebiet ausgesucht habe. Vorgestern habe ich mich erneut mit Christoph unterhalten. Diesmal ging es um das Thema „Depressionen“. Wir sprechen über die Abgrenzung von normalen Stimmungsschwankungen zur Krankheit Depression, über unterschiedliche Entstehungsweisen der Depression, über neurobiologische Erklärungen und schließlich über einige unterschiedlichen Therapiemöglichkeiten.

Die Episode 028 „Depressionen“ findet ihr hier.

Das neue Cartoon-Buch von Pharmama ist da!


Wer Pharmama kennt, hat es schon gehört: Ihr Cartoonband ist soeben frisch erschienen. Zu meiner großen Freude auch als eBook. Wie kommt es, dass ich meinen eigenen beruflichen Alltag in so vielen Cartoons wiederfinden kann?

Nach „Gibts diese Pille auch in grün?“ ist „Einmal täglich“ unzweifelhaft eine sehr lesenswerte Lektüre für alle, die was für die Sorgen und Freuden des Medizinbetriebes übrig haben!

Der Notfallpass in iOS 8

Wenn ein Patient ins Krankenhaus aufgenommen wird, der aus welchem Grund auch immer nicht mehr geordnet sprechen kann, dann versucht man auf andere Weise herauszubekommen, wer der Patient ist und was mit ihm los ist. Der typische Fall ist der bewusstlose Patient, der in ein Allgemeinkrankenhaus aufgenommen wird. Aber auch in der Psychiatrischen Klinik werden nicht selten Hilflose Personen (Rettungsdeutsch: „HiLoPe„) aufgenommen, deren Personalien sich auf „ca. 40 Jahre, männlich“ beschränken.

Traditionell sucht man dann erst mal die Taschen des Patienten nach seinem Portmonee ab. Hier findet man oft eine EC-Karte oder etwas ähnliches mit dem Namen des Patienten. Das kann schon mal helfen. Mit viel Glück hat der Betroffene auch einen Pass mit Namen und Adresse bei sich. Aber selbst dann weiß man über die Vorgeschichte oder mögliche Vorerkrankungen noch nichts.

In letzter Zeit immer wichtiger wird allerdings das Handy des Patienten. Es gibt nicht wenige Patienten, die keine Ausweispapiere bei sich haben, aber ein Handy. Nicht immer ist das so gut organisiert, dass man genau heraus bekommt, wie der Besitzer heißt und was mit ihm los ist. Aber die Telefoneinstellungen „Favoriten“ gibt es doch bei den meisten Betriebssystemen. Und wenn man da einen der Einträge „Mama“, „Schatz“, „Heimleitung“ oder „Dr. Winkelmann“ anruft, kommt man in der Regel schon mal weiter.

Mit der weiteren Verbreitung der Smartphones wird es allerdings für den ärztlichen Ermittler erst mal schwieriger. Viele Handys haben – und das ist auch gut so – eine Code-Sperre. Wenn die Patienten in ihrem Bewusstsein so eingeschränkt sind, dass sie die Sperre nicht mehr aufheben können, und die guten alten Versuche „1234“, „0000“ und „2580“ nicht funktionieren, dann kommt man hier allerdings nicht weiter.

Auftritt iOS 8 und der hier integrierte Notfallpass. Seit iOS 8 auf den iPhones gelandet ist, kann man in der App „Health“ für den Notfall relevante Informationen hinterlegen. Insbesondere

  • Name
  • Geburtsdatum
  • Erkrankungen und Befunde
  • Allergien und Unverträglichkeiten
  • Medikation
  • Kontaktpersonen mit Name und Telefonnummer
  • Größe, Gewicht
  • und die Information, ob man Organspender ist oder nicht.

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Das Besondere ist, dass diese Informationen auch von einem gesperrten iPhone aus zugänglich sind. Im Lock-Screen, in dem man den Entsperr-Code eingeben kann, erscheint unten links die Auswahl Notfall:

Wenn man den Schriftzug „Notfall“ antippt, kann man von diesem gesperrten iPhone aus die Notrufnummern 110 und 112 wählen. Und man hat unten links Zugriff auf die Schaltfläche „Notfallpass“:

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Tippt man auf den Schriftzug „Notfallpass“, zeigt einem das immer noch gesperrte Handy die in der App Health hinterlegten Informationen an. Das sieht dann etwa so aus:

Finde ich wirklich praktisch. Insbesondere Kontaktpersonen für den Notfall, aber auch die Medikation hilft sehr. Man kann die Felder auch für weiterführende Informationen wie etwa den Hinweis auf eine Behandlungsvereinbarung oder ähnliches verwenden. Sehr sinnvoll ist natürlich auch das Feld „Organspender“. Ich denke, mit den Handys kann sich hier eine größere Verbreitung ergeben als mit den Organspendeausweisen.

Also: Wenn Du ein iPhone hast und iOS 8 ist installiert, dann trag mal zumindest Deine Kontaktpersonen für Notfälle ein. Und dann hoffen wir, dass diese Funktion bei deinem Telefon nie gebraucht wird…

S3-Leitlinie Psychosoziale Therapien

Die DGPPN hat eine neue Leitlinie für Betroffene und Angehörige zum Thema Psychosziale Therapien herausgebracht. Die Leitlinie informiert kurz und übersichtlich, welche Psychosozialen Therapien es gibt und was man sich von ihnen versprechen kann.

Insbesondere die ambulante Soziotherapie wird aufgrund wenig geeigneter Rahmenbedingungen viel zu selten verschrieben. Kunst-, Ergo- oder Sporttherapie werden schon häufiger auch ambulant durchgeführt. Von besonderer Bedeutung sind die Möglichkeiten, einem Betroffenen zu helfen, wieder ins Arbeitsleben zu finden oder am Sozialleben wieder mehr teilzuhaben. Auch hier informiert die Leitlinie über konkrete Möglichkeiten.

Das kostenlose PDF findet ihr hier.

Positiv denken !

Lustige kleine Psychotricks sind ja eigentlich nicht die Haupt-Domäne dieses Blogs. Aber mein letzter selbst-getesteter macht mir doch so viel Spaß, dass ich ihn mit euch teilen will…

Vor etwa zwei Wochen habe ich mir in meine to-do-Liste als Aufgabe „Positiv denken“ eingetragen. Und auf tägliche Wiederholung gestellt. Aus Gründen.

Die Gründe sind schon längst wieder verflogen. Mein treues Task-Managementsystem OmniFocus erinnert mich aber weiterhin zu unterschiedlichen Tageszeiten einmal am Tag daran, positiv zu denken. Einsortiert ist diese Aufgabe in mein schon lange bestehendes Projekt „Eine gute Lebensqualität haben“…

Und irgendwie findet es immer einen ziemlich passenden Zeitpunkt dafür….

Es macht jeden Tag Spaß, die Checkbox bei „Positiv denken“ anzuclicken. Ich habe mir heute gleich noch die wöchentlich wiederkehrende Aufgabe „Think different“ eingetragen.

Welches sind eure Lieblings-Psycho-Tricks? In dieser Kategorie sind auch Horoskope und Schamanismus erlaubt….

Duisburgerin erhält IG-Nobelpreis für Physik

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Die jährliche Verleihung der IG Nobelpreise (steht für Improbable Research) werden jährlich mit großer Spannung erwartet. Geehrt werden Forschungen, die irgendwie erst gemeint waren und im Prinzip einen ernsten Hintergrund haben, und dann doch irgendwie abstruß enden.

Eine schöne deutsche Übersetzung der ausgezeichneten Studien hat die Zeit hier zusammengestellt: Ig-Nobelpreise: Jesus auf Toast und Fleisch in der Nase | ZEIT ONLINE.

Im Original findet ihr die Sieger hier: http://www.improbable.com/ig/winners/.

Im Bereich der Medizin hat eine Studie gesiegt, die zum Ergebnis kommt, dass Nasenbluten sehr gut mit Streifen aus Pökelfleisch gestillt werden kann. Die Preisträgerin ist zwar Vegetarierin, aber der Zweck heiligt ja manchmal die Mittel.

Im Bereich der Psychologie wurde eine Studie ausgezeichnet, die herausgefunden hat, dass Menschen, die aus Gewohnheit lange wach bleiben, sich selbst öfter bewundern, manipulativer und psychopathischer veranlagt sind, als jene, die früh morgens aufstehen (Jonason & Jones & Lyons, 2013).

Mein Lieblingspreis wurde im Bereich der Physik vergeben: Geehrt wurde die deutsche Biologin Sabine Begall von der Universität Duisburg-Essen, die herausfand, dass Hunde, die ihr Geschäft verrichten, ihre Position am Magnetfeld der Erde ausrichten (Hart et al., 2013). Begall war extra in die USA geflogen, um den Preis entgegenzunehmen.

Das zweistündige Video, das die gesamte Zeremonie der Preisverleihung zeigt, findet ihr hier:

http://new.livestream.com/cs50/ig/videos/62466277

Bist Du ein digitaler Messi oder ein zwanghafter Dateisortierer?

Es gibt ja neben dem normalen Messi, der einfach nichts wegwerfen kann und daher in einer zunehmend vermüllten Wohnung wohnen muss, noch einige Spezial-Messis. In freier Wildbahn recht häufig anzutreffen ist der Auto-Messi. Er hält zwar Zuhause mit einiger Willensanstrengung Ordnung, aber im Auto läßt er alle Hoffnung fahren. Erst wenn er das Gaspedal nicht mehr auf das Bodenblech drücken kann, weil sich alte Strafzettel, Capri-Sonne-Verpackungen und das Altpapier des Jahres 2013 zu einer Zentimeter hohen Schicht verbacken haben, sucht er eine Tankstelle auf und aktiviert den Staubsauger.

Und dann gibt es da noch den Digitalen Messi. In Zeiten wachsender Festplatten und preiswerter werdendem Online-Speicherplatz ist die Versuchung groß, alle möglichen Dateien einfach in einen der Ordner “Sonstiges”, “Verschiedenes” oder “Später durchgucken” zu speichern und dann zu vergessen. Vieles findet man ja über die globale Suche bei Bedarf wieder.

Es ist dieses Vorgehen indes nicht so gut.

Wir zwanghaften Dateisortierer als Gegenmodell zum Digital-Messi haben erst mal für jede Dateiart eine eigene Cloud.
Dann haben wir eine in sich schlüssige Ordnerstruktur, die oft noch zusätzliche Unterordner nach Datum beherbergt.
Dann benennen wir jede Datei nach einem bestimmten, immer gleichen Muster, mit einem sortierbaren Datum voran.
Das sieht dann so aus:

MacHD/Dropbox/Finanzen/Steuern/2014/Steuerrelevante Ausgaben/2014_09_16 Rechnung Briefmarken.pdf

Ja, dann finden wir auch immer schön alles.

Auf einer Skala von 1 (Digital-Messi) bis 10 (Zwanghafter Datei-Sortierer), wo befindest Du dich da? Also ich liege bei 10…

Ich freue mich über eure Selbsteinschätzungen in den Kommentaren!

Und wer fragt nach mir? Selbstmanagement in der Versorgung von Menschen mit Demenz

Wenn der eigene Vater, die eigene Mutter an einer Demenz erkrankt, fragen sich viele Angehörige: Können wir die Versorgung zu Hause schaffen? Oder braucht es ein Altenheim, dass sich um den Kranken kümmert. Zu Beginn der Erkrankung kann man die notwendigen Hilfen vielleicht noch ganz gut in den eigenen Alltag integrieren. Mit fortschreitender Erkrankung werden die Belastungen für die pflegenden Angehörigenaber immer umfangreicher, bis irgendwann eine 24-Stunden-Betreuung notwendig ist, die einen schnell an die Grenze der psychischen Belastbarkeit bringen kann.
An der Universität Witten-Herdecke gibt es ein Dialog und-Transfer-Zentrum Demenz, dass jetzt ein kostenloses eBook zum Thema: „Und wer fragt nach mir? Selbstmanagement in der Versorgung von Menschen mit Demenz“ herausgebracht hat.

Hier erklärt der Autor in einem Video, an wen sich das Buch richtet.

Agomelatin (Valdoxan®)

Geschichte

Antidepressiva sind üblicherweise Selektive-Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) oder Selektive-Serotonin-und-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SNRI) oder leichte Variationen zu diesem Thema. Diese Substanzen sind sehr bewährt, sie werden seit Jahrzehnten als Medikamente der ersten Wahl bei Depressionen, Ängststörungen und Zwängen erfolgreich eingesetzt. Das Interesse ist natürlich sehr groß, wenn ein neuartiges Antidepressivum auf den Markt kommt, das ein komplett anderes Rezeptorbindungsprofil hat. Ein ganz andersartiges Medikament könnte bei Patienten wirken, bei denen SSRI oder SNRI nicht gut helfen und man könnte sich ein anderes und besser verträgliches Nebenwirkungsprofil vorstellen. Im Jahr 2009 hat Servier Agomelatin als Valdoxan® in Deutschland auf den Markt gebracht.

Pharmakologie

Agomelatin ist ein leicht modifiziertes synthetisches Analogen des menschlichen Hormons Melatonin. Melatonin hat einen wesentlichen Einfluss auf den Tag-Nacht-Rhythmus. In den USA ist Melatonin als Nahrungsergänzungsmittel in Supermärkten und Drogerien frei verkäuflich und wird dort vor allem beworben als Mittel gegen jet-lag, Schlafstörungen und zur Prophylaxe der Migräne. In der EU ist es unter dem Namen Circadin zur kurzfristigen Behandlung von Schlafstörungen bei Patienten ab 55 Jahren zugelassen, hier aber rezeptpflichtig. Agomelatin ist ein chemisch stabileres Analogon des Melatonins. Wie Melatonin wirkt es agonistisch an den Melatonin MT1 und MT2 Rezeptoren. Darüber hinaus wirkt es schwach antagonistisch auf die serotonergen 5HT2C-Rezeptoren im Nucleus suprachiasmaticus, und soll so die „innere Uhr“ des Menschen beeinflussen und circadiane Rhythmen resynchronisieren. Diese 5HT2C-Hemmung soll auch zum antidepressiven Effekt beitragen. Auch Mirtazapin, Mianserin und Amitriptylin wirken unter anderem antagonistisch am 5HT2C-Rezeptor.

Studienlage

Laut Wikipedia-Eintrag zu Agomelatin gab es sechs Zulassungsstudien, von denen zwei eine Überlegenheit von Agomelatin gegenüber Placebo zeigten; in zwei Studien lagen Agomelatin und Placebo gleichauf und eine Studie verlief negativ. In einer Metaanalyse dieser Studien ergab sich gegenüber Placebo eine Differenz von 1,5 Punkten auf der Hamilton-Depressionsskala. Das britische NICE postuliert für eine klinisch relevante Wirksamkeit eines Antidepressivums im Plazebovergleich jedoch eine Differenz von mindestens 3 Punkten. Die SSRI schneiden mit einem Unterschied von 1,8 Punkten im indirekten Vergleich etwas besser, aber auch nicht gut ab. (Quelle: Arzneimittel-Telegramm). In vier weiteren Studien wurde Agomelatin mit Venlafaxin, Sertralin und Fluoxetin verglichen. Hierbei schnitt es bezüglich der antidepressiven Wirkung gleich ab, bezüglich der Qualität des Einschlafend sogar besser. In einer Langzeitstudie über 34 (bis 52) Wochen zeigte sich kein Unterschied zwischen Agomelatin und Placebo. In einer zweiten, sechsmonatigen Studie zur Rückfallprophylaxe erlitten Patienten, die nach anfänglichem Ansprechen von Agomelatin auf ein Placebo umgestellt wurden, nach sechs Monaten signifikant häufiger Rückfälle (46,6 %) als jene Patienten, die weiterhin Agomelatin einnahmen (21,7 % Rückfälle).

Klinische Anwendung

In Deutschland ist Agomelatin in der Indikation Depressionen zugelassen, nicht aber als Schlafmittel. In den Jahren nach der Zulassung wurde Agomelatin zunächst recht optimistisch eingesetzt, in der Hoffnung, ein wirksames Antidepressivum mit wenig Nebenwirkungen zu haben. Die anfängliche Begeisterung für Agomelatin hat sich inzwischen deutlich gelegt. Bei schweren Depressionen wird es kaum eingesetzt. Am ehesten wird es bei leichten bis mittleren Depressionen mit ausgeprägten Schlafstörungen eingesetzt. Auch eine Kombination mit klassischen SSRI ist nicht selten.

Dosierung

Man gibt in den ersten zwei Wochen täglich 25 mg zur Nacht. Wenn sich nach zweiwöchiger Behandlung keine Besserung der Symptomatik einstellt, erhöht man die Dosis auf 50 mg zur Nacht. Dies ist die Höchstdosis.

Unerwünschte Wirkungen

Agomelatin ist mit der Gefahr des Anstiegs bestimmter Leberwerte, der Transaminasen behaftet. Ein Anstieg dieser Werte kann auf eine Schädigung der Leber hinweisen. Daher sollen laut Fachinfo bei allen Patienten, die Agomelatin erhalten, vor Beginn, nach 3 Wochen, nach 6 Wochen, nach 12 Wochen, nach 24 Wochen und danach in sinnvollen Abständen weiterhin die Leberwerte kontrolliert werden. Nach einer Dosissteigerung sollen erneut die gleichen Kontrollintervalle wie bei einer Neueinstellung eingehalten werden. Patienten mit Leberfunktionsstörungen sollen kein Agomelatin erhalten. Die EMA hat jüngst gefordert, dass Agomelatin älteren Patienten ab 75 Jahren nicht mehr verordnet werden soll, da das Verhältnis aus zu erwartendem Nutzen und zu befürchtendem Schaden negativ sei. Der Warnhinweis des Herstellers für medizinisches Fachpersonal zur Hepatotoxizität von Agomelatin findet sich hier.

Mein persönliches Fazit

Aufgrund der Pharmakologie war ich bezüglich der antidepressiven Potenz von Agomelatin von Anfang an skeptisch. Ganz im Vordergrund steht ein Agonismus an den Melatoninrezeptoren. Dieser Mechanismus ist nicht bekannt für eine antidepressive Wirkung. Er steht eher im Zusammenhang mit einer Beeinflussung des Tag-Nacht-Rhythmus, was eine Wirksamkeit als Schlafmittel plausibel machen würde. Die ersten Studien waren auch nicht besonders überzeugend. Meine bisherigen Verschreibungen und Beobachtungen haben bislang mein Bild nicht wesentlich verändert. Agomelatin kann den Schlaf etwas verbessern, was in den üblichen Depressionsskalen (z.B. auch der in den Studien verwendeten HAMD) schon eine Verbesserung bringt. Zur Behandlung leichter Depressionen mit einhergehenden Schlafstörungen mag es geeignet sein. Eine überzeugende Wirkung bei schweren Depressionen habe ich bislang nicht beobachtet. Nachdem die Hinweise auf Leberfunktionsstörungen sich gehäuft haben, ist mit der Verordnung nun die Verpflichtung zu recht häufigen Blutentnahmen hinzu gekommen.

Eure Erfahrungen?

Wie sind eure Erfahrungen mit Agomelatin? Verschreibt ihr es häufig? Mit welchem Erfolg? Hat jemand es schon einmal eingenommen? Wie hat es gewirkt? Schreibt eure Erfahrungen in die Kommentare!

Copyright

 

Dieser Beitrag ist ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag weiterverwenden möchten.

Die Kunst der Präsentation

Dieser TED-Talk von Lawrence Lessig ist nicht nur eine sehr spannende Ausführung über das US-Amerikanische Wahlsystem, sondern auch präsentationstechnisch unglaublich gut gemacht. Wer sich für die Kunst eindringlicher Präsentationen interessiert, sollte sie sich einfach deshalb mal anschauen und genießen.

Phantom Vibration Syndrom

Kennt ihr AsapSCIENE (your weekly dose of science) ? Cooler Youtube-Kanal, auf dem ihr Fragen stellen könnt, und AsapSCIENCE beantwortet sie leicht verständlich, locker vorgetragen als Live-Zeichnung. Dringend vorbeischauen.

In diesem Video geht es darum, was soziale Medien mit unseren immer auf Belohnung ausgerichteten Gehirnen machen. Teaser: Der Gebrauch von sozialen Medien setzt Dopamin frei und hat damit ein gewisses Suchtpotential.

Was ich recht lustig finde ist, dass in dem Video das „Phantom Vibration Syndrom“ beschrieben wird. Was Phantom-Schmerzen sind, weiß man ja: Wenn es da schmerzt, wo gar keine Gliedmaße mehr ist; also zum Beispiel Schmerzen in der linken Hand, wenn der ganze linke Arm einschließlich der Hand nicht mehr vorhanden sind. Das sind Phantomschmerzen.

Online-Junkies sollen das Handy manchmal vibrieren spüren, auch wenn es gar nicht klingelt. Deren Gehirn soll schon so krude verdrahtet sein, dass es das gute alte Jucken fälschlich als eine Vibration des Handys missdeutet. In einer Studie hätten 89 % der Befragten angegeben, sie hätten eine Phantomvibration mindestens einmal alle zwei Wochen bei sich festgestellt.

Wenn es mich das nächste Mal juckt, versuche ich mal eine pinch-to zoom Geste statt kratzen…

 

Manche psychiatrischen Erkrankungen kommen einfach wie Asthma…

Die Patienten fragen uns immer wieder, woher eine bestimmte psychiatrische Erkrankung kommt.

„Woher kommt meine Depression?“

 „Was sind die Ursachen meiner Somatisierungsstörung?

Und das sind natürlich ganz berechtigte Fragen. Und manchmal können wir die Frage auch mit gutem Gewissen beantworten. Wenn zum Beispiel jemand seit einigen Monaten immer mehr Amphetamine konsumiert hat, und dann eine Psychose entwickelt, dann ist es berechtigt, zu sagen, dass der Drogenkonsum eine wichtige Ursache gewesen sein wird.

Aber für viele Erkrankungen kennen wir eben gerade nicht die eine Ursache, die alles erklärt. Dann wird es schwierig. Denn Patienten haben wie alle Menschen ein großes Kausalitätsbedürfnis und fragen immer wieder nach, woher ihre Erkrankung denn nun kommt. Am liebsten werden monokausale Erklärungen angenommen. Und Therapeuten sehen sich gerne als Experten und möchten daher eine schlüssige Erklärung für jede Erkrankung geben, auf die dann natürlich auch die Therapie aufbauen kann.
Interessanterweise werden dann immer wieder einige wenige Erklärungsmodelle herangezogen, die Therapeuten gut kennen, und die auch manchmal stimmen, zum Beispiel:

  • Bindungsstörung
  • Frühkindliches Trauma
  • Trauma allgemein
  • Invalidierendes Verhalten der Eltern
  • Streß

Und wenn diese Erklärungen passend sind, dann ist ja auch nichts gegen sie einzuwenden. Aber ich halte gar nichts davon, die immer gleichen Erklärungen für alles und jedes anzuführen, einfach, weil man nichts anderes kennt und nicht zugeben will, dass man es halt nicht erklären kann. Ich sage dann lieber:

Ach wissen Sie, mit der Ursache Ihrer Generalisierten Angststörung ist das so, wie mit Asthma. Manche Menschen haben Pech und kriegen diese Erkrankung, andere haben Glück und kriegen sie nicht. Ich kann auch morgen eine Generalisierte Angststörung entwickeln. Wie beim Astma kann es sein, dass es auch genetische Ursachen gibt, die wir vielleicht noch gar nicht kennen. Wie beim Asthma wird es auch Umweltfaktoren geben, die die Krankheit schlimmer machen können oder zur Linderung beitragen können. Bei der Angsterkrankung spielt erlerntes Verhalten schon oft eine besondere Rolle, die wir uns im Weiteren bei Ihnen auch angucken sollten. Im Moment aber kenne ich die Ursache Ihrer Erkrankung nicht. Vielleicht gibt es eine, vielleicht gibt es mehrere und möglicherweise finden wir die Ursachen nie heraus. Aber das ist nicht so schlimm. Asthma kann man auch dann behandeln, wenn man keine Ursache findet. Und das würde ich Ihnen gerne auch für Ihre Angststörung anbieten.

Diese Erklärung hat den Vorteil, dass sie nichts unterstellt, was gar nicht stimmt. Natürlich mache ich mich in der Therapie auf die Suche nach wiederkehrenden Situationen erlernter Angst und suche nach anderen Ursachen.
Aber wir Psychiater und Psychotherapeuten müssen meiner Meinung nach auch mal akzeptieren, dass wir nicht für jede Somatisierungsstörung, für jede manische oder depressive Episode, für jede Schizophrenie eine Erklärung finden. Das ist zumindest besser, als eine falsche zu geben…

 

Diazepam Kumulation

Sie behandeln einen Patienten mit einer Tablette Diazepam 10 mg pro Tag. Wie kommt es eigentlich, dass dieser Patient nach einer Behandlungsdauer von ungefähr fünf Tagen immer scheinbar plötzlich so müde wird? Die Antwort ist natürlich ganz einfach: Diazepam kumuliert aufgrund der langen Halbwertszeit von etwa 50 Stunden mit jeder Gabe immer mehr. (Hier finden Sie eine Liste mit den Halbwertszeiten gängiger Benzodiazepine.)
Gehen wir das mal in einem einfachen Gedankenexperiment durch:
Sie geben ihrem Patienten am Montag morgen 10 mg Diazepam. Dies kommt ins Blut. Die Halbwertszeit beträgt vereinfacht gesagt etwa 48 Stunden, also zwei Tage. Das bedeutet, dass von der Montagsgabe nach zwei Tagen, also am Mittwoch Morgen, noch 5 mg im Blut sind. Und davon sind zwei Tage später, also am Freitag, immer noch die Hälfte, also 2,5 mg im Blut.
Das ist das Schicksal der Montagsgabe. Aber sie geben ja Dienstag, Mittwoch und Donnerstag auch wieder Diazepam. Ich habe ihnen in der folgenden Tabelle mal aufgeschrieben, was aus den Gaben des jeweiligen Tages so wird und wie die kumulierte Dosis sich aus der Summe der einzelnen Teile ergibt:
Die Tabelle ist so zu lesen: In der ersten Zeile steht, was mit der Diazepam-Dosis von Montag passiert und wieviel davon ungefähr an jedem weiteren Tag noch im Blut ist. Im ersten Feld der ersten Zeile stehen die 10 mg, die als Tablette am Montag gegeben werden. Im zweiten Feld stehen 7,5 mg, das ist die Menge Diazepam, die von der Montagsgabe am Dienstag noch übrig ist. Am Mittwoch sind von der Montagsgabe eben noch 5 mg übrig, da die Halbwertszeit von Diazepam eben zwei Tage beträgt und die Hälfte von 10 mg 5 mg sind.
In der zweiten Zeile, der Dienstagszeile, steht in der ersten Spalte (Montag) 0 mg, da die Dienstagstablette montags ja noch nicht gegeben wurde. In zweiten Feld der Dienstagszeile stehen 10 mg, das ist die Gabe von 10 mg Diazepam am Dienstag morgen. Jedes weitere Feld zeigt das Schicksal der Dienstagsdosis an.
Und so fort für jeden Tag bis Sonntag.
Die letzte Zeile zeigt dann die jeweilige Diazepam Gesamtsumme für diesen Tag an.
Montags ist das leicht zu berechnen: 10 mg.
Am Dienstag sind es dann die 7,5 mg, die noch vom Montag übrig sind plus die 10 mg, die mit der Dienstagsgabe dazu kommen, also 7,5+10=17,5 mg. Und so fort.

Wochentag Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Samstag
Montag 10 mg 7,5 mg 5 mg 3,5 mg 2,5 mg 1,8 mg
Dienstag 0 mg 10 mg 7,5 mg 5 mg 3,5 mg 2,5 mg
Mittwoch 0 mg 0mg 10 mg 7,5 mg 5 mg 3,5 mg
Donnerstag 0 mg 0 mg 0 mg 10 mg 7,5 mg 5 mg
Freitag 0 mg 0 mg 0 mg 0 mg 10 mg 7,5 mg
Samstag 0 mg 0 mg 0 mg 0 mg 0 mg 10 mg
Summe 10 mg 17,5 mg 22,5 26 mg 28,5 30,3

So, und mit einer kumulativen Dosis von 28,5 mg im Blut sind die Patienten dann natürlich plötzlich sehr müde. Die kumulative Dosis steigt dann am Samstag nicht mehr so stark an, weil dann die Gaben vom Anfang der Woche langsam wirklich abgebaut sind. Der steady state wird nach etwa 5 Halbwertszeiten oder im Falle des Diazepams nach etwa 10 Tagen erreicht.