Der neue PsychCast „PC081 Stress – (k)ein Problem?“ ist erschienen!

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Die Themen der 81. Folge sind Stress, Arbeitswelten und Geschlechtsunterschiede.

Fundsachen
Jan: Kabel und Papier
Alex: Leander Steinkopfs Buch “Die andere Hälfte der Heilung – warum wir Zuwendung brauchen um richtig gesund zu werden

Die Folge findet ihr hier.

Willkommen in der Sektion #foam: Der Abhoeren Podcast

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Ihr habt es vielleicht schon gesehen: Unsere Free Open Medical Education Ressourcen sind zumindest vorübergehend auf diese Seite hier umgezogen; ihr findet sie nun oben im Hauptmenü. Grund dafür ist, dass der zuletzt verwendete Name Markenschutz hat.

Heute habe ich einen Podcast neu aufgenommen: Den Abhoeren Podcast. Zwei Mediziner eines großen Krankenhauses diskutieren Studien, erzählen und interviewen Gäste. Die Stimmung ist absolut geeignet, den Podcast beim Joggen, beim Kochen oder beim Autofahren zu hören, und man lernt auf jeden Fall was. Hört mal rein!

PC080 Notfallmedizin mit Philipp von Nerdfallmedizin ist online!

Im 80. PsychCast haben wir Philipp von den großartigen Nerdfallmedizinern bei uns zu Gast. Wir sprechen über die im Rettungsdienst am häufigsten anzutreffenden psychiatrischen Notfälle, namentlich Intoxikationen, Suizidalität und akute Psychosen. Außerdem sprechen wir über die Schnittstellen zwischen der Psychiatrie und der Notfallmedizin.

Die aktuelle Folge findet ihr hier.

Der PsychCast bricht sein Schweigen…

Eine neue PsychCast-Folge ist online!

PC079 NEIN zum geplanten nicht-medizinischen Versorgungssystem für die Seele!

Aufgrund der drohenden Gefährdung für Patientinnen und Patienten haben wir als Podcast für Psychotherapie, Psychiatrie und Psychosomatik uns entschieden, zum vorliegenden Referentenentwurf für das so genannte Psychotherapeutenausbildungsreformgesetz Stellung zu beziehen.
Hier findest Du sie: https://psychcast.de/pc079-nein-zum-geplanten-nicht-medizinischen-versorgungssystem-fuer-die-seele/

Das Bundesministerium für Gesundheit plant derzeit ein Gesetzt, mit dem ein tiefgreifender Wandel in der Versorgung und Behandlung psychischer Erkrankungen beginnen würde. Um sich Psychotherapeut nennen zu dürfen, bräuchte man dann keine Psychotherapie-Ausbildung mit Ausbildungstherapien, Supervision und Selbsterfahrung mehr. Es gäbe ein Bachelor- und Masterstudium, das zwar mit dem Titel “approbierter Psychotherapeut” abschließen würde, jedoch nicht zur psychotherapeutischen Behandlung qualifizieren würde. Aber ein Bißchen Versorgung, ein bißchen Reden, sozusagen eine “Grundversorgung psychisch Kranker” wäre möglich. Ebenso soll erprobt werden, dann von diesem neuen “Psychotherapeuten” auch Medikamente verordnen zu lassen, damit die Patienten dann nicht extra nochmal zum Arzt müssen… Verordnung von hochkomplexen Medikamenten ohne Medizinstudium? Wir sagen NEIN! Und wir greifen eine häufig angeführte Gegenkritik der Befürworter des neuen Gesetztes gleich auf, die da heißt “Ärzte geben ja selber viel zu viele Medikamente und arbeiten nicht sorgsam”. Das gibt es ganz sicher, aber betrifft die meisten Ärzte eben nicht! In unseren beruflichen Umfeldern wird nach dem Medizinstudium und jahrzehntelanger Berufserfahrung sehr differenziert und zurückhaltend mit Medikation umgegangen. (Es gilt dann beim Erlernen der Pharmakologie, wie auch sonst immer: Je mehr man weiß, desto mehr weiß man, was man nicht weiß.)

Der PsychCast lehnt den Gesetzentwurf in seiner jetzigen Form strikt ab. Eine bessere Vergütung der Psycholog/innen im Praktikum sowie mehr Rechtssicherheit unterstützen wir hingegen.
Leider beinhaltet der Entwurf viel mehr, als nur eine angemessene Vergütung. Hier geht es – teilweise verschleiert, teilweise offen – um das Erreichten eines eigenen “psychologischen Versorgungssystems” für die Seele, das der Medizin gegenüberstehen soll. Das ist vom Ansatz her schon falsch, da die Forschung der letzten 10 Jahre deutlicher denn je zeigt, dass Körper und Seele eins sind, jedes Denken mit Biologie einhergeht. Viel gravierender ist jedoch, dass die erforderlichen Kenntnisse um eine wissenschaftlich fundierte Psychotherapie als Behandlung einer psychischen Erkrankung durchführen zu können, nicht in 4 Semestern Masterstudium vermittelt werden können, von denen eins auf die Masterarbeit entfällt. Das vorherige Bachelor-Studium würde 3 Jahre dauern und wäre offenbar der jetzigen Psychologie sehr ähnlich – soll es nämlich an den Fakultäten unterrichtet werden, in den jetzt Psychologie gelehrt wird.
Weitere Punkte von uns hört Ihr in der Episode – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. 

Übrigens: Wir schätzen sehr die heutige Kooperation und freundschaftliche Zusammenarbeit von Ärztinnen und Ärzten, Psychologischen Psychotherapeutinnen und -therapeuten sowie Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen und -therapeuten.
Unsere Vorstellung ist es, an der Diversität der Menschen im Beruf der Psychotherapeutinnen und an der Vielfalt der Qualifikationen festzuhalten!
Tiefgreifende Veränderungen in der Versorgung psychischer und psychosomatischer Krankheiten gehören für uns fachübergreifend, offen und umfangreich diskutiert, bevor solch unabsehbare Veränderungen für die Patientinnen und Patienten umgesetzt werden.

Stellungnahmen zum Weiterlesen:

Bundesärztekammer als Stimme der deutschen Ärzteschaft
Stellungnahme des BDPM
Stellungnahme der DGPPN

Die aktuelle Folge findet ihr hier.
Grüße vom PsychCast

 

 

 

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Zweiter Tag des LVR-Symposiums Köln

Auch heute schreibe ich keine vollständige Zusammenfassung, sondern teile einige Schlaglichter, die ich besonders interessant fand:

Fr. Prof. Herpertz sprach über störungsspezifische Psychotherapieen

  • Sie wirbt für den stationären Rahmen für eine modulare Psychotherapie, bei den jedes Modul einen gemeinsamen Wirkfaktor der verschiedener Psychotherapieverfahren in den Focus nimmt, um Patienten mit verschiedenen Erkrankungen jeweils für sie passende Elemente anbieten zu können. So könnte ein Patient an einer Gruppe zur Unterstützung beim Problemlöseverhalten, einer Gruppe zur Verbesserung der Emotionsregulation und einer Gruppe zur Stärkung des Selbstwertgefühles teilnehmen. In der Einzelpsychotherapie können dann zusätzlich sehr patientenindividuelle Themen besprochen werden.
  • Sie schlägt auch vor, dass jede psychiatrische Oberärzt:in pro Woche 90 Minuten Supervision für die ihr/ihm zugeteilten Assistenz:ärztinnen und PiA´s anbietet. Nicht nur im Weiterbildungsangebot der DGPPN mit dem Thema Supervision für Oberärzte stelle man fest, dass hier ein großer Bedarf bestehe. Externe Ausbildungsinstitute seien zwar gut, aber sie habe an ihrer Klinik festgestellt, dass die Psychotherapeutische Kompetenz der Mitarbeiter:innen ihrer Klinik erheblich von einem Supervisionsprogramm vor Ort mit den eigenen Mitarbeiter:innen profitiert habe.

Prof. Linden sprach über Nebenwirkungen der Psychotherapie

  • Graduierte Konfrontation mit Reaktionsmanagement in der VT ist weit weniger unangenehm als „Flooding“ (Überflutung mit unangenehmen Affekten durch eine extreme Exposition). Sie ist aber gleich wirksam und daher zu bevorzugen. Dies ist ein Beispiel für nebenwirkungsgeleitete Entscheidungen über die Wahl eines Psychotherapieverfahrens.
  • Die Induktion von false memories ist eine typische mögliche Nebenwirkung gerade von imaginativen Psychotherapieverfahren. Diese können erhebliche psychologische und rechtliche Konsequenzen haben. In Amerika, zunehmend auch in Europa, habe es eine Vielzahl von erfolgreichen Klagen gegen Psychotherapeuten aufgrund der Induktion von false memories gegeben.
  • Die Diskussion von Nebenwirkungen der Psychotherapie gehöre in jede PT-Supervision.

Prof. Berger zur Evidenzbasierung der Psychotherapien

  • Problem Soulving Psychotherapy und CBASP sind für die Depressionsbehandlung am besten evidenzbasiert, werden aber nur sehr selten in der freien Wildbahn angewendet. Berger nennt einige Teile der aktuellen Diskussion die Not-State-Of-The-Art-Psychotherapien
  • Der Einfluß von publication bias und von finanziellen Interessen sind bei Psychotherapiestudien genau so ausgeprägt wie bei Medikamentenstudien.
  • Um einen Wirksamkeitsunterschied zwischen zwei Psychotherapieverfahren mit einer Effektstärke von 0,24 (das ist gerade klinisch relevant) aufzudecken, braucht jeder Therapiearm 550 Patienten. Das heißt, dass einzelne Studien mit einer Probandenanzahl von weniger als 1100 Probanden keine Aussagekraft haben können, ob eine Psychotherapieform der anderen überlegen ist. Diese Aussage kann erst in Metaanalysen sehr vieler Studien mit insgesamt mehr als 1100 Probanden getroffen werden. Diese zusammengefassten Studien müssten alle von guter Qualität sein, also als Kontrollgruppe keine Wartelistenbedingung haben, randomisiert sein und noch eine Reihe weiterer Bedingungen erfüllen. Ich sagˋ mal so: Es gibt in der Tat noch viel Forschungsbedarf.
  • Manchmal ist der Begriff Mißhandlung passender als der Begriff Traumatisierung.
  • Die biologische Psychiatrie hat bislang leider keinen Beitrag zu einer Unterscheidung innerhalb der Gruppe der Depressionen beigetragen.😒

Fr. Prof. Gouzoulis-Mayfrank sprach über aktuelle Herausforderungen in der psychiatrischen Versorgung

  • Das Ziel der möglichst weitgehenden gemeindenahen Versorgung steht in einem Spannungsverhältnis mit dem Ziel, spezialisierte somatische und psychotherapeutische Behandlungsformen anbieten zu können. Möglicherweise führt uns der Weg, wie in der Somatik, zu einem Nebeneinander von gemeindenaher Grundversorgung und spezialisierteren Angeboten in größeren Zentren. Es gäbe dann auch in der Psychiatrie Kliniken und Tageskliniken der Grund- und Regelversorgung, Spezialisierte Angebote und Maximalversorger.
  • Auf dem Weg zu weniger Zwangsmaßnahmen profitieren Stationen von einem vielseitigen Angebot. In einem Projekt der LVR-Klinik Köln auf einer allgemeinpsychiatrischen Akutstation hat es sich bewährt, die Stationsregeln kritisch zu überprüfen und zu liberalisieren, die freie Nutzung von Mobiltelefonen zu erlauben, einen Zugang zu einem geschützten Garten zu schaffen, das Personal in Deeskalation zu schulen und auch die Stationstür zeitweise zu öffnen.

eMental Health

  • Moodgym Kostenloses Online Programm, um selbst mit Depressionen besser umgehen zu können. Bausteine: Gefühle, Gedanken, Stress, Beziehungen, Alternative Gedanken entwickeln, Arbeitsbuch. Ist gedacht als Zusätzlicher Therapiebaustein zur üblichen Offline-Therapie. In einer wissenschaftlichen Studie verbesserte es depressive Symptome bei leicht- und mittelgradig depressiven Patienten aus der Hausarztpraxis. Hier kann es als komplementäres Programm empfohlen werden. Auch in Kliniken könne es als komplementäres Angebot eingesetzt werden.
  • Selfapy Teilweise krankenkassenerstattungsfähiges psychologisches Online-Angebot.
  • deprexis Schon länger auf dem Markt, kostenpflichtig, auch als komplementäres Angebot konzipiert.
  • Freunde fürs Leben ist ein Verein, in dem sich Prominente, die einen nahestehenden Menschen durch Suizid verloren haben, über soziale Medien an die Öffentlichkeit wenden und Aufklärung betreiben.
  • Gatekeeping-Projekt: Auf Webseiten mit suizidtypischen Schlagworten wird Werbung für emailgestützte Krisenberatung geschaltet
  • jugendnotmail.de: Vertrauliche und kostenlose Beratung durch Fachkräfte.
  • neuhland.net Beratungsangebot einschließlich 1on1 Chat für Jugendliche und junge Erwachsene.
  • netstep Online Programm zur Psychotherapie mit menschlichen Psychotherapeuten. Ein Projekt des AJK Neuss.

Genetik:

  • „Wenn sie schon mal in einen Eineiigen Zwilling verliebt waren, dann wissen sie, dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass sie auch in den anderen Eineiigen Zwilling verliebt sind.“

Impressionen vom LVR-Symposium 2019 in Köln „Psychiatrie als therapeutische Disziplin“

Alle zwei Jahre veranstalten die LVR-Kliniken und das LVR-Institut für Versorgungsforschung ein state-of-the-art Symposium zu einem ausgewählten Thema. Heute und morgen lautet das Thema „Psychiatrie als therapeutische Disziplin” Die Vorträge sind gut zusammengestellt. Am Ende des heutigen Tages gab es eine Plenardiskussion (im ersten Foto zu sehen), in der ein Betroffener, eine Angehörige und einige Psychiater:innen den Nutzen und die Nebenwirkungen psychiatrischer Behandlungen besprachen. Gut moderiert vom WDR-Moderator Ralph Erdenberger und tatsächlich aufschlußreich. Was ich heute gehört habe? Ich stelle jetzt mal nicht alle interessanten Gedanken hier zusammen, aber einige unsortierte Schlaglichter, die mir in Erinnerung geblieben sind:

  • Es sterben mehr Patienten an einer Clozapin-induzierten Obstipation, als an einer Clozapin-induzierten Agranulozytose.
  • In der nächsten, aktuell fast fertigen Version der Leitlinie Schizophrenie wird nicht mehr davon gesprochen, einem Patienten in einer bestimmten Situation ein bestimmtes Medikament zu verordnen, sonder immer geschrieben, dass man es ihm anbieten kann. Das ist das korrekte wording. Nicht der Arzt entscheidet, was der Patient nimmt, sondern der Patient. Die Rolle des Arztes ist es, sie / ihn zu informieren und ihm dann eine oder mehrere Therapieoptionen anzubieten. Gut so.
  • Es bleibt dabei: Die Evidenz für die Wirksamkeit von Antidepressiva bei leichten Depressionen ist nicht vorhanden, es gibt erst Evidenz ab mittleren Schweregraden der Depression. Die allerdings gibt es und dazu kann man auch stehen. Die neue Metaanalyse von Cipriani 2018, die ihr hier im Open Access kostenlos laden könnt, ist wirklich eindeutig und zeigt, dass die Wirksamkeitsnachweise antidepressiver Medikamente bei mittelschweren und schweren depressiven Episoden auf einer robusten Datengrundlage basieren. Cipriani et al. (2018). Comparative efficacy and acceptability of 21 antidepressant drugs for the acute treatment of adults with major depressive disorder: a systematic review and network meta-analysis. The Lancet, 391(10128), 1357–1366. http://doi.org/10.1016/S0140-6736(17)32802-7
  • Es gibt Forschungen, die untersuchen, ob eine sehr lange Gabe von SSRI zu einer Veränderung des Hirnstoffwechselgleichgewichts führen, die nach dem Absetzen von Antidepressiva die Anfälligkeit des Gehirns für eine erneute depressive Episode erhöht. Die aktuellen Daten dazu sind aber sehr spärlich, die untersuchten Gruppen super klein, eine Aussage dazu ist noch nicht möglich.
  • Wenn man eine Studie zur Wirksamkeit von Antidepressiva mit einer „wash-out-Phase“ beginnt, dann entzieht man den antidepressiv vorbehandelten Patienten das Medikament. Es entstehen Absetzsymptome, die durch die Gabe des Studien-Antidepressivums abklingen, nicht aber unter Placebo. Das ist ein systematischer Fehler zugunsten der Antidepressiven Studienmedikation.

Morgen beginnt es mit einem Vortrag zu den Nebenwirkungen von Psychotherapie, das ist eines meiner Lieblingsthemen, ich freue mich schon darauf!

Opiat Umrechnungstabelle

Es gibt eine Reihe von Opiat-Umrechnungstabellen, die sich im Einzelnen durchaus relevant unterscheiden. Man muss sich klar machen, dass eine rein mathematische Umrechnung nicht möglich ist, beim einzelnen Patienten kann eine hier als äquivalent angegebene Dosis im Einzelfall eine andere Wirkstärke zeigen. Die Nebenwirkungen sind sogar noch öfter unterschiedlich. Die Deutsche Schmerzgesellschaft stellt zum Beispiel diese Tabelle als Konsensus-Tabelle zur Verfügung. Für Ärzte gibt es einen Opioid-Rechner als Web-App und als iOS App hier.

Auch sollte man folgende Punkte beachten:

  • Lang wirksame Opioide können mit bedarfsweise zu gebenden kurzwirksamen Opioiden kombiniert werden, um Schmerzspitzen zu kontrollieren. Diese Bedarfsmedikation sollte ca. einem Sechstel der Gesamtdosis entsprechen.
  • Bei der Umstellung von einem Opioid auf ein anderes sollte mit 50 % der äquivalenten Dosis begonnen werden und je nach Wirkung und Verträglichkeit gegebenenfalls gesteigert werden.

Copyright

Dieser Beitrag ist ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag weiterverwenden möchten.

Schmerztherapeutische Basiscs im Rahmen Psychiatrischer Behandlungen 4.0

Updates

  • Tapentadol eingefügt, zu den Stark potenten Opioiden sortiert
  • Almotriptan eingefügt
  • Die Opioide gemäß WHO Schema in die Stufe 2, nicht BTM-pflichtig und Stufe 3, BtM-pflichtig sortiert
  • Die Überschrift verändert zu “Schmerztherapeutische Basiscs im Rahmen Psychiatrischer Behandlungen”
  • Methadon aus dieser Grafik entfernt, da bei dieser Überschrift nicht paßt.
  • Milnacipran statt Venlafaxin
  • Tramadol und Tilidin jetzt als ret. aufgeführt, da sie nur in dieser Darreichungsform kein BtM-Rezept erfordern.

Ich hoffe, die neue Überschrift macht etwas klarer, was die Zielrichtung dieser Aufstellung ist.

Vielen Dank weiterhin für die Kommentare und schickt mir gerne weitere Kommentare und Verbesserungsvorschläge!

 

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Dieser Beitrag ist ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag weiterverwenden möchten.

PC078 Therapieziele ist erschienen!

Im heutigen PsychCast beschäftigen wir uns mit Therapiezielen aus Sicht der VT, der TP und aus unserer eigenen Erfahrung. Dabei sprechen wir unter anderem über diese Punkte:

  • Ziele von Psychotherapie: nachhaltige Verbesserung des seelischen, geistigen und/oder körperlichen Befindens.
  • Ziele sind pos. Bild der Zukunft, Bilder Prozess und Bezugsrahmen
  • Schwammige vs. klare Therapieziele
  • Implizite und explizite Ziele
  • Wesentliches Prognosekriterium: gemeinsame Ziele A+P (Grawe)
  • Hilfe bei der Zielformulierung (nicht: keine Ziele, keine PT -\> Prozess)
  • Was sind gute Ziele -\> SMART
  • Therapieziele VT vs. Therapieziele psychodynamisch (Verhalten vs. Erleben)
  • PD: Hauptproblem + zentrale Hypothese = Fokus

Alex Fundstück

“Resonanzphänomene” – was ein anderer Körper uns zusendet / via Gehirn / Prof. Joachim Bauer – “Resonanz in Psychotherapie und Pädagogik” (Neurobiologe, Arzt, Psychotherapeut)

Jans Fundstück

https://psychiatrietogo.de/foam/: Netzwerk und Sammelstelle für freie medizinische Bildung

Die Folge findet ihr hier.

Schmerztherapeutische Basics 3.0

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OK, vielen Dank für das fortgesetzte Feedback!

Ich gebe zu, die Tabellenüberschrift ist immer noch ein Problem. Eigentlich möchte ich hier eine Auswahl an Medikamenten zusammenstellen, mit denen sich alle Psychiater auskennen sollten, da sie häufig verwendet werden und die wichtigsten Gruppen abdecken. Aber diese Zusammenstellung ist dann nicht wirklich auf die Therapie chronischer Schmerzen beschränkt, für alle Schmerztherapien ist sie andererseits natürlich nicht vollständig.

Einige weitere Veränderungen:

  • Mirtazapin aufgenommen.
  • NSAR übersichtlicher angeordnet. Die brauchen ohnehin jeweils ein kurzes Kapitel zur Erklärung, dann kann ich da auch beschreiben, ob die zentral / peripher und reversibel / irreversibel wirken.
  • Naproxen unter größerer Ambivalenz aufgenommen.
  • Mittelpotente Opioide gestrichen und die Substanzen zu den stark potenten Opioiden getan. Ist besser so.
  • Codein raus
  • Opioide nach Potenz farbig markiert.
  • Kategorie Andere nach rechts.

Weitere Verbesserungsvorschläge sind sehr willkommen!

Update:

  • Tapentadol aufgenommen
  • Almotriptan aufgenommen

Schmerztherapie 2.0

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Vielen Dank für die vielen Rückmeldungen, ich habe einige davon in die zweite Version eingebaut. Ich habe nun versucht, die Grafik etwas komprimierter und übersichtlicher zu machen, diesmal mit iToughtsX, ich glaube, so ist sie übersichtlicher.

Ich bin weiterhin dankbar für Verbesserungsvorschläge und Ergänzungen!

Schmerztherapie aus psychiatrischer Sicht

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Jetzt nur mal theoretisch angenommen, jemand wollte einen Überblick über die Möglichkeiten der Schmerztherapie aus psychiatrischer Sicht bekommen. Mit welchen Medikamenten müsste sie/er sich dann auskennen? Welche Medikamente gegen Schmerzen kommen im psychiatrischen Alltag vor, was gehört zu den BASICS? Ich frage aus Gründen…

Die MindMap da oben stellt meine aktuellen Überlegungen zusammen. Bitte schreibt doch mal in die Kommentare, ob das das Zeug ist, das ihr selbst auch im Rahmen von Schmerztherapien gebraucht, ob etwas davon heute in Deutschland nicht mehr relevant ist oder ob euch etwas fehlt!

Neu: Ein Verzeichnis guter kostenloser deutschsprachiger Blogs, Video-Kanäle, Podcasts und Fortbildungsangebote für alle Fachbereiche der Medizin

FOAM, oder Free Online Medical Education ist im englischsprachigen Raum ein bekannter Begriff, und es gibt auch Seiten, die auf Blogs, YouTube-Channel oder Podcasts verweisen.

Im deutschsprachigen Raum finden sich ebenfalls eine Reihe von guten Seiten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, medizinisches Wissen für alle Interessierten zugänglich zu machen. Aber ein Verzeichnis solcher Seiten, das nicht nur über eine medizinische Fachrichtung informiert, sondern Ressourcen zu allen Fachrichtungen zusammenstellen möchte, gab es bislang noch nicht.

Das ist ab heute anders! Die Seite https://psychiatrietogo.de/foam/ sammelt ab nun links auf gute deutschsprachige Blogs, Videos und Podcasts, die sich der medizinischen Ausbildung verschrieben haben!

Für jedes Fachgebiet bestimmen wir einen oder einige Redakteure, die Vorschläge für neue Seiten sichten und gegebenenfalls aufnehmen. Wie bei einem Wiki soll sie so aktuell bleiben und nicht den Interessen eines Einzelnen folgen, sondern einen tatsächlichen Überblick über gute Seiten wiedergeben. Philipp von Nerdfallmedizin, der Kinderdok von Kids and me 2.0, Pharmama und ich haben schon mal begonnen, für jeweils unsere Fachgebiete gute links zu sammeln.

Wir haben Seiten von Medizinern, Psychologen, Mitarbeitern im Rettungsdienst, Pflegekräften und auch Patienten und Angehörigen aufgenommen, um einen möglichst vollständigen Überblick zu ermöglichen.

Die Seite befindet sich natürlich noch im Aufbau, und viele Fachrichtungen sind noch gar nicht vertreten. Auch sind noch bei weitem nicht alle interessanten Seiten zu den Fachrichtungen, die wir schon mit einigem Leben gefüllt haben, zu sehen.

Wenn ihr interessante Links kennt, dann schlagt sie den Redakteuren der jeweiligen Fachrichtung vor! Gibt es die Fachrichtung noch nicht, dann schickt die Vorschläge erst mal an psychiatrietogo2012@gmail.com.

Helft uns, eine Übersichtsseite zu schaffen, die allen Interessierten hilft, die guten Seiten im Netz zu finden!

Und jetzt mal los zu https://psychiatrietogo.de/foam/

Aufklärungsbogen Antidepressiva in normaler Sprache


Das Landesnetzwerk Selbsthilfe seelische Gesundheit Rheinland Pfalz hat in Zusammenarbeit mit Ärzt:innen verschiedener psychiatrischer Kliniken einen Aufklärungsbogen für Antidepressiva erstellt, der die relevanten Fragen ausnahmsweise mal in verständlicher Sprache beantwortet. Mit 20 Seiten ist er nicht kurz, aber verständlich. Ihr findet den Bogen hier.

Innerview: Online-Magazin für psychische Gesundheit

INNERVIEW  Dein Onlinemagazin für psychische Gesundheit 2019 01 07 12 44 44

In diesem Monat ist ein neues Online-Magazin für Psychische Gesundheit gestartet: „Innerview“. Innerview interviewt psychisch erkrankte Menschen, Angehörige und Ärzte. Die Interviews geben damit einen vielseitigen Einblick in die tatsächliche Welt der Psychiatrie, ohne von Marketing-Interessen oder Ideologie überlagert zu sein. Das Magazin findet ihr hier: http://innerview-mag.de. Für die erste Ausgabe bin auch ich interviewt worden, dieses Interview findet ihr hier.

Psychiatrie to go feiert heute seinen 7. Geburtstag !


(Photo by Brooke Lark on Unsplash)

Und mir macht das bloggen weiterhin echt viel Spaß. Ich teste hier Ideen für mein Buch, diskutiere Themen, die mich bei der Arbeit umtreiben und tausche mich euch, den Lesern aus. Danke für Eure Rückmeldungen und Kommentare!

Im letzten Jahr gab es etwas über eine Million Klicks von mehr als 700.000 Besuchern. WOW! Ich finde das immer noch unglaublich… 🙂

Ich freue mich, wenn DU auch im nächsten Jahr weiter dabei bist!

Erratum im Buch

In der Bildunterschrift zur Grafik 3.2 auf Seite 48 im Kapitel „3.6.6. Milnacipran“ sind die Farbangaben vertauscht. Die korrekte Textunterschrift muss lauten: „Abb. 3.2 Verhältnis aus Serotonin- (grau) zu Noradrenalin- (blau) Wiederaufnahmehemmung bei Venlafaxin (Links), Duloxetin (Mitte) und Milnacipran (Rechts).

Ich habe hier noch einmal eine richtige Grafik abgebildet; in dieser Grafik ist Serotonin blau und Noradrenalin rot:

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Vielen Dank an die aufmerksame Leserin Stefanie, die mich auf diesen Fehler hingewiesen hat.

Wenn Du auch einen Fehler im Buch findest, mail mir unbedingt einen Hinweis, so kann ich die eRef-Version zügig und die Print-Version zumindest in der nächsten Auflage korrigieren.

Was ist eigentlich die „Intrinsische dopaminerge Aktivität“ eines Neuroleptikums?

Das Wirkprinzip dopaminantagonistischer Antipsychotika

Alle Antipsychotika (umgangssprachlich Neuroleptika) blockieren den Dopamin D2 Rezeptor. Dies begründet wahrscheinlich einen wesentlichen Teil der antipsychotischen Wirkung. (Darüber hinaus blockieren alle Antipsychotika auch noch weitere Rezeptoren, was teilweise zur Wirkung beiträgt, teilweise Nebenwirkungen verursacht.)
Dopamin ist im Gehirn an einer ganzen Reihe von Regelungsmechanismen beteiligt. Möglicherweise Belohnung versprechenden Informationen eine besondere Bedeutung zuzumessen, ist eine davon. Während einer akuten Psychose ist diese Achse überaktiv, was sich psychopathologisch darin äußert, dass auch tatsächlich völlig unwichtigen Reizen eine hohe Bedeutung zugemssen wird, und plötzlich sieht der Betroffene in jedem Schatten einen Verfolger und leitet aus jedem Knacken im Radio ab, dass eine Abhöreinrichtung für ihn eingebaut sei. Diese überaktive Dopaminaktivität reduzieren und damit wieder zu normalisieren ist der gewünschte und beabsichtigte Teil der Dopaminblockade, die alle Neuroleptika verursachen. Das ist der Grund, warum wir bei akuten Psychosen erfolgreich mit Dopaminantagonisten behandeln.

Unerwünschte Wirkungen der Dopamin-Blockade

  1. Schon diese zunächst erwünschte Reduzierung der Dopamin-Aktivität in diesem System kann, sobald die akute Psychose abgeklungen ist, problematisch werden. Lange verabreichte, hochdosierte Dopamin D2 Antagonisten können Freudlosigkeit (=Anhedonie), Antriebsstörungen und Initiativlosigkeit verursachen. Und das verwundert nicht, da Dopamin ja, wie oben beschrieben, vom Gehirn gebraucht wird, um zu erkennen, welchem Reiz, welcher Idee und welchem Plan zu folgen es sich lohnt.
  2. Da Dopamin im Bewegungssystem eine wichtige Rolle spielt, kann eine zu ausgeprägte Dopamin-Blockade Bewegungsstörungen wie beim M. Parkinson auslösen. (Beim M. Parkinson selbst kommt es ja zu einem Verlust von Dopamin freisetzenden Neuronen.)
  3. Die Veränderung der Verfügbarkeit von Dopamin kann zu einer als sehr unangenehm empfundenen Sitzunruhe (Akathisie) führen. Die Betroffenen bewegen unaufhörlich die Beine und können nicht ruhig sitzen oder liegen. Umhergehen hilft kurzfristig.
  4. Dopamin ist auch der “Prolactin inhibiting factor”, eine Dopamin Blockade erhöht daher die Prolaktin Ausschüttung (Hyperprolaktinämie) und das kann zu einer unerwünschten Milchproduktion führen.

Dopamin Partialagonismus

Nun gibt es einige Antipsychotika, die den Dopamin-Rezeptor nicht nur blockieren, sondern zu einem kleinen Teil auch aktivieren können. Zwar tun sie das nicht, wie das gesunde Gehirn es macht, indem die davorgeschaltete Nervenzelle im richtigen Moment an der genau richtigen Stelle aktiv ein Dopamin Signal auslöst. Vielmehr wird durch den kontinuierlichen Medikamentenspiegel die Wahrscheinlichkeit, das der Dopamin-Rezeptor aktiviert wird, durch das partialagonistische Medikament etwas höher gehalten. Das kann dann mit oder ohne ein vorhergeschaltetes Dopamin-Signal zu einer Aktivierung des Rezeptors führen. Man stellt sich vor, dass die Tür der Dopamin-Übertragung so einen Spalt breit offen bleibt.
Man erhofft sich davon zum einen, dass Anhedonie, Antriebsstörungen und Bewegungsstörungen weniger ausgeprägt auftreten und zum anderen, dass sich die Negativsymptomatik der Schizophrenie besser zurückbildet als unter den üblichen Antipsychotika, die oft nur einen geringen therapeutischen Einfluß auf Negativsymptome haben.
Doch zu viel intrinsische dopaminerge Aktivität ist auch nicht gut, dann hötte man die gleichen Nachteile wie bei der Behandlung mit dopaminergen Medikamenten wie bei der Therpie des M. Parkinson. Das Hauptproblem sind hier Akathisie und Unruhe.

Ausmaß der intrinsischen dopaminergen Aktivität

Es gibt aktuell drei Antipsychotika mit einer relevanten intrinsischen dopaminergen Aktivität, und deren Namen fangen mit den Buchstaben A, B und C an. Es sind:
Aripiprazol – Brexpiprazol – Cariprazin

Aripiprazol hat eine etwas höhere intrinsische dopaminerge Aktivität, und es wird auch öfter mit Akathisie in Verbindung gebracht. Brexpiprazol ist zwar seit kurzem in der EU zugelassen, spielt aber in Deutschland praktisch noch keine Rolle. Seine intrinsische Aktivität ist ungefähr so hoch wie die von Cariprazin. In der Grafik oben würde Brexiprazol genau so aussehen wie Cariprazin. Cariprazin hat im Vergleich zu Aripiprazol eine etwas mildere intrinsische Aktivität, und den Studien nach ist die Verträglichkeit, insbesondere in Bezug auf Akathisien, besser. Es zeigt in den bisherigen Studien eine bessere Wirksamkeit auf Negativsymptome, möglicherweise aufgrund der dopaminergen Komponente. Die Grafik oben habe ich erstellt, um zu zeigen, dass alle drei Substanzen Amisulprid als Vertreter der Antipsychotika ihne relevante intrinsische Aktivität) überwiegend die Übertragung von Dopamin blockieren, so auch Aripiprazol und Cariprazin. Cariprazin hat eine etwas mildere intrinsische dopaminerge Aktivität als Aripiprazol, was mit einer besseren Verträglichkeit einhergehen kann. Die Größenverhältnisse sind nicht mathematisch korrekt, sie repräsentieren keine Meßwerte der Substanzen, sie sind nur ein optischer Anhalt, um sich eine Größenvorstellung der Effekte zu machen. Ich habe die Größenverhältnisse zwischen der Blockade und der Aktivität selbst frei gewählt. Das Verhältnis der intrinsischen Aktivität von Aripiprazol und Brexpiprazol/Cariprazin habe ich an [1] angelehnt, aber auch nicht mathematisch exakt dargestellt.

P.S.

Auf meiner Suche nach einem besseren Programm zur Erstellung eigener Grafiken habe ich den Weihnachts-Sale von Affinity-Designer auf dem iPad genutzt und zugeschlagen. Macht mir bislang Spaß… 🙂

 

Copyright

 

Dieser Beitrag ist ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag weiterverwenden möchten.


  1. Stahl, S. M. (2016). Mechanism of action of cariprazine. CNS Spectrums, 21(2), 123–127. http://doi.org/10.1017/S1092852916000043  ↩

Notfallmäßige Behandlung der Agitation


Du wirst im Dienst alarmiert, dass ein bislang vollkommen unbekannter Patient in wilder Raserei eure schöne Notaufnahme zerlegt. Was tust du und vor allem: Welche Medikamente nimmst du mit?

Meine Kurzantwort:

Ich würde in diesem Fall vier Medikamente einpacken, und zwar:

  1. Lorazepam oral
  2. Midazolam nasal
  3. Haloperidol i.m.
  4. Diazepam i.v.

Damit ist man gut gerüstet.

  • Beim Eintreffen in der Notaufnahme werde ich erst mal versuchen, die Ursache des Erregungszustandes zu erkennen. Wenn es mir gelingt, eine Ursache festzustellen, kann ich gegebenenfalls eine ursächliche Therapie starten.
  • Sollte ich keine Ursache zuordnen können oder sollte ich eine psychiatrische Ursache vermuten, versuche ich zunächst einmal, den Patienten zu einer oralen Medikation zu überzeugen. Wenn das klappt, verwende ich Lorazepam oral (z.B. die löslichen Tavor expedit®)
  • Sollte es notwendig sein, den in unserem Fallbeispiel ja randalierenden Patienten zu fixieren und akzeptiert er eine orale Medikation nicht, ist Midazolam nasal eine gute Wahl. Man gibt es mit einer Spritze, auf der ein kleiner Schaumstoffkonus angebracht ist. Diese Gabe ist auch unter unruhigen Umständen praktikabel, schnell und sicher wirksam.
  • Bei erheblichen Erregungszuständen, insbesondere bei psychotisch bedingten Erregungszuständen, ist die Kombination von Haloperidol i.m. und Diazepam i.v. immer noch die Behandlung der Wahl. Sie wirkt recht zügig und sicher sedierend. Haloperidol darf man nicht i.v. geben.

Das Bild oben zeigt ein gut mitnehmbares Ampullarium, in das man die Medikamente seiner Wahl einsortieren kann, dann ist man für einen solchen Notfall unabhängig von einem zusätzlichen Notfallrucksack gut vorbereitet. In der Mitte sieht man die für die nasale Gabe von Midazolam gedachte Spritze.

Nun zur ausführlichen Version der Antwort

Und eine, über die man ganze Bücher schreiben kann. Das ist zum Glück auch schon erfolgt, eines der guten Bücher hierzu ist „Mein erster Dienst – Psychiatrische Notfälle“ von Jan Klein (affiliate link).
Die amerikanische Gesellschaft für Notfallpsychiatrie hat ein Konsensuspapier vorgestellt, das sehr praxisnah das Vorgehen in Abhängigkeit von der vorläufigen diagnostischen Einschätzung beschreibt und wirklich lesenswert ist (Wilson et al. 20121). Auch der deutschsprachige Artikel von Messer et al. 20152 ist sehr empfehlenswert.
In einigen der Psychopharmakologie Büchern findet man ebenfalls ein Kapitel hierzu, auch in meinem Buch gibt es ein ausführliches Kapitel zu psychiatrischen Notfällen. Hierin beschreibe ich einleitend einige grundsätzliche Überlegungen:

Generelle Empfehlungen

  • Zunächst sollen nichtpharmakologische Interventionen (beruhigendes Gespräch, Reizabschirmung usw.) versucht werden.
  • Auch im Notfall soll immer eine möglichst spezifische, ursächliche Behandlung der verursachenden Krankheit angestrebt werden.
  • Der Patient soll soweit als möglich in die Wahl des Präparates und die Wahl des Applikationsweges einbezogen werden.
  • Wenn die Situation dies zulässt, ist eine orale Einnahme einer intramuskulären Injektion vorzuziehen.
  • Eine sedierende Medikation soll gegeben werden, um den Patienten zu beruhigen, nicht, um Schlaf auszulösen.

Leitsymptome bei Erregungszuständen

Es gibt einige wenige Leitsymptome, die man heranziehen kann, um an eine erste Verdachts- und Arbeitsdiagnose zu kommen.

Hinweise eher auf eine somatische Ursache

Gerade bei unbekannten Patienten ist es wichtig, sich klar zu machen, dass eine Reihe von körperlichen Erkrankungen akute Erregungszustände verursachen können. Schon eine einfache Unterzuckerung oder Luftnot können eindrucksvolle agitierte Zustände bewirken. In diesen Fällen muss natürlich die Ursache behoben werden, um den Erregungszustand zu beenden und dem Patienten gerecht zu werden. Hinweise auf eine eher somatische Ursache des Erregungszustandes können zum Beispiel sein:

  • Zyanose: Blaufärbung der Lippen / Haut bei Sauerstoffmangel
  • Fieber und neurologische Symptome wie bei einer Meningitis
  • Erhebliche somatische Vorerkrankung und Vorbehandlung. Konsil in einer somatischen Abteilung

Hat man solche Hinweise, ist es besonders wichtig, gründlich nach der möglichen somatischen Ursache zu suchen, um diese spezifisch behandeln zu können.

Hinweise eher auf eine psychiatrische Ursache

Es gibt auch Leitsymptome, die auf eine eher psychiatrische Ursache hinweisen können. Dabei sollte man aber nicht davon ausgehen, dass ein Erregungszustand eine psychiatrische Ursache hat, wenn man keine somatische Ursache gefunden hat. Eine Ausschlussdiagnostik ist das nicht. Mögliche Hinweise auf eine psychiatrische Ursache sind zum Beispiel:

  • Alkoholgeruch
  • Drogentypischer Kontext
  • Psychotisch anmutende Äußerungen

Der Erregungszustand unklarer Ursache

Und um ehrlich zu sein gibt es in der Praxis auch den Erregungszustand unklarer Ursache. Man findet keinen belastbaren Hinweis in die eine oder andere Richtung. Dennoch muss man handeln, damit von der Notaufnahme noch was übrig bleibt.

Midazolam nasal

Die Gabe von Midazolam nasal hat verschiedene Vorteile:

  • Midazolam ist aufgrund seiner kurzen Halbwertzeit gut steuerbar.
  • Midazolam ist mit Anexate antagonisierbar.
  • Bei der nasalen Gabe ist keine Kanüle im Spiel, weder Patient:in noch Mitarbeiter:innen können sich eine unbeabsichtigte Verletzung durch eine Kanüle zuziehen.
  • Durch die Aufnahme über die Nasenschleimhaut tritt die sedierende Wirkung rasch, oft innerhalb von zwei Minuten ein.
  • Man geht so vor: Man zieht den Inhalt einer Ampulle Midazolam in der Spritze auf, steckt dann den Schaumstoffkonus auf. Bei der Applikation hält man das eine Nasenloch des Patienten zu, in das zweite appliziert man das Midazolam.

Haloperidol i.m. plus Diazepam i.v.

Die alte 10/10 Regel (10 mg Haloperidol und 10 mg Diazepam) klingt zwar antiquiert, wirkt aber bei ernsten Erregungszuständen mit der realen Gefahr für Leib und Leben der Patient:in und der Mitarbeiter:innen verläßlich. Auch aktuelle Untersuchungen, die die vermeintlich verträglicheren atypischen Neuroleptika in dieser Indikation mit Haloperidol vergleichen, kommen zum Ergebnis, dass Haloperidol in einer maßvollen Dosis eine gute Wahl ist3. Bei älteren Patient:innen sind eher 2,5 bis 5 mg die richtige Dosis, bei jungen und kräftigen Patient:innen eher 10 mg. Und diese Studien können naturgemäß nur zustimmungsfähige Patienten einschließen, der echte Erregungszustand ist aber grundsätzlich nicht geeignet, eine 32-seitige Zustimmung zu einer Doppelblindstudie zu unterschreiben.
Haloperidol / Diazepam ist also weiterhin eine state of the art Behandlung, zumindest in dieser sehr engen Indikation.

Podcast

Es gibt eine interessante Podcastfolge des Podcasts PsychPharm Update zu dem Thema, ihr findet sie hier: https://pca.st/episode/e0ee7bf7-588b-4672-afa2-88196c7e58b7?t=924.0.


  1. Wilson, M., Pepper, D., Currier, G., Holloman, G., & Feifel, D. (2012). The Psychopharmacology of Agitation: Consensus Statement of the American Association for Emergency Psychiatry Project BETA Psychopharmacology Workgroup. Western Journal of Emergency Medicine, 13(1), 26–34. http://doi.org/10.5811/westjem.2011.9.6866 
  2. Messer, T., Pajonk, F. G., & Müller, M. J. (2015). Pharmacotherapy of psychiatric acute and emergency situations. Der Nervenarzt, 86(9), 1097–1110. http://doi.org/10.1007/s00115-014-4148-x 
  3. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23609398 

Die Mitte der Nacht

Die Mitte der Nacht ist ein interaktives Filmprojekt, das filmisch über Depressionen informiert. Dabei kommen Betroffene, Angehörige und Professionelle zu Wort. Aber das ist nicht alles. Tatsächlich darf jeder einen eigenen Text, Audio- oder Videobericht zu diesem Projekt beitragen. Dadurch entsteht eine vielseitige und vielschichtige Sicht auf das Thema Depressionen, und das Projekt wächst weiter.
Teil des Projektes ist der Dokumentarfilm „In der Mitte der Nacht“, der in verschiedenen Kinos und Kliniken gezeigt wird und den man auch auf DVD bestellen kann. Auf der Webseite kann man diesen Dokumentarfilm gegenwärtig nicht sehen, aber sehr viele andere kurze, teilweise interaktive Filme, die wirklich sehr sehenswert sind.
Initiiert wurde das Projekt vom Psychiater und Filmemacher Axel Schmidt und der Filmemacherin und Produzentin Michaela Kirst. Gefördert wurde es von der Deutschen Depressionshilfe, der AOK, dem LVR und dem LWL.
Surf mal auf der Seite Die Mitte der Nacht vorbei, es ist interessant dort!